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Laufberichte

Lichtblick im Dezember

14.12.19 Xmas Marathon
 

An den Informationstafeln für Touristen bin ich auf dem Weg von Heilbronn nach Nürnberg schon unzählige Male vorbeigefahren und weiß deshalb sogar als Ausländer, wo ich das Fränkische Seenland einordnen muss. Sieben Seen und zahlreiche Weiher prägen die Landschaft. Markant sind der Altmühlsee, der Rothsee und der Brombachsee. Dieser ist unterteilt in den Großen und den Kleinen Brombachsee, hat den Igelsbachsee als nord-westlichen Zipfel und ist heute das im Navigationsprogramm eingegebene Ziel. Ich will ja nur Marathon laufen und mir nicht Schwimmhäute wachsen lassen und auf dem Fahrradsattel das Hinterteil zermatschen, bevor ich die Laufschuhe schnüre. Für das gesamte triathletische Programm ist Roth die geeignete und bestbekannte Adresse.

Vor einem Jahr lud Michael Snehotta zum ersten Xmas-Marathon. Der begeisterte Marathon- und Ultra-Läufer hat Verständnis für die Hardcore-Läuferschaft, die um diese Jahreszeit einen stark ausgedünnten Laufkalender vorfindet. Klein, fein und mit Ambiance, so soll der Weihnachtsmarathon sein. Einen Verbündeten in dieser Absicht hat er in Oliver Röhrl gefunden, dem Direktor des Strandhotel Seehof. Der wiederum begrüßt uns später im Briefing als «Spinnerte», welche dem Ruf eines «Spinnerten» gefolgt sind.

Am Eingang werden die eintreffenden Teilnehmer von Michael persönlich begrüßt und erhalten umgehend ihre Startnummer. Zwei Seminarräume in einem über einen Übergang im Stil eines Wintergartens zu erreichenden anderen Gebäudeflügel dienen als Umkleide.

Eine halbe Stunde vor dem Start versammelt sich die Hundertschaft im Selbstbedienungsrestaurant zum Briefing. Wir werden darauf hingewiesen, dass es bei sich verschlimmernden Windverhältnissen zu einem Laufabbruch kommen könnte, die Prognosen aber ziemlich positiv sind. Einer der genannten vereinzelten Schauer findet währenddessen gerade statt.

 

 

Eine Viertelstunde später setzt die Bewegung in Richtung Start ein, der keine 50 Meter weiter entfernt liegt. In einem Zelt nebenan ist ein Verpflegungsposten aufgebaut und kann Wechselkleidung hinterlegt werden. Je nach Wind und Regen eine sinnvolle Option.

Pünktlich zum Start hört es zu regnen auf und zeigt sich sogar die Sonne. Wieder einmal die Sache mit den reisenden Engeln und dem lachenden Himmel…

Ich laufe vorsichtig am Schluss des Feldes los und versuche, mich gebührend, aber nicht zu sehr auf mein rechtes Bein zu achten. Vor fünf Wochen hatte ich Besuch der Pechmarie. Sie verfärbte meinen Oberschenkel auf der Innenseite schwarz-violett und zwang mich zu pausieren. Zuerst läuft noch eine Portion Skepsis und Furcht mit, doch spätestens der Anblick der Wildschweine rechterhand setzt mich in den «beast mode». Auf der gut gewalzten und deshalb nahezu pfützenfreien Naturstraße lässt es sich angenehm laufen, zumal sie recht windgeschützt ist. Das ändert sich später auf dem Damm.

Dieser trennt den Kleinen vom Großen Brombachsee und wartet mit einer asphaltierten Piste auf, dafür hält ein heftiger Wind aus Westen von links gegen uns. Es zieht es wie Hechtsuppe, geht es mir durch den Kopf und frage mich, woher dieser Begriff eigentlich kommt. (Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht).

Es gibt nicht nur unter Läufern solche, die man als Verstrahlte bezeichnet; auch andere Sportarten kennen diese Nimmersatten. Ein solcher schlägt als Windsurfer Kapital aus den Windverhältnissen und zieht auf dem Großen Brombachsee einsam, aber schnell seine Bahnen. Gegen Ende des Damms sind an den Seeufern Sandstrände zu sehen. Der Gedanke, wie es hier im Sommer zu- und hergehen mag, lässt mich die winterliche Ruhe genießen. Die Seeklause, die geschlossen und still dasteht, trägt ihren Namen heute im doppelten Sinnen. Nicht nur als Gaststätten-Einzelsiedlung, sondern auch abgeschiedener Ort, an welchem der Emerit nur vereinzelt von Sportlern besucht würde.

Jetzt geht es wieder dem Ufer entlang nach Westen. „Ihr müsst den Kleinen Brombachsee immer zu eurer Linken sehen, sonst seid ihr in der falschen Richtung unterwegs oder bereits im See drin“, hat uns Michael beim Briefing noch mitgegeben. Kurze Standortbestimmung: Alles in bester Ordnung.  

Zwischen uns und dem See ist schmaler Waldstreifen, durch den die Nachmittagssonne scheint, dann kommt eine Abzweigung nach rechts, auf welche gleich ein Anstieg folgt. Dieser ist aber nur kurz und wird dafür wieder von einem ungeteerten Wegstück gefolgt. Ob Spazier-, Wander- oder gar Fahrradweg, für Erholungssuchende wird rund um den See gesorgt.

Nicht viel später werden wir von Michael gegrüßt und ins San Shine Camp geleitet. Blockhütten, Feuerschalen, Tippizelt – es sieht nach American Xmas aus, obwohl der füllige Weihnachtsmann mit dem Coca-Cola-Truck fehlt. Cola gibt es auch an dem hier angesiedelten Verpflegungsposten nicht, das wäre gegen Michaels Überzeugung. Aber seine anderen Überzeugungen schmecken mir auch. Verschiedene Kekse, Oblatenlebkuchen, Bananen, Apfelschnitze, Tee, Iso, Wasser und vermutlich noch andere Dinge, die jenseits meiner Merkfähigkeit liegen, könnte ich mir einverleiben.

Raus aus dem Camp und ein paar Meter runter zum See auf den Radweg und es folgt das letzte Drittel der Runde. Auf der anderen Seeseite ist das Seehotel mit dem Start- und Zielbereich zu sehen. Die wenigen Autos auf der meist mit gebührendem Abstand zum Radweg parallel verlaufenden Straße stören in keiner Weise. Nach der Brücke über den Altmühlüberleiter (Name folgt der Funktion) heißt es umgehend wieder links zu halten, damit der Kleine Brombachsee auch immer schön zur Linken bleibt. Es ist nur noch eine kurze Strecke und es ist erster Advent; auf meinem virtuellen Rundenzählkranz kann die erste Kerze angezündet werden.

 

 

Mit angeregten Gesprächen geht auch die zweite Runde locker vonstatten. Nach dem Damm – diesmal mit einem Hauch weniger Wind – ist deutlich zu sehen, dass die Sonne ein Stück tiefer steht. Die damit und der wechselnden Bewölkung einhergehenden Veränderung der Farben und Schatten ist wohltuend. Ohne Laufsport und Hundespaziergänge würde ich davon nichts mitbekommen und etwas verpassen, da ich mich sonst bei starkem Wind und Schauerwahrscheinlichkeit lieber drinnen aufhalte. Ist eine Sauna in der Nähe, dann erst recht.

Die Feuerkörbe sind in Sichtweite und damit auch der marathonistische zweite Advent.

Nach dem Auffüllen der Speicher nehme ich – immer noch mit netter Begleitung – die dritte Runde in Angriff, in deren Verlauf die Sonne hinter dem Horizont verschwindet. Nach dem Verpflegungsposten im San Shine Camp macht es ihr mein Begleiter nach. Dadurch steigt die Versuchung, nach drei Runden auszusteigen und mich für den ¾ Marathon werten zu lassen. Dass dieser nicht ganz so lang ist wie es 75% der Marathondistanz sein müssten, wäre mir als mathematisches Anti-Genie sowieso egal.

Abgesehen von fehlender Kondition könnte ich keine halbwegs schlaue Erklärung für einen frühzeitigen Abgang angeben und mache ich es weiter im Wissen, dass ich mit jedem Kilometer etwas Gutes zum weiteren Aufbau leiste. Also schnappe ich mir ein paar Leckerbissen und mache mich auf eine weitere Runde hinaus in die beginnende Nacht. Es kommt mir vor wie als Kind, wenn erst die dritte Kerze brannte und es noch endlose lange bis Weihnachten zu gehen schien. In der Dunkelheit kommt mir jeder Streckenabschnitt länger vor als bei Tageslicht. Besonders aber der

Damm, der nicht mehr zu enden scheint. Den drei sich von hinten nähernden Lichtern geht es sicher anders, die sind bereits auf der letzten Runde und ziehen an mir vorbei.

Die nächtliche Stimmung im Westerndorf würde mir auch für einen längeren Aufenthalt gefallen, doch ich habe etwas Anderes vor. Nachdem ich bewusst eine Weile ohne Licht gelaufen bin, montiere ich nun die Stirnlampe und laufe dem vierten Laufadvent entgegen. Diesen feiere ich mit einem isotonischen Getränk auf Hopfenbasis mit einem Schuss Zitrone und richte mir dann den musikalischen Begleiter für die letzte Runde.

„Somebody take me home through those Alabama pines.”, singt Jason Isbell, während ich an fränkischen Kiefern entlang meinem heutigen Ziel  entgegenlaufe. Dass der Damm noch ein Stück gewachsen scheint, rechnet sich auf mit der Tatsache, dass nur noch ein leichter Wind weht. Je schwerer die Beine werden, umso leichter fühlt sich mein Kopf an. Bald höre ich das Glöckchen des Christkindes, das mich eintreten lässt in das Zimmer mit dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum.Noch ein paar Meter, und dann werde ich von Michael im Ziel als Finisher des 2. Xmas-Marathons begrüßt.

 

 

Es ist kein stattlicher Weihnachtsbaum, sondern ein kleiner Weihnachtsmarkt, der sich festlich beleuchtet präsentiert. Wer mag, kann seine Gutscheine für Semmel mit Bratwurst und Glühwein gleich einlösen. Ich ziehe die heiße Dusche im Wellness-Bereich des Hotels vor und verzichte auch nachher auf den Glühwein, denn ich habe noch 350km Heimfahrt vor mir auf der ich möglichst keine Sterne sehen sollte. Außer die echten natürlich und die beiden Sternschnuppen, die ich tatsächlich beobachten kann und denen ich den Wunsch nach Gesundheit für meine Lieben und mich hinterherschicke.

Auch wenn es noch nicht Weihnachten ist, ein großes Geschenk habe ich heute bereits erhalten: Mit netten Leuten einen Marathon mit einem besonderen Flair laufen zu können, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit.

Fürs kommende Jahr wird Michael ein paar Anpassungen machen, so wird es eine professionelle Zeitmessung geben. In den Grundzügen wird der Xmas-Marathon (und ¾-Marathon) das bleiben, was er ist. Eine kleine, familiäre Veranstaltung mit der Annehmlichkeit, Start, Ziel, Garderobe und was es sonst noch braucht, in kürzester Distanz zueinander zu haben. Anmelden kann sich jetzt schon und kommt so in den Genuss der gestaffelten Teilnahmegebühr und der Garantie, einen der maximal 150 Startplätze zu erhalten.

P.S. Warum es wie Hechtsuppe zieht, weiß ich inzwischen auch. Die «Hechtsuppe» stammt aus dem Hebräischen und heißt «hech supha», was nichts anderes heißt als «Sturmwind». Dieser Begriff wurde ins Jiddische übernommen. Man sagte, es zieht wie «hech supha», wie ein Sturmwind. Daraus entstand im Lauf der Zeit wegen der phonologischen Ähnlichkeit die Redensart «es zieht wie Hechtsuppe».

 

Informationen: Xmas Marathon
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