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Laufberichte

Nicht mehr ganz so klein, aber immer noch fein

 

Obwohl ich wirklich gerne laufe, sind mir neue Marathons suspekt. Neu bedeutet häufig, dass die Organisation an manchen Stellen hakt. 42 km zu laufen sind aber eine anstrengende Angelegenheit, daher sollte im Umfeld alles stimmen. Als vor 5 Jahren unser Lauffreund Michael Weber zum 1. Neckarufer Marathon Stuttgart einlud, waren Norbert und ich trotzdem sofort mit von der Partie. Zum einen natürlich, weil ein Marathon in Stuttgart schon lange überfällig war. Zum anderen, weil Michael in der Einladung klar stellte, dass es sich hier um einen Versuch handelt, und man nicht allzu viel erwarten sollte.

Wir waren damals 28 Läufer, die sich auf den Weg machten und alle waren sofort begeistert. Es gab eine professionelle Zeitnahme, die Strecke führte beschaulich am Neckar entlang, war ausreichend markiert, die Verpflegung super, sogar an eine Medaille war gedacht worden.

Seither ist einiges an Wasser den Neckar hinunter geflossen und der Neckarufer Marathon Stuttgart hat sich zu einem stattlichen Ereignis entwickelt. Immerhin waren die 150 Startplätze für 2019 schnell vergeben und auch die Warteliste voll. In letzter Minute wurde das Starterfeld auf 160 erweitert, so dass jeder, der laufen wollte, auch durfte.

Start und Ziel liegen beim Wassersportzentrum am Max-Eyth-See in Stuttgart-Hofen, direkt am Neckar. Die Startnummernausgabe befindet sich in einem kleinen Zeltpavillon. Als Norbert, Kati und ich eintreffen, ist der kleine Platz bereits gut gefüllt. Die Sitzgelegenheiten werden von vielen Läufern belagert. Nachdem wir den Haftungsausschluss unterschrieben haben, erhalten wir unsere Startnummern und den Leihchip für die Zeitmessung.

 

 

Viele der Läufer kennen sich, andere werden nahtlos integriert. Mindestens zwei Marathonnovizen sind mit dabei. Die Stimmung ist unaufgeregt; wie immer wird gefachsimpelt was das Zeug hält. Fast vergessen wir, warum wir eigentlich hier sind und werden aufgefordert hinter die Startlinie zu treten. „Wieso, ist es denn schon Zeit?“ Punkt 9 Uhr geht es los.

Wir laufen flussabwärts, an den hier geschützt liegenden Booten vorbei, auf einer kleinen Pappelallee. Norbert ist noch nicht fit, wir lassen deshalb das Feld erst mal ziehen. Unter der Hofener Brücke hindurch verabschiedet uns die Streckenpostin mit guten Wünschen auf den Neckarradweg. Hinter den letzten Häuser von Hofen rechter Hand verlassen wir bewohntes Gebiet.

Über uns thront (gut sichtbar, weil störende Büsche entfernt wurden) die Burgruine Hofen. 1250 erbaut, um den Neckarübergang hier zu sichern, wurde die Burg im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Die Steine kamen 1783 dem Neubau der Kirche St. Barbara und anderer Gebäude in Hofen zugute. 1999 kaufte die Landeshauptstadt Stuttgart die Burg und restaurierte sie.

Schnell erreichen wir den Vier-Burgen-Steg, eine schöne Radfahr- und Fußgängerbrücke. Wir lassen die Brücke links liegen und bewegen uns weiter den Fluss hinunter.

Vor uns, auf einer Anhöhe, erkennen wir ein modernes Gebäude. Es handelt sich um die Rechen- und Sandfanganlage des Klärwerks Mühlhausen, welches auf der gegenüber liegenden Seite des Neckars liegt. Hier wird das Abwasser mechanisch vorgereinigt, so dass das eigentliche Klärwerk entlastet wird. Die Technik versteckt sich im Berg. Die Klärung erfolgt in mehreren Stufen, und das ist hier wörtlich zu verstehen. Es geht einmal um den Hügel herum.

 

 

Dieses Jahr ist von den vielen Blausternchen, die dem Oeffinger Scillawald seinen Namen geben, nichts zu sehen. Obwohl wir schon seit einiger Zeit wunderbar warme Temperaturen haben, ist der Winter noch nicht lange vorbei. Nur die üblichen Verdächtigen wie Haselnüsse, Weiden und die ersten Kornellkirschen zeigen ihre Blüten. Die Fellbacher Landungsbrücke ist erreicht. Diese 24 m lange Brücke hört sechs Meter über dem Wasser einfach auf, und soll für den Besucher neue Ausblicke auf das hier renaturierte Flussufer schaffen.

Der Neckar kommt nun direkt an den Radweg heran. Somit haben wir freien Blick auf Aldingen das am anderen Ufer liegt. Beim genauen Hinsehen erkennen wir das Fahrrad des führenden Läufers, der bereits auf dem Rückweg ist. Er rennt ungefähr doppelt so schnell wie wir.

Vor uns sehen wir jetzt die Staustufe Aldingen mit Schiffsschleuse, Kraftwerk und Wehr. Außerdem dient sie als Auto- und Fußgängerbrücke. Bevor wir sie erreichen, geht es noch ein kurzes Stück auf dem Gehweg im Industriegebiet. Der Streckenposten wartet schon um uns gehörig anzufeuern. Dann biegen wir scharf links auf das Wehr. Wir laufen auf dem schmalen Gehweg, und ich stelle wieder fest, dass mir Brücken nicht behagen; schon gar nicht, wenn unter mir die Wassermassen tosen.

Auf der anderen Seite der Brücke erwartet uns die erste VP bei km 5. Der Helfer notiert unsere Nummern und Essen und Trinken wird angepriesen. Nachdem wir uns mit Kuchen, Salzstangen und Getränken gestärkt haben, geht es bergab. Wir verlassen die Brücke und laufen unten scharf links. Hier geht es an der Straßenbahnhaltestelle bergauf zum Radweg und nun flussaufwärts wieder zurück.

Der Weg verläuft auf dem Damm oberhalb des Neckars, mit schöner Aussicht über den Fluss und das gegenüberliegende Ufer. Einige Läufer kommen noch hinter uns, und auch vor uns sind welche zu sehen. Obwohl der Wind uns nun ins Gesicht, bläst kommen wir gut voran. Das große Mühlhausener Hauptklärwerk bietet einiges an Abwechslung. Interessante Einblicke und viele Schautafeln zur Anlage befinden sich am Zaun entlang.

Bis zum Vier-Burgen-Steg ist es jetzt nicht mehr weit. Hier stehen weitere Streckenposten und weisen den Weg, diesmal über den Steg auf die andere Uferseite. Damit sind wir wieder auf der Strecke, die wir am Anfang entgegengesetzt gelaufen sind.

 

 

Der Vier-Burgen-Steg ist benannt nach den 4 Burgen Freienstein in Freiberg, Engelburg in Mönchsfeld, Heidenburg in Mühlhausen und Zwingburg in Hofen. Wer die verschiedenen Anlagen besuchen möchte, kann dies auf einem ca. 10 km langen Rundwanderweg (gelbe Schilder mit dem Symbol der Hofener Burgruine) ab der Stadtbahnhaltestelle May-Eyth-See tun.

Wir laufen nun zurück zum Start. Dort werden erneut die Startnummern erfasst. Direkt an der Strecke ist auch Verpflegung aufgebaut. Wir stärken uns und machen uns nun in die andere Richtung auf den Weg (km 10). Es geht auf einem kleinen Damm zwischen Max-Eyth-See und Neckar entlang. Hier sind einige Spaziergänger unterwegs. Auch Graugänse kreuzen den Weg zwischen Neckar und See. Die possierlichen Tierchen sind hier mittlerweile eine richtige Plage. Verstärkt wird die Problematik wohl durch eine nicht geringe Zahl von Nilgänsen. Besonders, wenn sie ihre Jungen aufziehen, sind sie sehr aggressiv. Dazu kommt die immense Verschmutzung der Wege, Wiesen und des Sees. Eine Lösung ist hier in absehbarer Zeit nicht in Sicht.

Am nächsten Abzweig laufen wir, vom Streckenposten geleitet, scharf links. Ein paar Meter weiter steht ein weiterer Streckenposten. Unter dessen Aufsicht müssen wir um einen Pylonen herum, dann weiter durch den Park Richtung Max-Eyth-Steg. Hier überqueren wir wieder den Neckar auf die andere Seite. Im Volksmund wird die 1989 eingeweihte Hängebrücke gerne „Golden Gatele“ genannt.

Am Ende der Brücke bringt uns ein schmaler Pfad scharf links bis ans Wasser hinunter. Der Streckenposten begrüßt uns und weist auf die Austraße. Normalerweise steppt hier beim Weingut Zaißerei mit großem Restaurant der Bär. Heute ist es aber sehr ruhig. Kein Auto weit und breit. Nur ein paar Spaziergänger,  Radler und Jogger sind unterwegs.

Zwischen Neckar und den Weinbergen des bekannten Cannstatter-Zuckerle laufen wir weiter. Schon von weitem sticht uns, am Fuße der Weinberge, eine hohe, senkrechte auffallend braune Wand ins Auge. Es handelt sich um eine Lösswand, bestehend aus feinen Plättchen aus Quarz, Feldspat, Glimmer und Kalk, was diese Steilwand besonders standfest macht. Der imposante „Lössaufschluss an der Austraße“ wurde vor einigen Jahren von der Stadt Stuttgart als flächenhaftes Naturdenkmal ausgewiesen. Er ist Bestandteil des geologischen Lehrpfads von Bad Cannstatt und Münster.

 

 

Wir unterqueren die Aubrücke, hier steht erneut eine Streckenpostin. Wir befinden uns nun parallel zur stark befahrenen Neckartalstrasse in Münster (km 14). Wir unterqueren jetzt die Reinhold Maier Brücke und finden uns in einem langen, überdachten Gang wieder. Graffity verziert die Betonwand rechts.

Nun geht es am Kraftwerk Münster vorbei. Die an sich schon beeindruckende Anlage mit dem 182 Meter hohen Schornstein ist für mich in der zweiten Runde das Zeichen dafür, dass es nicht mehr weit ist. Wir lassen den Mühlsteg links liegen und laufen weiter oberhalb des Neckars entlang. Ein kleines Gefälle bringt uns auf eine Fußgängerpromenade mit Sitzgelegenheiten. An einem der Tische warten die Helfer der nächsten VP auf Kundschaft. Wir achten darauf, dass unsere Startnummern erfasst werden und bedienen uns am fein gedeckten Tisch. Verschiedene Kuchen und kleine Snacks sind im Angebot. Nach einer kurzen Pause geht es bergauf.

Ein Streckenposten weist uns über die Wilhelmsbrücke. Wir kommen nun nach Bad Cannstatt. Die historischen Altstadt scheint gut besucht. Wir bleiben aber auf dem Radweg am Neckar entlang, nun wieder richtungsmäßig flussabwärts zurück. Hier ist auch die Liegestelle des Theaterschiffs „Frauenlob“.

Während auf der gegenüberliegenden Neckarseite bereits wieder das vorhin erwähnte Kraftwerk auftaucht, empfangen uns die Streckenposten am Spielplatz. Sie wünschen uns viel Glück während wir den Weg um die Neckarine nehmen, einem Spielschiff in Originalgröße, für Kinder sicher ein Traum. Der König-Wilhelm-Viadukt überragt die weite Freifläche, die zum Toben und Spielen einlädt. Die einstmals imposante Eisenfachwerkkonstruktion der Eisenbahnbrücke wurde 1990 durch eine Stahlbetonbrücke ersetzt. Ein Originalbacksteinpfeiler ist noch erhalten und ist als künstliche Kletteranlage freigegeben.

Es geht nun einmal rechts und gleich wieder links, wir erreichen wir die Hofener Straße, Richtung Stuttgart Hofen. Hier bleiben wir ca. 2 km auf dem Gehweg. Die Straße ist gut befahren trotzdem sind, vor allem in der zweiten Runde, erstaunlich viele Spaziergänger und Radler unterwegs. Weinberge rechts und Wasser links, das gefällt mir gut.

Nach unseren Berechnungen müsste, wenn er sein Tempo beibehalten hat, der führende Läufer nun auf der anderen Uferseite auftauchen. Aha, da ist er und die führende Frau scheint nur kurz hinter ihm zu sein.

Als die Straße eine Rechtskurve macht, bleiben wir links auf dem Radweg am Fluss entlang. Hier ist die Zufahrt zum Cannstatter Ruderclub und jede Menge Betrieb. Immer wieder werden Ruderboote sämtlicher Klassen zu Wasser gelassen. Ein überlanges, vermutlich ein Achter, liegt aufgebockt und wird gerade fein gemacht.

Wir laufen an der Anlage von „City Golf“ vorbei, einem Mekka für Golfer. Nach der hektischen Straße genießen wir die himmlische Ruhe unter Bäumen. Der Fluss ist zum Greifen nah. Unter der Aubrücke führt ein kleiner Tunnel hindurch, dann sind wir schon zurück beim Max-Eyth-See. Der Streckenposten ist erfreut uns zu sehen und weist uns rechts zum See hin. Es geht am Ufer entlang.

Ich drehe mich kurz um und erkenne Michael Weber, den Organisator des Laufes, der von hinten angejoggt kommt. Bis zum Ziel ist es nun nicht mehr weit. Dort erscheint auf der Anzeigentafel die Zwischenzeit.  Wir machen uns jetzt auf die zweite Runde. Norbert merkt, dass er langsam tun muss. Wir verlegen uns auf einen Mix aus Laufen und Gehen. Während des Begegnungsstücks kommen uns viele Läufer entgegen. Sie haben nur noch einen flotten 10er vor sich, wir feuern uns gegenseitig an. Ab dem Vier Burgen Steig sind wir dann wieder allein. Weil wir nun das Tempo von sportlichen Spaziergängern haben, können wir die Natur und die vielseitige Strecke noch besser genießen. Schön, dass jeder Kilometer ausgeschildert ist, das motiviert uns zusätzlich. Auch beim Schwätzchen mit den Helfern an der Verpflegungsstelle kommt es nicht auf die letzte Sekunde an.

Als wird erneut beim Start/Zielbereich vorbeikommen, haben nun schon viele Läufer den Marathon hinter sich. Wir verweilen nur kurz, rechnen wir doch mit gut eineinhalb Stunden für die letzten 10 Kilometer. Jeder der Streckenposten motiviert uns jetzt, bloß nicht aufzugeben. Das ist nett, weil der große Schwung schon lange durch ist, und sie nun wegen ein paar Läufern ausharren müssen.

 

 

Kurz vor dem Ziel begegnen uns Läufer vom TSV Lichtenwald und machen uns mit ihren Anfeuerungen schon mal Lust auf den dortigen Schurwald Marathon im April. Dann treffen wir noch die beiden Axels und Andi, die uns nett begrüßen. Endlich haben auch wir es geschafft und bekommen unsere Medaille und das Zielbier.

 

Fazit:

 

137 Läufer haben das Ziel erreicht. Am schnellsten  ist eine Frau: Katrin Ochs gewinnt in 2:57:22 vor Peter Kronester in 2:58:20. Karlheinz Dravec wird zweiter Mann in 3:06:11, gefolgt von Christopher Greenaway 3:09:59. Zweite Frau ist Sandra Lermer in 3:17:04 und dritte ist Petra Jaeger in 3:51:54. Katrin Ochs war nun übrigens zum 4. Mal die beste Frau beim Neckarufermarathon.

Schön, wenn man etwas Gutem beim Wachsen zusehen kann. Der Neckarufer-Marathon war für mich bei der ersten Austragung perfekt und ist nun zu einem kleinen, feinen, immer noch perfekten Marathon geworden. Wobei mich das eigentlich nicht wundert: Michael Weber hat das Know How aus vielen selber gelaufenen Veranstaltungen in aller Welt und auch das Netzwerk, dieses Wissen im eigenen Lauf umzusetzen. Einzig am Startgeld muss er noch arbeiten: 15 Euro sind eindeutig zu wenig für diesen schönen Lauf.

Für die Zukunft bin ich optimistisch und gespannt, ob das Wachstum so weiter geht. Vielleicht haben wir in Stuttgart zum 10. Jubiläum des Neckarufermarathon 10.000 Läufer? Wir sind auf jeden Fall dabei.

 

Informationen: Neckarufer Marathon
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