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Laufberichte

UnkapKUTbar

26.05.12
Autor: Joe Kelbel

Km 24, wir sind wieder am Startort, dem Sportlerheim. Man könnte sich jetzt heimlich ein Schnitzel aus dem Kofferraum holen, doch Gabi heisst nicht nur Werwolf. Jeder erwartet spezielle Getränke, die ich nun aus meinem Depot krame, doch auch ich bin nur ein Mensch.

Oberhalb Reichweiler ist der Hellerberg mit seinem markanten Steinbruch . Der Wortstamm „Hell“ deutet es an: Vulkanismus. Allerdings aus der Zeit, als Reichweiler auf dem Äquator und dem Superkontinent Pangäa lag.   Millionen Jahre lang hinterließen Mineralien, die durch einsickerndes Wasser abgelagert wurden, wundervolle Kristallgebilde. In den vulkanischen Blasenhohlräumen entstanden die sogenannten Drusen, in denen Achate, Zeolithe, Geothite, Rauchquarze und prächtige Amethyste entsanden. Der Amethyst ist der Schutzstein der Weintrinker. Darüber habe ich in meinem Artikel über den Marathon du Vignoble Alsace geschrieben, der nächstes Wochenende stattfindet. 

Seit dem 14.Jahrhundert wird am Hellerberg gegraben. Die Funde gehen ins nahe  Idar -Oberstein zur Weiterverarbeitung. An der Laufstrecke sitzt ein Strahler. So werden tatsächlich die Edelsteinsucher wegen ihres eventuellen Gesichstausdruckes genannt. Oft schaue ich Anglern in die Eimer, was sie gefangen haben, aber dieser Mann verteidigt seine Eimer und sagt, er wäre gerade erst angekommen. Ein zwei Meter langes Brecheisen zeugt davon, dass er schon auf größere Funde aus ist.

Die Abraumhalden, über die wir nun laufen, schmerzen in den Fußsohlen. Drei Tage Salzwasser beim Costa Brava Xtrem Run haben die Haut unter meinen Füssen zerfressen, sie hängt in Fetzen und bietet keinen besonderen Schutz mehr.

Ein alter Reifen hängt im Auswurfschacht der Edelsteinschleiferei. Etwa 1875 wurde die Schleiferei stillgelegt, als nach dem gewonnenen Krieg Importe von besseren Edelsteinen aus Brasilien direkt nach Idar-Oberstein möglich wurden.

Es ist unvorstellbar schwierig, über diese verwachsenen, uralten Abraumhalden zu laufen. Es wird auch kaum ein Läufer wissen, dass diese kugelrunden Dinger, über die wir stolpern, ein Vermögen enthalten könnten. Ich habe über 3 kg auf dem Rücken, ich kann nicht mehr tragen, bin auch kein Strahler, denn längst hinterlässt diese Laufstrecke schmerzliche Falten in meinem Gesicht.

An einem Seil geht es hinauf auf mittelalterliche Steinbrüche. Damals hatte man eine ringförmige Abbaumethoden, natürlich damals ohne Sprengungen vorgenommen. Übriggeblieben sind terrassenförmige steile Berge auf die uns nun Eric hochscheucht. In den Jahrhunderten hat die Verwitterung ein brutales, steiles  Staubparadies, durchwachsen von Ursprungsfelsen hinterlassen. Eigentlich würde nie ein Mensch auf die Idee kommen, hier hochzulaufen, und dazu versperrt alte Pioniervegetation ein Weiterkommen.

Hatte ich letzte Jahr meine helle Freude über Eric´s Streckenführung, so gehe ich heute mit einer stoischen Ruhe an die Sache ran. Mich kann nicht´s mehr schocken. Meine Mitläufer trainieren noch für die großen Läufe im Sommer in den Alpen, ich fühle mich längst fit dafür.
Aufgeben ist keine Option, weil ich noch nicht am Ziel bin.

Gedanken gehen zu den Achaten, die von hier aus in weite Teile Europas exportiert wurden. Es waren Göttersteine, glatt und farbig, entstanden in Millionen von Jahren. Über die Deutsche Hanse kamen die Steine bis in den Ostseeraum. Und nun kommen die Läufer von dort,  um hier zu laufen.

Vilmars ist aus Riga. Als er etwa bei km 60 schwächelt, und ich ihn überholen kann, bin ich der Meinung, ihn nie wiederzusehen. Doch er wird mir am Ende 1 Std abnehmen.  So ist ein Extrem-Ultralauf: Du musst mit Allem rechnen.

Ich habe Fotos mit 7 Megapixeln geschossen, und du erkennst nichts. Da war ja auch nichts, aber wir sind da durch. Ich hätte 70 Megapixel aufgebracht, um Euch eine Vorstellung über die Bodenbeschaffenheit dieses Trails liefern zu können, aber dennoch würdet Ihr nur grün-schwarz und ein paar Ameisen sehen. Fette Ameisen, die knacken wenn man drauftritt. Je mehr Ameisen man „knackt“, desto mehr  Verwandte kratzen dann die Reste weg, weswegen der Läufer im hinteren Feld mehr Spass hat, vor allem der mit dem Nike-Free, Größe 14. Jeder Schritt bietet nun ein knackendes Erfolgserlebnis.

Irgendwann bei km 39 sind wir  auf dem Keufelskopf, der einfach so heisst weil er so ist. Als ich das Hinweisschild für den Kreml entdecke, weiss ich, dass ich noch einen weiten Weg vor mir habe.

Lebensgefahr! Ein Maisfeld mit Lebensgefahr. Wenn ich in  den Film über den Transeuropalauf gehe, werde ich kein Popcorn kaufen.

„Beware of the Chair“, wie habe ich mir das Schild herbeigezittert! Als hätten Ultraläufer Angst vor drei Kisten Discountbier und einem Plastikstuhl.

Dirk wartet, bis ich zwei isotonische Getränke verdrückt habe. Kulinarisch auch ziemliche Herausforderung, zumal wir bei 25 Grad angekommen sind. Kilometerweit kann ich Dirk ziehen, aber irgendwann bricht bei mir der Windhund durch, es tut gut nach unendlichen Kilometern jemanden anhängen zu können. Trotzdem ist Dirk angekommen, voller Respekt!

„Hier schoß Förster Gottfried Ungeheuer einen starken Keiler am 18. XII 1898“  so steht es auf dem Ungeheuerstein, und dann komme ich am Kontrollpunkt km 56 an. Einige Läufer warten auf den Kriegsversehrtenrücktransport. Auch Rainer ist dabei. Er hat Knie. Ich sage ihm, dass es unmenschlich wäre, jedes Wochende Ultra zu laufen, aber was soll er machen, wenn jede Läuferzeitschrift vor mehr als zwei Marathons im Jahr warnt?

Ich muss dann das Lazarett auch irgendwann verlassen, bleibe aber mit der Frage allein, was sie Kennzeichnung K.A.T. F. auf der halbvollen Flasche von Jochen Kruse uns zu sagen hat. Ich vermute es heisst: „Kein Arsch Tarf Filzen“.

Jaja, das Leben geht weiter, nach den frischen Kälbern auf der Weide kommen uralte Hügelgräber aus der Frühsteinzeit  und eine brandneue Treppe, die für das Wohnzimer geeignet wäre. Joachim ruht sich aus, und wird mir trotzdem noch 45 Minuten abnehmen, und das auf den letzten 20 Kilometern.

So ist es beim KUT. Seile, Ketten und Wege, die  aus gebrochenen Basaltgestein der mittelalterlichen Bergleute bestehen, fordern ihren Tribut. Leidensgenossenschaft, die seit Stunden zusammenhängt löst sich unweigerlich auf.  Mag es sein, dass meine Fotos suggerieren, dass  bestimmte  Läufer  immer zusammenhängen, dabei liegen da Stunden dazwischen. Stunden,  Kilometer und Qualen, auf denen ich mich oft verirrt habe. Sieben Mal, mindestens hat es mich vom Weg abgetrieben, und dann läuft man freudestrahlend dem ersten Mitläufer entgegen.

Ich erinnere mich, dass auf einer nassen, geilgrünen, licht durchfluteten Lichtung  riesige Insekten mit unglaublichem Lustbrummen mir ihre Paarungsbereitschaft aufdrängen, ich aber ignorierenderweise meine brutale Laufstrecke weiterverfolge, ohne zu ahnen, dass mehr oder weniger paarungsbereite Mitläufer/Mitläuferinnen  meinem kilometerweiten Irrweg folgen würden. 

Ich kenne da keine Promisse, oder wie sowas genannt wird. Ich kehre spätestens nach 50 Kilometern um, ohne zu  diskutieren, ob hinter der nächsten Lichtung ein Flatterband erscheint, oder nicht. Manchen Läufern erscheint in solchen Situationen der Yeti, vielleicht bessere Alternive zu fetten Lustbrummern. Lieber durchYeties als durch ne Horde Lustbrummer zu laufen. So ein aggressiver Fortpflanzungstrieb der Kleinstlebewesen kann einem den Ultralauf schon sehr vermiesen.

Interessant finde ich die großen Stauden der Tollkirsche. Bin auch irgendwie im Nebel, als ich bei km 71,5 den Kontrollpunkt erreiche.  Wieder treffe ich auf zahlreiche Leichen. Sicherlich bin ich stolz, nach dem gesamten Programm noch fit genug zu sein, diesen Lauf durchzustehen, habe aber allergrößten Respekt, wenn Läufer hier an diesem Punkt aufgeben. Ich glaube, es gehört dazu viel Mut und Willenskraft.

Die schroffen Abraumhalden sind biologische Highlights. Ich muss zugeben, ich habe sie mit meinem biologischem Abraum dekoriert. Mein gewaltiges Röhren lässt den Wald, potente Hirsche und nachfolgende Läufer erzittern. Mag sein, dass mein Magen langsam mein unmenschliches Laufprogramm unterwandert. Mir egal, Mägen sind kolossal überbewertet.  Der Fischreiher gibt bei Gefahr alles von sich, um augenblicklich  losfliegen zu können. Daher der Ausdruck „Reihern“. Und nun fliege ich los.

Dann liegen wieder Seile auf der Laufstrecke und  Stacheldraht, dessen Bekanntschaft ich letztes Jahr gemacht habe. Kennzeichen des KUT ist, dass Eric keine Gnade kennt. Habe ich noch letztes Jahr gelacht, so bin ich nun den Tränen nahe, als vor mir wieder so ein schmerzenverachtendes Seil liegt. Tränen aus Freude natürlich, weil ich mittelalterliche Abraumhalden so liebe.

Auf den letzten drei Kilometern wird an Grausamkeiten geboten, dass sich die Laufsohlen nach oben biegen. Ein lieblicher Steinbruch ist schön, oder Eric leitet zum Anlaß seines x-ten Geburtstages seine Ultraläufer über Steine, die seit Jahrhunderten kein Mensch mehr betreten hat. Es ist müßig, mit Worten den KUT zu beschreiben, weil Worte nicht ausreichend sind.

Bei km 84,7 komme ich endlich in eine angenehme Welt. Schon voher hatte ich „Final Countdown“ gehört, welches nicht vom Zielbereich, sondern von Fußballplatz kommt.  Jugendliche Reichweiler hängen hier in den Bäumen und  zwischen Leergutmengen, geben diesem Naturplateau eine gemütliche Stimmung. Ich frage, was gefeiert wird: „Pink-Schtää“- „Pink-Schtää!“

Offensichtlich scheint es sich um eine Popsängerin zu handeln, die hier mit geistlichen Getränken gefeiert wird. Einheimische behaupten später, es sei ein kirchliches Fest.

Meine Getränkebehältnisse  ordne ich mit gekonntem Wurf dem Leergut unter und mache mich auf den weiteren Weg Richtung Ziel. Lars nutzt  meine  Schwäche aus, zieht grußlos vorbei, spekuliert offensichtlich auf Zielverpflegung.

„Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.“  Die Pink-Schtää-Fans machen passende Mukke, als ich am Haus von Eric mit der großen Beschwerdebox vorbeilaufe.

Ich habe keine Beschwerden, es schmerzt nichts, bin leicht müde und Eric unheimlich dankbar, er ist ein guter Trainer. Es hat wieder fantastisch Spass gemacht. Wenn Eric von Jahr zu Jahr aufrüstet und ein bisschen mehr bietet, dann halte ich mit, noch. Eines sag ich dir, Eric: Egal was Du Dir für nächstes Jahr ausdenkst...ich werde es laufen! Ich bin unkapKUTbar!

 

 

 

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