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Laufberichte

Flockiger Sonnenschein in der Sonnenstube

08.11.09

Die Modelleisenbahnanlage des Gotthards und das Tunnelerlebnis mit der Reise zurück in die Zeit des Baus dieser wichtigen Nord-Süd-Verbindung, dies alles gibt es im Verkehrshaus in Luzern. Dort war ich vor zwei Wochen und dachte beim Zieleinlauf des Lucerne Marthons, dass dies der Abschluss der regulären Marathon-Saison sei.

Unverhofft kommt oft, und so lange ungeplant nicht das gleiche bedeutet wie planlos, stehe ich solchen Vorhaben offen gegenüber. Ein solches kündigte sich mit der Mail des Chefredakteurs an, in welcher er fragte, ob ich in meiner gegenwärtigen Form nicht noch einen Marathon anhängen möchte, es sei alles schon organisiert.

Ein Marathon, den ich noch nicht kenne, und erst noch einer im Tessin, das waren Argumente, denen ich nichts entgegensetzen konnte. Und sonst hätte ein Blick in die Bildergalerien der vergangen Jahre allfällige Zweifel beseitigt. Dem Herbstnebel im Norden entfliehen und in der Sonnenstube einen schönen Herbsttag einziehen; eine verlockende Aussicht, der ich mich nicht entziehen wollte.

Am Samstagabend geht die Reise weiter als in die Zentralschweiz und statt musealem Erlebnis steht die ferroviale Unterquerung des Gotthardmassivs auf dem Programm. Vom nördlichsten Zipfel könnte ich am Sonntag den Bahnhof in Tenero erst  25 Minuten vor dem Start erreichen, was auch für einen geübten Läufer eine Prise zu knapp ist.

Beim Umsteigen in Bellinzona spüre ich erste Regentropfen, derer auf der Fahrt nach Locarno immer mehr werden. Bei meiner Ankunft hoffe ich, dass die Wetterfrösche zu pessimistisch sind und dieser Regen morgen nicht den ganzen Tag über andauert. Ich erinnere mich, in meinem alten Geographischen Lexikon der Schweiz etwas wenig Verheißungsvolles gelesen zu haben:

Locarno hat mit 200cm die grösste jährliche Niederschlagsmenge der Schweiz; doch verteilt sich der Niederschlag auf nur wenige Tage.
Wenigstens muss ich jetzt nicht lange durch das Nass stapfen. Wie meine m4y-Vorläufer übernachtete ich im Hotel Garni Montaldi, das in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Locarno liegt und wegen seiner Lage zahlreiche Maratonisti beherbergt. Ich weiß zwar, wo es nebenan gute Pasta gibt, die Vorläufer waren auch Vorkoster, doch ich begnüge mich heute mit einem Schlummertrunk.

Beim Aufwachen nimmt es mich natürlich wunder, wie feucht es draußen zugeht. Ich schiebe die Vorhänge beiseite und reibe mir kräftig die Augen. Nein, der Schlummertrunk kann es nicht sein, sonst hätte ich nicht so friedlich geschlafen und jetzt nicht einen so klaren Kopf. Ich traue meinen Augen nicht: Die Berge am anderen Ufer sind bis weit hinunter weiß, über Nacht überzuckert und ins Winterkleid gesteckt. Nebelschwaden hängen tief an den Bergflanken und der Übergang der Gipfel in die Wolken ist nahtlos. Was Schnee ist und was Nebel, ist nicht deutlich erkennbar. Doch der große Schub Feuchtigkeit scheint in der Nacht gefallen zu sein. Wenn es bei den Tropfen bleibt, welche die Oberfläche der Pfützen in Bewegung halten, wird das ganz passables Laufwetter.

Ich genieße es, mich nach dem Frühstück in aller Ruhe richten zu können, bevor ich die paar Meter zum Bahnhof unter die Füße nehme. Von da aus bringt mich die S-Bahn in vier Minuten nach Tenero, und etwa gleich lang dauert der Fußmarsch bis zum Centro Sportivo, dem Nationalen Jugendsportzentrum, dem bestens ausgerüsteten Ausgangs- und Zielpunkt des 27. Maratona Ticino.

 
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Ich muss nur den anderen Teilnehmern folgen, dann sehe ich, in welchem der architektonischen Schmuckstücke die Startnummernausgabe ist. Schnurstracks halte ich die Nummer und den in der Startgebühr inbegriffenen Leihchip von Datasport in meinen Händen. Sehr aufmerksam ist die Erklärung zu Chip und Chiprückgabe, die ich dazu erhalte. 

Weiter vorne im gleichen Gebäude an der Bar wird rege Kaffee getrunken. Da ich meine Tagesration schon intus habe, lasse ich diesen Teil Italiatà links liegen, gebe meine Wertsachen ab und gehe anschließend zur Dreifachsporthalle, wo die Herrenumkleide ist.  Die Infrastruktur im Sportzentrum ist für die 1300 Teilnehmer, davon etwa 230 auf der ganzen Strecke, ausreichend, und auch ohne zusätzliche Toilettenkabinen gibt es nicht längere Schlangen als sonst wo.

Der  nur noch leichte Regen hat sich in der Zwischenzeit auf ein paar wenige Tropfen reduziert, und ein Blick zum Himmel verheißt für die weitere diesbezügliche Entwicklung Gutes. Doch ich überlege mir doch nochmal, ob es nicht klug wäre, die Handschuhe anzuziehen, und gehe nochmals zurück zur Garderobe. Das Teilnehmer-Geschenk von Luzern muss heute seine Feuertaufe bestehen.

 
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Zusammen mit den Maratonisti startet eine erste Gruppe der Mezzo-Maratonisti, drei weitere Gruppen folgen mit je 10 Minuten Abstand. Was bedeutet das für die Langstreckler? Ich werde noch darauf zurückkommen.
In meinem Bestreben, noch ein paar Bilder des Feldes vor dem Start zu schießen, bin ich so knapp vor dem Start in der Aufstellung, dass es für mich keine andere Wahl gibt, als mich hinten anzustellen. Das passt aber ganz gut zu meinem ungeplanten Plan: Langsam meinen Rhythmus finden und dann trotz Fotohalten beide Runden möglichst gleichmäßig laufen. Von Beginn weg kann ich dieses Vorhaben umsetzen, es gibt Platz genug – und für den Notfall sind die Hindernisse in der Straßenmitte wie auf der Skipiste gut gepolstert.

Auf breiter Straße geht es in östlicher Richtung hinaus, über die Verzasca in die Magadinoebene, die ihren Namen vom Dorf Magadino trägt. Dieses Dorf am nordöstlichen Ende des Lago Maggiore und in der Nähe der Mündung des Ticino war vor dem Bau der Gotthardbahn ein wichtiger Platz für den Transitverkehr , da die Gotthardpost hier ihren Endpunkt hatte und somit alle aus dem Innern der Schweiz kommenden Güter umgeladen werden mussten. Vor hundert Jahren noch hatte es große Bedeutung für den Handel mit Käse, Wein und Wermut. Doch es gab nicht nur eine Wermutfabrik, auch Seidenraupen wurden gezüchtet.

In der topfebenen Magadinoebene hätte vor gut hundert Jahren ein Ultramarathon wie der Jungle Marathon in Brasilien stattfinden können. Nicht, dass es da auch undurchdringlichen Dschungel gegeben hätte. Aber vor der Korrektur des Ticino war hier unwirtliches Sumpfland. Auf der gewonnen Fläche wird seither intensiv Landwirtschaft betrieben und es haben sich verschiedene Industrieunternehmen angesiedelt. Die asphaltierte Zubringerstraße führt uns zwischen abgeernteten Feldern geradeaus. Die Bäume leuchten trotz braun-grauer Kulisse noch herbstlich farbig vor den winterlich verschneiten Hängen der umliegenden Berge. In den Furchen der Äcker steht Wasser, das der Verrottung der Ernteabfälle Vorschub leisten wird. Was haben wir nun eigentlich? Herbst, Spätherbst oder bereits Winter? Was ich sicher habe, ist Zeit, darüber nachzudenken und zum Schluss zu kommen, dass mir gefällt, dass in der heutigen Zeit noch nicht alles in Schemen gepackt werden kann. Zeit auch, um längst Vergessenes wieder zu lernen. Zum Beispiel, dass dieser Ort mit einer Besonderheit aufwarten kann, nämlich dem Anbau von Reis.

Für einmal treffe ich nicht so viele Bekannte. Der Kanton Tessin zieht zwar auch Läufer aus der Deutschschweiz und Deutschland an, vor allem aber sind es Einheimische und solche aus der italienischen Nachbarschaft. Es wird also kein Marathon vieler Worte, was mir aber auch recht ist. Ich lasse die Landschaft auf mich wirken, die ich bisher nur im Frühling und im Sommer kennengelernt habe – und seit einer zweistelligen Zahl von Jahren nicht mehr gesehen habe.

Nach etwa fünf Kilometern dreht die Strecke und folgt der Bahnlinie zurück nach Tenero. Ein Blick zurück über den brachen Acker zeigt mir, dass hinter mir nicht noch viele Läufer folgen. Der Blick nach vorne zeigt den ersten der alle fünf Kilometer eingerichteten Verpflegungsposten. An jedem gibt es das komplette Angebot, welches Riegel, Früchte, Wasser, Tee, Rivella und das isotonische, magenverträgliche Rivella-Marathon beeinhaltet, mit gut lesbaren Schildern angekündigt ist und von vorwiegend jugendlichen Helferinnen und Helfern gereicht wird. Ich halte mich heute ausschließlich an das angenehm gewärmte Iso und damit ist mir bis zum Schluss bestens gedient.

In diesem Bereich preschen auch die Schnellsten aus der zweiten Halbmarathon-Startgruppe an mir vorbei, ein zweifelhaftes Vergnügen, das noch mehrere Kilometer andauert, bis sich auch die dritte und vierte Gruppe auf der Piste verteilt hat. Ich habe das Gefühl, dass ich gleichmäßig und in einem für mich mittleren Tempo unterwegs bin, trotzdem kann ich mich des Eindruck nicht erwehren, dass ich kaum vom Fleck komme. Ich muss mich anhand der Uhr und des Pulsmessers kalibrieren und merke, dass die Überholmanöver der schnellen Halben meine Eigenwahrnehmung für einen Moment gestört haben. Dennoch muss ich sagen, dass es Angenehmeres gibt, als einen nach dem anderen vorbeiziehen zu sehen, obwohl ich eigentlich fit und munter am Traben bin. Wenigstens ist dies schon jetzt der Fall und nicht auf der zweiten Runde, sonst könnte auch ich die Krise bekommen (und Gnade dem, der sich auf der ersten Runde schon übernommen hat…).

Keine Angst, was ich jetzt erwähne hat keinen Zusammenhang mit der eben geschilderten Gemütslage. Es ist einfach so, dass das nächste, was mir am Wegrand besonders ins Auge sticht, ausgerechnet das Bestattungszentrum und Krematorium für den Raum Locarno ist. Nicht wegen seinem Bestimmungszweck, sondern wegen der eindrücklich schlichten kubischen Architektur mit klaren Linien und den perfekt aufeinander abgestimmten Materialien Sichtbeton und Sichtbackstein.

An leeren Feldern und Foliengewächshäusern vorbei geht es weiter. Vor einem weiteren Sportplatz laufen wir auf einer kleinen Piazza an einer interessanten Skulptur aus Granit vorbei, deren tiefere Botschaft mir verborgen bleibt, von meinem Ästhetikempfinden trotzdem wohlwollend beurteilt wird.

Wer lieber auf schwankenden Seilbrücken über dem Abgrund balanciert oder sich an einem Seil angebunden von Baumkrone zu Baumkrone schwingt – kurz, wer mehr Tarzan als Roadrunner ist – kann statt dem Marathon den Parcours im Abenteuer-Seilpark nebenan absolvieren. Wer statt auf Seilbrücken auf moderne Brücken steht, kommt wenig später auf seine Kosten.

Die Verzasca wird wieder überquert, diesmal auf der neuen Passarelle von Gordola. Dass dieser Brücke mit ihren beiden kraft- und schwungvollen Bogen der Vorzug gegenüber einem banalen funktionalen Fußgängerübergang gegeben wurde, erfreut das Auge und spricht für den Geschmack des behördlichen Auftraggebers. Schade wäre nur, wenn dem bereits einsetzenden Algenbewuchs auf dem filigranen Bauwerk nicht Einhalt geboten wird.

„Meine Güte, was denkt der denn alles bei einem Marathon?“, wird sich der eine oder andere Leser vielleicht fragen. Ganz viel! Kaum bin ich Nähe des Starts vorbeigelaufen, diesmal auf der anderen Seite der Autobahn, denke ich an die unzähligen Amaretti aus der Confiserie Al Porto in Ascona, die ich in meinem Leben schon aus dem Weg geräumt habe. Auslöser für diesen Gedankensprung ist ein schmuckloses Betriebsgebäude, in welchem noch andere Köstlichkeiten wie Panettoni, Truffes und Schokolade dieses Unternehmens hergestellt werden. Die Geschäfte, in welchen sie verkauft werden, und den Gaumenkitzel, den sie bedeuten, stehen in absolut umgekehrtem Verhältnis zur Ausstrahlung dieses Zweckbaus. Schade, dass dieses Unternehmen für die vorbeilaufenden Besucher nicht einen zusätzlichen, exklusiven Verpflegungsstand anbietet…

Bevor man mir ansieht, dass ich ob meinen Gedanken wie ein Pawlowscher Hund zu sabbern beginne, kann ich mir bei der nächsten offiziellen Verpflegung wieder etwas Flüssiges reinschütten. Das heißt auch, dass fast ein Viertel der Strecke schon hinter mir liegt.

Kurz darauf werden wir wieder unter der Autobahn hindurchgeführt und haben beim Verlassen der Unterführung einen schönen Blick auf den kleinen Hafen Porto Mappo und hinunter zur Uferpromenade Locarnos. Dorthin geht es nun, doch nicht unten dem See entlang, denn jetzt kommt die einzige Steigung des ganzen Kurses, die diesen Namen auch wirklich verdient. Es geht einige Meter hoch auf einer halbseitig abgesperrten Straße, die durch Minusio führt.

Da und dort sind noch ein paar schöne, alte Villen und Palazzi auszumachen, dazwischen herrscht ein stilmäßiges Allerlei. Die ganze Hangseite bis nach Locarno ist dicht bebaut und des Öfteren waren Renditegedanken dominanter als der Geschmack der Bauherrschaft. Gemildert wird diese Erscheinung allerdings durch die intensive südliche Vegetation, die einige dieser Bausünden diskret kaschiert. Zudem, wen interessiert es, wie die Hütte von außen aussieht, wenn man drinnen ist und dabei einen wunderbaren Ausblick auf den See genießt? Wenn ich im alten Geographischen Lexikon nachschaue, haben sich im Grundsatz in den letzten hundert Jahren nur die Anzahl der Häuser und der dadurch veränderte Anblick der Ortschaft vom See aus verändert:

Prachtvolle Aussicht auf den Langensee.  …unterhalb welcher die seltensten Farnarten der Schweiz gefunden werden (Osmunda regalis, Adjantum capillus Veneris, Pteris cretica etc.). Es gedeihen hier auch mächtige Lorbeerbäume, Zedern und sogar die Araurica imbricata.

Mit einem leichten Auf und Ab geht es weiter nach Muralto, wo es wieder auf Seehöhe hinunter geht.

 
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Ich habe wieder einen ganz seltenen Tag erwischt. Gut, der Schnee ist doch nicht bis in diese Tiefe gefallen, es ist aber nicht viel weiter oben, wo alles weiß ist. Dabei wurde doch schon Anfang letzten Jahrhunderts das Klima gelobt:

…Sehr mildes und gesundes Klima; vor den N.-Winden gänzlich geschützt und voll nach S. exponiert. Gleichmässigste Temperatur der Schweiz. Nebel treten beinah nie auf. Der Winter bringt manchmal gar keinen Schnee, und nicht selten zählt man im Januar bis auf 25 Tage mit Sonnenschein. Dementsprechend weist auch die Pflanzenwelt einen durchaus südlichen Charakter auf. Der Lorbeer wächst wild, Orangen- und Kampherbäume dauern im Freien aus, und bis zu 5m hohe Kamelien öffnen ihre prachtvollen Blüten schon im Februar. ...  Muralto ist wegen seines milden Klimas, seiner malerischen Umgebung und der grossen Anzahl von abwechslungsreichen Spaziergängen ein sehr beliebter Ausflugsort von Fremden; Deutsche, Engländer und Holländer, sowie besonders Schweizer aus allen Kantonen schlagen hier mit Vorliebe ihren Ruhesitz auf. … Im Herbst, Winter und besonders im Frühling wimmelt es hier von Fremden, die sich inmitten einer schönen Natur und fern vom Lärm und dem aufreibenden Leben der grossen Städte von Arbeit oder Krankheit erholen wollen.

Deutsche und Engländer habe ich schon getroffen, Holländer scheint keiner mitzulaufen und es wimmelt weder von Fremden noch von Einheimischen. Vielleicht haben die sich bei diesem Wetter einfach noch nicht vor die Tür getraut.

Der Anblick der Olivenbäume vor der Basilika San Vittore versetzt mich gefühlsmäßig noch weiter in den Süden als ich es bin. Wie geht es heute wohl den Marathoniken auf der Originalstrecke bei Athen, allen voran unserem Chefredakteur?

Die Grundsteine der Basilika sind jünger als Pheidippides, aber auch schon älteren Datums.  An dieser Stelle stand zu Römerzeiten ein dem Bacchus geweihter Tempel. Die Römer müssen ja zünftig Ramba Zamba gemacht haben, dass sie dafür sogar eine Gottheit kreierten… (Genau genommen haben sie zwar nur den Dionysos rezykliert).  Ich hingegen laufe völlig nüchtern weiter. Oder meine ich das bloß, weil ich einen so konstant hohen Endorphinpegel habe und es gar nicht mehr merke?  Dafür spricht, dass es mir nichts ausmacht, dass sich am Streckenrand nur vereinzelt Zuschauer einfinden und wir von daher wenig äußeren Antrieb haben. Es läuft einfach – hinunter nach Locarno, hinter dem Bahnhof durch, weiter zum See und von dort auf einer Schlaufe durch die Stadt. Beim Grandcasino ist wieder ein Verpflegungsposten. Nein, les jeux ne sont pas encore faits! Ich komme nachher nochmals vorbei, es hätte sich sonst nicht gelohnt, die Schnürsenkel zu binden.

Die Altstadt mit der Piazza Grande streifen wir nur. Für einen Schnappschuss reicht es aber trotzdem, nur ist der Blick auf das Häuserensemble rund um die Piazza wieder von Podesten beeinträchtigt. Dieser Kopfsteinpflasterplatz ist immer wieder Zentrum hochwertiger kultureller Anlässe. Hier werden bei den Filmfestspielen die Wettbewerbsbeiträge gezeigt, deren bester mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wird. Ganz so flink, schnell und wendig wie die Raubkatze fühle ich mich nun doch nicht, ich würde mich eher den Garfields zuordnen und finde es deshalb nicht unpassend, dass wir nicht über den Platz geführt werden.

Ein paar Straßenstücke zum Distanz-Sammeln und dann sind wir beim Castello der Visconti und allen den dazugehörenden  Mauerresten des mittelalterlichen Hafens, die zu einem Großteil in einer Straßenunterführung liegen. Ein überdimensionierter Kreisverkehr bildet den Ring um die Piazza Castello, die mit ihrem Durchmesser von 134 m den Fußgängern und Radfahrern ein ungestörtes Weiterkommen in diesem Bereich ermöglicht. Wir umkreisen den Platz zu drei Vierteln und werden durch eine weitere, etwas enge Unterführung zur Piazza Pedrazzini mit ihrem schönen alten Brunnen und zurück zum See geleitet.

Am Quai vorne beim Hafen ist eine kurze Begegnungstrecke, doch ich kenne niemanden, die mir vom Bahnhof her entgegenkommt.  Erst auf dem Gehsteig der Seestraße, dann auf der Uferpromenade, geht es zurück in die Magadinoebene. Zwischen mir und dem See sind die Parkanlagen, die auch ohne Sonnenschein und an einem grauen Tag wie heute ihre Anziehungskraft haben.

In der Zwischenzeit hat sich das gesamte Feld so eingependelt, dass ich bei gleichbleibendem Tempo immer wieder andere Läufer überhole. Bei meinen Fotostopps ziehen sie wieder an mir vorbei, und wenn ich sie wieder eingeholt habe, stehe ich sicher wieder vor einem Fotomotiv. Zuerst ist es die Kirche San Quirico mit ihren Fresken aus dem 13. – 16. Jahrhundert, dann die Cà di Ferro (das eiserne Haus), ein Bau, der auf die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückgeht und als Warenlager und Kaserne für angeworbene Söldner diente. Merkmale sind die vergitterten Fensteröffnungen, zahlreiche Kamine und ein Fresko der Madonna an der Fassade. Zum Baukomplex gehört auch eineBarockkapelle; alles zusammen wäre eine Besichtigung wert, was leider auch nach dem Marathon nicht möglich ist, da es sich heute um einen privaten Wohnsitz handelt. Schade, dass es Leute gibt, die ihre persönlichen Interessen über das öffentliche Interesse an Kulturgütern stellen.

Ein Kilometerschild und bald darauf das Ende der Uferpromenade machen klar, dass in wenigen Minuten die Hälfte des Vergnügens um sein wird. Am nächsten Verpflegungsposten können sich die Mezzo-Maratonisti den letzten Kick für den Zieleinlauf holen, meinesgleichen bereitet sich auf den zweiten Durchlauf vor.

 
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Ein Blick auf die Uhr macht mir deutlich, dass ich wieder einmal schneller bin als geplant. Gemütliche knappe vier Stunden hatte ich mir vorgenommen, wenn ich aber so weitermache, werde ich eine Viertelstunde weniger brauchen. Ich versuche etwas zu verlangsamen, was mir vorerst gelingt.

Beim Zieldurchlauf sind ein paar Zuschauer, die vorwiegend den Finishern des Halbmarathons zujubeln wollen, trotzdem auch für mich etwas Applaus entbehren können. Wenige Meter hinter der Linie wird es still und einsam, wie das auf der zweiten Runde halt so ist. Die beiden aus Holz geschnitzten Kumpels nach dem schönen Rundbau des Sportzentrums werden auch nicht mitkommen. Es sind die Maskottchen, die seit der letzten EM an diesem Platz stehen, weil das Centro Sportivo damals hohen fußballerischen Besuch hatte. Jogis Jungs haben sich auf diesem Gelände den letzten Schliff für jene Meisterschaft geholt. Ich hole mir heute den letzten Schliff für meinen ersten Waffenlauf am kommenden Sonntag.

Auf den zweiten 21 Kilometern kann ich noch nach weiteren Fotomotiven Ausschau halten und ansonsten beim Laufen meinen Gedanken nachhängen.  Obwohl hinter den Wolken ein kreisrunder heller Fleck auszumachen ist, haben sich die Lichtverhältnisse und die Wetterstimmung nicht viel verändert, es sind also die meisten Bilder im Kasten. Ich kann immer wieder zu anderen Läufern aufschließen, dann und wann laufen wir ein Stück gemeinsam und tauschen uns aus. Es ist so, wie ich mir das vorstelle und wie es sich Menschen ohne Marathoninfektion nicht vorstellen können. Einfach ein Genuss.

Da und dort entdecke ich Kleinigkeiten entlang der Strecke, die mir auf dem ersten Durchgang noch nicht aufgefallen sind, ansonsten vertiefe ich einfach meine Eindrücke, genieße und merke kaum, wie ich einen Kilometer nach dem anderen hinter mir lasse. Locker flockig tragen mich meine Beine zur Ziellinie, die ich fast zwanzig Minuten schneller überquere als geplant. Da ich mich dabei mindestens so gut fühle wie geplant, stört es mich nicht, dass ich meinen Zeitplan nicht eingehalten habe.

Gegen Abgabe des Leihchips erhalte ich ein Maratona-Funktionsshirt in Größe M. Ich weiß nicht, ob dies die Einheitsgröße ist oder ob die Auswahl an verschiedenen Größen den Finishern des Halbmarathons vorbehalten war. Schade, wenn dem so ist und Leute sich mit einem gut sitzenden Shirt mit dem Aufdruck Maratona Ticino schmücken dürfen, aber nur die Hälfte davon wirklich bestritten haben, während andere die ganze Leistung erbracht haben und ihnen dies verwehrt bleibt, weil sie nicht so feingliedrig gebaut sind.

Nichts auszusetzen habe ich hingegen an der Dusche, die auch noch den Maratonisti heißes Wasser liefert und mich für die lange Heimreise in einen für die Mitpassagiere akzeptablen Zustand bringen hilft.

Die einzige Erwartung, die unerfüllt bleibt, ist die, dass ich einen letzten sonnigen Herbsttag in diesem Jahr einziehen könne. Dafür können die freundlichen Veranstalter und Helfer nichts – ich möchte ihnen auch nicht unterstellen, dass sie mit der oberen Instanz etwas gemischelt haben, damit ich nochmals einen Anlauf nehme und nächstes Jahr wieder teilnehme – in der erneuten Hoffnung auf eine Sonnenstube, die sich ihrem Namen entsprechen präsentiert und die Sonne nicht wieder in flüssiger oder gar flockiger Form auf uns niedergehen lässt.

Marathonsieger (227 Finisher)

Männer

1. Brydl Pavel,  CZ                           2:28.29,4  
2. Gauch Bertrand, Fribourg                  2:36.15,3   
3. Steinacher Helmuth,  Küttigen              2:37.20,3    

Frauen

1. Meneghin Maya, Vermes                     3:02.14,6   
2. Fattini Gabriela,  Pfungen                 3:12.08,8   
3. Lualdi Marta, I-Busto Arsizio (VA)        3:14.45,8   

 

Runde 2

 
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Runde 1: Locarno bis Tenero

 
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Runde 1: Tenero bis Locarno

 
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Informationen: Maratona Ticino
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