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Laufberichte

Weil es so gut brennt…

 

Der Horchdienst in Limburg fängt am 16.März 1945 einen Funkspruch der Briten ab: 550 Bomber sind auf dem Anflug nach Würzburg. Um 21:07 gab man die Warnung an die Bewohner per Drahtfunk, also über Telefon-, und Stromleitung durch. Um 21:25 brach die Hölle los, die wenigsten Würzburger fanden einen Schutzraum, es gab kaum welche. Man hätte nie gedacht, dass die Barockstadt angegriffen würde, sie bot keine strategischen Ziele, stand aber auf Platz 10 der Liste von Arthur Harris, einer Liste von Städten, die man mit wenigen Bombern verheerend vernichten kann. Harris arbeitete die Liste zügig ab.

Der Vernichtungsgrad war größer, als in Dresden. Wer heute durch die Innenstadt von Würzburg geht  bemerkt schnell, dass alle Gebäude neu sind. Einzig der Alte Kranen (1773) der Hafenkran blieb erhalten. Davor steht eine kleine Lore, eine Trümmerlore, sie markiert die Stelle, an der täglich 900 Tonnen Schutt auf kleine Nachen verladen wurden. Dafür wurden 30 km Schienen durch die Altstadt verlegt. Die Stadt durfte nach dem Angriff nur von den zum „Ehrendienst“ verpflichteten Trümmer-Männern und – Frauen betreten werden. 1963 konnten die Schienen für die Trümmerloren entfernt werden.

Es gibt ausführliche Beschreibungen der Ereignisse dieses Tages und ellenlange Diskussionen über die sinnlose Bombardierung. Manchmal denken Besucher aus Partnerstädten von Würzburg an den 16. März, wenn, wie seit 72 Jahren alle Kirchenglocken läuten. Würzburg ist unter anderen mit Dundee in Schottland und Bray in Irland verschwistert. Großer Verdienst kam der Stadt Faribault (Minnesota) zu Teil, die 1949 die Patenschaft für Würzburg übernahm und umfangreiche Aufbauhilfe leistet. Die Heimatstadt von Arthur Harris ist nicht an Städtepartnerschaften interessiert.

 

 
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Der Gedächtnislauf, der immer am Samstag nach den Jahrestag der Bombardierung sattfindet, erreicht keine internationale Aufmerksamkeit. Auch die Läufer, die im Hof des Rathauses auf den Start warten, erwähnen kaum den Grund dieses Laufes.

Unglaublich viele Läufer für die Kurzstrecken sind angetreten, nur 70 für die 45 km. Vielleicht, weil gleichzeitig der 6 Stundenlauf in Nürnberg stattfindet und morgen der 6 Stundenlauf in Fürth.

Im Rathaus holt man sich gegen eine Spende (Kolpingstiftung) die Startnummern ab. Ab 10 Euro gibt es eine Spendenquittung. Viele melden sich kurzfristig nach, obwohl schauerliches Wetter angesagt ist. Das Gepäck mit warmer Kleidung und Duschsachen gibt man bei den Kleintransportern der Firma Hummel ab, die es zum jeweiligen Zielort bringen. Dies ist ein Punkt-zu Punkt Lauf, er folgt dem Weg der Überlebenden der Bombennacht und dem Weg der Trümmer der Stadt, immer am Main entlang. Der Main war die Überlebensader, denn in der Stadt brannten nicht nur die Häuser, sondern auch die Kohlevorräte in den Kellern, die neben den Schutzkellern waren. Es gab einfach keinen Sauerstoff mehr in der einst prachtvollen Stadt der Fachwerkhäuser. Die Menschen, die den Feuersturm überlebten, erstickten in den Schutzräumen.

 

 
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Ich ringe auch nach Luft, weil ich wie immer mit den Kurzstrecklern mithalten will, und der Anstieg zur Alten Brücke bevorsteht. Als man diese Brücke 1120 baute, fand man die Statue der heidnischen Göttin Freya, die von den Missionaren Kilian, Kolonat und Totnan gestürzt wurde. Sie ist nun im Innenhof der Festung Marienberg zu sehen. Die Festung Marienberg, die über den Köpfen der Läufer zu sehen ist, war in der Zeit der Bauernkriege wichtig gewesen. 1945 befand sich dort eine „Umschulungsstätte für arbeitslose SA-Kameraden“.  Da muss ich jetzt grinsen, weil diese Kameraden „arbeitslos“ wurden.

Die Alte Brücke ist der Mittelpunkt von Würzburg. An der kleinen Weinstube( 4 Euro das Glas) kommt nachts Romantik auf, wenn sich die Festung und die Kirche am Nikolausberg im Wasser des Maines spiegeln.

Auf der Talavera, dem Platz zwischen der Brücke der Deutschen Einheit und der Friedensbrücke wurden die Trümmer gelagert, die wiederverwendet wurden. Ein gewaltiger Berg von 2,5 Millionen Kubikmeter.

 

 
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Von nun an geht es an der linken Uferstraße entlang. Am rechten Hang, oberhalb der steilen Weinberge, sieht man die Laufstrecke des Maintal-Ultratrails (15.07.17).

Erster Ort unserer heutigen Reise ist Zell am Main, das auch vollständig zerstört wurde. Die Brücke war schon vorher durch deutsche Truppen gesprengt worden. Die Druckmaschinenfabrik König und Bauer (1817) ist die älteste der Welt, Weltmarktführer mit angeblich 90 % Marktanteil im Banknotendruck. Wobei sich dessen auch die englische Firma De La Rue brüstet. Dass sie neue Pfundnoten drucken, ist gesichert, dass sie neue D-Mark Noten drucken, wie von Trump behauptet wird, könnte sein, denn die Ersatznoten in den Kellern der Bundesbank sind schon sehr veraltet. Dies hätte allerdings nichts mit der aktuellen politischen Entwicklung zu tun, alle Staaten haben Ersatzwährungen im Keller.

 

 
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In Margetshöchheim  endet der 10 Kilometerlauf. Die Geschichte der Stadt auf deren Website auch, und zwar am 24. Oktober 1928, als das erste elektronische Licht brannte. Es ist so, als möchte man vergessen, was danach geschehen ist. Für die 10 Kilometer Finisher gibt es Freibier, alkfrei, von der Kapuziner Brauerei. Weil das ganz gut schmeckt, laufe ich schnell zu deren Verpflegungsstelle rüber. Es gibt etwa alle 10 Kilometer Verpflegung, keine kulinarischen Höhepunkte, dieser Lauf kostet ja eigentlich nichts, und uns geht es allemal besser, als den Überlebenden vom 16. März 1945.

Nächster Ort ist Zellingen, dessen Geschichte  1818 endet, wie sich jeder Läufer bei Wikipedia überzeugen kann. Immerhin erwähnt dann doch die Stadtchronik den Beginn des zweiten Krieges im Jahre 1939, als wüsste dies niemand. Der nächste Eintrag ist am 29.März 1945, es geht um Karl Weiglein, der um 1:30 Uhr in seinem eigenen Garten an einem Birnbaum gehenkt wurde. Er hatte sich abfällig über die Brückensprengung geäußert und die Drohung, Deserteure würden vors Standgericht kommen, mit einem "Oho!" quittiert. Wie pervers die Situation damals zwischen Tod und Kapitulation zwei Wochen nach der Bombardierung von Würzburg  doch war.

Der Halbmarathon endet in Himmelstadt, beliebte Adresse für Weihnachtspost. Am VP frage ich nach  Kapuzinerbräu, aber dafür müsste ich nun 10 Meter rüber zur Kurzstrecklerverpflegung.  Das ist mir dann doch zu viel für ein Alkfreies, also Cola. Der Philatelistenlehrpfad für Weihnachtspost von Himmelstadt ist für einen Briefmarkensammler reine Geldverschwendung. Ein aufgefundenes Damenfahrrad löst eine großangelegte Suchaktion aus, die negativ verlief. In meiner Heimatstadt würde man ein damenloses Fahrrad wortlos im Main entsorgen, anstatt die Polizei damit zu belästigen.

In Laudenbach führt eine seltsame Brücke über den Main. Es ist ein Förderband, das Material vom Steinbruch links, zur Zementfabrik Schwenk, rechts transportiert. Die Fabrik gibt es seit 1847.  Sie stellte ihre Steinbrucharbeiten nach dem Bombenangriff auf Würzburg nicht ein, weil die Ziegelsteine wegen der hohen Temperaturen beim Brand der Bomben so sehr zerbröselten, dass man sie nicht mehr gebrauchen konnte.

 

 
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Die Karlsburg wurde spätestens im 8. Jahrhundert erbaut und gehörte dem Vater von Karl dem Großen. Die Stadt unterhalb der Burg heißt Mühlbach, wir überqueren die Brücke und gelangen nach Karlstadt( 6. Jahrh.), ein sehr sympathisches Städtchen. Deutschlands aktivster Briefträger (er hat mehr als fünfzig 100 Meilenläufe gefinisht) weist mir den weiteren Weg durchs Maintor. Ich würde gerne etwas länger im schönen Karlstadt verweilen, so wie die 28 Kilometerläufer, für die hier die Reise endet.

Nun laufen wir auf dem rechten Flussufer und folgen damit weiter dem 930 Kilometer langen Marienweg. Es ist nun ruhig und einsam auf dem Uferweg. Ein Landwirt bearbeitet das riesige Feld mit seinen Pferden, die Erde ist fruchtbar, aber zu nass für einen Traktor.

Der Fluss Wern ist nur erwähnenswert, weil er durch Poppenhausen fließt. Ich bin nun in Wernfeld, ein Stadtteil des Zielortes.  

Gemünden heißt Gemünden, weil hier die fränkische Saale und die Sinn parallel in den Main münden. Hinter den zwei Flussmündungen stehen sich auf der Mainbrücke zwei Bagger gegenüber und reißen die Brücke ein. Etwa 10 Meter breit ist die Lücke in der Brücke, was sich wunderbar reimt. Doch letzte Woche „strandete“ ein Bagger auf der Brücke, als es links und rechts keine Verbindung mehr zum Ufer gab. Das ist so blöd, dass sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat. Jetzt also „läuft“ der Abbruch wieder und schickt beißenden Staub auf meine Laufstrecke. Die führt nun die Saale hinauf, die sich oberhalb teilt, und eine Insel für Sportfelder und Schwimmbad bildet. Danach muss ich über die Sinn, was sinnlos ist, denn eigentlich hätten wir auch die Brücke der B26 über die zwei Flussläufe nehmen können.  Das wäre kürzer, aber nicht schöner gewesen.

 

 

Nach 45 Kilometern endet dieser Lauf in einer Stadt, die auch in den letzten Tagen des Krieges  vollkommen zerstört wurde. 1950 wurde Gemünden komplett planiert, ein Neuaufbau war damals aussichtslos. In den 80ern wurde die Altstadt rekonstruiert und bietet nun einen schönen, sympathischen, wenn auch einsamen Anblick. Über dem Stadtkern von Gemünden ragt die Ruine der Scherenburg heraus, auch Schloss Scherenberg genannt. Weiter oberhalb befinden sich noch Überreste der Slorburg. Meine Überreste laufen im Schulzentrum in Gemünden ein.

Ich würde mich freuen, wenn dieser Bericht zur Teilnahme zum 24. Gedächtnislauf am 17.03.18 motiviert.

 

Informationen: Gedächtnislauf
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