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Laufberichte

Kiew Marathon: Kiew und Tschernobyl

07.10.18 Special Event
 

„Dark Tourism“ nennt man es, wenn man Kriegsgebiete oder gar eine Nuklear-Sperrzone besichtigt. Ob Mauerweg, Sarajevo, Albanien oder jetzt Kiew. Auf der einen Seite ist es eine Art von Schaulust, auf der anderen Seite treiben mich die Fragen: Was hätte ich gemacht? Hätte ich überlebt?

Die Startunterlagen für den Kiew Marathon gibt es im abgelegenen Puschkin Park, der nicht nach einem Getränk, sondern nach dem russischen Goethe benannt ist. In der Halle Akko Interneshnl Vystavkovyy Tsentr (bitte ohne Getränk einfach mal nachsprechen), wo es die Startertaschen gibt, ist reichlich Trubel. Einfach wird es nicht sein, die Startunterlagen zu erhalten, denn der Ukrainer steht gerne Schlange. Als solcher muss man eine Krankenversicherung und ein ärztliches Attest vorweisen, das ist in der Ukraine nämlich nicht selbstverständlich. Als Westler mogele ich mich aktiv durch die Schlangen, was ohne Murren akzeptiert wird. Die jugendlichen Helfer sind spitze, sprechen super Englisch. 

Mit der U-Bahn fahre ich für 20 Cents zum Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit. Unter dem Platz befindet sich das Kaufhaus Globus, wo es auch deutsches Bier gibt. Dann geht es aus der 102 Meter tiefen U-Bahn-Station hinauf. Im Osten wurden die U-Bahn-Stationen so tief gebaut, damit die Bevölkerung den atomaren Erstschlag übersteht. Soweit mir gesagt wurde, erfolgt der Erstschlag aber von den Russen.  Warum haben wir dann keine Schutzbunker im Westen?

35 Euro hat mich der Flug mit der Lufthansa gekostet. Für den Rückflug nutze ich den Gutschein von Wizz Air, dem Namenssponsor des Marathons. Die Jugendherberge kostet 1,50 Euro, ich habe mich für ein Apartment direkt am Startort, der Khreshchatyk-Straße für 15 Euro die Nacht entschieden. Die Khreshchatyk-Straße ist sechsspurig mit breiten Bürgersteigen, am Wochenende für Autos gesperrt. Als ich aus dem Untergrund komme, entdecke ich eine saubere, fröhliche Stadt mit viel Musik und gut aussehenden Menschen, vor denen man keine Armlänge Abstand halten muss.  

Von meinem Apartment überblicke ich den Maidan Platz, den Ort, wo  Kiew 2013/2014 in Chaos versank. Die Regierung weigerte sich, ein proeuropäisches Abkommen zu unterzeichnen, das war der Auslöser von Demonstrationen. 100 Demonstranten wurden von Scharfschützen ermordet. Wie in Sarajevo kann oder will man nicht herausfinden, in wessen Auftrag die Schützen handelten. Im Anschluss an die Proteste, die Euromaidan genannt werden, begann die Annexion der Krim und es folgten die bewaffneten Konflikte in den östlichen Oblasten der Ukraine.

Ich sehe die Gedenkstelen, die für die 100 getöteten Demonstranten errichtet wurden, die Sophienkathedrale, das Michaelkloster, das Haus der Gewerkschaften, das am Euromaidan abgebrannte, mehrere Springbrunnen und das Ljadski-Tor mit der Skulptur des Erzengels Michael, der Schutzpatron der Stadt ist. Unübersehbar ist das Unabhängigkeitsdenkmal mit der goldenen Berehynja, der slawischen Erdgöttin aus der Mythologie. Unsere heißt Germania, die mit dem Kranz aus Eichenlaub. Berehynja trägt einen Kranz aus der Schneeballpflanze, Kalyna genannt.

 

Start Sonntag 9:00 Uhr

 

 

Am Sonntagmorgen strahlt die Sonne die goldene Berehnynja an. Der Start- und Zielbereich ist weiträumig abgesperrt, durch Unterführungen kann man die Seiten wechseln. Keine Polizei sichtbar, keine Betonblöcke, keine Müllautos als Bollwerk, die Anschläge verhindern sollen.

Die Startblöcke ziehen sich ewig lang hin, denn wir starten zusammen mit sehr vielen Halbmarathon- und  Staffelläufern. Nach dem 4:29er Block ist Schluss, da reihe ich mich ein. Das Zeitlimit beim Marathon (600 Höhenmeter) beträgt sechs Stunden. Diesmal werde ich nicht bester Deutscher werden, zehn der 1500 Marathonläufer kommen aus Deutschland. Der Marathon ist ausgebucht. Nach sieben Minuten komme ich über die Startlinie.  

 

 

Direkt am Europaplatz wird abgebogen und auf das Stadion des FC Dynamo Kyiv zugesteuert.  „Dynamo“ ist immer noch der häufigste Vereinsname der Welt, da können Fortunas, Reals und Uniteds einpacken. Das Wort „Dynamo“ wurde von Gorki geschaffen. Es bedeutet Kraft (griech. Dina).

Oberhalb des Dneprs geht der Lauf nach Süden, vorbei am Marienpalast, jetzt zeremonielle Residenz des Präsidenten Poroschenko. Von weitem ist schon die die Erlöserkirche in Berestovo zu sehen. Berestovo war einst Vorort und Fürstensitz von Kiew, bedeutet „Birken“. Hier liegt der Gründer von Moskau begraben. Die Kirche und das Höhlenkloster, das wir nun umrunden, gehören zum Weltkulturerbe. Das Höhlenkloster aus dem 11. Jahrhundert ist ein ausgedehnter Komplex aus vielem orthodoxen Kirchen über den Höhlen, in denen wieder Mönche leben. Dort unten darf man durch die Katakomben mit den mumifizierten Mönchen wandern.  

Hoch über dem Dnepr thront Mutter Heimat. Die 68 Meter hohe Statue erinnert mich an das Hermannsdenkmal in Detmold, sie soll aber an den Krieg gegen die Wehrmacht 1941-1943 erinnern. Der ganze Komplex erinnert mit Panzern und Hubschraubern daran. Ein unterirdisches Höhlensystem führt uns vorbei an riesigen, heroischen Bronzereliefs. Die dargestellten Menschen sind in einer beeindruckenden, expressionistischen Vorwärtsbewegung dargestellt. Mich begeistert das so sehr, dass ich glatt Ukrainer werden möchte. Ich lasse mich von der heroischen Vaterlandsliebe mitreißen. Die Stimmung ist super. Dawei, dawei!  

Bei Kilometer sieben geht es auf die Patona Brücke. Die zwei Kilometer lange Brücke ist nach dem  Wissenschaftler Borys Paton benannt, der die Schweißtechnik revolutionierte. Vor zwei Wochen hatte die Brücke heftig „geweint“, die Schweißnähte der Brückenheizung waren geplatzt. Sarkasmus.

 

 

Rechts kommen uns die schnellen Läufer entgegen. Ich erkenne Evgenii Glyva auf Platz vier. Evgenii ist der Seriengewinner beim Rodgau Ultra, ich habe ihn im November 2014 beim Oman Desert Ultra kennengelernt, just zu der Zeit, als die Demonstrationen auf dem Maidan blutig niedergeschlagen wurden.

Der Blick über den breiten Dnepr ist fantastisch. Der Prospekt Sobornosti  begeistert mich mit seiner Monumentalität. Es wird großartig und gut für die drei Millionen Einwohner gebaut. Wir wenden, laufen wieder zwei Kilometer über die Brücke. Ich kämpfe, muss dann aber doch gehen. Bei Kilometer 15 ist der dritte VP.  Erst wenn wir die Halbmarathonläufer verabschieden, gibt es zusätzlich zum Wasser Cola, Iso und Früchte.

Plötzlich sehe ich den Kölner Dom. Nein, doch nicht. Es ist aber die römisch-katholische Sankt Nikolaus-Kathedrale von Kiew. Partystimmung wie in Köln gibt es hier nicht, niemand mit einem Bierchen in der Hand, weniger Musik, aber die Volunteers sind der Hit mit ihrer Begeisterung für uns. Vor allem die Mädchen muss ich in ihrer Begeisterung fotografieren, denn die treiben wirklich an!  

Im Olympiastadion fand 2012 das Endspiel der Fußball EM statt. Europameister wurde Spanien, das Italien mit 4:0 besiegte.

 

 

Bei Kilometer 20 wir sind am Bessarabska-Platz mit der gleichnamige Markthalle, wo man die größte Auswahl an Kaviar findet. Einst boten hier Händler aus Bessarabien ihre Ware an. Bessarabien liegt im heutigen Moldawien, einst von 93.000 Deutschen besiedelt. Prominentester dieser Volksgruppe ist der ehemalige Präsident Horst Köhler. Seine Eltern lebten bis zur Umsiedlung 1940 in der deutschen Kolonie Ryschkanowka in Nordbessarabien, nach der Vertreibung übergangsweise in einem Lager im Deutschen Reich, wurden schließlich 1941 im besetzten Polen angesiedelt, wo Horst Köhler 1943 geboren wurde.

Wieder am Maidan, verabschieden wir uns von den Halbmarathonläufern. Auffallend sind die viele hübsche Damen, die am Streckenrand stehen. Gestern kurz nach Ankunft in der Innenstadt wurde ich in eine Benimmschule für Damen eingeladen, weil ich so komisch durchs Fenster geglotzt habe. Als Fachmann sollte ich beurteilen, ob die Damen gelernt haben, anmutig zu essen. Was soll ich sagen? Es muss nicht immer Banane sein! Ab sofort bekommen wir Orangen und Äpfel an den Verpflegungsstationen.

Links ist jetzt das Stadtparlament, dessen Vertreter direkt von den Bürgern gewählt werden. Wir Marathonläufer nehmen den linken Abzweig, laufen wieder Richtung Fluss  und biegen dann bei Kilometer 22 vor der Nationalen Philharmonie auf eine neue Schleife  ab.

 

 

Das Denkmal der Völkerfreundschaft symbolisiert die Freundschaft zwischen der Sowjetunion und der Ukraine -  hat sich ja wohl erledigt. Der Regenbogen aus Titan könnte alle Einwohner der Ukraine mit künstlichen Gelenken versorgen. Von hier hat man einen ausgezeichneten Blick hinunter zum Hafen, dann am Chreschtschatyj-Park und am Poschtova Platz vorbei, dem ältesten Platz der Stadt.

Bei Kilometer 26  führt die Standseilbahn hinauf zur Oberstadt. In die Oberstadt mit dem Außenministerium und dem Michaelskloster werden wir nach weiteren zehn Kilometern kommen.

Der älteste Stadtteile Kiews ist Podil. Vor 250 Jahren wurde mit der Eröffnung der ersten Apotheke in Kiew hier der Grundstein für die deutsche Gemeinde gelegt. Die deutschstämmigen Architekten prägten das Stadtbild von Podil: Die Mietshäuser am Andreassteig, der schönsten Straße der Stadt mit den vielen Kunstgalerien und ungewöhnlichen Boutiquen, das Sankt-Katharina-Kloster, wo jetzt die Nationalbank der Ukraine untergebracht ist und die alte Feuerwache, wo das Tschernobyl Museum ist. Am Strand des Dnepr, den Flussinseln und im Hidropark pulsiert das Wochenendleben. Mitten im Wasser des Dneprs steht die Kirche St. Nikolai.  

Das Kontrakthaus war einst Vertragszentrum der Messe. Der Samson-Brunnen ist der älteste von Kiew. Samson ist eine Gestalt aus der Bibel, der solange unverwundbar war, wie er seine Haare ungeschoren ließ. Seine Frau hat dieses Geheimnis an die Philister verraten, so dass sie Samson töten konnten, was mich stark an die Nibelungensage  erinnert.

Ein kurzes Begegnungsstück, dann zurück Richtung Südwesten. So kommen wir nicht am Gebäude der Brauerei Obolon vorbei, die, wen wundert´s, 1992 das erste private Unternehmen der Ukraine wurde. Obolon, zweitgrößte Brauerei der Ukraine, braut das Bitburger Pivo für den hiesigen Markt.

Ich schwächle, entdecke aber einen Supermarkt, laufe einkaufen. Frisch gestärkt kämpfe ich mich bei Kilometer 26 die Straße hinauf. Auch wenn die zweite Schleife weniger Anstiege hat, so sind diese sehr viel länger und öder. Bei Kilometer 29 ist die Kreuzerhöhungskirche, bei Kilometer 31,5 die Deutsche Botschaft. Der Wachmann schaut mir hinterher, weil ich mich immer wieder umdrehe. Mein Klassenkamerad ist  hier Botschafter.

Und dann wieder goldene Kirchenkuppeln, die mich aus meinem Läufertran wecken: Mit km 32 erreichen wir die Oberstadt, laufen über den Michaelsplatz mit dem Michaelskloster und dem Denkmal der Prinzessin Olga. Olga von Kiew (920-969) wird als Heilige verehrt. Ich werde von einem Japaner verehrt, weil ich am Aussichtspunkt über den Dnjepr eine der zuvor gekauften Flaschen öffne. Das muss er ausgiebig fotografieren. Ausgiebig nutzen Läufer die Abkürzung über den Klostervorplatz, ohne die 1 km-Schleife zu laufen. Durch deren Disqualifikation rutsche ich über 200 Plätze nach vorne.

Die Sophienkathedrale, Weltkulturerbe, ist eine weitere Überraschung. Baubeginn  1037, nachdem Fürst Jaroslaw der Weise die Petschenegen besiegte. Die Petschengen waren nicht dem Schengen-Abkommen beigetreten, kamen trotzdem 968 ohne Ausweis aus Sibirien nach Kiew. Die siebenkupplige Kathedrale ist nach dem Vorbild der Hagia Sophia (532) errichtet, diente als Krönungsort der Kiewer Fürsten.  80 Jahre Unterdrückung des Glaubens, Zerstörung vieler Kirchen und Klöster durch die Kommunisten, das führt nun zu einem Bau- und Renovierungsboom. Finanziert wird das durch Spenden.

 

 

Am Goldenen Tor, dem einstigen Haupteingang zur Stadt laufen wir leider nicht direkt vorbei. Von den Mongolen schwer beschädigt, wurde es erst im 19. Jahrhundert restauriert. Die Straßen hätten auch eine Restaurierung nötig, das Kopfsteinpflaster schmerzt. Kilometer 34 bis 39 sind traumhaft. Oft geht es abwärts und meistens nur geradeaus. Meine Chance, hier mehr Plätze gut zu machen, nutze ich reichlich. Der große Platz vor der Nationaloper ist für uns weiträumig abgesperrt, doch in den Seitenstraßen melden sich schon die Autofahrer lautstark.

Universität, Botanischer Garten und Wende auf dem Peremohy Platz. Der McDonalds am Hauptbahnhof verkauft die meisten Hamburger der Welt. Habe mir gestern einen Big Mac gegönnt, 52 Griwna, also 1,62 Euro hat der gekostet.

Schnell sollte es jetzt wieder am Olympiastadion vorbei gehen, aber nix läuft mehr, ich gehe. Zahllose Treiber trillern und brüllen, kloppen uns  mit Teppichklopfern auf den Arsch, treiben uns hinauf auf die Höhe. Klasse Service! Gute Idee. Die Buddha Bar hat den längsten Tresen der Stadt, wer aber den Längsten hat, zeigt sich wohl eher gegenüber im unübersehbaren Harems Men´s Club, dem größten Stripclub der Ukraine. Passend dazu geht meinem Fotoapparat der Saft aus.

Bei Kilometer 41 geht es wieder in die Khreschatyk, zunächst unwesentlich abwärts aber dann merklich ansteigend zum Ziel. Alle 50 Meter stehen jetzt hier die Sanitäter mit Defibrillatoren. Nicht für die Besucher des Stripclubs, sondern für Läufer, die jetzt alles geben. Also für mich! Es begeistert die Massen, wenn so ein Läufer mit Masse und Klasse mal richtig Gas gibt. Diesen Beifall werde ich nie vergessen! Bin happy.

 

 

 

Tschernobyl

 

Den 26. April 1986 werde ich auch nicht vergessen. Ich leistete gerade meinen Wehrdienst auf der Hardthöhe. Klar hatte ich gelernt, mit Poncho und Gasmaske mich vor radioaktivem Fallout zu schützen, aber vor dem was damals ankam, konnte man sich nicht schützen.  Es lagerte sich zuerst im Gemüse und in der Milch ab, woran ich schon damals kaum Interesse hatte.  

Tschernobyl liegt 130 Kilometer nördlich von Kiew, nahe der weißrussischen Grenze. Die Straße nach Norden entlang des Dnepr endet für den normalen Menschen am Checkpoint Dytiatki,  wo die 30 Kilometer-Sperrzone beginnt. Wer bei einem Veranstalter eine Tour durch die Verbotszone bucht, der muss seine Ausweisdaten vorher übermitteln.  Der Staat will wissen, wer so bekloppt ist, in die Todeszone zu reisen. Es gibt sogar Mehrtagestouren, übernachtet wird in einem einfachen Hotel in Tschernobyl-Stadt, wo wieder etwa 3000 Menschen  wohnen.

 

 

Am Checkpoint ist Fotoverbot. Holztransporter werden auf radioaktive Baumstämme überprüft. Falls einer gefunden würde, wie bekommt man ihn aus dem Stapel? Die Verkäufer mit den tellergroßen Steinpilzen kontrolliert niemand, sie sammeln angeblich außerhalb der 30 Kilometerzone, die nicht kreisförmig ist, sondern sich nach dem Kontaminierungsgrad und den Gewässern richtet.

Den Checkpoint muss man nach der strengen Passkontrolle zu Fuß überqueren. Auf der anderen Seite steht der Bus des Reiseveranstalters mit der zugewiesenen Führerin. Ich habe einen Zähler dabei, der misst die momentane sowie die an diesem Tag erhaltene Gesamtdosis in Millisievert. Die normale Hintergrundstrahlung beträgt zwei Millisievert, hier haben wir 1,4 Millisievert, also hat man hier richtig sauber gemacht, oder was?  

Die 30 Kilometer-Zone wurde eingerichtet, um den Transport von kontaminiertem Material zu verhindern. Vor allem strahlende Autos und Altmetall wurden nach dem Unglück unkontrolliert in der gesamten UDSSR verteilt. Entlang der einzigen Straße, die nach Norden führt, wurde der radioaktive Niederschlag mit Hochdruckgeräten weg gewaschen. Die radioaktiven Isotope sinken jedes Jahr einen Zentimeter tiefer in die Erde. Doch es gibt radioaktive Hotspots mit konzentrierter Strahlung, dort wo sich einst Pfützen bildeten. Plötzlich springen sämtliche Strahlenmessgeräte in den Hosentaschen der Dark-Touristen an und machen einen Höllenlärm. Wir stehen auf einer ehemaligen Pfütze vor dem einstigen Kindergarten eines Dorfes. Die Hauswand wurde abgespritzt, das radioaktive Wasser sammelte sich am Fundament. Bloß nicht betreten, wir haben 12 Millisievert, da schreit das Gerät schon mächtig laut.  Es wird heute aber noch lauter werden.

Man darf nichts anfassen, außerhalb des Autos nicht rauchen, essen und trinken, vor allem keinen Alkohol. Das hat nichts mit der Strahlungsbelastung zu tun, sondern soll Prolltourismus unterbinden. Deswegen ist auch lange Kleidung vorgeschrieben. Wer sich irgendwo hinsetzt, der kann sich den Hosenboden kontaminieren, muss dann seine Hose am Checkpoint zurücklassen. Das Gebiet ist ein Naturreservat, die Hinterlassenschaften von 1986 sollen authentisch bleiben, nachfolgende Touristen sollen sich auch daran erfreuen. Nein, Freude kommt nicht auf, wer das hier sieht wird zum militanten Atomkraftgegner.

Makaber sind die von Vorgängern fotogen positionierten Puppen und Spielgeräte im damaligen Schlafsaal der Kinder. Das geht ziemlich an die Nieren.  Wir wollten das zwar sehen, aber jetzt wird real, was vorher nur ein Horrorfilm war. Die auf dem Boden liegende Prawda von 1980 erzählt von der glorreichen Zukunft im neu geschaffenen Energiezirkus Tschernobyl. Wer die Bilder von der Zeit vor dem Gau sieht, erkennt, den die Atomenergie brachte.

Innerhalb der 30 Kilometer-Zone gibt es wieder Bewohner, die Regierung hat dies Menschen über 50 erlaubt. Die leben nun von Touristen, die Mehrtagestouren gebucht haben, von den Fernsehteams und dem Gemüse, das sie anbauen. Dann gibt es noch die sogenannten Stalker, die sich am Prickeln der Gefahr laben und in den alten Gebäuden Pfadfinderspielchen machen. Die Strahlung tut nicht weh, es prickelt nur im Hirn. Kleine Einkaufsmöglichkeiten gibt es in Tschernobyl-Stadt, wo wir in der Arbeiterkantine zu Mittag essen. Ich kann in der Suppe keine Radioaktivität messen, ungesunder ist vielleicht der Mohnkuchen.

Es gibt eine regelmäßige Busverbindung aus Kiew nach Tschernobyl-Stadt dreimal am Tag, die bringt internationale Ingenieure und Arbeiter hierher.  Etwa 3000 bewohnen wieder die Plattenbauten von damals. Es locken Geld und eine Jahrtausend-Aufgabe.  

Hinter Tschernobyl-Stadt kommt der nächsten Checkpoint.  Hier beginnt eine 10 Kilometer-Zone, in der der Aufenthalt  auf maximal 6 Stunden täglich beschränkt ist. Vor uns erscheint der Gau-Reaktorblock Nummer 4 mit der neuen, 100 Meter hohen Abdeckung, die vor zwei Jahren fertiggestellt wurde und in zwei Jahren dicht sein soll. Sechs Blöcke waren geplant. Die Weltgemeinschaft hat Milliarden gesammelt, alle Blöcke sind nun stillgelegt. Nach dem Gau wurde sogar noch ein Kühlturm gebaut. Der blieb unvollständig, genau wie Reaktorblock 5 und 6.  Direkt am Gau-Reaktor haben wir „nur“ eine Strahlung von 2,5 Millisievert, denn das Erdreich wurde abgetragen. Arbeiter laufen mit Bauhelmen herum, als würde so was vor Strahlung schützen. Es laufen viele herum, auch Straßenarbeiter, die die Vegetation absägen. Keine Schutzkleidung, keine Atemmasken. Man fühlt sich absolut sicher, der Herflug war strahlungsmässig gefährlicher.  Ich glaube es jetzt fast.

In zwei Jahren wird der alte Sarkophag des Gau-Reaktors, der jetzt unter der neuen Haube liegt, mit Industrierobotern abgebaut.  Man will an den glühenden Kern. 1986 war das noch nicht möglich, damals war die Elektronik noch nicht resistent gegen Strahlung. So ein Gau hat also auch was Gutes (Sarkasmusmodus).

Wir fahren weiter nach Prypiat, der einst aufstrebenden Stadt mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren. Obwohl die  Buskarosserie schützt, flippen plötzlich wieder alle Messgeräte aus. Sie schalten sich automatisch bei hoher Strahlenbelastung ein: 200–500 Millisievert, also die Hälfte der in Deutschland erlaubten Jahresdosis messe ich jetzt. Wir fahren am „Red Forest“ vorbei. Einem Wald, der nicht von Feuer, sondern von der direkten Strahlung verbrannt wurde, die nicht mehr in Millisievert gemessen werden konnte. Ich höre von 7000 bis 15.000 Sievert, denen die „Liquidatoren“ auf dem Dach des Horrorreaktors bei der Reinigung ausgesetzt waren. Genaue Todeszahlen gibt es nicht, die Russen haben die offiziell 30 Toten in Bleisärge gepackt und tief vergraben. Berichte sprechen von 50.000 toten Liquidatoren.  Von den 600.000 Soldaten, die hier im Einsatz waren, sind die meisten schon an Krebs gestorben.

Schlimm war es für die Ärzte und Arzthelfer, die den hoch verstrahlten Patienten halfen.  Sie starben alle in den Folgejahren an der Strahlung, die die Körper der Todgeweihten abgab. Den „Roten Wald“ kann man nicht reinigen, eigentlich müsste er auch überdeckelt werden. Zwischen den toten Bäumen wachsen Birken, Pappeln und seltsam  gefärbtes, hohes Gras. Es gibt unglaublich viele wilde Tiere: Elche, Bären, Wölfe, Luchse. Über Mutationen habe ich keine Berichte gefunden.

Dann stehe ich auf dem ehemaligen Hauptplatz der Stadt Prypiat, vor dem Kulturpalast, drei Kilometer vom Gaureaktor entfernt.  Die Plattenbauten sind so eingewachsen, dass man sie kaum sieht. Prypiat wurde in den Tagen nach dem weltgrößten Supergau evakuiert. Man sagte, die Evakuierung würde nur für zwei bis drei Tage sein. Dann begannen russische Soldaten sämtlichen persönlichen Besitz zu entfernen und im Stausee zu versenken.  Was geblieben ist, ist makaber genug. Der Supermarkt, das Hotel, das Restaurant. Im ehemaligen Vergnügungspark aber trifft die Perversität des Supergaus direkt auf unschuldiges, ehemals fröhliches Leben. Am Boden der Gondeln des Riesenrades hat sich der Regen und die Reinigungsflüssigkeit gesammelt und einen fünf Zentimeter großen Hotspot gebildet.  Dort könnte man sich fast eine Zigarette anzünden, das Gerät kommt auf zwei Sievert, das „Milli“ fällt nun weg.

Zwölf Stunden dauert die von mir gebuchte Tour, danach bin ich absolut fertig. Etwa 21 Kilometer bin ich durch grausame Reste eines Albtraumes gelaufen. Wer mehr will, der kann 10 Tage buchen, dann geht es durch Bunker und Raketenstationen der ehemaligen sowjetischen Militärbasis und in die Reaktoren.  Dann lernt man auch, wie man einen Supergau überlebt. Zweimal muss ich noch durch die dosimetrische Kontrolle an den Checkpoints, dann habe ich diese Abenteuer hinter mir. Ich habe auch noch Glück, muss meine Hose nicht abgeben, die hätte sonst noch 24.000 Jahre gestrahlt.

Man muss nicht nach Tschernobyl fahren, man muss auch nicht Marathon laufen, man muss aber auch keine Katzenbilder posten!

 

 


 

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