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Laufberichte

Weder See noch Land

26.08.12
Autor: Klaus Duwe

Nach den zuletzt heißen Tagen macht auch im Norden der Sommer Pause. Eine geschlossene, dunkle Wolkendecke liegt über der Moorlandschaft.  Das passt  zu dieser kargen, lebensfeindlichen Umgebung auch  viel besser, als strahlend blauer Himmel. Fast läuferfeindlich ist zunächst der  Weg, denn  Sand und tiefe Furchen lassen keine gleichmäßigen Schritte zu. Kaum einen Blick hat da mancher für die fremdartigen und unterschiedlichen Landschaftsformen. Große  Wasserflächen wechseln sich mit heideartigen Grünflächen ab. Seen sind das aber nicht, sondern abgebaute Torfflächen, auf denen jetzt ca. 10 cm das Wasser steht und sich Millimeter um Millimeter (ca. 1 pro Jahr) neuer Torf bildet.  Auf den höher liegenden Grünflächen wurde noch kein Torf gestochen.

Nach einer kleinen Runde von 3 Kilometern zum Luttermoor sind wir zurück bei Start und Ziel und haben einen ersten, intensiven Eindruck gewonnen. Der folgende Weg ist jetzt zunächst besser, schnurgerade und staubig, der Wind lästig. Mir soll keiner mehr erzählen, ein Lauf auf dem platten Land sei ein einfacher.

Unsere Eindrücke werden komplettiert, denn jetzt sehen wir die ersten Torfabbauflächen, leicht zu erkennen an den zum Trocknen aufgestapelten Torfsoden. Während das Torfstechen inzwischen natürlich von Maschinen übernommen wird, ist das Stapeln wie in alten Zeiten harte Handarbeit.  Die getrockneten Torfsoden wurden auch als Brennmaterial genutzt. Der Heizwert war ähnlich wie bei der Braunkohle.

Große Moorflächen wurden kultiviert, indem man es entwässerte und die obere Schicht einfach abbrannte. In die Torfasche säte man Buchweizen, was für die Menschen hier das wichtigste Lebensmittel war.  Das Dumme war, dass nach spätestens sieben Jahren der ohnehin nährstoffarme Boden ausgelaugt war und neue Flächen abgebrannt werden mussten. Dann verpesteten wieder wochenlang riesige Rauchschwaden die Luft. Die armen Leute auf dem Land nahmen das in Kauf. Nicht aber die Städter. Sogar im 50 km entfernten Bremen trauten sich  die Menschen nicht mehr auf die Straße und irgendwann wurde die Moorbrandkultur verboten.

Heute ist der Torfabbau insgesamt sehr umstritten. Umweltschützer sprechen davon, dass durch die Entwässerung  zum Torfabbau und zur forst-  und landwirtschaftlichen Nutzung 60 % aller Moore bereits vernichtet und die Torfvorräte in 50 Jahren erschöpft seien.  Sie appellieren insbesondere an Hobbygärtner, torffrei zu gärtnern. Tatsächlich sind Kompost und Rindenhumus gute Alternativen zur Bodenverbesserung.

Ich staune, welche Abwechslung eine schnurgerade Strecke durch karge Landschaft bietet. Immer wieder bleibe ich stehen,  fotografiere zwischen den Bahngleisen wucherndes  Heidekraut und viele nur im Moor vorkommende Pflanzen und Gräser. Sogar ein Büschel Wollgras kann ich entdecken. „Neue Bestzeit wird das heute nicht“, bemerkt eine Läuferin richtig.

Auf den nächsten 8 Kilometern kann man da einiges wettmachen. Die Wege durch Wiesen, abgeerntete Getreide- und über 2 m hoch stehende Maisfelder sind meist asphaltiert und zu schauen gibt es nicht viel. Richtig froh bin ich, als wir durch ein kleines, verwildertes Wäldchen wieder ins Moor kommen. Es ist still, denn im Moor leben nur wenige Tiere. Und die meisten davon machen wenig Krach, wie zum Beispiel die gefürchtete Kreuzotter. Deren Gift ist zwar giftiger als das mancher Klapperschlange, aber trotzdem ungefährlich, weil sie es nur in ganz geringer Dosis einsetzt. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, einer Kreuzotter zu begegnen, sehr gering. Schon wenn sie die im Moor deutlich auftretenden Bodenschwingungen wahrnimmt, ergreift sie die Flucht.

Kürzlich habe ich in einem Laufbericht von einer Bilderbuch-Landschaft gesprochen. Jetzt könnte ich das wieder und würde damit etwas ganz anderes meinen. Auf der eine Seite des Weges, der so beschaffen ist, dass einem beim bloßen Hinschauen schon die Füße schmerzen, blüht das Heidekraut, die störrischen Gräser biegen sich im Wind. Schau ich nach links, blicke ich über schwarzes Moor mit zerklüfteten Wasserflächen.  Über uns die graue Wolkendecke, die sich stellenweise  immer mehr bedrohlich verdunkelt.

Ineken und Gys aus Holland grüßen mich freundlich. Sie denken, ich sei ein Landsmann. Aber orange ist nicht meine Landes-, sondern nur meine Lieblingsfarbe. Ich hefte mich an ihre Fersen, denn sie eignen sich mit ihren bunten Shirts ideal für eine ganze Fotoserie vom Goldenstedter Moor, das wir auf diesem Abschnitt noch einmal in seiner ganzen Vielfalt und Schönheit erleben.

An der nächsten Verpflegungsstelle gibt es Bananen und Äpfel mit Moorwürze, denn das Obst ist mit einer schwarzbraunen Staubschicht überzogen. Was man sonst gar nicht sieht und spürt: durch den Wind werden feinste Torfpartikel  in die Luft gewirbelt. Mal sehen, wie es nachher in den Duschen ausschaut.

Ungefähr 2,5 km vor dem Ziel kommen uns die Marathonis entgegen, die auf ihrer zweiten Runde bereits wieder 5,5 km zurückgelegt haben. Einen von ihnen muss ich unbedingt erwähnen, denn er trägt einen Namen, den hier jeder kennt: Johann Spieker.  Der muntere Ultraläufer hat einen berühmten Namensvetter, der als Kiepenkerl  und Hausierer 1828 hier im Moor tot aufgefunden wurde. Seine Leiche konnte aus dem Moor nicht geborgen werden und so begrub man ihn an Ort und Stelle. Als das Abtorfen begann, ließ man das Grab unangetastet, bis der irgendwann einmal meterhohe Torfturm in sich zusammenfiel.  Von der Leiche Johann Spiekers fand man nur noch einen Haarbüschel, aber Teile seiner Jacke waren noch gut erhalten, ebenso ein paar Knöpfe und Münzen. Das alles kann man sich im Museum anschauen.

Um Moorleichen gibt es ja die wildesten Geschichten und Gerüchte. Faszinierend ist, dass die Leichen gut erhalten sind. Aus dem Torfmoos und den verfaulten Pflanzenresten entsteht eine Säure, in der sich keine Bakterien bilden können. Was im Moor versinkt, wird luftdicht eingeschlossen und kann nicht verwesen. Moorleichen sind für die Wissenschaftler deshalb sehr aufschlussreich. Dass sich im Moor jemand verläuft und zu Tode kommt, ist eher die Ausnahme.  Oft  handelt es sich bei den Toten um Verbrechensopfer oder es waren selbst Verbrecher, die man im Moor zu Tode brachte. Johann Spieker starb erwiesenermaßen gar eines natürlichen Todes.

Also keine Angst, wenn ihr jetzt Lust habt, selber einmal beim Moormarathon dabei zu sein. Auf dem Weg bleiben muss man aber schon, alleine auch deshalb, weil das Goldenstedter Moor Naturschutzgebiet ist.

Und wenn ihr den Lauf dann hinter euch habt, vergesst ja nicht, einen Buchweizen-Pfannkuchen oder eine Buchweizen-Torte zu essen. Sonst holt euch die Moorhexe.

Man spricht bei Läufen wie dem Moormarathon gerne von „handgemacht.“ Hier ist sogar die Medaille handmade. Es ist eine Birkenscheibe mit eingebrannter Beschriftung am bunten Plastikband. Sie bekommt einen Ehrenplatz. Und dann lege ich noch Wert auf die Tatsache, dass ich beim Moormarathon dabei war, noch bevor ich in New York gelaufen bin. 

Bevor ich aber noch mehr die Werbetrommel rühre, muss ich mal fragen, ob den Veranstaltern das überhaupt recht ist. Ok, ein paar Läufer mehr würde nicht schaden. Aber Rummel wollen die im Moor, das nicht Land und nicht See ist, glaube ich nicht.

Da fällt mir ein, einmal ist im Moor doch so richtig was los. Das ist im Herbst, wenn die Kraniche von Skandinavien und Russland auf ihrem Flug in den Süden hier Pause machen.

Das war nicht immer so. Aber irgendwann wurde der Navi der Kraniche durch eine Wetterlaune irritiert und sie landeten versehentlich im Goldenstedter Moor. Aber wie das so ist mit den Zufällen. Besser hätten es die Kraniche nicht treffen können. Auf den umliegenden Getreidefeldern fanden sie reichlich Nahrung und im Moor ungestörte Ruhe. Das sprach sich in Kranichkreisen natürlich schnell rum und jetzt kommen jedes Jahr mehr, inzwischen zigtausend.

Oh Gott, wenn das mit dem Marathon jetzt auch so läuft ….  

Impressionen

(Fotos: Margot Duwe)

 

Marathonsieger

 

Männer

1  Ellert, Philipp  Team Alpha    3.02.43 
2  Eberhardt, Thomas  Team P    3.27.13 
3  Kleene, Dima  Goldenstedt   3.28.01 

Frauen

1  Deters, Ute  Team Erdinger Alkoholfrei    3.31.52 
2 Jerosch, Marianne  LG RWE Power    3.51.16  
3  Richter, Susanne  Bielefeld  3.55.07 

62 Finisher

12
 
 

Informationen: Moormarathon
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