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Manchmal dauert es länger

 

Fidelitas. Ein Männerbund? Eine Studentenverbindung? Oder eine Versicherung aus der Zeit, als ein wichtiger Gedanke solcher Institutionen die Solidarität und nicht das profitgierige Maximalscheffeln war? Könnte durchaus sein. In diesem Fall trifft das aber nicht zu. Den Ortsansässigen verschwenden dafür keinen weiteren Gedanken. Ein Fremdling mit minimsten heraldischem Grundwissen braucht weitere Aufklärung in Form des Karlsruhers Stadtwappens.

Fidelitas dem Nachtlauf gegenüber zeigen die Teilnehmer, welche der Veranstaltung über all die Jahre die Treue hielten. Heute steht die 39. Ausgabe an. Und endlich habe auch ich es geschafft, den Lauf in mein Programm einzubauen. Was einst als Wanderanlass begann, ist heute auch ein Ultralauf, Staffel- Ultra für vier Personen und ein um 700 Meter zu kurzer Marathon.

 

 
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Start und Ziel befindet sich alternierend an zwei Nachbarssportstätten. In diesem Jahr ist der SV Südstern 06 an der Reihe. Die gute verkehrstechnische Lage unweit einer Autobahnabfahrt macht es mir möglich, zeitoptimiert anzureisen. Die Entgegennahme der Startnummern und das Anbringen der beiden Zeitmessschlaufen an den Schnürsenkeln gehen zügig, es bleibt mir noch ausreichend Zeit für gemütliches Plaudern und eine flüssige, bleifreie Henkersmahlzeit.

Keine Zeit bleibt mir, um mich mit dem Streckenverlauf auseinanderzusetzen. Idealerweise hätte ich mich sowieso schon im Vorfeld damit befassen sollen. Genügend Lauferfahrung hätte ich, um den Stellenwert einer guten Vorbereitung zu kennen. So gehe ich um 17.00 Uhr am Ende des Feldes auf der Strecke mit nicht viel mehr Streckenkenntnis als die Gesamtdistanz und die der Ausschreibung entnommenen Angabe, dass ungefähr alle fünf Kilometer ein Verpflegungsposten zu erwarten sei.

Auf ebenen Wegen in ausreichender Breite wird im Oberwald in gewisser Weise und mit gehörigem Abstand der Erlachsee, ein Relikt aus der Zeit des Autobahnbaus, umrundet. Nach ungefähr acht angenehmen Kilometern gibt es die erste Wasserstelle.  

 

 
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Im weiteren Verlauf durch den Oderwald sind immer wieder Schilder zu sehen, welche zu den Gehegen der Bewohner des zum Karlsruher Zoo gehörenden Wildparks weisen. Die einzigen Wildtiere, die ich zu Gesicht bekomme, sind die schrägen Vögel in Laufkleidung, die an einem schönen sommerlichen Samstagabend nichts Besseres zu tun wissen, als einen Ultra zu laufen.

Auf die Ruhe des Waldes folgt das Rauschen eines vierspurigen Autobahnzubringers. Eine Brücke führt darüber auf einen ebenfalls bewaldeten Streifen zwischen Straße und Gleis. Links liegt der Rangierbahnhof und vor uns bereits das Ende des zehnten, nicht ausgeschilderten Kilometers.
Ein alter Brückenkopf in schöner Sandsteinbauweise zeugt von Wachstum und Veränderung.

Neben unter und über Gleisen hindurch geht es weiter an Familiengärten vorbei. Planschen in immer größer werdenden Aufstell-Pools, grillen, ein kühler Tropfen im Glas, so lässt sich ein solcher Samstag auch gut über die Runden bringen.

Den kühlen Tropfen gibt es für uns wenig später im Schatten einer weiteren Brücke. Nach zwölf Kilometern gibt es nochmals Wasser, in sechs Kilometern Entfernung wird dann richtig angerichtet.

Dorthin geht es zunächst wieder an Familiengärten entlang, dann ist der Moderator der Pferdesportanlage zu hören. Die armen Pferde, die nicht selbst entscheiden können, ob sie bei diesem Wetter laufen möchten. Wir haben diese Entscheidungsgewalt und, ja, ich will laufen. Das Gleis der Straßenbahn kann ich gerade noch queren, bevor die Warnblinkeinlage einschaltet. Es gilt die StVo.

Die Gegend scheint aus Familiengärten, Gleisanlagen und mehrspurigen Straßen zu bestehen, wobei das Bild von Ersteren geprägt wird. In Grötzingen ist es dann soweit, das Buffet ist angerichtet. Mir entgeht allerdings nicht, dass mir aus der letzten vorhandenen Flasche Iso nachgeschenkt wird.

 

 
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Noch im Wohngebiet kommen sie von hinten mit Blinklicht und Sirene. Nicht irgendwelche Spätstarter, sondern ein Löschzug der Feuerwehr. Sie gehen uns voraus, den Anstieg zum Wald hoch, wo ein Einsatz auf sie wartet. Im dort beginnenden Hohlweg ist Kraxeln angesagt, um an den Fahrzeugen vorbeizukommen. Nach vier schönen Kilometern im Wald geht es hinaus auf eine kleine Hochebene. Die Felder beidseits in der Abendsonne und eine Baumgruppe sind eine Augenweide. Kurz vor Kilometer 25 wird diese Idylle durch einen weiteren Verpflegungsposten verschönert, dann geht es hinunter nach Jöhlingen.

Durch den Ort hindurch geht es durch den selbstgewählten Ausschluss der Bewohner. Nicht ganz, denn in einem Hof sitzt eine fröhliche Truppe und lädt ein auf ein Gläschen Sekt. Schon zuvor lauerte die Versuchung am Wegesrand in Form einer Eisdiele. Wer länger braucht, könnte sich solche Eskapaden leisten; ich riskiere nichts. Ankommen ist meine Devise auf meinem ersten Ultra seit 14 Monaten.

Wieder zwischen den Feldern, ist die zwischen und unter massigen Rosskastanienbäumen versteckte Maria-Hilf-Kapelle zu sehen. Von Nahe kann ich sie nicht betrachten, eine Spitzkehre führt vorher schon wieder in eine andere Richtung. Es ist nicht weit bis zum nächsten Waldrand und dort steht die nächste Verpflegungsstelle. Dann geht es auf gerader Naturstraße gerade durch den Wald, garniert mit warmem Abendlicht und 80 Höhenmetern.

Dreißig Kilometer liegen hinter mir und die Sonne nähert sich schon dem Horizont. Manche brauchen eben länger. Mein langer Schatten begleitet mich entlang der Wiesen und Felder, dann tauche ich wieder in den Wald ein und verlasse ihn erst nachdem vom Feuerball nichts mehr zu sehen ist. Dafür ist bald wieder ein VP in Sicht.

 

 
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Anschließend kann ich es rollen lassen. Rechts am Wegesrand sind das Bürkleskreuz und eine Tafel mit der entsprechenden Erklärung. Angst, dass mich Räuber erschlagen könnten, habe ich keine. Dafür trage ich zu wenig Geld bei mir. Bleibt die Hoffnung, dass nicht hinter einem Baum oder später in der Dunkelheit der Hammermann mir auflauert.

Durch Singen geht es hinüber nach Remchingen und am Schwimmbad vorbei in den Wald. Das Bedürfnis nach einer Abkühlung habe ich nicht, es ist ein angenehmer lauer Sommerabend.

Das dämmrige Licht wird im Gehölz noch dunkler und beim Heraustreten sind auch über Mutschelbach die Nacht ein- und die ersten Glühwürmchen aufgebrochen.

Die Hälfte der Strecke ist fast geschafft. In Mutschelbach sind um 20.00 Uhr die Marathonläufer gestartet und anscheinend haben sie sich zuvor ausgiebig am Verpflegungsposten gütlich getan, der wirkt nämlich etwas zerzaust.

Durch den Ort geht es der Straße entlang, dann wird auf den Radweg gewechselt. Am Ortsausgang ist auf der anderen Straßenseite eine größere Party im Gange, es scheint ein Fest des Fußballvereins zu sein. Bald sind aber nur noch die Autos auf der Landesstraße zu hören und Glühwürmchen zu sehen. Irgendwann tost auf der Neubaubrücke weit über dem Kopf der Verkehr der A8.

Nur noch nächtliche Geräusche sind nach dem abbiegen in den Wald zu hören. Dazu wieder die Glühwürmchen, deren Flugbahn mich an Cheerleaders erinnert.

Aus dem Wald ist in der Ortschaft. Diesmal ist es Langensteinbach, Ortsteil von Karlsbad. Am Verpflegungsposten nehme ich zu mir, was ich zu brauchen vermute, und beantworte die Fragen eines angesäuselten Zaungasts, der sich mit der Vorstellung schwer tut, dass man mit Freude an einem solchen Unterfangen mitmacht.

Mittlerweile wieder im Wald, muss ich mir eingestehen, dass ich wie Hänsel und Gretel unterwegs bin. Ich habe keinen Plan, wo ich bin, an der Sonne kann ich mich schon längst nicht mehr orientieren und in der Zwischenzeit hat sich Bewölkung vor den Sternenhimmel geschoben, sodass nicht einmal eine Sternenpeilung möglich wäre. Egal, denn die Markierung lässt keine Zweifel zu und Hauptsache ist, dass es läuft. Das mache ich mittlerweile zusammen mit Annette.

Feld, Wald und Wiese, dann Ortschaft. Und wo Ortschaft ist, ist Verpflegung. Diesmal in Ittersbach. Pfinzweiler wird nur gestreift, dann gibt es in Langenalb wieder etwas zu futtern. Die Ansage, dass es bis zum nächsten Posten acht Kilometer seien, lässt mich etwas Warmes, eine Bouillon mit vielleicht etwas Reis, schmerzlich vermissen. Nicht, dass ich kalt hätte, aber das ist halt so eine Ultra-Gewohnheit. Trotz diesem Dämpfer läuft es uns auf den folgenden Kilometern ganz gut. Ohne es besprechen zu müssen, passen wir unser Tempo jeweils dem Anderen an.

In Marxzell geht es auch durch die Ortschaft, aber es warten nur zwei Bronzemenschen mit einem ebensolchen Ziegenbock am Straßenrand. Früher war Marxzell der Ort des bekannten Gaisenmarktes, einem Jahrmarkt mit Tierhandel. Dreiviertel der Strecke liegen hinter uns und bei Fischgrün kann wieder verpflegt werden. Bis Kilometer 70 verläuft die Strecke, auf der noch ein weiterer Versorgungspunkt liegt, im Wald, dann wird es wieder städtisch.

 

 

Mittlerweile haben Annette und ich uns entschieden, den Rest zu wandern; Zeit dazu haben wir genügend und übertreiben können andere.

In Ettlingen gibt es nochmals eine Stärkung, dann wandern wir im anbrechenden Morgen zurück zum Oberwald. Ein paar Abschnitte kommen mir bekannt vor, obwohl es doch schon recht lange her ist, seit ich gestern hier entlang lief...

Irgendwann spuckt der Wald uns aus und ich kann mich wieder orientieren. Nur noch einmal ums Fußballfeld, dann ist wieder ein Ultra in trockenen Tüchern, einer, dem ich mit einem gewissen Bangen entgegensah. Doch, ich kann auch wieder Ultra, auch wenn es länger dauert, bis ich ankomme. Und der FC Südstern 06 kann heiße Duschen.

 

Informationen: Fidelitas Nachtlauf
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