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Laufberichte

„Mei Karntn is lei ans…“

 

Vor 7 Jahren, am 22. September 2012, habe ich am landschaftlich schönen, aber anspruchsvollen Wörthersee Trailmaniac mit einer Länge von 57 km teilgenommen und nach 8 Stunden und 18 Minuten das Ziel in Klagenfurt nahe dem Lendkanal erreicht. Seit 2018 findet der Laufevent unter neuer Leitung statt, zusätzliche Bewerbe sind dazugekommen.

Insgesamt werden heuer sechs Distanzen angeboten: die AK ÖGB Trophy  über 10 km am Vortag des Hauptprogramms mit 450 Höhenmetern, der Ultra Trail über 72 km für Einzelläufer und in der Staffel mit 2600 Hm, der Marathon Trail mit ca. 1500 Hm, der Halbmarathon (900 Hm) sowie ein Trailwalk über 21 km.

Von Wien bis Klagenfurt sind es etwas mehr als 300 km, bis zum Sommer- und Luftkurort Pörtschach, eine Gemeinde mit ca. 2800 Einwohnern, neben Velden Tourismus-Hotspot  am malerischen, viel besungenen und aus Filmen und TV-Serien bekannten Wörthersee, sind es weitere 16 km. Jetzt am Ende der Saison ist das touristische Aufkommen schon deutlich geringer geworden, aber die mediterranes Feeling verströmende Region ist auch im Herbst ein beliebtes Urlaubsziel für Wanderer und Radfahrer. 

Die Gaben bei der Abholung der Startnummer in der Trail City am Monte Carlo Platz in Pörtschach sind geradezu üppig: ein Isogetränk, eine Flasche Pago mit Ribiselsaft, Gutscheine, ein Strohhut gesponsert von Villacher Bier und als Highlight ein tolles, buntes Funktionsshirt. In einem Nebenraum läuft ein 3D-Panorama-Spot, der die Topologie inkl. Höhenmeter der beiden Trails über 42 und 72 km anzeigt.

Mir kommt die Laufveranstaltung auch aus privaten Gründen gelegen, ich werde meine Schwester in Oberkärnten besuchen, wo auch meine Eltern begraben sind. Dafür steht mir nun der gesamte Nachmittag zur Verfügung, um 19 Uhr ist ein Briefing für die Starter des Ultratrails und Marathons angesetzt.

 

 

Zwei Busse für die 20-minütige Sonderfahrt ab 8:00 zum Startbereich am 905 m hohen Pyramidenkogel stehen bereit. Kaum mehr als geschätzte 50 Läuferinnen und Läufer, fast durchwegs in Trail-Ausrüstung mit den üblichen Extras wie Trinkrucksack und Stöcke ausgestattet, besteigen die sonst als Stadtbusse verkehrenden Fahrzeuge. Noch liegt etwas Nebel über den Niederungen, bei 8 Grad sind mein langes Shirt und die 3/4 Laufhose angebracht. Tagsüber sollen laut Wetterbericht wieder Temperaturen an die 18 Grad bei strahlend blauem Himmel wie gestern erreicht werden.

Als ich vor Jahrzehnten am Pyramidenkogel war, gab es noch keinen Aussichtsturm, er wurde erst 2013 errichtet. 100 m hoch ist der aus Holz errichtete Turm, die höchste Besucherplattform befindet sich auf 71 m Höhe. Hinauf kommt man mit einem geräumigen Panoramalift oder über 441 Stufen – es finden auch Treppenläufe statt. Aus 52 m Höhe führt eine spektakuläre 120 m lange Erlebnisrutsche in das Erdgeschoß des Aussichtsturms. Im Sommer kann der Turm zudem über den Fly 100, ein Flying-Fox mit einer Länge von 100 m, der über 70 m in die Tiefe führt, verlassen werden. Wer sich um 14 Euro einen Eintritt leistet, bekommt von oben einen einzigartigen Rundblick über die beeindruckende Seenlandschaft Unterkärntens, nämlich vom Wörthersee und dem 4-Seental Keutschach.

Bis zum Start verbleiben noch 20 Minuten, oben am Pyramidenkogel ist es spürbar frischer als in Seenähe. Noch vor dem Start des Marathons um 09:00 beenden einige schnelle Staffelläufer ihre erste Etappe, nämlich die 30 km von der Trail City in Pörtschach mit Start um 06:00, die zweite Etappe vom Pyramidenkogel nach Klagenfurt ist ebenso wie die dritte von Klagenfurt Sportunion Wilsonstraße nach Pörtschach 21 km lang.

 

 

Etliche Starter sind von Freunden oder Verwandten mit dem Auto zum Start chauffiert worden. Ich schätze, dass nun an die 90 oder sogar 100 Trailläuferinnen und -läufer  das Rennen in Angriff nehmen werden. Das Höhenprofil ist auf der Homepage dargestellt, auf den ersten 5 km geht es unterbrochen von kleinen Gegenanstiegen von 850 m auf ca. 500 m abwärts. Abwärts laufen war in all den Jahren meine Stärke, damit ist es vorbei, ich muss bremsen, um das linke Knie zu schonen bzw. nicht allzu stark zu beanspruchen. Nur vier oder fünf Starter bleiben vorerst hinter mir, das Feld ist schon nach 500 m auf und davon. Ich bewege mich in einer malerisch schönen, grünen Landschaft, eine Postkarteaufnahme bräuchte man nicht nachbearbeiten.

Der gelbe Wegweiser für Wanderer hat für St. Margarethen nur 40 Minuten veranschlagt, das sind immerhin 5 km. Da muss jemand sehr flott unterwegs sein und den Kilometer in 8 Minuten schaffen – eigentlich nicht realistisch für den Durchschnittswalker. Die Strecke ist für beide Disziplinen, Marathon und Ultra-Trail, mit blau-weißen Fähnchen und Wörther See Ultra Trail (WSUT)-Schildern gut markiert.

Die Marathonstrecke führt zum Opferstein, auf einer metallenen grünen Gedenktafel kann man sich informieren. Diese heidnische Kultstätte geht auf das 9. Jh. n. Chr. zurück, als in unseren schwer zugänglichen Alpentälern noch Tieropfer dargebracht  und die Menschen vom Christentum nicht bekehrt worden sind.

Vorerst kommen keine Marathonnachzügler nach, wohl aber Ultratrailläufer, die mich überholen. Beachtlich finde ich, dass Timing Abavent hier im Wald eine Messmatte ausgelegt hat. Es ist damit zu rechnen, dass es weitere Messstellen geben wird, was sonst bei Trails in schwer zugänglichem Gelände eher selten vorkommt.

Der Blick auf den Keutschacher See hinunter, mit einer Fläche von 1,32 km² sechstgrößter  Kärntner See, könnte schöner nicht sein. Zwar steht dieser See im Schatten des flächenmäßig fast 20 Mal größeren Wörthersees, doch  die bereits 1864 am Keutschachersee entdeckte Pfahlbausiedlung aus der Jungsteinzeit, welche seit 2011 zum UNESCO-Welterbe Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen gehört, verleiht ihm eine historische Bedeutung. An der ersten Labestelle stärken sich einige Ultraläufer, es gibt eine breite Palette an Köstlichkeiten – Wurst, Käse, Kuchen, Ribiselsaft, Wasser, Iso, Riegelstücke, Bananen – selten habe ich eine so üppige Versorgungsstation erlebt.

Kilometermarken sind beim Trail keine zu finden, das wäre auch ungewöhnlich. Ich verlasse mich auf die Anzeige meiner Garmin. Auf den Anstiegen benötige ich diesmal viel Zeit, ich komme nur langsam voran. Oberhalb von Leisbach steigt der Kurs auf über 700 m an. Inzwischen ist ein Kollege aus Nürnberg nachgekommen, dank Stockeinsatz kommt er zügig voran. Nils-Olaf wollte beim Ultratrail starten, aber wegen einer Wadenzerrung habe er umdisponiert, erzählt er mir.

 

 

Auf einem steilen Naturpfad mit groben Steinen und heraustretenden Wurzeln hinunter nach Klagenfurt kommt ein weiterer Marathonteilnehmer hinten nach. Er hat aufgeholt, als ich „Hallo Opa“ sage, antwortet er „Sorry, I only speak English“. Er komme aus Brooklyn und sei eigentlich ein Walker, der den Marathon unter 5 Stunden finishen könne – auf einer flachen Strecke und nicht im Gelände.  Nils-Olaf ist davongezogen und sobald es flacher wird und wir Klagenfurt erreichen, zeigt auch Alexis, was er drauf hat. Er walkt auf und davon – bei der Labe an der Wilsonstraße ca. bei Kilometer 20 nahe dem Metznitzstrand treffe ich Nils-Olaf wieder inmitten ein Handvoll sich stärkender Ultratrailläufer, die bereits 50 km hinter sich haben. Während auch ich mich hinsetze und ein Stück Kuchen mit Ribiselsaft zu mir nehme, kommen die beiden letzten Marathonteilnehmerinnen nach. Nun sind alle Nachzügler beisammen, Susan und Angela kommen aus England. Sie beherrschen den Stockeinsatz, es wird auf der zweiten Hälfte schwer werden, sie in Schach zu halten. Was noch irritierender ist: bisher habe ich für den Halben vier Stunden benötigt.

Ich beeile mich, einen kleinen Vorsprung am Kanal entlang, vorbei am Seepark Hotel, wo wieder eine Zeitnehmungsmatte am Boden liegt, und durch den Europapark Park nahe dem Strandbad Klagenfurt, herauszuholen. Die nachkommenden Ultratrailläufer stören mich nicht, Nils-Olaf holt mich beim Plattenwirt, beliebtes Hotel für Ironman-Teilnehmer, den ich 2004 zum Fünfziger auch gefinisht habe, wieder ein. Es geht unter der Bahn durch und ansteigend in Richtung Falkenberg hinauf, für den auf der gelben Wanderertafel 45 Minuten veranschlagt sind. Auf einem Südhang befindet sich das Weingut der Landeshauptstadt Klagenfurt – Vinum Carinthiae – ich wusste bisher nicht, dass auch in Kärnten Wein angebaut wird.

Endlich sind 25 km erreicht. Ob ich mein insgeheimes Ziel, unter 8 Stunden zu finishen, erreichen kann? Auch für Marathonteilnehmer ist die Strecke bis 19 Uhr, also insgesamt 10 Stunden, geöffnet – so gesehen kann fast nichts schiefgehen.

 

 

Vielleicht 50 m unter dem Trail verläuft die A2, man hört den Verkehrslärm bis herauf.  Schon bei der Labe am Lendkanal in Klagenfurt haben zwei kostümierte Frauen exklusiv für die Sportler geklatscht nun sind sie uns gefolgt und applaudieren erneut vor einem Tisch mit zwei Behältern zum Nachfüllen der Trinkvorräte. Das Reglement sieht vor, dass auch die Marathonteilnehmer 1 ½ Liter Wasser mitführen sollen.

Bis zum Schloss Drasing sind es ca. noch 3 km. Wie erwartet, haben die beiden Britinnen meinen Vorsprung inzwischen egalisiert und auf den Anstiegen Boden gut gemacht. Wir kommen ins Gespräch. Für Angela ist dies – wie sie sagt, ihr härtester und schwierigster Trail bisher.

Wir erreichen gemeinsam Schloss Drasing, ein dreigeschoßiger, burghafter Renaissancebau des 16. Jahrhunderts. Es soll auf das 13. Jh. zurückgehen, einige Quellen datieren es bereits auf die Zeit der Karolinger zurück. Heute ist das Anwesen im Privatbesitz, eine Hotelpension sowie ein Reiterhof sind dem Gut angeschlossen.

Inzwischen sind wieder zwei Ultratrailläufer nachgekommen, noch ca. 12 km sind es für uns auf der Strecke bis ins Ziel. Bei Hohenfeld fällt der Höhenunterschied um gut 100 m. Vor einem Jahr wäre ich auf diesem Asphaltabschnitt locker gelaufen, jetzt krebse ich langsam hinunter und muss erdulden, dass mich die britischen Trail-Ladies wieder eingeholt haben.

 

 

Bei der Labestation mit Messmatte vor dem Pirkerkogelanstieg ca. bei Kilometer 34 treffen wir uns alle wieder, der Nürnberger Nils-Olaf langt ausgiebig zu. Susan und Angela nützen die Gelegenheit und suchen das Weite, während ich mich erneut über den Marmorkuchen freue und drei Stücke verdrücke. Ich kann jene verstehen, die nicht nur wegen der schönen Strecke, sondern auch der exzellenten Versorgung 2020 wieder teilnehmen wollen.

Ich frage eine Helferin, ob noch viele Anstiege kommen – „anige kummen noch, damit’s interessanta wird…“ Mir wird klar, dass der ausgewiesene Rundwanderweg um den Wörthersee natürlich nicht ident ist mit unserem Trail. Wieder geht es aufwärts, mühsam heute für mich, während eine hübsche deutsche Ultratrailläuferin leichten Schrittes an mir vorbeigeht. Vor mir, in 100 m Entfernung, erblicke ich die Briten, eine Frau mit Hund kommt ihnen entgegen. Ich höre, wie sie die beiden Ladies auf Deutsch anspricht. Als sie erfährt, dass diese nur Englisch verstehen, sagt sie hörbar zu ihnen „You are very good“. Ich grüße die Frau und merke an: „They are very good, oba i hof, dos i se bold einholn werd...“

35 ½ Km sind geschafft, meine Uhr zeigt fast 7 Stunden. Auf der nun folgenden Aufwärtspassage folgen uns laufend Ultratrail-Runner, die zwar auch schon am Ende ihrer Kräfte, aber immer noch besser in Form als wir Marathonschluss-Walker sind.

Der Blick hinunter auf die A2 und dahinter die Häuser von Pörtschach geben neue Hoffnung. Als ich dann zur Bahnunterführung komme, führt der Marathonkurs bei Kilometer 41,7 erneut auf die Aussichtswarte Niedere Gloriette hinauf – ob da nicht der Rennleiter zu viel an Ehrgeiz aufgewendet hat, um das Letzte aus den Startern herauszuholen? Ich frage eine Helferin, die achtet, dass niemand den Anstieg auslässt und direkt in die Leonsteinerstraße abbiegt, wieweit das Ziel noch entfernt ist. Es sind nur mehr geschätzte 500 m, vorbei am Hotel Schloss Leonstein, noch eine Rechtsabbiegung über die Kärntner Straße und hinein ins Ziel. Der Platzsprecher lobt mich, die in Liegestühlen sich ausruhenden Ultratrail-Läufer klatschen. Mit 8:40 werden ich drei Minuten hinter Nils Olaf und satte 18 Minuten hinter den beiden Britinnen wieder einmal Letzter im Feld. Ein Zielfoto geht sich aus, bevor der Billa-Laden um 18 Uhr zusperrt.

 

Mein Fazit:

Die neuen Organisatoren um das Team „Mach 3“ haben hochprofessionell und mit viel sportlichem Ehrgeiz ein spektakuläres Trailrunning-Festival auf die Beine gestellt. Das Preis-/Leistungsverhältnis ist exzellent, ein moderates Startgeld, ein gut gefülltes Goodie-Bag, Gutscheine und das superschicke Shirt sind hervorzuheben. Die selektiven Laufstrecken über die Marathondistanz und 72 km mit vielen Höhenmetern verlangen von den Läufern alles ab, umso mehr muss man den Siegern gratulieren, die hervorragende Finisherzeiten erzielt haben. Die Betreuung an den Labestationen, die ob der großen Auswahl an Köstlichkeiten einem Buffet bei einer großen Firmenfeier um nichts nachstanden, war herzlich. Nach dem Marathon darf man auch ein wenig patriotisch sein -  im Stammbuch eines Kärntners steht: „Karnten is lei ans, a Landle a klans …" Auf Deutsch: "Kärnten ist einzigartig, obwohl nur ein kleines Land"

 

Sieger bei den Herren:

1. Heinz Prokesch (AUT) – 03:50:50
2. Mathis Perkert (GER) – 03:52:06
3. Bernd Pitteroff (AUT) – 03:53:25

Frauenreihung:

1. Kristina Roth (GER) – 04:35:19
2. Barbara Röhrer (AUT) – 04:44:47
3. Ann-Kristin Wille (GER) – 04:50:48

88 Finisher beim Marathon (davon 23 Frauen); 99 Finisher beim Ultratrail über 72 km, sieben Staffeln nahmen teil

 

 

 

Informationen: Wörthersee Ultra Trail
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