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Laufberichte

Marathon Neuhaus: Kult, Folklore, Landschaft

08.05.10
Autor: Klaus Duwe

Euphorisiert und beklatscht von vielen Zuschauern rennen die Marathonis los. Merkt denn keiner, dass es nur bergauf geht? Der Rennsteig-Marathon hat deshalb 43,5 km, weil man von der anscheinend tiefsten Stelle des Ortes startet. Würde man oben von der Bahnhofstraße starten, wären es 42,195 km und man hätte eine kräftige Steigung weniger. Aber – es wäre nicht so schön. Lasst alles wie es ist, liebe Organisatoren. Hätten  alle Ossis ihre Produkte so erfolgreich in Gesamtdeutschland platzieren können wie Ihr Euren Rennsteiglauf, gäbe es einige Probleme weniger.

Die Menschen in Neuhaus wissen, wovon ich spreche. Seit dem 16. Jahrhundert wird hier Glas produziert. Zu DDR-Zeiten waren im hiesigen Röhrenwerk bis zu 3000 Menschen beschäftigt. Nach der Wende waren die Produkte nicht mehr konkurrenzfähig, das Werk wurde geschlossen. Heute gibt es in dem 5500-Einwohner-Städtchen noch viele mittlere und kleine Betriebe, die sich mit technischen Gläsern, Weihnachtsschmuck und Wohnaccessoires über Wasser halten. Ansonsten spielt der Tourismus eine große Rolle.

Sechs Kilometer läuft man auf der B 281 in Richtung Eisfeld. Das ist gut so, denn das große Läuferfeld muss sich verteilen, ehe es auf den Rennsteig geht. Rechts ist die Getränkestelle bei der Steinheider Hütte, dann ist der Rennsteigläufer in seinem Element. Der Weg ist zwar noch breit, aber steinig. Und dass es dauernd mal rauf, mal runter geht, sage ich jetzt einmal, dann nicht mehr. Denn es bleibt so, summa summarum 637 m bzw. 706 m. Nur manchmal ist es steil wie bei Limbach (km 8), dann geht man halt wie die meisten hier.

Bei km 11 kommt die erste Verpflegungsstelle. In einem Plan, den jeder Läufer erhält, ist aufgeführt, wo er was bekommt. Dabei muss er auf den legendären Schleim nur selten verzichten.  Ich habe an anderer Stelle schon ausführlich darüber geschrieben und bleibe dabei, dass die Bezeichnung das Schlimmste an der (für Wessis) ungewohnten Kraftnahrung ist. Mir schmeckt er heute sogar ausgesprochen gut. Liegt es am Geschmacks-Tuning mit Heidelbeeren oder habe ich einfach keine Vorbehalte mehr?

Gleich zwei Schmalzbrote greift sich ein Läufer und ich frage ihn, wann er das zum letzten Mal gegessen hat. „Letztes Jahr, hier beim Rennsteig“. Genau das meine ich. Überall macht der Läufer einen Bogen um Fett und überflüssige Kalorienbomben – beim Rennsteig ist alles erlaubt. Hey, macht Euch doch mal einen Spaß und fragt beim Berlin Marathon, wo es die Salamibrötchen gibt.

Vor lauter Futter wird der Dreistromstein ganz übersehen, obwohl er eine ganz ansehnliche Größe hat. Seit über 100 Jahren markiert er die Wasserscheide von Weser, Elbe und Rhein. Der Sockel ist aus den Steinen gemauert, die für den jeweiligen Fluss typisch sind: Quarz für den Rhein, Grauwacken für die Weser und Granit für die Elbe.

Weiter geht’s. Wir kommen zur Friedrichshöhe (km 13). Über die kleine Wohnsiedlung hinweg hat man einen sehr schönen Blick auf den Thüringer Wald. Eine Musikkapelle spielt auf - auch so ein Rennsteig-Phänomen. Während sonst die Landschaftsläufe ja fast ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, stehen hier bei jedem Haus oder jeder Kreuzung Leute an der Straße und feuern die Läufer an. Einer hat von ihnen bestimmt ein Musikinstrument dabei – wie der Bläser bei der Eisfelder Ausspanne (km 16).

Wir sind bereits voll im Anstieg auf den Eselsberg, mit  841 m der höchste Punkt der Strecke. Keine Angst, die Höhenmeter verteilen sich sehr moderat und die meisten kommen im Laufschritt hoch. Zuvor gibt es bei der Hohen Heide noch den Dreiherrenstein zu bestaunen. Es gibt auf dem Rennsteig über 1000 solcher Grenzsteine, teilweise gehen sie bis ins 15. Jahrhundert zurück. Viele sind wie dieser als Denkmal gekennzeichnet und geschützt. Dreiherrenstein heißt er, weil hier, wie auch an anderen Orten, die Grenze dreier Herzog- oder Fürstentümer zusammenstoßen. Ganz in der Nähe ist auch die Werraquelle.

Fast eben verläuft das letzte Stück zum Eselsberg (km 19) mit dem 33 m hohen Aussichtsturm, einem der Wahrzeichen des Rennsteiges und Motiv der diesjährigen Marathon-Medaille. Natürlich gibt es auch eine Gaststätte. Als Rennsteigläufer wird man aber mit allem Nötigen und noch viel mehr exklusiv versorgt. 

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Informationen: GutsMuths-Rennsteiglauf
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