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Laufberichte

Warum im Dunkeln munkeln?

 

Vinelz hat aber auch ein Herz für weniger Bemittelte und einen großen öffentlich zugänglichen Strandbereich. Damit der nicht nur als Tagesausflügler genossen werden kann, gibt es auch noch drei Campingplätze. Wir pflügen uns da mitten durch, an Boule-Spielern vorbei und hinein in ein Waldstück am Ufer mit urigem Trail. Dass mich ausgerechnet da ein Hungerast befällt und mich von einem Moment auf den anderen sämtlicher Energie beraubt, finde ich nur mäßig lustig.  Doch Abhilfe ist – wenn auch noch nicht optisch – in Sicht. Beim Verlassen des Waldes geht es gleich scharf rechts und auf die Brücke über dem Bootshafen. In dem Moment donnert der Führende aus entgegengesetzter Richtung mit 10km Vorsprung  heran. Hier, auf der Verbindung zwischen Festland und Halbinsel ist die nächste Verpflegungsstelle eingerichtet. Wasser, Iso, Cola, Rivella, Orangen, Bananen, Riegel, Gel, Salzstangen – Herz was willst du mehr? Ich lasse mir Zeit und Karin ziehen. Doch das Futter entfaltet die Wirkung sofort und ich setze zur Verfolgung von Karin an und staune, wie viel Körner schon wieder zur Verfügung stehen.

Nach 19 Kilometern, in welchen wir kaum einen Menschen zu sehen bekommen, wird es ab hier anders. Es sind nicht nur die Läufer, die uns auf der Begegnungsstrecke entgegenkommen. Die Petersinsel ist ein beliebtes Ausflugsziel. Touristen, Einheimische, Eltern, die ihre Brut auspowern wollen, Hündeler (Schweizer Dialekt für Hundebesitzer), Krethi und Plethi gehen, laufen, walken, schlurfen und radeln auf der ungeteerten Straße, dem Heidenweg. Die Petersinsel steht zu weiten Teilen unter Naturschutz. Ein Naturlehrpfad zum Thema Riedland befindet sich auf halbem Weg zur Spitze der Halbinsel und nahe des Heidenwegs ist ein hölzerner Beobachtungsturm zu sehen, welcher eine schöne Aussicht über den Heidenweg und den oberen Bielersee und den Ornithologen einen interessanten Beobachtungsplatz bietet.

Nach etwa 4 Kilometern Begegnungsstrecke umlaufen wir im Uhrzeigersinn die langgestreckte Kuppe, welche der Insel aus der Distanz das Aussehen eines Walrückens gibt, der aus dem See ragt.

Nach der Umrundung der Inselspitze kommen die Rebberge in Sicht, in welchen in naturnahem Anbau Chasselas-, Chardonnay-  und Pinot Noir-Trauben wachsen, aus welchen mit starker Mengenbegrenzung Qualitätsweine  gekeltert werden.

Das alte Gasthaus geht zurück auf die im Jahre 1127 erstmals erstellte Klosteranlage der Cluniazenser Mönche,  welche im Mittelalter das Eiland bewohnten, nachdem es schon prähistorischer Siedlungsplatz und später römische Kultstätte gewesen war. Ihr Hauptpatron, der Apostel Petrus, ist denn auch Namensgeber der Insel. Im Jahre 1765 lebte hier Jean-Jacques Rousseau als Emigrant, ihm folgten Goethe, Kaiserin Josephine Bonaparte und die Könige von Preußen, Schweden und Bayern. Da ist es höchste Zeit, dass ich dem Ort auch einmal meine Aufwartung mache.

Erwartet werde ich von einer „unbemannten“ Wasserstelle, während sich im Hintergrund das Hotelpersonal für einen gepflegten Apéro rüstet und nebenan auf einer Bank vor dem Rebberg ein Radfahrer ungestört seine Siesta macht.

Zurück beim Verpflegungsposten über dem Erlacher Bootshafen bekomme ich noch einen der beiden Männer zu Gesicht, mit denen der Langstreckenläufer lieber nie Bekanntschaft schließt. Der Hammermann ist es nicht, also ist es der Besenmann, heute als Besenradler unterwegs. Er spart sich die Inselumrundung und wartet da auf die Rückkehr des Schlusses des Feldes.

Mit einer Pulle Cola in der Hand, hierhin gelieferte Eigenverpflegung, mache ich mich auf zum nächsten Halbmarathon.  Bevor der Zihlkanal überquert werden kann, muss ein kurzes Stück der Strecke am Straßenrand gelaufen werden. Die Lage des Maßnahmezentrums St. Johannsen, ein therapeutisches Zentrum für Straftäter mit psychischen Störungen, verunmöglicht leider eine naturnähere Streckenführung.

Die Skulptur des Flaggenmanns mit Winkeralphabet  auf der Mitte der Brücke markiert auch die Kantonsgrenze zwischen Bern und Neuenburg und damit auch die Sprachgrenze. Gleich nach der Brücke geht es auf den Uferweg hinunter und nach vorne zur Mündung, wo der Hafen von Le Landeron liegt. Vom historischen, unter Schutz stehenden Städtchen  gibt es nichts zu sehen. Für die Besichtigung und das Erleben des besonderen Flairs  braucht es auch mehr Zeit als mit Zielschluss um 17.00 Uhr zur Verfügung steht. Jedem Liebhaber von Antiquitäten, der wider Erwarten noch nie in Le Landeron war, seien die Antiquitätengeschäfte und Brockenstuben in diesem besonderen Ambiente besonders empfohlen. In diesen findet der Sammler ganzjährig ausgesuchte Stücke, was einmal im Jahr an der „Brocante“, dem größten Antiquitäten- und Trödelmarkt der Schweiz in Mengen feilgeboten wird.

Das Strandbad ist verwaist. Anders vor zwei Jahren, als die Läufer bei 30 Grad Hitze neidische Blicke auf die Badenden warfen, läuft es an der Wetterfront zu unseren Gunsten. Es ist nicht zu warm, nicht zu kalt, es begleitet uns ist eine angenehme Kühle. Der Verpflegungsposten in La Neuveville ist bei diesen Verhältnissen wirklich Luxus. Die Farbe der Wolke über uns ist mir allerdings eine Spur zu intensiv. In diesem Dunkel steckt vermutlich eine Menge Feuchtigkeit und wird kaum dort drin bleiben. Falls die Wolke sich jetzt entleert, tut sie dies bereits wieder über dem Kanton Bern, zu welchem diese kleine Städtchen gehört.  Doch außer einem der sieben Türme der alten Stadtmauer gibt es vom See her nicht viel von der Stadt zu sehen. Die Bahnlinie und die Umgehungsstraße bilden leider einen optischen Riegel.

Bis zum Weiler Schafis (franz. Chavannes), wo ein gradueller Übergang der Sprachen stattfindet, folgen wir auf dem Radweg der Jurasüdfuß-Bahnlinie. Zugegeben, es gibt interessantere Abschnitte, doch immerhin gibt es einen Blick auf den Walrücken der Petersinsel und beim Gedanken an das, was die den Hang überziehenden Rebberge hervorbringen, kommen auch angenehme Gefühle auf. Die kann auch der einsetzende Regen nicht dämpfen, zumal in Ligerz bereits wieder ein warmer Empfang bei der nächsten Verpflegungsstelle wartet. Dies bedeutet, dass die Marathondistanz bald hinter uns liegt und wir nur noch einen Zehner vor uns haben.

Ligerz hat das Glück, dass die Schnellstraße in einem Tunnel hinter dem Dorf durchgeführt wird, womit das Weinbaudorf mit seinen charakteristischen Häusern seinen Charme behalten konnte. Die Twanner hatten da weniger Glück, dafür ist der Name ihrer Weine etwas bekannter.

Die Kunstbauten für Bahn und Straße bei Tüscherz  auf der linken Seite des Weges sind nicht gerade eine Augenweide und die Aussicht auf den See oftmals durch Häuser, Zäune und Hecken privater Seeanstößer behindert. Gegen das Seeende hin müssen wir sogar wieder ein Stückchen direkt der Straße entlang laufen. Dafür entschädigt die Sonne, welche in der Zwischenzeit die Oberhand gewonnen hat und erstmals an diesem Tag richtig in Erscheinung tritt. In diesem schönen Licht kommen wir in eine weite Parkanlage, in welcher das stattliche weiße Holzhaus des Seeclubs beim Neptunhafen Erinnerungen an Neuengland und meine zahlreichen Laufrunden entlang des Charles Rivers weckt.

Noch eine kleine Brücke über die Zihl gibt es zu überqueren, den früheren Hauptabfluss des Bielersees, dann sind wir schon beim Strandbad und damit kurz vor dem Ziel, wo wir von Christoph  freundlich empfangen werden.

Gut tut es, schön ist es und kurzweilig dazu. Wer immer nur für den Klassiker nach Biel fährt und sich laufend die Nacht um die Ohren schlägt, der verpasst etwas. Warum nicht einmal vier Wochen vorher einen Vorbereitungslauf im Hellen rund um den Bielersee einschalten? Klein und fein ist der Bielersee Ultra – und man spürt ihn nicht nur, man sieht ihn auch. Nachher kann man sogar heiß duschen (nur lange genug warten, irgendwann wechselt es von eiskalt auf brühend heiß) und sich in der Lago Lodge einen Teller Pommes einverleiben. Als Kulisse gibt es dazu zwei kupfer- und chromglänzende Bottiche von der Sorte, in welche der Joe als kleiner Junge einmal gefallen ist. Und weil ansehen allein doch nicht immer genügt, kann man auch gleich kosten, was aus diesen Kesseln kommt: Biobier in sechs Sorten, das auch im Dunkeln schmeckt.  

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Informationen: Bielersee Ultra-Marathon und XXL
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