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Laufberichte

Im (slow) Flow

05.08.12

Damit bei uns nicht das Umgekehrte passiert, wartet nach neun Kilometern und einem relativ kurzen Straßenstück vor der Ortschaft in Simplon Dorf ein Verpflegungsposten. Von hier aus gibt es bis zur Simplonpasshöhe moderate Anstiege. Bis auf ein paar hundert Meter ist es natürlicher Untergrund. Gras, Fels, Waldboden, einfach das, was das Laufen so schön macht. Dazu gibt es eine ganz seltene Ingredienz diesjähriger Bergläufe: Sonnenschein. Erst auf der Passhöhe mindern Wolkenschleier die Sonneneinstrahlung und verhüllen die umliegenden Gipfel.

Kein Hungerast soll uns den Blick verschleiern und bleiern in den Beinen liegen. Deshalb werden wir vor dem Aufstieg zum Bistinenpass nochmals bestens versorgt. Riegel, Salzgebäck, Orangen, Gel, Bouillon, Iso, Cola, Wasser. Was willst du mehr? Vermutlich gibt es auch das und ich sehe es in der Fülle der Auswahl gar nicht. Auf die Wichtigkeit, hier ausreichend zu verpflegen, hat Brigitte Wolf beim Briefing hingewiesen. Bis zum Bistinenpass und damit zur nächsten Verpflegung sind es sechs Kilometer, beileibe nicht flache.

Für den Temperaturhaushalt ist es ganz angenehm, dass die Wolken die Kraft der Sonne etwas zurückhalten. Der Gebirgspfad ist mein Ding. Nach gemütlich und zurückhaltend gelaufenen 17 Kilometern schiebe ich mal ein Brikett nach und schließe ein paar Lücken nach vorne. Einfach weil es Spaß macht. In diesem Jahr gibt es keine Schneefelder zu queren, womit ein Schreckensgespenst vieler Läufer schon mal weg ist.

Bis oben will ich mich mit höchstem Einsatz emporarbeiten. Das Rasseln des Atems, das Knirschen der Steinchen unter den Sohlen und das Klacken der kippenden Brocken bei Bachüberquerungen und das Murmeln des Wassers sind die einzigen Geräusche um mich herum. Wären die nicht, würde man hören, wie der Schweiß übers Gesicht rinnt und auf den Boden tropft.

Auf dem Bistinenpass löst sich das Rätsel auf, wie wohl das Wetter auf der Nordseite des Simplons ist. Bewölkung, aber klare Sicht in Richtung Berner Alpen; keine Spur von Niederschlägen, wie sie für den Nachmittag angekündigt sind und in Sachen Aussicht fast das volle Programm. Mir geht es einfach gut. Damit es unseren Lesern auch so gehen wird, muss ich nur den Akku der Kamera wechseln.

Hätte ich es nicht schon vorgehabt, dann würde ich den Entschluss gleich nach meinem Stolperer zu Beginn des Abstiegs fassen: Abwärts halte ich mich zurück. Ich bin so richtig im Flow, will aber nicht, dass daraus ein ungestümes Toben erwächst. Morgen würde ich dafür büßen, wenn ich heute meine Oberschenkel bis ans Limit belasten würde. Ich plätschere also hinunter ins Nanztal, wo es in Sachen Gefälle ganz schön heftig wird. Entgegenkommende Wanderer erscheinen tief unter mir, dabei sind sie nur wenige Meter von mir entfernt. Ich glaube nicht, dass jemand etwas dagegen hat, wenn ab  Niedristi Alp, einer idyllischen Talebene mit Verpflegungsposten, ohne Hangdruck und wieder flüssiger gelaufen werden kann.

Für die Hälfte des letzten Drittels ist dies der Fall. Der Weg führt durch üppige Vegetation entlang der Gamsa, überquert diese und bringt uns in einen herrlichen Nadelwald. Es entspräche der läuferischen Logik, dass ich der Einladung des weichen Bodens auf diesem herrlichen Waldpfad folgen und mich talabwärts treiben lassen würde. Was ist denn der Grund für mein antizyklisches Verhalten? Der Wald verströmt einen dermaßen intensiven Geruch, dem ich mich nicht entziehen kann. Ohne mit ihm in Berührung zu kommen, bleibe ich am Harz kleben. Seine Würze lässt mich innehalten und tief durchatmen. Es ist ein Wohlgeruch, der bis zum hintersten Lungenbläschen dringt. Ich schließe die Augen, lass es mir gutgehen und tanke die Kraft der Natur. Dass der Treibstoff Natur auch ganz anderes anrichten kann, wird auf den Abschnitten deutlich, wo fleißige Hände den Weg wieder hergerichtet haben, den Hangmuren weggewischt haben. Gegen Schratt zu bekomme ich Begleitung, die dann aber weiterzieht, da ich wieder einmal an einem Versorgungsposten hängenbleibe.

Ich lasse mir Zeit, plaudere mit den freundlichen Helfern, ohne mich von dem lieben Angebot  (es muss am knallorangen Shirt  und der damit entstandenen Verwechslung mit einem Reporterkollegen liegen) verleiten zu lassen, ins kühle Brunnenwasser zu greifen und eine Flasche Bier herauszufischen.  Wie lange ich bei diesen freundlichen Freiwilligen verweile? Keine Ahnung. Genau so wenig Ahnung habe ich von meiner bisherigen Laufzeit. Das Einzige, was mir an Einheiten bekannt ist, sind die verbleibenden Kilometer. Sieben an der Zahl, gespickt mit ein paar Rosinen der besonderen Art.

Zuerst einmal ein Singeltrail durch den Lärchenwald, dann auch ein Straßenabschnitt mit Steigung. Eigenartig ist, dass mir sonst alle Streckenteile kürzer vorkommen als in der Erinnerung, sich aber ausgerechnet dieser hinzieht wie Kaugummi. Die Sonne trägt sicher ihren Teil dazu bei, denn sie brennt da ganz ordentlich runter. Unten im Tal liegt Brig, weiter vorne am Hang ist unser Zielort Ried-Brig und dazwischen gibt es noch ein kleines Hindernis, eine Schlucht. Da müssen wir durch.

 
 

Informationen: Gondo Marathon
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