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Laufberichte

Wettlauf mit der Lady in black

22.09.13

Nun geht es in die vornehme Gegend nach St. Alban, wo einige sehr auffallende, dem Rhein zugewandte Gebäude mit schön restaurierter Fassade stehen. Während ich fotografiere – dazu muss man ja auch stehen bleiben, zumindest einige Sekunden, laufen wieder jene Kontrahenten an mir vorbei, die ich auf den 2 ½ km schon überholt habe, darunter auch eine Frau um die Vierzig in schwarzem Outfit. Man hat offenbar mitbekommen, dass ich eine „Mission“ habe, die da lauten könnte: Schreib deine Eindrücke nieder, was du so erlebt hast beim 4. Basel Marathon, und knipse ein wenig. Ich sehe einen jungen Mann, der vor dem Haus zwei Lautsprecherboxen aufgebaut hat und überlaut die Musik auf der Frequenz 106,6 MHz hörbar auch für die vielleicht in den Nachbarhäusern knapp vor 9 noch im Bett weilenden Anwohner spielt. Was für ein  grauslicher Sound, denke ich mir – aber ich bin ja kein Maßstab für gute Musik, weil ich am liebsten Oldies aus den 1970er-Jahren höre.

Ich blicke auf die Straßenbezeichnung, wir laufen durch die Engelgasse, die parallel entlang der Bahn führt. Es geht noch ein Stück, dann  taucht schon die erste Labe auf beiden Seiten der Straße auf. Es gibt alles, was man gerne nimmt: Wasser, Iso, Schoko, Kekse, Riegel. Bald ist Kilometer 4 erreicht. Aus einer Wohnung applaudiert eine ältere Dame den Läufern zu, das war bisher der einzige Beifall. Auch sonst haben die Menschen in der Stadt kaum Anteil am Marathon genommen. Wir laufen nun durch eine Unterführung, die Betonwände haben Graffiti-Sprayer mit allerlei Formen, Farben und Figuren „verziert“. Ich überhole auf der Brücke über die Bahngleise gleich mehrere Läufer. Jetzt biegt der Kurs wieder nach Südosten ab. Auf der Jakobsstraße, wo ich gestern mit der Tram gefahren bin,  kommen uns inzwischen nach nicht einmal 5 km die ersten schnellen Marathonläufer entgegen – ich laufe in die Straßenmitte, um diese besser ins Bild zu bekommen.

Nach ca. 5 ½ km wendet der Kurs jäh um 180 Grad, es geht ca. 500 m entlang von Lagerhallen für die Migros-Kaufhauskette, bevor die Marathonstrecke wieder auf die St. Jakobsstraße zurückführt. Ich sehe nur mehr eine Handvoll Nachhutläufer, die jetzt bei km 5 auf der anderen Straßenseite auftauchen, während wir schon 6 ½ km zurückgelegt haben. Die Marathon- und Halbmarathonstrecke führt weiter in südwestlicher Richtung hinein in die Wohngegend Gundeldingen, wo bei km 7 ein Fotograf von einer Agentur postiert ist: Er knipst mich, ich drücke im Vorbeilaufen auch auf den Auslöser. In der Güterstraße fällt ein bunt bemaltes Haus auf, so ähnlich hat bis zu seinem Tode auf dem Kreuzfahrtschiff Queen Elisabeth II im Februar 2000 am Wege von Neuseeland nach Europa der weltbekannte Wiener Künstler Friedensreich Hundertwasser Fassaden farblich verschönert.

Bald darauf kommt die nächste Versorgungsstelle. Ich traue meinen Augen nicht: Hier wurde aufgedeckt wie bei einem Buffet – Berge von Gelpäckchen, Energieriegel, Bananen, allerlei Gebäck, Wasser und Iso – Läufer, was wollt ihr mehr? Wenn das so weitergeht, dann kann ich mich so nebenbei für den ganzen Tag sattessen – ein Restauranttester würde hier noch eine Haube für den Koch dazugeben. M4Y vergibt zwar keine Sterne zum Aufkleben für die Versorgung, doch ein dickes Lob an dieser Stelle erscheint mehr als angebracht.

So gestärkt geht das Laufen gleich besser. Inzwischen brausen knapp vor km 8 die ersten schnellen Halbmarathonläufer heran. Es riecht nach Zoo, als wir zur Binningerstraße kommen und dort entlang laufen. Nach km 9 folgt eine Wende um 180 Grad, es geht ca. 200 m aufwärts. Die beiden Läufer, die ich eben erst überholt habe, wollen es wissen und kämpfen sich wieder an mir vorbei den Berg hinauf. Doch oben angekommen, sind sie kurzfristig so erschöpft und beginnen zu gehen. Wir sind bei km 10, ich sage freundlich „Hallo“ zu den beiden und  erhöhe mein Tempo. Allerdings liege ich um ca. 2:30 Minuten über der von mir stets avisierten 6er-Zeit zumindest bis zum Halbmarathon.

Nach der Labestelle geht es leicht abwärts vorbei an der westlichen Seite des Baseler Zoos durch die Steinenvorstadt hinein in die City in Richtung Barfüsserplatz. Mehrere Dutzende Menschen stehen hinter der Absperrung, viele klatschen. Ich fotografiere, mein oranges M4Y-shirt verleiht mir eine quasi-offizielle Funktion. In Wien etwa macht man sich lustig über jene Zeitgenossen, die, sobald sie von irgendwem eine „Uniform“ bekommen, schlagartig ein neues Selbstwertgefühl von sich haben. Das soll nicht abwertend gemeint sein, doch schon der Schweizer Dichter Gottfried Keller schrieb die Novelle: „Kleider machen Leute.“  Wenige Meter nach dem Barfüsserplatz beginnt bei km 12 eine kleine Steigung auf den Kohlenberg hinauf, die ich mit Elan meistere.

Ich fotografiere die schön renovierten Wohnhäuser mit braunen Fenstern und dunkelgrünen Balken in den engen Gassen. Auf den Steinengraben geht es zum Spalentor, das mit einer kaum durchsichtigen Plane verhüllt ist. Den Torbogen kann man aber gut erkennen. Es geht nach einer Wende nach Osten zur Peterskirche, wo ich inzwischen zum wiederholten Male auf die gut aussehende Läuferin in schwarzem Outfit treffe, die mich während einer kurzen Austritts wegen eines natürlichen Bedürfnisses überholt hat. Hinunter zum Rhein geht es abschnittsweise recht zügig abwärts – mit meinen langen Beinen bin ich da stets schnell. Die Läuferin mit der Nummer 128 kann dem Tempo abwärts nicht folgen und  fällt etwas zurück. Doch der Anblick des Rheins ist so überwältigend, dass ich die Dame vergesse und diesmal mit Muse gleich mehrere Fotos mache, wofür ich mir auch entsprechend mehr Zeit lasse.

Am linken Rheinufer aus Sicht des Läufers bei km 14 befindet sich eine Anlegestelle für Flusskreuzfahrtschiffe. Einen Kilometer weiter, im St. Johann-Park folgt die nächste Versorgungsstelle. An einem Wohnhaus hängt am Balkon im ersten Stock die Landesflagge des Freistaates Bayern im typischen weiß-blauen Rautenmuster. München ist von Basel  immerhin 300 km weit entfernt.

Es geht nun wieder über den Rhein, und zwar auf der Dreirosenbrücke. Die Sonne ist nach eineinhalb Stunden inzwischen herausgekommen, er wird wieder ein schöner Spätsommertag. Ich habe heute zwar zwei Lagen übereinander angezogen, doch wirklich warm ist mir damit noch nicht geworden.  Etwa zur Mitte der Brücke befindet sich die 15km-Marke, es geht nun abwärts und ich beschleunige wieder. Die Garmin zeigt 1:38 an, immerhin schon 8 Minuten über meiner stets angestrebten Idealzeit, außer bei Bergmarathons. 

Der Weg hinunter zum Fluss verläuft rechteckig, es geht 180 Grad parallel zur Brücke zurück und dann am Unteren Rheinweg flussaufwärts. Hier kommen auf der linken Seite sowohl die schnelleren Marathonläufer entgegen, die inzwischen einen Vorsprung von 2-3 km haben und auch viele Halbmarathonis. Man winkt mir zu, offenbar hat man erkannt, dass der Mann mit dem orangen Shirt und einer kleinen Pocket-Digitalkamera bemüht ist, zumindest einige von ihnen im vollen Lauf befindlich so gut wie möglich zu knipsen. Das gelingt auch einigermaßen, wenngleich es ja auch von der Kameraausrüstung abhängt, welche Bildqualität man erzielt. Verwackelte Fotos kann man nie ausschließen, wenn man sich selbst bewegt.

Im oberen Teil der Uferstraße kann ich die Anzahl der Läufer gut ausmachen, es sind nur mehr wenige vor und wohl auch hinter mir. Bei km 17 erfolgt ein Richtungswechsel, es geht wieder flussabwärts dem Hafenbereich entlang, wo von einem Schiff gerade Passagiere aussteigen. Die nächste Versorgungsstelle kommt bei km 18. Ich bin überrascht, als die Dame in schwarz nun wieder hinter mir auftaucht und statt an der Labe stehenzubleiben, weiterläuft. Weit wird sie nicht kommen, denke ich mir, ich habe ja ein Auge auf sie geworfen, da muss ich konsequent bleiben. Knapp vor km 19 folgt eine Zeitnehmung, ich laufe über eine Matte, es piepst leise. Das Piepsen des Championchips habe ich lauter in Erinnerung. Wir sind diesmal mit einem Transponder von Datasport unterwegs, der auf der Startnummer angeheftet ist.

Die „lady in black“ ist bald wieder eingeholt, es geht jetzt leicht aufwärts. Ich treffe auf einen Läufer, der am Anfang auf der Wettsteinbrücke eine Gehpause einlegte, ebenso dann auf der Dreirosenbrücke, aber immer  mit kurzen Spurts das Feld wieder einholte. Wir kennen uns also und ich sage zum Spaß „Grüezi wohl, Herr Stirnimaa, ich bin auch wieder da“. Wir lachen, er ist ein echter Schweizer, der das Partizip Perfekt von „sein“, also „gewesen“, mit „gsi“  abkürzt. „Schwyzerdütsch“ versteht man nicht auf Anhieb, aber ich könnte mich daran gewöhnen zu sagen: „Isch‘s guat gsi“. Als er mich fragt, wie viele Marathons ich schon gelaufen bin, antworte ich, dass ich heuer aktiver als sonst sei und in den verbleibenden 12 Wochen bis zum 15. Dezember – am Tag des 2. Wiener Indoor-Marathon  in Wien – weitere folgen werden. Das ist eine diplomatische Antwort, Bescheidenheit ist schließlich eine Tugend – odr? 

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