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Laufberichte

Voller Vorgeschmack

26.06.10

Nach dem Überqueren der Brücke habe ich das Gefühl als würden meine Füße so an dem kurzen Stück Asphalt kleben wie die Zunge an meinem Gaumen. Die verschiedenen von den Zuschauern zugerufenen und nicht übereinstimmenden Distanzangaben bezüglich der kommenden Verpflegungsstelle verdoppeln jeden Meter nochmals zusätzlich.

Endlich ist die Erlösung vor mir. Zuerst schütte ich alles Greifbare in mich hinein, dann quäle ich mich mit kleinen, ungeschälten Bananenstücken ab, welche ich mit dem persönlichen Trinkbecher in der einen, der Kamera in der anderen Hand, kaum futtern kann. Bevor ich die letzten elf Kilometer in Angriff nehme, fülle ich die Trinkblase, vielmehr lasse sie füllen. Freundliche Helfer stehen dafür bereit und sind mit ihrem grossen Wassertank und mehreren daran angebrachten Auslässen dafür bestens gerüstet.

Zweiter Anstieg und Ziel

Die Klänge der stilecht gekleideten Dixieland Band bringen meine Körperfasern wieder in die richtigen Schwingungen für die folgenden 920 Höhenmeter. Der Weg führt dem Sonnenhang der rechten Talseite entlang durch den Nadelwald und ist immer wieder mit kurzen Gefällstrecken durchsetzt. Die Wärme in der Luft entfaltet den Duft des Bergwaldes in besonderer Intensität. Die Tannennadeln, Harz, Holz, Heidelbeersträucher und weitere Noten, die das einzigartige Bouquet ausmachen, drängen sich in meine Nasen und scheinen sich im ganzen Körper auszubreiten. Erinnerungen werden geweckt, an Kindertage in den Bergen, Ferien für weniger Wohlhabende, während die Kollegen mit ihren Familien in den Süden ans Meer fuhren. Erinnerungen, welche ich um keinen Preis missen möchte. Wenn Heimat einen Geruch hat, sauge ich jetzt denjenigen meiner Heimat ein. Hier könnte ich noch lange verweilen. Einerseits. Andererseits entbehrt der Gedanke, dass ich mich auf dem vierten Viertel des Marathons befinde, das Gefühl von großer Traurigkeit.

Obwohl die Bäume ein bisschen Schatten spenden, schlägt die Hitze brutal auf das Leistungsvermögen. Immer wieder sitzt ein Teilnehmer am Wegrand und nimmt eine Verschnaufpause. Richtig sengend wird die Sonne an den Stellen, wo der Wald verlassen und  Geröllfelder gequert werden. Bei einer Bachquerung verlassen viele die Brücke und suchen Abkühlung im frischen Bergwasser.

Als die Steigung wieder merklich zunimmt  frage ich mich, ob es bloß die Hitze ist, die mich so bremst. An einer schattigen Stelle halte ich und verweile einen Moment, etwas was ich sonst nicht brauche. „Moment mal, wie war das mit den Warnzeichen in Sachen Batterieladung?“, frage ich mich und entschließe mich unter den letzten Bäumen vor der Waldgrenze zu einem weiteren Halt. Ein frischer Wind kühlt mich etwas, während ich meine Notreserve Energiegel aus dem Rucksack klaube. Noch nie hat mir das klebrige Zeug so lecker geschmeckt. 

Neu gestärkt und von der  auffrischenden Brise beflügelt mache ich mich wieder auf und vernehme von einem Zuschauer die frohe Kunde, dass in einem Kilometer Entfernung der nächste Verpflegungsposten auf uns wartet. Auf der Terrasse von La Flégère ist es so weit. Mit genügend Kühlmittel intus und neu gefüllter Trinkblase geht es mit Blickkontakt zum Ziel auf die letzten fünf Kilometer. Keiner von denen in der lockeren Kolonne vor und hinter mir macht den Eindruck, als wäre er nicht auch am Kämpfen. Irgendwie beruhigt mich das in Bezug auf meine eigene Verfassung, denn es bestätigt mir, dass ich die Kräfte in einem vertretbaren Rahmen eingeteilt habe. Geradeaus und auf Gefällstrecken kann ich traben, die Steigungen immer noch mit strammem Schritt hochgehen. Der Schatten ist ziemlich spärlich und fehlt gegen Ende gänzlich. Für etwas Ablenkung sorgt der Helikopter, welcher bei der letzten Gefällstrecke nahe zu uns kommt und einem Kameramann einen guten Blick auf uns Mittelfeldkämpfer ermöglicht. Mir gefällt der Gedanke, dass auch jene Teilnehmer für die Berichterstattung von Interesse sind, die fast drei Stunden nach dem Sieger ins Ziel kommen.

Der letzte Anstieg ist eine mentale Angelegenheit. Die Menschenmenge beim Ziel scheint so nahe – aber so weit über mir. Immerhin säumen viele Zuschauer bis weit hinunter die Straße und loben für das Geleistete und ermutigen für den kurzen aber happigen Rest. Überhaupt wird mir die Rolle der Zuschauer in besonders guter Erinnerung bleiben. Was habe ich mir sonst bei Bergläufen schon an dummen Sprüchen anhören müssen: „Warum nimmst du nicht die Seilbahn?“, „Abwärts ginge es einfacher!“, „Komm, gib alles!“. Nichts dergleichen am Mont Blanc. Ist es die Ehrfurcht vor der Bezwingung dieser Majestät und das Wissen, welchen Trainingsaufwand ein solches Unterfangen erfordert, welche in seinem Bann keine unüberlegten Biertischsprüche über die Lippen kommen lassen? Bravo, courage, très bien, allez und super waren die meist gehörten Anfeuerungen. Den Läufern wird Respekt entgegengebracht und auch nach 750 Läufern wird der Name gerufen und herzlich applaudiert, wie wenn man an der Spitze mittun würde. Die Anerkennung der vielen Zuschauer und früher angekommenen Läufer beim Zieleinlauf ist ein reichlicher Lohn für das Geleistete. Eine weitere ist die Medaille, die mir ein junger Helfer umhängt.

Service nach dem Lauf

Im Verpflegungszelt gibt es nebst dem bekannten Angebot sogar Bier einer örtlichen Kleinstbrauerei. Gerne hätte ich es gekostet, doch nach dieser Hitzeschlacht und vor einer langen Heimfahrt verzichte ich darauf. Spätestens nach dem UTMB genehmige ich mir eines.

Die Rückgabe der Kleiderbeutel ist gleich neben der Bergstation der Gondelbahn auf Planpraz und bestens organisiert. Für diesen und alle weiteren gebotenen Services muss nur die Startnummer vorgewiesen werden. In einer Gruppe salzverkrusteter, verschwitzter und müder Läufer lasse ich mich in der Gondel ins Tal hinunterschaukeln und muss dort nur dem Wegweiser zum Busdienst folgen, der uns ins Centre Sportif zu den Duschen bringt. Im langen Gang zu den Duschen in den Katakomben des Sportzentrums fällt mir auf, dass kaum einer beim Gehen eiert. Der Eindruck hat mich nicht getäuscht: Wer diesen Marathon auf dem Programm hat, ist nicht nur gut ausgerüstet, sondern auch gut vorbereitet.

Gegen Vorweisung der Startnummer gibt es Einlass zum großen Buffet, an welchem eine reiche Auswahl an Salaten, kaltem Fleisch, Früchten und Nachspeisen angeboten wird. À la française wird nebst Wasser und Eistee auch Wein und Bier kredenzt. Am liebsten würde ich noch länger in Chamonix verweilen und diesen Genuss langsam ausklingen lassen, doch mein Terminplan sieht anderes vor.
Mit dem Fernziel UTMB 2011 vor Augen fällt mir der Abschied von der Hauptstadt des Alpinsports einfacher, zudem macht dieser Vorgeschmack noch mehr Appetit auf jenes Vorhaben. Mit einem zusätzlichen Kick für die nächste Etappe auf dem Weg dorthin, den Trail Verbier Saint Bernard, und unauslöschlichen Bildern im Kopf mache ich mich auf den Heimweg.

Marathonsieger

Männer

1 Nicolas PIANET   FR Lons Athletique Club  03:56:57
2 David PASQUIO    FR Team Salomon  03:57:54
3 Charles DUBOULOZ  FR Team 42,195   04:00:44

Frauen

1 Maud GIRAUD   FR Volgan Team Asics  04:41:40
2 Isabelle JAUSSAUD   FR Mizuno Gap Trail Nature  04:54:07
3 Michelle LESERVOISIER   FR Jogg’Attitude   05:13:00 

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Informationen: Marathon du Mont Blanc
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