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Laufberichte

Saxndi, ein harter Brocken

02.07.16 Sachsentrail
 

 

Grenzgänger

 

Mit dem 14. Kilometer erreichen wir die Grenze zu Tschechien. Nicht vorstellbar, dass dort noch vor nicht allzu langer Zeit ein Stacheldrahtzaun beide Länder getrennt hat und man heute mit nur einem Schritt im Nachbarland ist. Zuerst stehen etwa zwei Meter hohe Pfähle in der Lichtung, die sich kilometerweit hinziehen wird. Doch dann sehe weiße Grenzsteine am Boden. Später finde ich einen historischen Grenzstein mit der Jahreszahl 1672.

 

 

Nach zehn Minuten Gehatsche, an Laufen ist nicht zu denken, müssen wir einen 1,5 Meter breiten Bach überqueren. Einer vor mir springt, verhungert in der Flugphase und landet mit einem Fuß im Wasser. Die danebenstehende Brücke ist nur als Geländer und Stütze vorhanden. Der Rest der Wanderer wurstelt sich irgendwie trockenen Fußes drüber.

Dann müssen wir im Grenzgraben weiter. Die Lauffläche vielleicht 20 Zentimeter breit, der Untergrund moosig und weich. Man glaubt, auf einer Matratze zu laufen. Außerdem wird mir von dem Getrampel übel, das letzte Bier gestern war wohl schlecht. Der Pfad, ich verleihe ihm den Adelstitel Trampel, wird eher noch schlechter. Die Trailer sind leichte Beute von Bremsen und Mücken. Einige müssen ihre Luftangriffe  auf mich mit dem Heldentod bezahlen.

 

Himmelswiese/Halbmeile

 

Später verlassen wir den Graben und können auf deutschem Gebiet wieder langsam traben. Kilometer 18, die Himmelswiese. Ein Flächennaturdenkmal, welches auf 915 Meter Höhe unmittelbar an der Grenze liegt. Da die Wiesen nicht beweidet werden, haben sich artenreiche Pflanzen angesiedelt wie Bärwurz, Arnika, Rot-Schwinge, Weiße Teufelskralle und Storchschnabel. Die Wiesen sind eingezäunt und sollen wohl nicht betreten werden. Am Ende
der Wiese stehen Grenzmarkierungen, wir sind erneut in Tschechien.

 

 

An der nächsten Tankstelle unterhalb dem Hotel Roter Fuchs wird wieder eifrig zugegriffen. Mittlerweile hat sich das Feld weit auseinander gezogen. Ich brauche mehr Zeit zum Verpflegen und muss daher immer wieder meinen davongelaufenen Freunden hinterherhecheln.

Kilometer 22, die Kapelle St. Nepomuk liegt an der Stelle, wo die tschechische Siedlung Halbmeil (Milov) 1953 abgerissen wurde. Für den Besuch des kleinen Gotteshauses nehme ich mir ein, zwei Minuten Zeit. Sehr schlicht ist die Einrichtung. An der Seite steht „Wanderer, vergiss nicht zu beten!“ Auf der anderen Seite sind Noten eines Liedes an die Wand gemalt.

Jenseits der Wiesen, auch dieser Bereich ist geschützt, liegt das deutsche Halbemeile, eine Siedlung mir vier Häusern. Den Namen dürfte der Ort von der sächsischen Meile („uf der halben Meil“) haben, er ist rund 4,5 Kilometer von Breitenbrunn entfernt. Ein längeres Bergabstück im Tal des Koman Potok führt uns zum Kontrollpunkt Cesky Mlyn. 27.4 Kilometer haben wir hinter uns. Wer will, kann sich aus seinem Drop Bag bedienen und frisch machen. Ich habe diesbezüglich nicht viel Auswahl, ich habe nur ein langärmeliges Shirt und die Regenjacke gebunkert. Ich lasse beides zurück, denn wir kommen nochmals vorbei.

 

Diesseits und jenseits der Grenze

 

Nun folgen lange Etappen, auf denen wir Strecke machen können. Ich sage absichtlich nicht „Zeit gut machen“, sondern Weg. Dass Trailrunning durchaus Teamwork ist, beweisen die drei Dortmunder Sebastian Ullrich, Philipp Schulz und Jörg Wimper. Ich überhole sie an einer Steigung und werde sie im Ziel wieder sehen. Recht steil, immerhin über 200 Höhenmeter, geht es auf vier Kilometer Länge in Richtung Kaffenberg hoch. Trotz Wald haben wir an Lichtungen schöne Ausblicke auf die umliegenden Täler und Höhen. Einfach herrlich. Mittlerweile hat sich die Sonne verzogen und es tröpfelt ein wenig. Kühler ist es (noch) nicht geworden. Aber die Wettervorhersage trifft wohl zu.

 

 

Kurz vor 12.00 Uhr erreiche ich dann den nächsten VP Dlouha cesta bei Kilometer 37. Einen guten Kilometer später überschreiten wir die Staatsgrenze und sind wieder dahaom. Wir haben nun den höchsten Punkt, knapp über 1000 Meter Seehöhe, bei Deutsches Gehau und Hubertky erreicht.

Tellerhäuser, eine Siedlung mit gut 100 Einwohner, liegt schon 100 Höhenmeter niedriger. Der Klingerbach durchzieht das Tal, das sich hier noch sanft wellig nach Westen zieht. Der Bergmann Andreas Teller siedelte sich 1652 hier am Kaffenberg an und gab dem Ort seinen Namen.

Der Anton-Günther-Weg lässt sich gut belaufen, auch wenn wir kurzzeitig auf einem rustikalen Parallelweg immer weiter abwärts kommen. Bei Zweibach, hier fließen der Klingerbach und der Höllbach gemeinsam als Pöhlwasser weiter, haben wir die Marathonmarke längst hinter uns. Kurz nach der Häusergruppe Ehrenzipfel überschreiten wir wieder die Staatsgrenze und nach einem kurzen Gegenanstieg sind wir erneut an der Drop Bag-Station.

Es regnet inzwischen stärker. „Es wird nun länger Niederschlag geben“, meinen die Helfer.  Anlass für mich, die Regenjacke mitzunehmen. Nach reichlichem Essen und Trinken laufe ich weiter, denn auf dem Kranbächelweg müssen auf drei, vier Kilometer Länge erneut deutlich über 250 Höhenmeter bezwungen werden. Wie werden zum Wanderer. Gerd Gladasch muss sich zurückfallen lassen, ihm ist es jetzt zu heftig. Später wird er mich am Rabenberg gnadenlos versägen.

 

Orientierungslos am Rabenberg

 

Der nächste VP an der Preishausstraße lässt lange auf sich warten, 52,7 Kilometer habe ich in den Beinen, 18 muss ich noch laufen, eigentlich kein Problem.  Also wieder gut auftanken und weiter geht es. Hier werden wir wieder abgehakt. Ihr wisst schon,  keiner soll verloren gehen.

Kurzzeitig können wir es laufen lassen, doch nach dem Preishausteich geht es kreuz und quer unterhalb des Rabenberg durchs Gelände. An markanten Stellen stehen Helfer und weisen uns ein. Ich verliere die Orientierung, lasse es einen Helfer wissen. Der lacht nur. Später schleichen wir wieder auf den Trails der Biker umher.

 

 

 

Auf letzter Rille

 

Den geteerten Seifenbachweg geht es bei Kilometer 58 steil hinunter, dann sehe ich frühzeitig parallel einige Läufer hoch marschieren. Hier werden nicht nur Kilometer, sondern auch Höhenmeter geschunden. Am Ende muss ich abbiegen und den Trailabschnitt hochgehen. Doch ich bin nun saft- und kraftlos, mir ist schwindelig, ich könnte mich glatt niederlegen. Das kenne ich so nicht von mir.  Langsam und  Schritt für Schritt gehe ich bergwärts. Vielleicht ein Hungerast? Unterzucker? Ich quäle mir ein Gel rein und schon nach wenigen Minuten geht es mir besser. Ich kann mich wieder konzentrieren. An der nächsten Tankstelle beim Oberdorferd-/Galgenflügel versuche ich mehr zu essen und trinken, als beim letzten VP. Zumindest macht mir der Magen nicht zu.

„Nehmt mit, was ihr braucht, denn das ist die letzte Möglichkeit“, so einer der Helfer. Noch knapp zehn Kilometer. Ganz auf der Höhe bin ich noch nicht, denn später lese ich auf einem Wanderschild, dass Rabenberg ganze zehn Kilometer entfernt ist. Ein genauer Blick bei der ersten Bildbetrachtung am nächsten Tag beweist, ich habe mit in der Kommastelle geirrt. Der Berg ist nur einen Kilometer entfernt.

 

 

Auf einem weiteren Trail verlieren wieder viele Höhenmeter, wir tangieren Breitenbrunn, wo es doch noch eine Getränkestelle (VP Neuer Anbau) gibt. Noch knapp fünf Kilometer. Nach einem kurzen Heroldsstück auf einer Asphaltstraße geht es links wieder sanft bergan, wo ich sogar noch joggen kann. Die Laufstrecke ist weit einsehbar. 400 Meter vor mir, das müsste der Gerd sein. Hinter mir kann ich niemanden sehen.

Zuerst auf dem Heuschuppenweg, später wieder auf Trails gewinnen wir erneut Höhenmeter. Recht zäh erreichen wir den Kletterwald, wo uns zwei Mädels eifrig anfeuern. Dann kommt von rechts eine Einmündung an der ich nicht so recht weiß, wie es denn weiter gehen soll. Ein Trailer der HalfTrail-Fraktion ist ebenfalls planlos. Ich habe den richtigen Riecher und nach 50 Meter sehe ich ein Flatterband und weiter weg den Bolzplatz am Sportpark. Dann dauert es noch zwei Minuten auf einem geteerten Radweg und ich bin glücklich im Ziel. Saxndi, ein harter Brocken, der Sachsentrail.

 

 

Happy End beim Lauf ...

 

Im Ziel hängt man mir die Medaille um und zeigt mir den Weg zur Zielverpflegung. Ich ziehe mir die Regenjacke an, da es doch recht windig ist. Henny sehe ich dann auch mit Medaille herumstehen, schon trocken gelegt. „Es war sehr anstrengend“, sagt sie, „aber am Ende habe ich keinen mehr vorbeigelassen“. Dann verzieht sie sich in die Unterkunft.

Gut 15 Minuten bleibe ich im Zielbereich, mache noch einige Bilder und freue mich mit Günter Frietsch über den Ablauf. Keine Ausfälle, keine Verletzten und ein Teilnehmerrekord ist auch noch herausgesprungen. Ein kurzzeitiger Wolkenbruch vertreibt dann die letzte warme Luft und mich in die Unterkunft.

 

 

… und bei der EM

 

Trotz Müdigkeit und schlappen Beinen lassen wir uns das Achtelfinale nicht entgehen, wo eine Serie endlich zu Ende geht.

 

 


Ergebnisse

 

UltraTrail 70,3km, 1810 HM:

Frauen:

1. Gabriele Kenkenberg, LC Olympia Wiesbaden, 7.23.52
2. Amrei Münster, Hupsis Lauftreff, 8.10.23
3. Cathleen Lenk, Glückskinder Zwickau, 8.21.28

Männer:

1. Attila Toth, Dresden, 6.14.32
2. Tell Wollert, laufend aktiv, 6.15.26
3. Marco Möhler, Haida, 6.18.59

Nächste Ausgabe:

01.07.2017, ich merke mir den Termin schon mal vor.

 

 

Ausflugstipp:


Wenn man schon in der Gegend ist, dann bleibt sicher noch ein wenig Zeit für eine Stippvisite. Wir fahren am Tag nach dem Lauf in die Stadt Schwarzenberg/Erzgebirge. Die Große Kreisstadt liegt von Breitenbrunn und Aue nur wenige Kilometer entfernt. Die Bergstadt wurde im 12. Jahrhundert als Schutz eines Handelsweges angelegt. Markant ist die Lage der Altstadt, die mit Kirche und Schloss auf einem Felsriegel liegt, der von dem Schwarzwasser umflossen wird. Schön anzuschauen ist der Ratskeller auf dem Markt sowie die Brunnenanlage mit dem Meißner Porzellanglockenspiel.

 

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Informationen: Sachsentrail
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