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Laufberichte

Vom Besenläuferpärchen eingeholt

01.07.06

Freundlichkeit der Helferschar nicht zu überbieten

 

Um 2.18 h sehe ich das Ortschild Ichratzheim vor mir. Ein interessanter Dorfnamen, aber ich will da nicht hin, weil es dann nach Colmar weitergehen würde. Nein, ich will auf die andere Rheinseite in den Schwarzwald hinein. Ergo mache ich kehrt und fahre Richtung Straßburg zurück und kann wenig später voller Erleichterung das Hinweisschild Offenburg erkennen.

 

Es fährt sich gut in dieser Sommernacht, der Verkehr hält sich sehr in Maßen und in einigen Schwarzwaldorten kann man spät heimkehrende sieges- und alkoholtrunkene Fußballfans beobachten. In Hornberg steht ein Wagen mit mich stark blendendem Scheinwerfer auf der rechten Seite. Ich fahre langsam an ihn heran, mit dem Willen, mich beim Fahrer wegen dieser Rücksichtslosigkeit zu beschweren, erkenne dann aber in ihm einen Polizeiwagen mit offen stehenden Türen. 2 Meter weiter steht ein junger Mann mit breit gespreizten Beinen und erhobenen Händen mit dem Gesicht zu einer Häuserwand und ein Polizist führt gerade eine Körpervisitation durch, die von seinem Kollegen mit vorgehaltener Pistole abgesichert wird. Eine Beschwerde wegen Sichtblendung meinerseits findet nicht statt…

 

In der Dämmerung erreiche ich im Südschwarzwald eine beleuchtete Großtankstelle, und da mich mein Magen um Nahrung bittet, beschließe ich, dort ein Sandwich zu kaufen. Die Tür ist verschlossen, und nur an einem Schalter kann man von außen mit dem Kassierer Kontakt aufnehmen. Das erlebe ich in Deutschland zum ersten Mal. Ist die allgemeine Sicherheitslage in dieser Gegend schon so prekär geworden?

 

Nun gut, der Kassierer hat noch genau 2 Schinken-Käse-Sandwichs auf Lager und bedeutet mir, dass er mir, wenn ich wollte, das 2. Sandwich gratis überlassen würde. In Anbetracht des zu erwartenden Kaloriengroßverbrauchs durch den in wenigen Stunden beginnenden Bergmarathon mache ich erfreut von seinem Angebot Gebrauch.

 

Schnell sind die beiden Brote im Magen und kurze Zeit später fühle ich mich wie der Wolf im Märchen, dem die 7 Geislein Wackersteine  in den Bauch eingenäht haben. Bäh, ich muss mir in Zukunft wieder Studentenfutter oder Datteln zum Frühstück mitnehmen. Ich bin einfach kein Brotesser und vertrage es nicht.

 

Am Bodensee geht meine Reise vorbei, wo ich immer in den Ortschaften darauf achte, die 50 km-Geschwindigkeit nicht zu überschreiten, da mir in der Vergangenheit schon mal ein Bildchen mit gut sichtbarem Autokennzeichen und meinem bebartetem Konterfei mit betreffender Zahlkarte zugeschickt wurde…

 

So gegen 7.00 h erreiche ich Oberstaufen und finde dann nach kurzem Suchen das Sportzentrum Kalzofen, wo sich die Startnummernausgabe, Duschen, sowie Start und Ziel befinden.

 

Es ist angenehm kühl so früh am morgen, der Himmel ist heiter und es verspricht mal wieder ein schöner Tag zu werden. Im Nu füllt sich der Platz mit Läufern, Gehern mit ihren Stöcken und Anhang. Neben dem Marathon wird auch ein 2/3 Marathon und eine Wanderwettbewerb ausgetragen.

 

Gerade begibt sich eine junge Frau auf ein Metallpodest mit 2 Geherstecken in der Hand; lautstarke rhythmische Musik ertönt aus einem Lautsprecher und mit verzücktem Gesicht und gutem Körpergefühl vollführt sie vor einer ca. 60-80köpfigen ebenfalls bestockten Menge vornehmlich weiblichen Geschlechts sehr gekonnt Gymnastikübungen, die die Menge nachzuahmen versucht. Ich sehe so etwas zum ersten Mal und das Ganze erscheint mir ein wenig bizarr, übt aber doch einen gewissen Reiz auf mich aus.

 

Mittlerweile sind es noch ca. 10 Minuten bis zum Start, viele Bekannte konnte ich zwischenzeitlich begrüßen, und wir reihen uns auf der Tartanbahn vor dem Startbogen ein.

 

Pünktlich um 8.30 h wird der Startschuss abgefeuert und die Läuferherde setzt sich in Bewegung. Ca. 1,5 km geht es jetzt leicht abfallend in Richtung und durch den Kurpark, und ich laufe mal wieder viel zu schnell an…

 

Unmittelbar nach dem Park laufen wir in den Wald, wo es zunächst steil nach oben geht und für mich ein willkommenes Alibi bietet, gehen zu können. Von den meisten werde ich jetzt laufend überholt und ich befinde mich schon jetzt mit Hanne Gessler, mit der ich fast die ganze Strecke vom Bieler 100er drei Wochen zuvor zurückgelegt hatte und Guido Schönfelder, den ich vom Sahara-Marathon 2002 her kenne und einigen wenigen anderen ganz am Schluss des Rennens.

 

Das Ende des Wäldchens ist schell erreicht und es tut sich vor uns eine erhabenes Panorama auf: rechts Hochgebirge mit noch schneebedeckten Bergen in Tirol, geradeaus höheres Mittelgebirge vornehmlich aus Wiesen und Matten bestehend und von zusammenhängenden Waldinseln, die ca. 30 % der Landschaft bedecken, aufgelockert. Geradeaus blickend kann man schon in der Ferne unser Zwischenziel, den Hochgrat (1.700 m), der die Grenze zu Austria bildet, erkennen. Links wird die Gegend flacher; die Sonne scheint und wird zeitweise von weißen harmlosen Wolken in Ihrer Intensität für mich als Sonnenbrandgefährdeter wohltuender weise gebremst. Der Wind weht spürbar, was ebenfalls uns Läufern zu Gute kommt.

 

Jetzt verläuft der Rennkurs steil nach unten und man kann die Spitze der schon weit auseinander gezogenen Läuferschlange weit vor uns erblicken. Uns, das sind Hanne Gessler und ich, die vor diesem Alpin-Marathon einen Heidenrespekt hat. Die Bergabfahrt geht recht schnell vonstatten und einige Läufer werden wieder über- bzw. eingeholt. Unter anderem von Guido Schönfelder, der mich fragt, ob ich meinen Rhythmus nun gefunden hätte. Was leider nicht der Fall sein kann, da die Topographie dies nicht zulässt.

 

Sehr steil verläuft der Weg jetzt nach Steibis hoch, wo oben im Ort einige Zuschauer enthusiastisch klatschen. Wir laufen an einer Käserei vorbei, die dieses Jahr ihr hundertes Firmenjubiläum feiert, dahinter befindet sich eine Trachtenmanufaktur. Auf die Frage an Hanne, ob das nicht auch ein passendes Kleidungsstück für sie wäre, meinte sie, dass ihre Oberweite nicht zu solchen Textilien passen würde. In der Tat, die robusten,  Maßkrüge servierenden Kellnerinnen auf dem Münchner Oktoberfest sind als Trachtenmodels prädestinierter.

 

Von nun an geht es wieder steil bergab an einem großen Bauernhof vorbei, wo sicherlich mehr als 50 prächtige Milchkühe gerade ein Kuhglockenkonzert veranstalten. Tief im Tal unten befindet sich ein Golfplatz, wo einige Golfsportler ihrem Hobby nachgehen. Hanne und ich machen Witzchen über diese Sportart, die ja nun wirklich mit unserem Ausdauersport absolut nichts zu tun hat.

 

Kurz dahinter erreichen wir die Talstation der Imbergbahn und ein langer Anstieg beginnt. Es wird immer steiler und ich lasse mich, um Kräfte zu sparen, mehr und mehr von den noch vor mir laufenden langsamen Läufern zurückfallen - und werde von einem Besenläuferpärchen eingeholt. Der Besenläufermann hat doch tatsächlich einen Besenkopf in seinem Rucksack. Ich erkläre ihnen, dass sie sicherlich nur temporär meine Begleiter seien, denn mir ist bei den mich vorher überholenden Läufern anhand ihrer Bewegung und Atmung schon ihr beginnendes Schwächeln aufgefallen.

 

Oben am Imberghaus angekommen, wo sich eine Verpflegungsstelle befindet, trennen sich die Wege der 2/3-Distanzlern von denen der Volldistanzlern. Die Verpflegungstellen sind immer hervorragend mit Wasser, Iso, Cola und sogar Wassermelonenteilen  bestückt und werden von sehr hilfsbereiten und freundlichen Helfern bedient. Überhaupt, die Freundlichkeit der Helferschar, die bei dem Rennen 150 Personen beträgt, ist nicht zu überbieten.

 

Hiermit möchte ich ein großes Lob an die Rennorganisation aussprechen.

 

Meine relativ langsame Vorgehensweise zahlt sich aus und ich kann diese wirklich schöne Landschaft als solche wahrnehmen und dementsprechend genießen. Viele Blumen sieht man hier, nach denen man andern Ortens vergeblich Ausschau hält. Zum Beispiel das gefleckte Knabenkraut, eine Orchideenart, die keinen Kunstdünger verträgt und deshalb selten geworden ist. Hier sehe ich sie häufig und auch Wiesenflockenblumen in kornblumenblau, die bei mir zu Hause nur in der Farbe lila vorkommen.

 

Nach weiteren Ab- und Anstiegen erreichen wir endlich den Hochgrat. Die Besenläufer haben sich mittlerweile, wie vorausgesagt, bereits anderen Läufern angenommen, und der Weg wird schwierig.

 

Trittsicherheit ist angesagt und äußerste Konzentration ist notwendig. Zweimal besteigen wir Eisenleitern und hangeln und einmal an einem Drahtseil entlang. Der Grand Raid de la Reunion kommt mir in Erinnerung.

 

Ca. 3 km bewegen wir uns auf diesem schwierigen Terrain weiter; ich selbst bin als Naturfreund in meinem Element und nehme die Schönheit der Landschaft voll in mich auf. Stets achte ich darauf, niedrigpulsig vorwärts zu kommen, um unbeschwert bleiben zu können.

 

Bei km 20 ist die Endstation der Hochgratbahn nach einem kurzen schroffen Anstieg erreicht. Es gibt hier wieder eine Verpflegungsstelle, wo ich kurz verweile und dann geht es bergab. Zuerst über eine Eisentreppe und dann steil, sehr steil auf einem gesplitteten  Weg über 6 km nach unter. Ein Läufer aus Gau-Algesheim in der Pfalz ist gegenwärtig bei mir und hat große Mühe. Einmal versucht er sogar rückwärts voranzukommen, was jedoch auch keine Erleichterung bedeutet.

 

Hanne läuft die meiste Zeit neben, vor oder hinter mir, und wir haben einen gewissen gemeinsamen Rhythmus gefunden. Das Tal ist erreicht, eine weitere Verpflegungsstation kommt in Sicht, wir verweilen kurz dort und links ab geht es über eine Holzbrücke in einen Naturwald mehrere km an einem Wildbach entlang. Mittlerweile ist es richtig heiß geworden, der Himmel ist kaum noch bewölkt und der Wald tut richtig gut

 

Der Weg verläuft nun nach Steibis zurück und über eine relativ kurze aber steile waldlose Strecke, jetzt der intensiven und hitzenden Sonne ausgesetzt bewegen wir uns weiter. Wie angenehm ist es dann wieder, in den Wald zu gelangen. Der Ort Steibis ist erreicht und es geht jetzt steil bergab, was aber im Gegensatz zum Hochgratabstieg gut zu laufen ist. Im Talgrund laufen wir weiter nach rechts Richtung Bad Rain, meist in waldfreiem und jetzt wieder sehr heißem Gelände.

 

Sehr erfreut bin ich, dass in einem Weiler eine Dusche mit eiskaltem Wasser auf uns wartet. Ausgiebig mache ich davon unter Abgabe von animalischen Lauten Gebrauch, die von Besuchern eines daneben angesiedelten Biergartens mit Applaus bedacht werden.

 

Nur noch wenige km sind es jetzt nach Oberstaufen, und wir laufen wieder größtenteils im Wald. Aber sogar dort ist es nicht mehr so richtig kühl. Die letzte Verpflegungsstelle kommt und Oberstaufen ist erreicht.

 

Noch 4 km sind zu laufen; Hanne und ich freuen uns schon auf den bevorstehenden Zieleinlauf und halten weiterhin Maß mit unseren Kräften. Ziel ist jetzt, wirklich elegant einzulaufen, auf 5 Minuten mehr oder weniger kommt es uns überhaupt nicht an, denn die Sollzeit wird auf jedem Fall unterschritten.

 

Das Sportzentrum Kalzofen kommt in Sicht und nach einem triumphalen Einlauf im Stadion erreichen wir den Ziel-Triumphbogen, wo wir von Hanne’s Mann Jürgen und Pascal erwartet und begrüßt werden.

 

Die Duschen später sind ergiebig und spenden sowohl kaltes als auch heißes Wasser, wobei ich jetzt ausnahmsweise das kalte Wasser bevorzuge.

 

In der Sonne auf dem Rasen liegend und Bier trinkend unterhalte ich mich noch angenehmst mit Bernhard Hertinger und seinem Gefolge von seinem Verein, um dann ca. eine dreiviertel Stunde später mich auf den Heimweg zu machen. Diesmal ziehe ich es vor,  über Immenstadt, Ulm, Stuttgart, Heilbronn nach Hause zu fahren, wo ich so gegen 23.00h ohne besondere Vorkommnisse erlebt zu haben, ankomme und mit dem Freudengeheul meiner Schäferhündin Cora begrüßt werde.

 

Ein schöner, ein sehr schöner Tag geht zu Ende.

 

Informationen: Alpin Marathon Oberstaufen
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