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Laufberichte

So war's beim Iron Trail

06.07.12

Der Irontrail ruft und setzt sich selbst schon mal die Vorschusslorbeeren auf, auf denen er sich dann wieder ausruhen möchte. Der selbstauferlegte Ruf, der härteste Trail in der Schweiz zu sein, eilt ihm voraus und ich ihm bald hinterher. Iron steht übrigens nicht für Ironie…
 
Die Zahlen lesen sich zunächst beindruckend:
 
201.1 km, + 10’750 m / – 11’975 m

Pontresina – Diavolezza – Fuorcla Pischa – Muottas Muragl – Pontresina – Fuorcla Surlej – St. Moritz – Piz Nair – Fuorcla Crap Alv – Bergün – Pass digls Orgels – Savognin – Ziteil – Tiefencastel – Lenzerheide – Rothorn – Arosa – Weisshorn – Joch – Chur
 
Werbetext: Mit seinen 201 Kilometern bildet der neue Swiss Irontrail das Nonplus-Ultra in der Trail-Running-Szene. Der von Pontresina nach Chur führende Lauf stellt ab Freitag, 6. Juli, nicht nur an die Teilnehmenden höchste Anforderungen.

Die Startpreise sind hoch – soviel schon mal zu den höchsten Anforderungen an die Teilnehmenden. Während andere Ultratrailveranstaltungen das Laufvolk mit Gratismaterial (angefangen vom Laufrucksack, Stirnlampen, edle Finisherwesten, Starter-Funktionsshirts, viel nützlichem Kleinkram) akquirieren, setzt man beim Irontrail auf die Bescheidenheit der Trailläufer und Minimalismus. Der echte Ultratrailläufer lernt mit Entbehrungen und Schmerz fertig zu werden. Sie sind Bestandteil seines Tuns und gehören dazu wie das Salz  zur Suppe. Die Schmerzen hatte ich bei Überweisung der Startgebühr und die Entbehrung bei dem Gedanken, als Finisher ein T-Shirt zu bekommen. Weniger geht nicht. Auch eine Philosophie.

 
Packen

 
Tage zuvor sitze ich wieder mal umgeben von Equipment in meinem Zimmer und ermittle sorgfältig dessen Gewicht. Gewichtsersparnis kann ich nur dadurch erreichen, dass ich sinnlose Sachen nicht und von den wichtigen nur die Leichtesten mitnehme. Ich will nicht unnötig Zeug mit mir rumschleppen. Ebenso spannend gestaltet sich die Schnitzeljagd auf der Irontrail-Webseite. Hier haben die Veranstalter die Läufer-Informationen in unzählige PDF-Dateien zerlegt und sie an verschiedenen Orten deponiert. Raffiniert. Manche Infos findet man auch im Gästebuch. Neben läuferischem Talent braucht’s auch ein Talent beim Suchen von Informationen. Irgendwann bin ich es müde und lass es einfach auf mich zukommen, irgendwas läuft sowieso immer schief – dann habe ich halt mal einen Zettel nicht gelesen…
 
Den Ausdruck des Höhenprofils habe ich für mich noch um die Cutoffzeiten ergänzt. Das bekommt außer beim UTMB kein Veranstalter bislang hin, ALLE wichtigen Infos auf EINEN Zettel zu packen. Zur Pflichtausrüstung gehört auch der Ausdruck der Karten. An sich nett gemeint, aber wenn ich einen Farbdrucker dazu verwende und es regnet, habe ich ein Problem.

 
Auf gehts…

 
Am Donnerstag reisen wir auf dem Julierpass im Ospiz Laveduta an. Eigentlich zu spät für eine sinnvolle Akklimatisierung. Aber ein Aufenthalt in der Schweiz kostet grausam Kohle und ich nehme dafür die Kurzatmigkeit in Kauf um ein paar Mal mehr zu hecheln. Nach dem Einchecken geht’s runter nach Pontresina zur Startnummernausgabe. Hier erwartet mich gleich mal eine Riesenschlange und eine Wartezeit von einer Stunde, bei einer Veranstaltung mit Kontrolle des Equipments keine Seltenheit. Ich treffe Achim, wir kennen uns vom Schwabacher-Winterultra und plauschen ausgiebig. Die Orga will ALLES auf der Liste der Pflichtausrüstung sehen, sogar die Schuhe mit denen wir morgen laufen sollen. Meine Frau rettet mich, indem sie mir noch die Schuhe als Beweis meiner läuferischen Absicht bringt.
 
Kontrollen des Pflichtequipments dienen der rechtlichen Absicherung des Veranstalters. Es liegt in der Eigenverantwortung der Läufer dann auch alles mitzunehmen. Damit zu kalkulieren, nicht erwischt zu werden ist grob fahrlässig – sich selbst und anderen gegenüber. Beim Start kontrolliert keiner mehr. Ich frage mich auch, wie manche ihre Ausrüstung für eine Gebirgstour dieser Größenordnung in einen 5-Liter-Rucksack bringen und warum man Läufer mit profillosen Straßenlaufschuhen nicht schon am Start aus dem Rennen nimmt und sie zur Strafe das im Startbereich aufgestellte Riesenmammut aufblasen lässt…
 
Dann bin ich dran. Ich stehe einer routinierten Schweizerin gegenüber, sie liest vor und ich zeige ihr was sie sehen will. Sie kontrolliert sogar die Notfallnummern in meinem Handy. Jawohl Nummern (Plural) – es sind derer zwei: Eine ist die Medicalnummer, die andere ist die Nummer für die Rennaufgabe, die ich liebevoll DNF-Hotline nenne. Nach dem Check des Materials geht’s zur Ausgabe der Dropbags. Die fallen meiner Meinung nach etwas klein aus und es sind keine wasserdichten Plastiksäcke, sondern eher ein Stofftaschenimitat. Ich werde noch in die richtige Beschriftung des leeren Aufklebers (Startnummer und Destination) eingewiesen, alles muss seine Ordnung haben. Ich bezweifle allerdings, ob der auf den Taschen hält…
 
Apropos halten: Der Chip ist auf der Startnummer mit einem Bändchen festgetackert und soll so 200km bei härtestem Einsatz halten. Ich optimiere diesen groben Unfug, indem ich ihn von der Startnummer nehme und ihn am Gurt meines Rucksacks mit Kabelbindern befestige. Wenn der nämlich verloren geht, kann ich einpacken. Ziemlich wenig Praktiker in der Orga…
 
Danach geht‘s wieder hoch ins Hotel und wir warten auf Torsten Jörg, sowie Jörgs Dad. Letzterer übernimmt deren Support.

 
Starttag

 
Nach einem fulminanten Abendessen, jeder Menge Spaß und zu wenig Schlaf stehen wir am frühen Morgen in Pontresina bei der Abgabe der Dropbags. Wie erwartet, halten die Aufkleber auf den Taschen nicht und viele haben sie mit Sicherheitsnadeln fixiert, andere haben sie festgetackert und bei der Abgabe sind die Jungs und Mädels vom Stuff damit beschäftigt, die Aufkleber noch mit einem Tape zu sichern. Bei denen liegen die Nerven blank, sind aber sehr freundlich. Tolle Arbeit! Die können einem leidtun.
 
Wir gehen hoch zum Start, es regnet leicht und wir treffen viele Lauffreunde (ich zähle jetzt nicht alle auf, ihr wisst ihr seid gemeint ). Nachdem die italienische, die deutsche und die schweizerische Nationalhymne gespielt wurden, tritt OK-Chef Tuffli zum Briefing ans Mikro. Seine Stimme ist dünner als sonst und seine Nachricht kommt irgendwie für mich nicht unerwartet. Auf der Diavolezza geht‘s gewittertechnisch rund und es sei zu gefährlich auf über 3000m zu laufen. Tage zuvor hatte man sich schon dazu entschlossen, den Gletscher nicht zu überqueren, sondern den Berg über eine Ausweichroute zu stürmen.
 
Der jetzige Plan: Wir starten erst um 16:00, wenn das Wetter besser ist. Wenn’s nicht besser wird, dann starten wir mit den T141-ern um 21:00 auf der T141-Strecke. Und wenn dann immer noch nichts geht, geht ohnehin nix mehr. Wir schauen zwar betreten aus der Wäsche, aber den meisten um mich herum reichen auf die verbleibenden 154km als Strecke zum Austoben. Also: Mit 200km ist‘s schon mal nix, es verbleibt nicht mal ein Hundert-Meiler. Das erste Superlativ spült der Regen schon mal weg.
 
Ab ins Hotel und Warten. Wir schlafen noch ein wenig, vertreten uns im Gelände etwas die Beine und natürlich: Essen. Ich fühle mich durch das ganze Essen wie ein Auto, das seit Stunden mit laufendem Motor betankt wird und nicht fahren darf und irgendwann aufgrund der Völle nicht mehr fahren kann. Dann kommt die erlösende SMS vom OK: Neustart definitiv um 16:00h
 
So, alle wieder runter an den Start. Wieder die Nationalhymnen, dann ein Briefing vom OK-Chef. Er dankt diesmal den Helfern in Pontresina und dass es jetzt losgeht. Inhaltlich ist das Briefing so gehaltvoll wie eine Rede beim Schützenverein. Er verschweigt, dass die Streckenschlusszeiten um Stunden nach vorne verlegt wurden und dass in St. Moritz andere Trassierbänder sind. Die Steckenschluss-Info erfahren wir vom Sprecher, der das in einem Nebensatz erwähnt. Man will vermutlich dadurch erreichen, dass die Meute schneller über den Bergen und somit rascher aus den nächtlichen Gefahrenzonen raus ist. Mir ist‘s komischerweise relativ egal. Ich sehe das nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung. Jetzt kriegt das Ganze endlich den richtigen Pfeffer, jetzt geht’s wirklich in Richtung “iron”. Die Zielzeit am Sonntag um 16 Uhr bleibt allerdings die gleiche, ich verstehe dieses eidgenössische Rechenexempel zwar nicht, nehme es aber hin. Ich will endlich los.
 
Fünf Minuten zuvor gibt’s noch mal eine, in meinen Musikerohren etwas verunglückte Hymne. Sie ist ein wenig packender Zusammenschnitt von Filmmusiken. Ich weiß, Geschmackssache, aber Vangelis oder etwas ähnlich Erhebendes habe ich schon irgendwie vermisst…

 
16 Uhr – Start

 
Endlich geht’s raus auf einem Spazierweg in den Wald. Das Adrenalin wird merklich abgebaut und ich werde endlich ruhiger. Endlich das tun, warum ich eigentlich hier bin. Wir laufen im Val Roseg relativ flach ca. 6 km bis Roseg und zum Aufstieg hoch zum Berghaus Fuorcla Surlej auf 2755m. Es regnet, der Wind pfeift mir ordentlich durchs Shirt und mir ist alles andere als warm. Immer noch habe ich die italienische Nationalhymne im Ohr und summe sie in Gedanken beim Aufstieg, ein Albtraum, aber irgendwie witzig. Es gießt jetzt verstärkt und ich sehe Jörg 50m vor mir. Ich missbrauche ihn als Pacemaker. Ich überhole dabei ein paar Läufer, die Luft wird dünner und ich merke das zunehmend. Ich bin‘s halt doch nicht gewöhnt, bleibe allerdings bei meinen Schnitt und laufe irgendwann direkt hinter Jörg. Soweit es die Atmung zulässt, werfen wir uns ein paar Sprachfetzen zu, mehr geht nicht, mehr braucht‘s auch nicht.

 
Fuorcla Surlej – und sofort runter

 
Dann sind wir oben. Früher war die Fuorcla Surlej (2755m) ein Alp-Betrieb, heute eine Ski- und Berghütte. Von Roseg (2000m) bis zum Berghaus Fuorcla Surlej haben wir genau 1 Stunde benötigt, das ist für mich relativ flott. Ich lasse den VP dort oben rechts liegen. Getränke habe ich genug und Stillstand bedeutet Kälte. Vorbei am Bergsee und sofort wieder runter. Jörg und ich drücken ordentlich aufs Tempo. Auf dem Wirtschaftsweg verlieren wir schnell an Höhe und ca. 200m tiefer biegen wir in den Wanderweg nach St. Moritz ein. Hochalpine Wege, schön glitschig und schmierig. Wege die keinen Fehltritt erlauben, so laufen wir nach unten. Jörg gibt das Tempo vor, ich hinterher und wir sind nicht langsam. Über uns kreist der Heli, ich komme mir vor wie auf der Flucht.

 
Trail at its best

 
Wir erreichen die Baumgrenze und kommen an wunderschönen Seen und Tümpeln vorbei, die Flora und Fauna bietet so viel, dass es richtig schade ist, dass wir hier ein Rennen laufen und nicht einfach nur Wandern. Für Pausen ist keine Zeit. Hier trennt sich auch die Läufer-Spreu vom Weizen. Bergab holen wir jede Menge davon ein. Viele Straßenläufer mit unprofilierten Straßenlaufschuhen sind unterwegs. Der Weg ist allerdings alles andere als leicht zu laufen. Ziemlich große Treppen und Absätze, viel glatte Steine und Wurzelwerk – anspruchsvoll eben. Wir kommen jetzt in den Wald und hier bin ich zuhause. Steile Waldwege führen nach unten und Jörg lässt mich vorbei. Ich bin viel zu schnell und vermutlich muss ich das später wieder büßen. Aber es macht JETZT Spaß und ich will es so. Ich renne beinahe an einer nicht (bzw. schlecht) markierten Abzweigung vorbei, als mich ein Streckenposten anhält und mich in die richtige Richtung schickt – meinen Dank dafür. Später hat sich rausgestellt, dass hier einige gnadenlos vorbeigerauscht sind, sind aber nach diesem Umweg dennoch in der Tennsihalle in St. Moritz gelandet. So auch ich jetzt, hier wartet bereits Jörgs Däd und nach einem Pflichtfoto bin ich in der Halle und beim Dropbag.

 
19:17 – St. Moritz

 
Ich nutze meinen Dropbag ausgiebig, wenn das Ding schon mal hier ist, verwende ich den Inhalt auch wie vorgesehen. Ich ziehe mich komplett um, nehme noch warme Kleidung mit für die Nacht und schlage mir den Bauch voll. Ich fülle meine Trinkbehälter auf und nehme noch Proviant mit. Dann erst sehe ich die SMS vom OK, dass sie die alten Cut-off-Zeiten doch wieder beibehalten. Was da jetzt dahintersteckte, kann ich mir nicht zusammenreimen. Ich bin jedenfalls positiv überrascht und lasse mir einfach wieder mehr Zeit. Bis zum nächsten Cut-off-Punkt in Bergün sind es 35km und ich hätte über 13 Stunden dafür Zeit. Dazwischen allerdings den Piz Nair und noch ein paar leckere Steigungen, aber machbar.
 
Meine Frau trifft noch rechtzeitig ein, als ich gerade die Halle verlassen will, sie hat nicht so früh mit mir gerechnet. Ich treffe hier auch wieder auf Achim, der sich mit den Hoka-Marshmallow-Tretern (Ich kann diese Dinger nicht leiden) selbst verstümmelt hat. Er ist mit dem Fuß umgeknickt und kann nicht mehr weiter. Schade für ihn, ich hätte ihm das Ziel in Chur gewünscht. Deshalb: Augen auf beim Schuhkauf.

 
19:47 – Weiter geht’s…

 
Ich habe für den ganzen Break in St. Moritz eine halbe Stunde benötigt. Jörg ist schon längst wieder weiter und ich bin jetzt alleine unterwegs. Ich habe keine Ambitionen ihn jetzt einzuholen, den lege ich mir auf der Ziellinie zurecht . Es geht auf einem breiten und tourismusfreundlichen Hi-Society-Weg um den St. Moritzer See herum. Ziemlich aalglatt das Ganze. Mir ist Wildnis nun mal lieber als der Marmorfußboden einer Innenstadt. Diese Passage empfinde ich auch weit aus anstrengender als jeden Trail auf dieser Tour. Zum einen hat man nun die reflektierenden Markierungsbänder durch verwaiste und rot-weiße Trassierbänder getauscht, zum anderen laufen wir in St. Moritz über eine grausam lange Treppe (ja richtig gelesen: Treppe) nach oben. Die ist im Original GPS-Track so nicht vorhanden. Stufe um Stufe geht’s wie in Radebeul beim Treppenlauf nach oben. Das entsteht, wenn ein Trail auf dem Reißbrett entworfen und nicht von Trailläufern geplant wird. Mein Dank gilt hier übrigens den Jugendlichen von St. Moritz, die mich aufgrund unzureichender Markierungen in die richtige Richtung schicken. Andererseits ertappe ich mich bei dem erheiternden Gedanken, mich verschwitzt und verdreckt in einen Szene-Tempel zu stellen um nach dem Weg zu fragen.

 
…nach oben

 
Irgendwann bin ich wieder auf einer Teerstraße und dann geht’s die Schipiste nach oben zum Piz Nair (3004m). Der Aufstieg ist relativ moderat und gut zu laufen. Weniger gut läuft es gerade mit dem Wetter. Jetzt kommt gerade einiges an Wasser von oben und der beim Briefing angekündigte Nieselregen wird zum handfesten Dauerregen. Erst kommt die Regenjacke zum Einsatz, wenig später die Regenhose und dann die wasserdichten Handschuhe. Die jahrelange Optimierung der Kleidung und des Gewichts machen sich endlich bezahlt. Die Wege werden zu Bächen, sie sind schmierig und rutschig, die Steine glatt. Eigentlich finde ich es ja richtig geil. Endlich habe ich mal das Wetter, meine sündhaft teuren Funktionsklamotten einzusetzen. Jahrelang optimiere ich auf dieses Wetter hin und nun ist‘s endlich da und ich laufe jetzt durch den Regen und Windböen und es ist mir schlichtweg egal.

Vereinzelt sitzen Fotografen von Alphafoto in der Einsamkeit und gehen ihrem Job nach. Die können einem auch leidtun. Ich kann wenigstens laufen. Ich laufe durch die Brühe nach oben und singe in Gedanken nach wie vor die italienische Nationalhymne. Im Regen erkenne ich jetzt eine beleuchtete Liftstation auf ca. 2500m und die Stirnlampen die sich darauf zu bewegen. Das trifft sich gut, da ich ohnehin ein wenig Flüssigkeit nachfüllen sollte. Die Höhenluft lässt mich saufen wie ein Bürstenbinder.

 
Corviglia – 22:30 – Erster Rennstop auf 2490m

 
Ich laufe auf die Bergstation zu und werde mit den Worten “Rennstop” eines SAV-Mitarbeiters empfangen. Er entschärft das böse Wort wieder mit “vorübergehend”. Die Situation ist, dass durch eine weitere Schlechtwetterfront die Besteigung des Piz Nair nicht zu verantworten sei und man erst mal abwarten müsse. Na gut, ich beuge mich dem, was soll‘s.  Er ist der Profi und das ist ok. Andere haben mit so was ein Problem, egal welcher Nationalität. Viele fremdsprachige Teilnehmer schimpfen und gestikulieren, aber ich verstehe sie nicht. Schlimmer ist‘s mit meinen Landsleuten. Die verstehe ich, zumindest die Sprache, aber nicht deren Gedankengänge. Manche legen ein Gebaren an den Tag, welches mehr als peinlich ist. Denen fehlt es definitiv an der notwendigen Gelassenheit.

Der SAV-Mann tut mir leid. Er ist kein Krisenmanager, der aufgebrachte Touristen beruhigen kann. Aber er hat weit mehr Geduld, Anstand und Fachkompetenz als mancher Läufer. Er hat nur die Order, die Leute nicht weiterlaufen zu lassen. Trotz allen Protests hält sich aber jeder dran. Mittlerweile sind wir ca. 50 Personen in der Bergstation. Hier ist es zwar warm, aber durchs Rumstehen wird’s mir kalt. Ich ziehe meine nassen Klamotten aus und ziehe an trockener Kleidung das an, was ich für Bergün vorgesehen hatte. Ich fülle meine Trinkflaschen auf, esse was, informiere meine Frau, was gerade los ist und warte ab. Mittlerweile sind auch ein paar T141er-Läufer sowie Torsten eingetrudelt, Freude.

 
Der Plan B – die Umrundung

 
Dann tritt der SAV-Mann in die Runde und verkündet, dass der Piz Nair nicht mehr bestiegen werden könne. Das Wetter macht‘s unmöglich. Das Rennen wird laut Rennleitung aber fortgesetzt. Der Plan sei, dass der Gipfel des Piz Nair umlaufen werde. Dazu müsse man nur die Straße ein Stück runterlaufen und dann einen Wanderweg über die Alp Suvretta nehmen. Danach gelangt man wieder auf die Originalroute. Er drückt Torsten einen Plan in die Hand, malt mit Filzstift eine Route rein. Zudem werden sie mit dem Jeep vorausfahren, bis zu dem Weg, der dann weiterführt. Man müsse nur hinterher laufen.
 
Gesagt, getan. Er fährt los, wir hinterher, allerdings ist der viel zu schnell und so zieht sich das Läuferfeld schnell auseinander. Vorne die Überflieger und ich mit Torsten hinten. Dann ist der Jeep weg und es geht rechts in einen Wanderweg. Jetzt kommt zu dem Ganzen auch noch der Nebel. Ich sehe nichts mehr. Alle laufen nur dem Weg, dem Vordermann oder irgendwas nach. Ich beginne zu zweifeln, ob das richtig ist.

 
Abwägen der Fakten – Risiko-Minimierung

 
Ich mache mir in dieser Situation die Fakten klar:

 Ich bin fit, gerade richtig warmgelaufen und traue mir noch Einiges zu.

 Handy- und Strinlampen-Akkus, sowie GPS-Batterien sind voll.

 Der nächste VP ist in Bergün und ca. 20km weg

 Die Sicht beträgt 2 Meter, strömender Regen, es hat auf 2500m 3 Grad

 Ich habe 1,5l Flüssigkeit, allerdings nur noch wenig zu essen (Ich hatte den VP am Piz Nair eingeplant, den wir ja jetzt umgehen)

 Ich kenne den Weg nicht und kann bei dem Wetter nicht zwischen Weg, Bach und Trampelpfad von Kühen unterscheiden.

 Ich habe zwar ein Navi dabei, aber das Kartenmaterial zeigt hier keinen Weg. Die ausgedruckten Karten sind für die Umgehung nicht lückenlos.

 Sollte ich mich weiter oben verlaufen, wird mich zunächst niemand vermissen und schon gar nicht finden.

 
Die Entscheidung

 
Aufgrund der bisherigen Rennentscheidungen, macht mir die Orga nicht den Eindruck, mich aus dieser Situation, in die sie mich gerade schicken, im Notfall zu befreien. So entscheide ich mich dazu, nicht mehr Teil ihrer Entscheidung zu sein, sondern meine eigene zu treffen. Ich breche das Rennen ab. Das ist selbst für mich neu. Ich habe noch kein Rennen beendet, weil ich Angst hatte, mich durch Weiterlaufen in Gefahr zu bringen. Eine reine Vernunftentscheidung. Torsten will weiter und so begebe ich mich alleine nach unten. Hierzu brauche ich das Navi, da ich keinen Meter weit sehe. Ich bin froh, auf irgendeinem Weg nach unten zu gelangen. Ich sehe nur den Weg unter meinen Füßen. Der Lichtkegel der Stirnlampe macht ringsherum alles weiß, Blindflug.
 
Nach einigen Höhenmetern wird die Sicht wieder besser und ich rufe die DNF-Hotline an, dass ich raus bin, aber noch ca. 50 Leute auf der “Ausweichroute” unterwegs sind. Der Weg wird zur Wirtschaftsstraße und die zur Teerstraße. Dann mache ich erneut Bekanntschaft mit diesen bescheuerten Treppen, auf denen ich raufgekommen bin, nur diesmal eben runter. Unten in der Stadt lümmelt das Wochenend-Nachtvolk rauchend vor den Nachtclubs. Die halten mich sicher für eine bildgewordene Halluzination ihres übermäßigen Konsums an Hochprozentigem. Irgendwann stehe ich dann an der Hauptstraße und meine Frau holt mich ab. Ich mache mir im warmen Auto noch Vorwürfe, die anderen, vor allem Torsten, nicht abgehalten zu haben, weiterzulaufen.

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Ende gut – alles gut

 
Das Rennen wird dann irgendwann in der Nacht komplett abgebrochen, allen geht’s soweit gut. Torsten, Jörg und Thomas sehe ich am nächsten Tag zum Frühstück noch im Hotel. Richtig geschlafen hat keiner, aber reden geht immer.
 
Wir brechen dann alle nach Chur auf und holen unsere Dropbags ab. SIT2012 abgehakt.

 
Fazit:

 
Am Ende war‘s ein sehr teurer alpiner Schlechtwetter-Marathon. Wieder viel gelernt, Kategorie: Trainingslauf.


 
Dank

 

Großer Dank gebührt meiner Frau, die immer noch diesen Unfug mitmacht und mich unterstützt, online bloggt, die Verwandtschaft informiert und beruhigt.

Dank auch an alle Freiwilligen und Helfer

 

Informationen: Swiss Irontrail
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