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Lissabon-Marathon: Obrigado, Lisboa!

 

Gibt es etwas Schöneres, als sich intensiv von den Kollegen über interessante Reiseziele informieren zu lassen? Klar, nämlich das Ganze in die Praxis umzusetzen. Erstmal checken, ob das mit einem Lauf zu verbinden ist (ja), ob noch Urlaubsanspruch besteht (ebenfalls ja), prüfen, ob das Ganze finanziell darstellbar ist (noch einmal ja), und wenn dann die dort geborene Anabela aus meinem Lauftreff und noch Laura, die ebenfalls von dort stammende Reinigungskraft im Büro, heftig zuraten, ist die Entscheidung schnell gefällt. So landen wir voller Vorfreude auf Stadt und Lauf, wieder mal gemeinsam mit unseren Münchner Freunden Barbara und Klaus, quasi von Bonn nach Lissabon in der portugiesischen Hauptstadt.

Gleichermaßen strategisch wie finanziell günstig haben wir uns drei Metrostationen vom Terminal und nur wenige hundert Meter von der Marathonmesse entfernt eingemietet. Die findet, für uns fußläufig und damit optimal, im Parque das Nações (Park der Nationen), dem ehemaligen Gelände der Weltausstellung von 1998, statt. Natürlich sind wir bei den ersten, die bereits am Donnerstag, direkt nach unserer Ankunft, alles Erforderliche erledigen. Weitere Gelegenheiten gäbe es aber auch noch am Freitag und Samstag, ebenfalls zwischen 10 und 20 Uhr. Vorsicht: Am Lauftag besteht dazu keine Möglichkeit mehr! Der kleine Nachteil unserer Herberge in Form einer gewissen Entfernung vom Stadtzentrum wird durch die perfekte Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln wettgemacht.

 

Warm und schön

 

Bei nur als grandios zu bezeichnender Witterung – nach Aussage Lauras Mutter ist es wie sonst nur im August (wolkenlos und bis zu 30° warm) – machen wir uns auf zur Stadterkundung. Bleiben wir am Donnerstag bis zu Barbaras und Klaus' Ankunft noch im direkt am Lissaboner Fluss, dem Tejo, gelegenen Park der Nationen (der genug Interessantes zu bieten hat), verbringen wir den Freitag komplett in der Altstadt. Für uns Landeier ist der Trubel mächtig und trotz der vielen Eindrücke sind wir abends froh, ihm wieder entfliehen zu können. Am Samstag haben wir für kleines Geld einen Mietwagen geordert und besuchen Belém mit seinem markanten Turm, dem Entdeckerdenkmal und dem Hiernonymitenkloster sowie das Städtchen Sintra im Landesinneren.

 

 
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Früh schon um 5:45 Uhr (Frühstück gibt’s heute ab 5 Uhr) machen Klaus und ich uns per Busshuttle zur Station Cais do Sodre, und von dort auf den knapp dreiviertelstündigen Weg mit der Bahn zum Badeort Cascais, um von dort ab 08:00 Uhr entlang der Mündung des Flusses Tejo von West nach Ost zurückzulaufen. Das Gefühl, viele Meter des langen Rückwegs von der Bahn aus zu betrachten und so einen intensiven Vorgeschmack auf die tatsächliche Länge von 42,195 km zu bekommen, sind mir u.a. vom Oberelbe- und Mittelrhein-Marathon hinlänglich bekannt, können mich also nicht mehr schockieren.

 

Wir verspüren Druck

 

Allerdings ist das Zeitmanagement der Organisatoren zu kritisieren: Man hat den Start gegenüber der ursprünglichen Planung um eine halbe Stunde vorverlegt, die restlichen Zeiten jedoch unverändert gelassen, wodurch uns also eine halbe Stunde fehlt. Und das rächt sich. Nach einem fast als nächtlich zu bezeichnenden Marsch durch den noch schlafenden Ort sind wir um 7:35 Uhr im Startbereich, wo zwei wesentliche Tätigkeiten auf uns warten: der unabdingbare Besuch des DIXI-Klos und die Kleiderbeutelabgabe. Eine riesige Menschenmenge nötigt uns trotz zahlreicher Toiletten viel Geduld ab. Schön ist, wenn man zur Auflockerung Bekannte trifft, wie den Organisatoren des Marathons um den Osnabrücker Rubbenbruchsee, Michael Brehe, bei dem der Greppi und ich jeweils im Dezember schon unsere Visitenkarten abgegeben und berichtet haben. Der Knabe läuft zwar immer noch unverdrossen im Komplett-Outfit eines Münchner Provinz-Fußballvereins, aber das wollen wir ihm heute mal durchgehen lassen.

 

 
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Es kommt, wie es kommen muss: Es sind noch einige Leute vor uns, da fällt der Startschuss und den Kleiderbeutel haben wir auch noch in der Hand. Einige der Wartenden geben panisch auf, ältere Herren jedoch behalten die Ruhe. Zumindest äußerlich. Als der Startplatz schon ziemlich leer ist, kommen wir endlich zum Zug. Also nix Eisenbahn, aber höchste Eisenbahn. Allerhöchste. Puh! Jetzt Sprint zum Lkw, Beutel abgegeben und zum Start. Sieben Minuten nach acht Uhr traben wir völlig entleert, äh, entspannt, allerdings nicht gänzlich alleine, dem Feld hinterher.
 
Cascais liegt gute 25 km von Lissabon entfernt. Wer rechnen kann, wird unschwer feststellen, dass da einige km zur Marathondistanz fehlen. Dies hat man insofern gelöst, als es – und das ist neu in diesem Jahr - zunächst etwa 6 km in die „falsche“ Richtung geht und dann nach Lissabon zurückgelaufen wird. Denn das Ziel wird erstmals nicht mehr in unserer unmittelbaren Hotelnähe liegen, sondern mitten in der Lissaboner Altstadt, am Praça do Comércio (Handelsplatz). Das war bei der Buchung unserer Unterkunft noch nicht bekannt gewesen, aber letztlich kein Problem. Und der Umzug wertet den Lauf weiter deutlich auf, wie wir später erleben werden.

 

Auf und nieder immer wieder

 

Uns beglückt direkt eine längere Steigung auf schnurgerader Straße, die bereits jetzt das vorgibt, was uns heute bevorstehen wird: ein ständiges Auf und Ab mit langen Geraden, die, gerade im späteren Rennverlauf, mentale Härte erfordern werden. „Well she was just seventeen, and you know, what I mean...“ Mit dem rockig gespielten Beatles-Klassiker „I saw her standing there“ begrüßt uns die erste von zahlreichen Bands, die uns beweisen werden, warum dies ein Lauf der Rock'n'Roll-Serie ist. 54 Jahre ist der Titel alt, und immer noch kann man ihn sehr gut hören. Auf der Uferstraße des 17 Grad kühlen Atlantiks - die Mündung des Flusses Tejo liegt jetzt hinter uns – lässt es sich zwischen Wasser und zunächst dichterer Bebauung hervorragend laufen, die Stimmung, gerade zwischen den Teilnehmern verschiedener Nationen, ist ausgelassen. Eine germanische Kollegin arbeitet sich an mich heran: „Ich muss Dir einfach mal sagen, Eure Berichte lese ich immer so gerne!“ Gut gemacht, Schätzelein, schon bist Du im wahrsten Sinne des Wortes im Bilde.

 

 
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Vorbei am hübschen Leuchtturm Farol da Guia von 1761 geht’s weiter in westliche Richtung. Obwohl wir gefühlt sehr verhalten laufen, kommen wir gut voran und sind ständig am Überholen, woran sich auch so schnell nichts ändern wird. Kaum sind drei km absolviert, kommt uns mit Tatütata die Spitzengruppe entgegen, die zu diesem Zeitpunkt nach guten 27 Minuten bereits neun km hinter sich hat. Die (natürlich) vornehmlich schwarzen Brüder und Schwestern fliegen nur so vorbei. Jeweils hohe 2:10 Std. bei den Männern und 2:27 bei den Frauen sind unter den hiesigen und heutigen Bedingungen wahrlich keine Zeiten, für die man/frau aus Kenia sich schämen müsste. Schon heizt uns die zweite Band ein, was bei mindestens 21 Grad Starttemperatur doch gar nicht erforderlich sein sollte.

Gefühlt sind wir langsam unterwegs, trotzdem passieren wir die 5 km-Marke (alle 5 km steht eine elektronische Zeitmessanlage) schon nach guten 30 Minuten. Zurückhaltung ist angesagt, denn die Frage, die sich mir schon seit längerem stellt, ist meine derzeitige Performance. Seit dem Marathon in Koblenz vor sechs Wochen habe ich stolze zwei Läufe über jeweils 21 km hinbekommen und mich ansonsten nur mit noch kürzeren, genauer gesagt sehr viel kürzeren Einheiten halbwegs über Wasser gehalten. Natürlich sind das alles fadenscheinige Argumente, denn wenn einer laufen will, läuft er auch um Mitternacht, wie weiland unser Ex-Außenminister Joschka Fischer (nur, ich schlafe dann, kann also nicht laufen). Meinem Lauftreff predige ich das jede Woche und bin nur froh, dass die das hier nicht lesen werden. O je, heute muss also meine Routine dafür herhalten und wird dabei sicher arg strapaziert.

Ach ja, Wasser gibt’s schon zum zweiten Mal, da werden wir gut versorgt. Die Drittelliterflaschen sind für mich optimal, die kann ich mitnehmen und so ganz dosiert trinken. Später wird noch Iso hinzukommen, Bananen und Orangen, zweimal sogar Gels. Die Verteilung übernehmen, wenn ich es richtig gesehen habe, ausschließlich Pfadfinder in Kluft. Vom nächsten Leuchtturm, dem Farol do Cabo Raso, kann es nicht mehr weit bis zum Wendepunkt sein, denn der Tross der Entgegenkommenden wird immer dichter. Tatsächlich ist der „Ponto de Retorno“ nach etwa sechs km erreicht und die Richtung wird nach einem scharfen U-Turn gen Osten gewechselt. Die Belohnung ist der unverstellte Blick auf die Brandung des Atlantiks, einfach nur schön. Dagegen unschön ist, dass bekanntermaßen die Sonne im Osten aufgeht, was das Fotografieren im Gegenlicht deutlich erschwert.

 

 
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Wir kommen an einigen Forts aus längst vergangenen kriegerischen Zeiten vorbei, den Anfang macht das Fort de Sao Jorge de Oitavos. Gut bewacht von uns auf Motorrädern begleitenden Sanitätern haben wir bald die ersten zehn km gepackt, exakt 63 Minuten stehen für uns zu Buche. Ah, da vorne kommt unser erster Leuchtturm von vorhin, dann kann es bis zum Stadtgebiet von Cascais, wo wir morgens gestartet sind, nicht mehr allzu weit sein. Genauso ist es, den folgenden Kreisel erkenne ich sofort wieder. Von einer Aussichtsplattform an der Boca do Inferno, dem "Höllenschlund", kann man hervorragend die faszinierende Naturgewalt des Meeres beobachten. 20 m in die Tiefe brechen bei Seegang mächtige Wellen unter großem Tosen an die Felsklippen. Sehr attraktiv ist der Einlauf in die Stadt, zunächst an tollen Häusern und dem Parque Marechal Carmona vorbei, am Palácio da Cidadela, am Yachthafen, am Strand, klasse! Mein Münchner Klaus freundet sich noch schnell mit einem eine weiß-blaue Fahne schwenkenden Landsmann an, dann liegt Cascais hinter und Estoril vor uns.

 

Keine Formel 1

 

Es folgen eine ganze Reihe kleiner, hübscher Strände auf dem Weg nach Estoril, einer Ortschaft mit Seebad, die traditionell als Rückzugsort der reichen Oberschicht gilt und seit kurzem politisch zu Cascais gehört. Seit dem frühen 20. Jahrhundert ist seine pittoreske Küste eine der Attraktionen des portugiesischen Fremdenverkehrs, wie wir unschwer feststellen können. Das Ortszentrum besteht im Wesentlichen aus mondänen Herbergen entlang palmengesäumter Alleen und endet an einem im Sommer stark frequentierten Strandabschnitt. Das hiesige Casino war Schauplatz für zahlreiche Filme, u.a. wurden hier 1969 Teile für James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät gedreht. Darüber hinaus bekommen Motorsportfreunde beim Klang dieses Namens feuchte Augen, heute allerdings nicht mehr wegen der Formel 1, die sich mittlerweile von hier verabschiedet hat.

 

 
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Kräftig bergauf führt die Straße nach Sao Pedro de Estoril, aber wo ein Auf ist, folgt auch ein Ab. Den gut gelaunten Rotterdamern, die mit großer Reisegruppe erschienen sind, muss ich versprechen, auch dort noch meine Visitenkarte abzugeben. Gut, der Aufwand ist nicht ganz so groß wie nach Lissabon zu fliegen. 20 km sind nach 2:05 Std. absolviert, das klingt doch nach Konstanz. Noch. Tolle Strände, Buchten und Forts wechseln einander ab, es ist schön und kurzweilig. Ganz fein ist die erste Großdusche, die jede Menge kühles Nass spendet, aber von mir aus bekannten Gründen schnöde verschmäht wird. Nicht ganz so lustig ist die Aktion, wenn man über die vornehmlich im f...trockenen portugiesischen Norden derzeit wütenden, großflächigen Waldbrände nachdenkt, denen schon mehr als 30 Menschen zum Opfer gefallen sind, und wo man bisher vergebens um Regen betet.

Weiter geht es auf der nach wie vor vollständig für uns gesperrten, vierspurigen Uferstraße an hübschen Stränden und grimmigen Forts vorbei. Kurz bevor wir die Halbzeit erreichen, also jetzt um 10:30 Uhr, startet Elke, die für den sog. Mini-Marathon gemeldet hat. Der führt hier im Gegensatz zu den üblichen 4,2195 km über deren sechseinhalb. Sein Startplatz ist super, und zwar genau der gleiche, der auch für die Halbmarathoner gilt, nämlich auf der Vasco-da-Gama-Brücke. So kommt sie in den Genuss der phantastischen Aussicht auf der mit 17,2 km längsten Brücke Europas, die uns Marathonläufern leider nicht gegönnt ist. Da ohne Zeitmessung, wird sie sich ungezwungen dem Feld der vor ihr startenden Halben anschließen und hinterher von einem Volkswandertag sprechen. Die Leistungen sind wirklich nicht schlecht für die Organisationsgebühr der ersten Anmeldephase von 15 €: Bustransport zum Start, Funktionsshirt, attraktive Medaille mit dem Motiv der Brücke, Rockband, Strecken- und Zielverpflegung, da kannst Du nicht meckern.

 

 
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Schon lange sind 25 km vorüber und das markante Forte de Sao Bruno de Caxias passiert, als man uns etwa vier km weiter plötzlich auf die ufernähere, kleinere Straße ableitet und uns so Häuserschluchten erspart. Garniert wird das Ganze durch dunkelhäutige Fahnenschwenker, die uns die Tücher fast um die Ohren hauen. Auf einer Mauer schwenken zwei schwarz-rot-gelb, der eine für Belgien, der andere für uns. Wahrscheinlich aber halten sie eine von beiden Flaggen für eine Fehlanfertigung... Zwei km weiter hat die Herrlichkeit ein Ende, denn fortan führt man uns zwischen der Bahn und einer eher weniger hübschen Häuserzeile weiter gen Lissabon. Wenigstens sticht einem das am Ende des 19. Jahrhunderts eröffnete und nach dem berühmten portugiesischen Seefahrer und Entdecker des Seewegs um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien benannten Vasco da Gama-Aquarium positiv ins Auge.

 

Höhepunkte in Belém

 

Nein, das widerspricht sich nicht. Auch wenn sich, links hinter Massen an Bussen sowie Besuchern kaum wahrzunehmen, das weltberühmte Hieronymitenkloster aus dem Übergang zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert verbirgt – eine architektonische Augenweide, das heute u.a. Königsgräber, den Sarkophag Vasco da Gamas und Museen beherbergt -, bleibt es öde. Denn die Straße ist breit, die Hitze gewaltig (es hat jetzt schon mindestens 32 Grad im Schatten und der ist nicht vorhanden) und der Mensch platt. Ein nahes Herankommen an die Gebäude ist bedauerlicherweise nicht möglich. Zwar könnte man uns unmittelbar ans Kloster führen, dann aber würden wir von der anderen Seite überhaupt nichts sehen. Da aber stehen mit dem Torre de Belém und dem Entdeckerdenkmal zwei echte Granaten, die wir glücklicherweise schon gestern in aller Ruhe besucht haben. Klar, man könnte uns beim Torre über eine Fußgängerbrücke über die Bahn führen und am Entdeckerdenkmal durch eine Unterführung wieder zurück, aber der Aufwand wäre wohl zu gewaltig. Trotzdem schade.

Was genau haben wir damit praktisch verpasst? Im Jardim da Torre de Belém, auf dem Gelände der heutigen Grünanlage, stand früher die Gasfabrik von Belém, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Betrieb war. Heute steht hier ein Denkmal zu Ehren von Gago Coutinho und Sacadura Cabral, die als erste mit einem Wasserflugzeug den Atlantik überquerten. Wir sind mit dem Aufzug fünfzig Meter nach oben gefahren und haben die phantastische Rundumsicht genießen können. Durch die Anlage des weitläufigen Parks wurde der 1515 in Auftrag gegebene Turm von Belém, eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt Lissabon, erheblich aufgewertet. Neben dem gegenüberliegenden Mosteiro dos Jerónimos (dem Kloster) gehört der Turm zu den wenigen herausragenden Bauwerken des manuelinischen Stils, die das Erdbeben von Lissabon 1755 überstanden haben. Ganz im Gegenteil zu seinem Zwillingsbruder auf der anderen Seite des Tejo, durch dessen Unterstützung ein Kreuzfeuer auf feindliche Schiffe möglich war. Schade, daß wir all dem so wenig mitbekommen haben.

 

 
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Die Hitze bleibt nicht folgenlos

 

Nichts mehr mitbekomme ich leider auch von Klaus, der sich hier zurückfallen lassen muss. Da ich aber sicher bin, dass er im Zweifelsfall auf den Brustwarzen durchs Ziel robben wird, kann ich beruhigt langsam davonziehen. Allerdings ganz langsam, denn der großen Hitze und dem natürlich viel zu umfangreichen Vorprogramm muss auch ich Tribut zollen. Linkerhand grüßt ein Tyrannosaurus Rex vor dem weltgrößten Kutschenmuseum, dann unterqueren wir mit der Ponte 25 de Abril (Brücke des 25. April) den 3,2 Kilometer langen Brückenzug mit 2.278 Meter langer Hängebrücke über den Tejo auf dessen letzten Metern vor seiner Mündung in den Atlantik. Sie ist weltweit die drittlängste Hängebrücke mit kombiniertem Straßen- und Eisenbahnverkehr und hat, wenn man großzügig ist, etwas von der Golden Gate Bridge in San Francisco.

Mental besonders schwierig sind die km zwischen 35 und 40, denn architektonisch ist wenig los, Zuschauer sind Fehlanzeige, Bands sowieso (zwei DJ's sind kein wirklicher Ersatz für Live-Musik), daher lassen wir diese kommentarlos an uns vorüberziehen. Eine knackige Mädelsband, gleichermaßen musikalisch wie optisch, reißt mich dann wieder aus Lethargie und Selbstmitleid. Huldvoll grüßt von links der Herzog von Terceria hoch vom Sockel, erst im Nachhinein merke ich, dass wir auch am gegenüberliegenden Cais de Sodre vorbeikommen, dem Bahnhof, von dem wir heute Morgen aus mit dem Zug nach Cascais gestartet sind. Plötzlich laufen wir auf Kopfsteinpflaster und werden wieder ans Wasser geführt. Voraus ein Kreuzfahrtschiff, lenkt man uns um das Museum Torreao Poente links in Richtung Stadt. Vater merkt: es wird ernst!

 

Schwarz-rot-goldene Momente

 

41,5 km hat es dichtgehalten, das Tütchen, in dem sich die Bundesdienstflagge unauffällig versteckt hatte. Unbefleckt, wohlgemerkt! Heraus mit ihr! Rechts schwenkt mir ein Vertreter unseres ostwärtigen Nachbarn seine rot-weiße Flagge entgegen. Ha, ich kontere schwarz-rot-gold! Ja, da schaust Du! Durch eine Reihe bunter Werbebögen laufen wir hinter eine Art Triumphbogen, der, von Prachtbauten eingefasst, den 170 mal 170 m messenden Praça do Comércio zur Stadt hin abschließt, und durch den wir, also meine Bundesdienstflagge und ich, die letzten Meter unter die Füße nehmen. Gleichermaßen erhaben und erhobenen Hauptes überschreiten wir nach 4:25 Std. auf Platz 2.952 von 4.664 Finishern beiderlei Geschlechts die Ziellinie. Selten war ein Finish geiler! Und erlösender...

 

 
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Wie sprach unser Freund und Kollege Bernhard Sesterheim gerne zur Unterscheidung seiner Gemütszustände am Anfang und am Ende eines Marathons? Erst ein Hengst, dann ein Wallach? Heute nichts dergleichen bei mir, denn die attraktiven puschelnden Mädels am Ziel nehme ich sehr wohl wahr. Als Klaus dann eingetroffen ist, marschieren wir – also Klaus, die Flagge und ich – zur Zielverpflegung, die mit einem kleinen Beutel (Wasser, Kakao, Banane) nicht überreich bestückt ist. Von Freibier keine Spur. Dafür gibt’s ein Eis aus der Hand eines weiteren gutaussehenden Mädels (wie war das mit dem Wallach?), dann lassen wir uns mit der Masse treiben. Und stehen plötzlich am eingefassten Ufer des Tejo, in den gemauerte Stufen führen. Ich kann kaum so schnell denken, wie ich Schuhe und Strümpfe ausgezogen habe und bis zur Hose im kühlen Nass stehe. Wie geil ist das denn? Über die Wasserqualität macht sich wohl kaum einer Gedanken, am wenigsten sicher diejenigen, die mit einem beherzten Kopfsprung komplett in ihm versinken.

So findet ein wieder mal tolles Laufabenteuer seinen krönenden Abschluss, der wirkungsvoller nicht hätte sein können. Und was für eine Medaille nehme ich mit nach Hause! Sie ist nicht nur riesig und einfach schön, sondern symbolisiert auch den Streckenverlauf; da hat einer wirklich Hirnschmalz hineingesteckt. Und gehört sicher zu den fünf schönsten, die zahlreich an meiner heimischen Wand hängen. Wenn man es noch schaffen könnte, die km 35 bis 40 optisch und akustisch etwas angenehmer zu gestalten, wäre der Marathon in Lissabon unter den nichtalpinen Läufen kaum zu übertreffen. Dieses verlängerte Wochenende hat mir viel gegeben. Obrigado, Lisboa!

 

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Streckenbeschreibung:
Punkt-zu-Punkt-Kurs mit etwa 6 km Pendelstrecke zu Beginn. Zeitlimit 6 Std.

Startgebühr:
Je nach Anmeldezeitpunkt 45 – 75 €.

Auszeichnung:
Medaille, Urkunde, Finishershirt.

Logistik:
Kostenlose Nutzung des Nahverkehrs (funktioniert!), Kleiderbeutelabgabe am Start und -rückgabe im Zielbereich.

Verpflegung:
Alle 2,5 km Wasser in praktischen Drittelliterflaschen, dazu später Iso, Bananen, Orangen, zweimal Gels, im Ziel auch ein Eis.

Zuschauer:
Bis auf den letzten km dürftig.

 

 

 


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