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Laufberichte

Ein Wochenende an der Côte d‘Azur

 

Einen lang gehegten Wunsch für eine Marathonreise kann ich mir dieses Jahr erfüllen. Der Marathon des Alpes-Maritimes Nice-Cannes steht auf Judiths und meinem Programm.

Und so fliegen wir über verschneite Alpengipfel nach Süden. Der Anflug auf den im Meer angelegten Flughafen von Nizza ist recht spektakulär. Ich sitze auf der rechten Seite und habe im Landeanflug einen wunderbaren Blick auf die mit 350 000 Einwohnern fünftgrößte Stadt Frankreichs. Besonders viel ist am Flughafen nicht los. Die klassische Ferienzeit ist vorbei, die vielen Schilder in chinesischer Schrift wirken sinnlos.

Mit der Straßenbahn fahren wir den Weg zurück in die Stadt. Für 1,50 €. Die Tram kommt ohne Oberleitung aus. Die sogenannten Supercups werden an jeder Haltestelle für 20 Sekunden nachgeladen. Wir beschließen, gleich bei der Marathonmesse vorbeizuschauen. Die befindet sich im Hyatt Regency Hotel Palais Méditerranée an der berühmten Uferstraße “Promenade des Anglais”.
Dort ist der große Saal für die Startnummernausgabe und Messe reserviert. Am Eingang findet die Corona-QR-Code-Kontrolle statt. Gut, dass man sich in der EU auf ein Format geeinigt hat, sodass der deutsche Code aus der Corona Warn App hier ohne Probleme gelesen werden kann. Zusätzlich zu Startnummer und Kleiderbeutel gibt es ein schönes Laufhemd.

 

 

Als wir das Gebäude verlassen, hat sich draußen schon eine lange Schlange gebildet, Glück gehabt.Je weiter wir ins Stadtzentrum kommen, desto mehr Menschen sind unterwegs. Vor den Restaurants sitzt man unter Markisen und vielen Wärmestrahlern. Nach dem üblichen Nudelgericht geht es früh ins Bett, da der Wecker auf 5:30 Uhr gestellt ist.

Start ist um 8:00 Uhr und die Fahrzeuge für den Taschentransport nach Cannes sollen sich um 7:45 Uhr in Bewegung setzen.  Als wir das Hotel verlassen, ist es noch stockdunkel. Vor den LKW auf der weihnachtlich geschmückten Place Masséna eine riesige Menschenmenge. Es gibt es nur einen Eingang, und der darf lediglich nach Kontrollen passiert werden. Während wir anstehen, wird die Menge immer größer. Nervöse Teilnehmer schieben sich von der Seite in die Schlange hinein. Wir kommen nicht voran.

Inzwischen ist es 7:30 Uhr. Hinter uns macht ein Franzose seinem Unmut Luft und schimpft “Quel bordel!”, was nicht auf ein einschlägiges Etablissement hinweist, sondern so viel bedeutet wie “Was für ein Durcheinander”. Endlich kommen wir zu unserem LKW und können die Taschen abgeben. Nun schnell zur nahen Küstenpromenade. Die Wege zu den Blöcken sind gut ausgeschildert. Rechts vom Cap Ferrat geht gerade die Sonne auf, eine fantastische Stimmung.

 

 

Der Ansager beschallt die des Französischen Kundigen mit Informationen. Grußworte der Bürgermeister aus den an der Strecke gelegenen Gemeinden folgen. Die Ortsnamen verstehe ich. Dann passiert irgendwie nichts. 8:00 Uhr. Judith meint, dass die Blöcke vielleicht zeitversetzt starten. So ist es: Um 8:10 Uhr bewegen wir uns nach vorne und kurz darauf geht es über die Startlinie.

Das ist schon wunderbar mit der palmengesäumten Allee und den prächtigen Hotelbauten, die im goldgelben Licht der Sonne glänzen. Viele Zuschauer feuern uns an. Auf den vier Spuren bleibt jedem genug Platz, sein Tempo zu finden. Mit uns sind auch 20-km-LäuferInnen, Dual-Marathonis und Staffeln unterwegs. Bei den Staffeln können drei bis sechs Personen mitmachen. Die kürzeste Strecke beträgt 3 Kilometer.

 

 

Bald erreichen wir den Parc Phoenix mit seinen zwitschernden Vögeln, Kängurus und tropischen Pflanzen, dann sind wir auf Höhe des Flughafens. Eine Musikgruppe macht Stimmung. Ein Straßenschild verkündet das Ende von “Nissa”, wie Nizza auf Okzitanisch heißt, einer in Südfrankreich und Katalonien noch gelegentlich gesprochenen Sprache. Es geht über den Fluss Le Var. Ein Blick zurück gibt die Sicht  frei auf die schneebedeckten Gipfel der Seealpen. Wir kommen nach Saint-Laurent-du-Var. Und auch dort warten einige Anwohner schon auf uns. Die ersten VPs haben wir nun schon passiert. Die gibt es recht häufig, auf beiden Seiten des Laufwegs und gut beschildert. Die größeren haben auch Bananen, Orangenstücke, Kuchen und Schokolade im Angebot. Iso-Getränke gibt es später meist am ersten Stand.

Vorbei am Hippodrome de la Côte d’Azur. Die Rennbahn ist kenntlich gemacht durch die Skulptur eines Pferdes, das gerade einen Betonblock durchbricht. Das nächste Highlight erwartet uns bald danach: Vor uns bauen sich weiß leuchtende Hochhäuser auf. Der pyramidenähnliche Komplex “Marina Baie des Anges” ist von der Optik her sicher nicht jedermanns Sache, aber mal ein Unterschied zum Häuserallerlei, das man sonst am Meer so vorfindet. Der Komplex entwickelte sich seit dem Baubeginn 1969 zu einem Wahrzeichen der Gegend. Und die Einfamilienhäuser gibt es nun nach einer kleinen Schleife zu sehen. Nicht wirklich viel los hier. Einige Häuser sind anscheinend nur im Sommer bewohnt.

 

 

Wir kommen wieder zum Meer und zu der Trommelgruppe, die hier am Anfang der Schleife strategisch gut steht. Der erste leichte Anstieg erwartet uns kurz danach. Es geht hinter dem langen Hochhausblock vorbei. An einer großen Europafahne treffen sich hier drei Laufstrecken. Kurz danach geht es daher wieder zurück.

Judith und ich liegen noch gut im Feld. Die 4-Stunden-Pacer kommen gerade vom Meer hoch. Um den langen Block herum geht es nun auf die Sonnenseite des Bauwerks. Ein kleiner Hafen samt Promenade. In den Cafés sitzt man beim petit déjeuner in der Sonne. Der Laufweg ist hier relativ schmal  und der Boden durch die Wurzeln der Mittelmeerpinien recht wellig. Da heißt es aufpassen. Durch ein großes Tor geht es weiter und bei der Europafahne sehen wir Sportler, die drei Kilometer hinter uns sind. Kurz vor km 19 die Trennung von den 20ern. Die müssen wenden und zurück Richtung Ziel. Zwei schnurgerade Kilometer am Kiesstrand entlang. Rechts von uns die Eisenbahn. Ich nehme mir die Zeit für einen Blick zurück, auf Hochhäuser und die schneebedeckte Alpen. Hinter der Bahn liegt das Marineland, ein Freizeitpark mit Orcas, Delphinen und Seehunden.

Nach dem Halbmarathon-Bogen wird es wieder spannender: Links ein Denkmal, dahinter das Fort Carré aus dem 16. Jahrhundert. Es ist auch bekannt aus dem James-Bond-Film “Sag niemals nie”. Ich freue mich auf Antibes. Da soll es eine schöne Altstadt geben. Am Hafen entlang laufen wir auf ein Tor in der Stadtmauer zu. Leider drehen wir hinter dem Tor sofort nach links, das wird wohl nichts mit dem historischen Zentrum. Steil nach oben führt der Weg auf die Stadtmauer. Dieser folgen wir nun ein kurzes Stück, bevor es zu einem schönen Strand hinunter geht.

Es folgt ein landschaftlich ansprechendes Stück auf dem Cap d´Antibes. Immer an der Felsenküste entlang. Knorrige Pinienwälder säumen die Straße. Wer hier ein Anwesen besitzt, gehört nicht zu den Ärmsten. Erst der Blick auf das Luftbild zeigt riesige Villen mit noch größeren Parkanlagen. Wir sehen davon im Vorbeilaufen meist nur monumentale Zufahrtstore und hohe Mauern. Die größten Anwesen liegen am äußersten Ende des Kaps, samt privatem Meerzugang, sodass wir nun vom Meer Abschied nehmen und ins Landesinnere laufen, quasi einen Teil der Halbinsel abschneiden,  verbunden mit einem ziemlichen Höhengewinn. Einige Zuschauer machen uns durch ihre Anfeuerungen Beine. “Villa Vogue” steht an einem Tor. Ich habe mich von Judith ein Stück abgesetzt, habe einen guten Tag erwischt.

 

 

Das berühmte Hôtel du Cap Eden-Roc hat seine Tore geschlossen und liegt im Winterschlaf. Steil hinunter zur Westküste. Schon Kilometer 30, ein großer VP. Ich laufe ganz links an der kleinen Mauer am Meer und wundere mich über die nasse Straße. Nach der nächsten Welle weiß ich, wo das Wasser herkommt. Das Salz prickelt die nächsten Kilometer auf meinen Beinen. Eine große Bucht liegt vor uns. Wenn ich das so überschlage, wird das Ziel erst hinter dieser Bucht auf uns warten. Wieder ein paar Kilometer zwischen Strand und Eisenbahn. Viele Spaziergänger, interessanterweise stören keine Radfahrer, wie man es von italienischen Marathons kennt. Sehr schön. Und auch der Autoverkehr ist perfekt ausgesperrt, in der Ortschaften sind die Parkstreifen leer, aber meist gar nicht so gut zu laufen, da etwas unebener. Querstraßen sind mit LKW oder Bussen verrammelt. Ich sammle ganz langsam einige Mitstreiter ein. Das Fähnchen des 4:30-Pacers ist weit vor mir. Nach einiger Rechnerei muss ich davon ausgehen, dass er zu schnell unterwegs ist. Mal abwarten. Ich bleibe bei meinem Tempo.

Vallauris ist der nächste schöne Badeort. Hier scheinen sich die Bewohner das ganze Jahr über aufzuhalten, es ist jedenfalls viel los. Nach der Ortschaft kommt der befürchtete zweite Anstieg, auf der Höhenkurve nicht so hoch angegeben wie der Anstieg 10 Kilometer zuvor. Ich schiebe mich langsam am 4:30er-Grüppchen vorbei. Nur nicht zu viel Energie verschwenden. Eine Läuferin möchte sich partout nicht überholen lassen. Da wir beide die Ideallinie bevorzugen und wohl auch gleich stur sind, ziehen wir nun Schulter an Schulter an anderen Mitstreitern vorbei. Noch bin ich zuversichtlich, dass sich dieser nervende Zustand bald auflösen wird. Als es nach einem Kilometer bergab geht, kann ich die Begleiterin abschütteln..

Die Trommelgruppen sind öfter afrikanischen oder arabischen Ursprungs. Kilometer 39, noch mal kurz was trinken. Wir sind auf Meereshöhe. Ich habe noch eine Minute gutmachen können. Blöd, dass es gefühlt bergauf geht. Aber der Weg liegt knapp über dem Meer. Muss wohl der Hammermann sein, der eine Steigung vortäuscht. Aber es sind nur noch 2 Kilometer. Die Entfernungsangaben bei diesem Lauf scheinen perfekt zu passen. Leider übersehe ich gelegentlich eine Tafel.

Nur noch weniger als ein Kilometer. Eine Rechtskurve um einen Häuserblock. Eine sehr steife Brise kommt uns entgegen und zwingt so manchen zum Gehen, Ich lege mich nach vorne. Unglaubliche Kräfte zerren an mir. Ich hoffe, dass die folgende Linkskurve irgendwie Linderung bringt und so ist es auch. Die Zuschauer werden mehr. Noch fünfhundert Meter. Ein Spalier von begeisterten Franzosen geleitet uns zum Zielbogen. Ich bin sehr glücklich, habe mal wieder eine 4:27 h geschafft.

 

 

Ich warte auf Judith, die bald eintrifft. Der Nachzielbereich ist recht lang gestreckt, gut gesichert durch hohe Zäune. Die schöne, große Medaille enthält keine Jahreszahl. Es war der 13. Cote d’Azur Marathon. Und die “06” auf der Medaille steht für das veranstaltende Département des Alpes-Maritimes. Die Nummer findet sich auch auf den Autokennzeichen. Der Mitläufer im Rooney-Trikot, offenbar aus dem Brexit-Land, schießt gleich mal Fotos vom frisch renovierten Carlton Hotel

Dann gibt es noch einen schönen Finisher-Sportbeutel, der gleich mit Banane, Wasser, Riegel und einer Tüte Haribo gefüllt wird. Ein gutes Stück weiter stehen die LKW mit den Kleiderbeuteln und ein Massagezelt. Wir ziehen uns mangels Garderobe gleich neben dem LKW um und machen uns dann auf zum Sightseeing in der Altstadt von Cannes. Auf dem Weihnachtsmarkt herrscht Hochbetrieb und am schönen Sandstrand tummeln sich ein paar Verwegene im Wasser. Das ist laut Wetterbericht mit 17 Grad immerhin wärmer als die Luft. Uns treibt der kalte Wind bald zum Bahnhof. Die Rückfahrt mit Zug oder Bus konnte vorab gebucht werden. Auch eine morgendliche Hinfahrt war verfügbar.

 

 

Wir bleiben noch zwei Tage in Nizza. spazieren viel herum. Wer das Ausgefallene liebt, kann mit dem Stadtbus in den zweitkleinsten Staat der Welt fahren. Aufgepasst: In Monaco gelten die EU-Handytarife nicht. Die Benutzung des Handys wird dort richtig teuer.

Judith und ich sind mit dem 15er Bus zum Cap Ferrat gefahren und an der Küste zurück spaziert, bis ins beschauliche und windgeschützte Villefranche-sur-Mer. Auch viele Museen in Nizza warten auf einen Besuch. Die Tenda-Bahn, eine Schmalspurbahn Richtung Turin, ist mit ihren vielen Tunnels und Brücken sicher auch eine Fahrt wert.

Für mich hat sich der Ausflug an die Côte d‘Azur gelohnt. Die Marathonstrecke ist abwechslungsreich und ziemlich schnell, wenigstens bei Windstille.

Sieger
1 02:11:21 ONCHARI ENOCK 
2 02:13:17 NGENO DOMINIC 
3 02:17:59 VINCENT GERALD 

Siegerinnen
1 02:56:24 AMANN CLAIRE  Team Nissa Triathlon Facebook
2 02:56:46 DANIELO ELISABETH 
3 02:58:52 LANGE BERTEAUX LENA STADE FRANCAIS (PARIS)

 

Informationen: Marathon des Alpes Maritimes Nizza-Cannes
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