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Laufberichte

Höhepunkt an Höhepunkt

01.05.10

Aber da kommt schon die Entspannung. Leichtes Gefälle auf einer Schotterstraße erlaubt mir erstmals in einen Rhythmus zu kommen. Auf leichten Wellen aufwärts und schwungvolleren abwärts geht es so weiter. Mal ist der Weg ganz im Wald, mal beidseitig von Wald gesäumt, zeitweilig gibt er sogar auf einer Seite einen Blick frei auf weitere Hügelzüge der Gegend. Viele von ihnen sind mit einem Windrad bestückt. In dieser Gegend muss diese Naturkraft ganz schön heftig zur Sache gehen, dass sich die alternative Energiegewinnung lohnt. Dass das Wetter sich nicht zimperlich zeigt, ist auch den Häusern in den nahen Dörfern zu sehen. Reines Vergnügen kann es kaum sein, dass viele Hausbesitzer die nach Westen ausgerichtete Fassade zusätzlich verkleiden.

Ich bin zwar auch immer noch dem Regen ausgesetzt, für mich ist es aber das reinste Vergnügen. Den Wald verlassen wir nur für kurze Zeit, vielleicht mal ganze 200 Meter ist dieser Abschnitt, dann nimmt uns eine Spitzkehre zu einer Grube. Der angebrachten Informationstafel entnehme ich, dass das hier einstmals abgebaute Rhyolithgestein der Keramikindustrie zugeführt wurde, der Abbau wegen der minderen Qualität des Materials aber zunehmend unrentabel wurde. Für die Schönheit der Landschaft und die Wanderer auf dem Bärenpfad, der hier wieder gekreuzt wird, ist es vielleicht besser so. Ein schönes Fleckchen zum Verweilen ist diese Ecke allemal.

Mir steht der Sinn nach anderem als Verweilen. Ich schalte mein innerliches Reduktionsgetriebe ein, wechsle vom Laufen zum Gehen und überwinde von Kilometer 5 an – jetzt wieder unter dem Blätterdach  - weitere Höhenmeter. Am Ende dieses ansteigenden, leicht mäandernden Waldweges trabe ich durch einen Tunnel von Nadelbäumen, an dessen Ausgang ich auf eine Forststraße komme. Ein weiterer Höhepunkt ist erreicht.

Das Feld ist schon ziemlich auseinandergezogen. Bei der sechsten Kilometermarkierung schließe ich zu Gauthier Heymes auf  und überhole ihn.  Er bleibt mir aber auf den Fersen und nach dem langgezogenen Anstieg einen Kilometer weiter bin ich immer noch im Fokus seiner Bemühungen, umso mehr als das Gefälle plötzlich ganz kräftig wird. Bevor das Profil wieder in die andere Richtung zeigt, gibt es einen voll ausgerüsteten Verpflegungsstand. Cola, Apfelschorle, Wasser, Kekse, Bärlauchbrot und weitere Leckereien, die ich mir gar nicht alle merken, geschweige denn naschen kann.

Auch Gauthier Heymes tankt nach, und kaum geht es wieder abwärts, zieht er unwiderstehlich an mir vorbei. Wenn es bei mir nicht die erste von fünf Runden wäre, würde ich mich anstecken lassen und mir mit ihm auf den letzten zwei Kilometern bis zum Ausgangpunkt ein Duell liefern. Aber erstens setzt er zu seinem längeren Endspurt an, zweitens wäre es unvernünftig, wenn ein älterer Herr meint, sich mit einem Läufer der Klasse M15 messen zu müssen. Mit seinem vierten Rang auf der Fünfteldistanz zeigt dieses junge Talent eine flotte Leistung.

Auf einer kleinen Schlaufe ins Zelt hinein wird der Streifencode gelesen und damit die Rundenzeit genommen. Vom großen Zelt geht es wieder hinaus zum kleinen Zelt mit dem Verpflegungsangebot und dann ab auf die zweite Runde. In dieser erwarten mich wieder die mittlerweile bekannten Höhepunkte. Einprägen habe ich sie mir das erste Mal noch nicht alle können, dazu bleiben mir ja noch vier Runden. Je besser ich einerseits die einzelnen Abschnitte kenne und mich darauf einstellen kann, andererseits alleine unterwegs bin, umso mehr nehme ich Einzelheiten der Umgebung wahr.

Vor und nach dem Start- und Zielbereich ist zwar die Autobahn zu hören, die meiste Zeit dringen aber nur die verschiedenen Geräusche der unterschiedlichen Bodenbeschaffenheit an mein Ohr. Das leise Knirschen groben Sandes, das Knacken der dürren Buchecker, das dumpfe Flutschen des Matsches, dieser Wechsel der Klänge begleitet mich von unten her. Von oben hat das gleichmäßige Rauschen des Regens in der Zwischenzeit abgeflaut und ist in ein rhythmisches Klatschen übergegangen. Das Gewicht des Wassers biegt die eben erst gesprossenen Buchenblätter nach unten, womit sie sich von der tonnenschweren Last befreien können, während die großen Tropfen ins welke Laub auf dem Boden fallen.

Frei fühle auch ich mich da draußen im leuchtenden Grün der mit den dunklen glatten Baumstämmen kontrastierenden frischen Blätter. Ich sehe, höre und spüre die Natur um mich herum und spüre mich selbst. Kein Gesprächspartner ist weit und breit zu sehen, also höre ich in mich und meinen Körper hinein. Ich achte mich darauf, was beim Atmen in mir vorgeht, ich nehme die verschiedenen Muskelbewegungen wahr, welche dem unebenen Untergrund zu verdanken sind und die im Alltag keine Chance haben zum Einsatz zu kommen. Höhepunkt an Höhepunkt.

Da meine Teilnahme am Bärenfels Trail auch Vorbereitung für Längeres ist, will ich mich bei allem Genießen auch ein bisschen austesten. Die Bedenken nach der ersten Runde, ich sei zu schnell gestartet, werden nach der zweiten noch nicht bewahrheitet. Mit diesem Gefühl gehe ich nach zwei gleichmäßigen Zwischenzeiten in die dritte Runde und schätze, dass ich mit diesem Schnitt – eine den Höhenmetern geschuldete minime Verlangsamung in der vierten Runde eingerechnet – auf eine Marathonzeit von unter vier Stunden kommen kann. Und danach wird die Stunde der Wahrheit kommen…

Ob es daran liegt, dass ich mich auf der vierten Runde in die Büsche schlagen muss und deshalb aus dem Tritt komme, weiß ich nicht. Beim Verpflegungsposten weiß ich aber mit Bestimmtheit, dass ich nichts dagegen hätte, wenn es demnächst den Zieleinlauf statt eines weiteren Zieldurchlaufs gäbe. Damit, dass ich das auch äußere, stemple ich mich vorübergehend zum Weichei, doch ich bin froh, dass ich es tue, denn nebst Speis und Trank gibt es noch eine Aufmunterung auf den Weg.

Der Blick auf die Uhr, kurz bevor ich auf die fünfte Runde gehe, zeigt mir die letzte Minute bevor die Vier voll ist. Und schon habe ich wieder ein Hochgefühl, das mich auf den letzten Durchgang begleitet.

Auf diesem erlebe ich ein Phänomen, das ich als Täuschung entlarven kann. Der Bärenfels Trail ist bei der erweiterten Familie Feller in bester Organisatorenhand. Aber dass sie es im Verlauf des Wettkampfs  schaffen, einzelne Steigungen noch steiler lassen zu werden, das übersteigt sogar die von unzähligen Höhepunkten euphorisch und bleiern zugleich gewordene Vorstellung. Ohne auf die Uhr zu schauen ist mir klar, dass ich dieses Mal noch ein paar Minuten draufpacke.

Auf der letzten Gefällstrecke kann ich vor mir einen anderen Teilnehmer sehen. Wenn mich nicht alles täuscht, ist es Sascha. Das gibt mir nochmals Schub. Ich mobilisiere noch ein paar Reserven und schaffe es, ihn einen Steinwurf vom Ziel entfernt einzuholen. Pech für ihn, dass sich unsere Wege schon so häufig gekreuzt haben. Es gibt keine Schonung und keine Nettigkeiten; den Höhepunkt seiner Überrundung verderbe ich mir nicht.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass es dieses Intermezzo nicht gebraucht hätte (Sascha, das nächste Bier geht auf meine Rechnung), denn im Ziel wartete noch ein Höhepunkt: Vierter Gesamtrang, Erster meiner Alterskategorie, das hat es noch nie gegeben (Dass ich das in meinem Alter noch erleben darf…)!

 Auf dem Rückweg von der warmen Dusche machen Christophe – als Franzose ein weiterer Internationaler neben mir  – und ich noch Halt beim Imbiss und kehren mit einem Döner zurück zum Ort des Geschehens. Dort zeigt mir Robert noch einen Ausschnitt aus der Bildzeitung aus dem Saarland. Dem Hinweis auf den Bärenfels Trail mit der Überschrift „Harte Mai-Tour“ ist noch der Nachsatz beigefügt: „Irre: einige Teilnehmer starten am Sonntag auch beim Marathon in St. Wendel“.

Klar, ich bin ja auch deswegen in die Gegend gekommen. Ich habe zwar genügend Höhepunkte am Bärenfels gehabt –aber einem mehr bin ich trotzdem nicht abgeneigt. Und für ein anderes Mal gibt es noch den Ultra Trail am Bärenfels. Mit den zusätzlichen Kilometern gibt es dort sicher noch den einen oder anderen zusätzlichen Höhepunkt.

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Informationen: Bärenfels Mai-Trail
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