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Laufberichte

Merhaba İstanbul

11.11.12

Als wir bei Kilometer 5,5 auf die Küstenstraße treffen, erleben wir die einzige Musikbeschallung des gesamten Marathons. Hier ist relativ viel los. Bei Kilometer 8 haben die ersten Läufer schon das Ziel erreicht. Vor mir verabschiedet sich ein Teilnehmer von seinen Freunden, bis ihm auffällt, dass er auch nicht weiter will. Also zurück und auf die andere Seite des Zauns.

Die riesige Masse der Läufer starten übrigens erst um 9:30. Uhr. Ein Lauf ohne Zeitnahme, für den sich 80.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an vielen Ständen im Stadtgebiet anmelden konnten. So hat jeder einmal die Möglichkeit, zu Fuß über die Bospours-Brücke zu „laufen“. Einige brauchen für die 8 km-Strecke drei Stunden.

Ich schreibe jetzt erst mal nicht von den ganzen Moscheen, die wir sehen werden. Wäre nett gewesen, die mal zu zählen. Ansonsten gibt es hier noch den wunderschönen Dolmabahçe-Palast  am Meer, 1843-1856 für 32 Pfund Sterling errichtet. Das waren die Kosten für das bedruckte Papiergeld. Der Wert des Papiers belief sich auf ein Viertel der Steuereinnahmen eines Jahres und brachte das osmanische Reich in ein ziemliches Finanzproblem, das, Allah sei Dank, inzwischen ja überwunden, nun aber im Nachbarland Griechenland akut ist.

Ich sehe bereits den zweiten Läufer mit Startnummer des New-York-Marathons auf dem Rücken: Er ist Deutscher und hat hier einen kostenlosen (!) Startplatz erhalten – als kleinen Ausgleich für das wegen Sturm „Sandy“ kurzfristig abgesagte Großereignis. Er wird sich an einer Sammelklage beteiligen, bei der es auch um die angefallenen Reisekosten gehen soll.

Links sind die Anlegestellen der großen Kreuzfahrtschiffe mit den Tagesbesuchern, die man an vielen Stellen der Stadt mit ihren Reiseleitern sieht. Rechts auf dem Hügel ist die bekannte Einkaufsstraße Istiklal Caddesi mit der historischen Straßenbahn, oft in deutschen Zeitungen abgebildet. Ein viel und gern fotografierter Besuchermagnet. Wäre doch auch mal was für deutsche Einkaufsstraßen? Am Ende des Hügels der Galata-Turm, der auf das Jahr 1348 zurückgeht.

Wir kommen zur zweigeschossigen Galata-Brücke, die im unteren Teil viele Fischlokale beherbergt und in der Mitte einen Klappmechanismus hat für den Fall, dass  mal ein größeres Schiff in das Goldene Horn fahren möchte. Ursprünglich 1912 von MAN errichtet, inzwischen von Thyssen neu gebaut. Oben stehen immer Angler dicht gedrängt und holen unermüdlich Fische aus dem Wasser. Die Marathonis scheinen für die Herren  nicht interessant zu sein. Nett ist auch ein Spaziergang im unteren Teil der Brücke. Dauernd werden zappelnde Fische nach oben gezogen.

Der Blick auf die Halbinsel der Altstadt ist wunderschön: Man sieht den Topkapi-Palast und die Blaue Moschee, das Ziel unseres Laufs. Vor uns liegt der Gewürzmarkt. Nach rechts geht es am Goldenen Horn entlang. Kurzweilig, da es einiges zu sehen gibt und auch einige Schlachtenbummler sich eingefunden haben. Darunter auch ein Schweizer mit Kuhglocke und roter Fahne. Entgegen kommen uns die schnellen 15-km-Läufer, deren Wendestelle bei Kilometer elf liegt. Für uns geht es noch bis zur Autobahnbrücke bei Kilometer 14 und dann wieder zurück. Vorher können wir noch einen Blick auf die Führungsgruppe des Marathons werfen. Hier gibt es auch die Sankt-Stefans-Kirche zu sehen, eine bulgarisch-orthodoxe Kirche, die aus 500 Tonnen Stahl in Wien vorgefertigt und 1896 hier montiert wurde.

Durch mein loses Mundwerk – ich mache immer lustige Bemerkungen - kommen wir mit einer jungen deutschen Läuferin ins Gespräch. Es ist ihr erster Marathon und sie ist gut gelaunt. Vor Kurzem hat sie ihren ersten Halbmarathon absolviert; bei der Zeit von 1:46 verspreche ich ihr ein Marathon-Resultat um die vier Stunden. Und ich prophezeie ihr noch einige interessante körperliche Erfahrungen...

Endlich auch mal türkische Spaßvögel: Vor einer Kneipe werden uns lautstark Zigaretten und Raki  (Schnaps)  angeboten. Andreas und sein Freund, beide aus Hamburg, grüßen mich und marathon4you und werden zur Belohnung abgelichtet…

Von Kilometer 18 bis 20 queren wir jetzt die Altstadt und müssen dazu erst mal wieder Höhenmeter hinter uns bringen. Die breite Straße führt auch durch die Ruinen einer Kirche auf den im 4. Jahrhundert gebauten Valens-Aquädukt zu. Viele Bewohner nutzen die Chance, auf der Gegenseite einen Sonntagsspaziergang zu machen. Uns Läufer beachten sie eher nicht. An einer Straßenunterführung sind wieder mehr Zuschauer. Ein Läufer lässt sich eine Zigarette geben. Es wird viel gelacht.

Jetzt sind wir also am Marmarameer und sehen auf der anderen Straßenseite die 37er Kilometermarkierung. Also 8.5 km hin und zurück. Die vierspurige Straße geht an der Stadtmauer entlang. Auf der Meeresseite gibt es schöne Parkanlagen. Eine belgische Damengruppe feuert uns an. Einer der wenigen türkischen Zuschauer ist total konsterniert, als ein Läufer über den Rasen zu einem Elektrohäuschen läuft, um dahinter ein Geschäft zu verrichten. Er fordert uns auf, ebenfalls Empörung zu zeigen.

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Informationen: Istanbul Marathon
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