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Laufberichte

Traumkulisse – Traumtrails – Stelvio!

 

Alpine Passstraßen gibt eine ganze Menge. Doch einen großen, mit Emotion verbundenen Namen haben nur wenige. In diese Kategorie fällt ohne Zweifel das Stilfserjoch, italienisch wohlklingender Passo della Stelvio. Zu Füßen des majestätischen, 3.905 m gen Himmel ragenden Ortlermassivs schwingt sich die Asphaltrasse zwischen dem südtirolerischen Prad (Vinschgau) und dem lombardischen Bormio (Veltlin) bis in eine Höhe von 2.757 m üNN und darf sich damit als höchster Gebirgspass Italiens und zweithöchster Straßenpass der Alpen überhaupt rühmen. Allerdings nur zwischen Ende Mai und November – den Rest des Jahres hält der Pass Winterschlaf.

Seinen Ruf verdankt der Pass weniger seiner verkehrsstrategischen Bedeutung als mehr seiner Höhe und vor allem seiner Optik, die motorisierte Touristen, insbesondere Motorradfahrer, aber auch Radfahrer nach dem Motto "Einmal muss man ihn gefahren sein ..." alljährlich zu Tausenden zum Kurvensturm auf die Passhöhe animieren. 48 Kehren sind es, die man von der Ostrampe, also von Prad aus, bewältigen muss, noch einmal 39, wenn man auf der anderen Seite wieder hinunter will. Auf 47 Kilometern ist man da schon ein Weilchen beschäftigt. Welchen emotionalen Stellenwert der Name "Stelvio" hat, verdeutlicht vielleicht auch der Umstand, dass Alfa Romeo sein erst 2017 auf den Markt gebrachtes SUV-Modell nach dem Pass benannt hat.

Entsprechend elektrisiert war ich, als ich 2016 bei der Tour de Tirol durch Dunja als Laufbotschafterin erstmals mitbekam, dass am Stelvio nun auch die Läufer „ran“ dürfen, und das auch noch im Rahmen eines Marathons. Aus dem Premierensturm auf den Pass ist 2017 dann leider nichts geworden. Aber 2018 ist es soweit: Ich bin dabei. Und auch Bernie, Klaus und Margot – marathon4you ist in Mannschaftsstärke zum „Test“ angetreten.

 

Start in Prad

 

Die Passhöhe mag das ersehnte Ziel sein, das Herz der Veranstaltung schlägt jedoch tief unten im Tal, genau gesagt 1.842 Meter tiefer, im beschaulichen Prad. Im Sportzentrum der 3.500 Seelen-Gemeinde, idyllisch im Grünen am Ortsrand gelegen, trudelt am Freitag Nachmittag das Gros der Läufer zur Startnummernausgabe ein. Alles ist hier schon gerichtet für die große After-Race-Party: ein luftiges Großzelt, Biergartentische und -bänke, die Bar, Fressbuden, auch eine Bühne. Insgesamt um die 650 Teilnehmer sind gemeldet, davon 350 für den Marathon, der Rest insbesondere für die 26 km lange „Classic“-Route. Diese entspricht den letzten 26 km des Marathons, verlangt auf dieser Distanz aber fast die gleiche Zahl an Höhenmetern ab wie der Marathon. Ich freue mich schon jetzt, verheißt die Wetterprognose doch einen Lauftag mit Sonne pur.

 

 

Nicht hier, sondern vor dem aquaprad, dem modernen Nationalparkhaus inmitten von Prad, ist am Samstag Morgen der Treffpunkt der Läufer zum Start. Schon um 7:15 Uhr heißt es für die Teilnehmer des 26 km langen Stifserjoch Marschs „Go!“. Davon bekomme ich allerdings nichts mit, ziehe ich es doch vor, das opulente Frühstücksbuffet im Hotel Zentral noch ein wenig länger zu genießen.

Erst um acht wird es für den großen Rest und damit auch mich Ernst. Wobei der Ernst ein wenig auf sich warten lässt: Der Hubschrauber hat Verspätung. Und ohne den läuft nichts. Macht aber nichts: Ein paar starke Männer marschieren riesige Kuhglocken schwenkend ein und lassen unsere Ohren „klingeln“. Noch mehr auf die Ohren gibt es mit Rockigem a la AC/DCs Kulthit „Highway to hell“. Auch die im Doppelpack multilingual auftretenden Startmoderatoren geben sich alle Mühe, uns in Laune zu bringen und zu halten. Nicht sicher bin ich mir, ob es der donnernde Sound, das Verbalstakkato oder die schon mächtig aufdrehende Morgensonne ist, die bei mir erste Hitzewallungen verursachen. Wahrscheinlich alles zusammen.

Jedenfalls tut es richtig gut, als endlich der Startschuss fällt und ich mir den Laufwind um die Nase wehen lassen kann.

 

Easy running durch das Val Venosta

 

8:30 Stunden haben wir Zeit. Und zumindest auf dem ersten Streckenabschnitt hat man das Gefühl: Das ist richtig viiiiel. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Denn der Streckenkurs weist eine markante Zweiteilung auf. Von den immerhin 2.500 zu bewältigenden Höhenmetern entfallen gerade einmal 100 auf die ersten 16 km, die bequem und meist eben eine Art spitzes Dreieck beschreibend durchs Tal führen. Erst auf den folgenden 26 km geht es über alpine Pfade und die Passkurven als „grande finale“ so richtig zur Sache.

Aber der Reihe nach. Nach dem Start folgen wir zunächst dem Asphaltband der Via Croce nordwärts gen Glurns. Jenseits des Suldenbachs passieren wir den Ortsteil Agums, dessen Kirchlein St. Georg markant über den Häusern thront. Begleitet vom hummeligen Brummen des über uns kreisenden Hubschraubers traben wir durch Weinberge, umrahmt von bewaldeten Hügeln und dem schneebedeckten Hochgebirge am Horizont. Easy Running durch das Vinschgau ist das, locker und entspannend. Den Begriff „Warmlaufen“ benutze ich bewusst nicht, denn warm ist uns bereits seit dem Start. Zunächst flach, dann leicht ansteigend passieren wir auf halber Strecke Lichtenberg mit der gleichnamigen mittelalterlichen Burgruine hoch über dem Dorf. In sanftem Auf und Ab geht es es naturnah über einen Schotterweg, vorbei an Wiesen und Obstbäumen, weiter.

 

 

Nach 8 km sollte planmäßig eigentlich das Städtchen Glurns erreicht werden, ein mittelalterliches Kleinod mit einer noch vollständig von Stadtmauer und Wehrtürmen umschlossenen Altstadt. Aber eben nur eigentlich. Denn nach 7,5 km werden nach einer scharfen Kurve auf einen von dichtem Grün umrankten Pfad an das Ufer der Etsch gelotst und bewegen uns schnurstracks weg von Glurns. Im ersten Moment bin ich überrascht, habe aber schon so eine Ahnung, warum Glurns vom Streckenkurs gestrichen und hier abgekürzt wurde. Aber dazu nachher.

Aus dem Pfad wird wieder ein bequemer Asphaltweg. Es ist der auf den Spuren der antiken Via Claudia Augusta angelegte Etschfernradweg, dem wir nun über Kilometer dem Fluss entlang folgen. Meist angenehm schattig ist es und die flache Gerade verführt geradezu dazu, tempomäßig auf die Tube zu drücken. Mit den Prader Fischweihern erreichen wir nach 13 km unser nächstes Zwischenziel. Im grünlich schimmernden, schilfumrahmten Wasser spiegelt sich die Bergkulisse - ein wunderschöner Anblick. Überaus malerisch zwischen den Teichen ist der schon dritte Versorgungsposten entlang der Strecke postiert.

An den Weihern vorbei verlassen wir die Etsch. Weiter geht es durch den Prader Sand, wie das Schwemmland im sandigen Flussdelta des Suldenbachs genannt wird. Direkt vor unserer Nase erhebt sich am fernen Horizont mächtig der Ortler. Noch keinerlei Vorstellung habe ich allerdings, wo in der Ferne das Ziel unserer Laufreise, das Stilfserjoch, sein soll.

Kurz darauf sind die Außenbezirke Prads erreicht. Zurück ins Zentrum gelangen wir aber nicht mehr, sondern werden westwärts vorbei geführt. Ein plötzlich seitwärts abzweigender Asphaltweg signalisiert recht deutlich: Der Prolog hat ein Ende. Erstmals wird unsere Lauffähigkeit im Anstieg getestet. Zumindest in meinem Umfeld ist dieser Test recht schnell beendet: Denn kollektiv setzt sich die Einsicht durch, dass Walking die energieschonendere Fortbewegung darstellt.

 

Auf dem Archaikweg nach Stilfs

 

Schnell gewinnen wir an Höhe. Aus dem Asphalt- wird ein breiter Naturweg und herrlich ist der Blick über die weiten Wiesen und das ferne Bergpanorama, wenn die Natur entlang des Weges ihren grünen Schleier lüftet. Weiter und weiter stapfen wir in die Höhe. Nicht nur bei mir fließt der Schweiß in Strömen, vor allem, wenn die Sonne ungehindert auf uns niederbrennt. Auf unserem Weg passieren wir alte, einsam gelegene Gehöfte wie den Mitterhof. Ein Schild weist schließlich darauf hin, dass wir den Agumser Berg erreicht haben.

 

 

Ab hier sah der ursprüngliche Routenplan vor, dass der Kurs in leichtem Auf und Ab den Hang entlang in Richtung Stilfs weiterführt. Aber schon vor dem Lauf hatte der Veranstalter via Facebook kommuniziert: „Wir haben für euch die Streckenführung noch interessanter gestaltet und führen unsere Teilnehmer heuer ab Patzleid über den historischen Archaikweg nach Stilfs. Ein Plus an 150 Höhenmetern, aber auch ein Plus an Top Trails und landschaftlichen Eindrücken.“ Verbal nett verpackt hat der Veranstalter den wahren Grund: Der vorgesehene Kurs zwischen Patzleid und Stilfs war aufgrund von Winterschäden zu unsicher. Mit der weiteren Folge: Der Alternativweg bringt nicht nur ein Plus an Höhen-, sondern auch an Wegmetern. Und dem fiel wohl der Abstecher nach Glurns kompensierend zum Opfer.

Wie dem auch sei: Die Alternativroute hält, was vollmundig versprochen wird. Der Archaikweg folgt  weitgehend alten Säumer- und Karrenwegen, die jahrhundertelang zum Übergang vom Südtiroler Etschtal über das Stilfser Joch ins Veltlin genutzt wurden. An mehreren Stellen sollen sogar alte Karrenspuren im Felsgrund sichtbar sein. Jedenfalls startet die neue Passage mit einem nur moderat steigenden, breiten Höhenweg, der sich Kurve um Kurve den Berghang entlang schlängelt und mehr denn je weite Ausblicke über die sonnenbeschienenen Wälder im Tal und die schroffen Berghänge dahinter erlaubt.

Die vorübergehende Gemütlichkeit endet beim Abzweig auf einen Single Trail, der sich steil und teils gestuft über reichlich Wurzeln und Fels in die Höhe windet. Jäh geht es neben dem Weg bisweilen in die Tiefe, Konzentration ist angesagt, auch wenn die Balkonaussicht immer wieder zur Ablenkung verleitet. Nichtsdestotrotz: Ein tolles Wegstück, das eines Trailers Herz höher schlagen lässt.

Bis auf etwa 1.430 m üNN geht es hinauf, dann kippt das Profil und wir dürfen etliche der mühsam erarbeiteten Höhenmeter beim Abgalopp durch teils dschungelige Natur wieder abgeben. Der Weg verbreitert sich und führt uns direkt hinein nach Stilfs, das mit seinen engen und gleichermaßen steilen Gassen auf etwa 1.300 m ÜNN wie ein Adlerhorst im Hang hängt. Auf dem Hauptplatz des Dorfes zu Füßen der Kirche erreichen wir exakt die Halbzeitmarke. Das Fieper der Zeitmessmatten wird allerdings übertönt von wummernden Beats aus der Box und dem lautstarken Gejohle des Begrüßungskommandos. Was für ein Empfang! Mit 2:20 Stunden bin ich gut in der Zeit, erst eine Stunde später, um 11:15 Uhr schnappt hier die „cut off“-Zeitfalle zu.

 

Via Fragges zur Prader Alm

 

Mitten durch den Ort führt der Laufkurs und weiter zum Ortsausgang in Richtung Platzhof. Erst aus der rückwärtigen Perspektive in der Gesamtsicht wird die exponierte Lage des Dorfes am Berg wo richtig deutlich.

Die Naturwege sind meist breit und bequem, im Daueranstieg aber dennoch nicht ohne Mühsal. Über das weite Almgelände hinweg haben wir zumindest überwiegend ungetrübten Rundum-Panoramablick in die so herrlich entspannte Bergnatur. Malerisch thront einsam und allein das Kirchlein St. Martin inmitten der Landschaft. Selten habe ich einen „Kirchgang“ so schweißtreibend erlebt wie hinauf zu dieser Kapelle.  

 

 

Zum Glück lädt wenig später der Verpflegungsposten vor dem Platzhof zum mittlerweile schon siebten Erholungsstopp ein. Höchste Zeit, an dieser Stelle ein paar Worte über die Versorgungssituation entlang der Strecke zu verlieren, wobei ein einziges Wort eigentlich genügt: Grandios. Wasser und Isogetränke gibt es an jedem der 16 Posten, Bananen und Äpfel fast überall, dazu Cola, Gels, Kuchen und Riegel als „Standard“ auf der zweiten Streckenhälfte. Als Special dazu kommen noch Zitronenscheiben und Salz – fehlt eigentlich nur der Tequila zur geschmacklichen Abrundung. Gerade angesichts der Hitze selbst in den höheren Lagen sind diese Posten mehr als nur Oasen für mich. Wirklich durchdacht ist auch die Abfolge: Je profilierter das Gelände ist, desto größer die Dichte der Posten. Und das bedeutet konkret seit Stilfs in etwa einen 2 km-Takt.

Jenseits des Platzhofs wird der Bergwald entlang unseres Streckenkurses immer dichter. Breite Forstwege und ausgetretene Wanderpfade wechseln einander ab. Das Blickfeld ist primär auf die unmittelbare Umgebung beschränkt, was auch daran liegt, dass wir uns in einer Art Zwischental befinden. Nur in einem Aspekt gibt es eine Konstante: Es geht weiter bergauf. Daran ändert sich auch nichts, als wir nach 24 km das Wildtiergehege Fragges auf 1.700 m üNN erreichen. Das Getier macht sich angesichts der permanenten läuferischen Invasion aber anscheinend rar. Auf relativ komfortablem Schotter führt der Weg von Fragges aus zwei weitere Kilometer durch beschauliche, aber auch wenig aufregende Natur dahin. Jenseits der 2000 Meter-Höhengrenze lichtet sich der Wald. Über saftig grüne Almwiesen nähern wir uns der nächsten Alm an. Wohlgenährte Kühe gehen hier ihrer Lieblingsbeschäftigung nach und lassen sich von uns Läufern in keinster Weise beeindrucken. Weiter geht es auf einem schmalen Wanderweg durch die blühenden Almwiesen bis zur Prader Alm (2.054 m ÜNN).

 

Im Angesicht des Ortlers

 

Wow! Wie ein Paukenschlag ist es, als sich bei km 27 der Naturvorhang öffnet und eine gewaltige Szenerie offenbart. Direkt hinter dem Verpflegungsstand auf der Prader Alm baut sich das Massiv der Ortlergruppe in seiner ganzen Mächtigkeit auf, erstrahlen im gleißenden Sonnenlicht die schnee- und eisbedeckten Gipfel der sich aneinander reihenden Dreitausender mitsamt des die magische 4000er-Grenze nur knapp verfehlenden Hauptgipfels.

 

 

Auf einem breiten, bequemen Höhenweg geht es im offenen Gelände weiter, stets „König Ortler“, seitlich im Visier. Nur einen Kilometer weiter, an der Furkelhütte auf 2.150 m üNN wartet schon die nächste Verpflegung mit Panoramahintergrund. Die Hütte ist gleichzeitig Bergstation der von Trafoi hinauf führenden Sesselbahn. Es lohnt sich, an dieser Station ein wenig intensiver nachzutanken, denn vor uns liegt eine 5 km lange „Durststrecke“ ohne Einkehrmöglichkeit. Es sind die einsamsten Kilometer unserer Wegstrecke. Und sie sind auch – soviel vorweg – die landschaftlich großartigsten.

 

Goldseeweg – Trailerlebnis der Extraklasse

 

Ein ausgefallenes Hinweisschild markiert den Einstieg in den Goldseeweg. Was mir vor dem Lauf nicht klar war: Das ist ein alpiner Steig der Extraklasse. Worte können das landschaftliche Erlebnis nur unzureichend beschreiben – schaut Euch die Fotos an und Ihr werdet (hoffentlich) den Zauber dieser Passage erahnen können.

 

 

Über Wurzeln und Fels führt das erste Wegstück durch ein Stück Natur, das auf mich mit seinen blühenden Büschen, krüppeligen Kiefern und wildem Gesträuch wie ein Stück hochalpiner botanischer Garten anmutet. Der steile, steinige Pfad durch karg-grüne Grasmatten im Folgenden hätte den Beinamen Sky Walk verdient. Überaus knackig ist der Anstieg und er kostet mich in dieser Höhe viel Kraft.

Doch mutiert der Steig im weiteren Verlauf zu einem Höhenpfad, der auf einem Niveau von etwa 2.400 Metern in stetigem leichten Auf und Ab durch die Bergwelt kurvt. Ein um das andere Mal aufregend ist, wenn hinter einer Biegung aufs Neue die gigantische Bergkulisse der Ortlerkette auftaucht und eine geradezu atemberaubende Kulisse für die davor hintrabenden Läufer bietet. Wie weggeblasen sind auch bei mir Schweiß und Anstrengung. In der kühlen Höhenluft fühle ich mich läuferisch fast wie neugeboren. Was der Rausch der Höhe und der Sinne alles bewirken kann …..

 

 

Auch technisch ist dieser Trail nicht ganz ohne: Einzelne Passagen führen über kantige Geröllhalden, selbst die Schneetauglichkeit unserer Schuhe dürfen wir (wenn auch nur ganz kurz) testen, an anderen Stellen kann man durchaus den Hauch des Abgrunds spüren. Wirklich gefährlich ist aber nirgendwo.  

 

Über die Obere Tartscher Alm zur Passstraße

 

Jenseits der mit etwa 2.450 m üNN höchsten Stelle geht es primär downhill durch die karge Bergwelt. Mächtige Metallgitter im Hang schützen hier das Tal vor Lawinenabgängen. In langen Geraden führt der Weg am felsigen Hang entlang. Langsam gewinnt das Grün auf der kargen Erdkrume wieder die Oberhand. Inmitten der Bergeinsamkeit, am oberen Ende eines ausgedienten, im Nirwana der Berge einfach endenden Militärfahrwegs verheißt schon aus der Ferne ein einsamer blauer Baldachin: Es gibt wieder Nachschub für die durstige Kehle.

Von der Oberen Tschartscher Alm (2.270 m üNN) bei km 33 dürfen wir dem eingewachsenen Fahrweg gen Tal folgend nochmals im Sauseschritt das unbeschwerte Laufgefühl im Hochgebirge auskosten. Immer näher rücken die mächtigen Felsformationen des Ortler, vor allem im Talschluss vor uns, dort, wo auch unser finales Ziel liegt: Das Stilfser Joch. Aber noch hält sich der Pass vor unseren Blicken verborgen. Mit Bernie nehme ich diese Passage in Angriff und nicht nur wir nutzen die einmalige, abenteuerliche Kulisse für das eine oder andere Erinnerungsselfie.

 

 

Vom Fahrweg werden wir auf einen Pfad gelotst, der sich schließlich in langen steilen Serpentinen zwischen einsamen Latschenkiefern gen Tal windet. Noch nie war der Abhang jenseits des Tales so nah wie hier, und doch ist noch immer von der Passstraße und dem Pass nichts zu sehen. Erst als Bernie vor mir aufgeregt den Arm ausstreckt sehe auch ich unter mir das graue Band der Straße. Schnell geht es nun: Ein paar Kehren noch und ich spüre den harten, ebenmäßigen Asphalt unter meinen Sohlen.

 

Sturm auf den Pass

 

35 km liegen hinter mir, als ich das letzte und ultimative Streckenhighlight des Marathons erreiche: Die Passtraße hinauf zum Stelvio. Nach Marathonlogik liegen damit noch 7,2 km vor mir, „gewürzt“ mit knapp 600 Höhenmetern und von hier aus zu bewältigen in 24 Kehren. Nach sieben Kilometern schaut luftlinienbetrachtet die Entfernung zur hoch über und vor uns thronenden Passhöhe nicht gerade aus. Wenn man sich aber die vor allem final im Talschluss wild den felsigen Steilhang empor mäandernde Straße anschaut, bekommt man schnell eine respekteinflößende Ahnung, dass das per pedes eine durchaus zeitraubende Herausforderung darstellen kann.

Frisch ans Werk heißt es also. Für den gesamten motorisierten Verkehr ist die Straße heute gesperrt. Die dahin tröpfelnden Läufer und auch ich haben die Straße also (fast) ganz für uns und damit mehr als genug Auslauf.

 

 

Bereits in den Jahren 1820 bis 1825 wurde die Straße überaus schnell unter der Leitung Carlo Doneganis erbaut, einst bestimmt, die Lombardei mit anderen Reichsteilen des damaligen österreichischen Kaiserreichs zu verbinden. Ihre ökonomische Bedeutung hat die Passstraße längst verloren, umso größer ist heute die touristische, von der auch wir als Läufer profitieren. Welche andere bekannte Passstraße würde man wohl sonst für ein Freizeitvergnügen wie dieses sperren? Geplant ist, die Aufnahme der Straße als „historisches Monument von überragender Bedeutung“ ins UNESCO-Weltkulturerbe zu beantragen. Zu wünschen wäre es, würde dies die kostspielige Erhaltung dieser straßenbauerischen Meisterleistung langfristig sichern.

24 Kehren sind von uns noch zu bewältigen, das bedeutet 24 Richtungswechsel durch gemauerte Haarnadelkurven. Und die Kehren liegen bisweilen weit auseinander. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wohl für die Radfahrer sein mag, wenn sie sich, etwa beim Giro d´Italia, keuchend und schwitzend die schier endlosen Serpentinen empor kämpfen oder auch im Volldampf in die Tiefe stürzen. Von Keuchen und Schwitzen habe zumindest ich für heute genug. Vorgenommen hatte ich mir eigentlich, ehrenhalber die eine oder andere Kehre laufend zu bewältigen. Mit der „Ehre“ lasse ich es aber schnell gut sein, obwohl man nicht sagen kann, dass einem die durchschnittlich acht- und maximal fünfzehnprozentigen Anstiege allzu viel abverlangen. Ich begnüge mich mit „Genuss-Walken“ und dem Gefühl, diese berühmte Straße zumindest aus eigener Kraft zu erobern. Allein bin ich dabei nicht: Mit 35 km in den Beinen und bei der dünnen Luft hier oben ist auch bei den versprengten Läufern um mich herum nicht mehr viel von Dynamik zu spüren.

Kurz nach dem Quereinstieg in die Passstraße passieren wir zunächst den exponiert und einsam gelegenen Berggasthof Franzenshöhe (2.190 m üNN). Seinen Namen verdankt der Ort dem Umstand, dass Kaiser Franz I hier anno 1832 Halt machte, um die noch baufrische Stilfserjoch Straße zu begutachten. Der Gasthof selbst kann bereits auf eine 150-jährige bewegte Geschichte zurück blicken, die allerdings auch geprägt ist von Krieg und Lawinen.

Im schnellen Schritt versuche ich vorwärts zu kommen und dabei nicht zu zählen, wie viele Kehren noch vor mir liegen. Der Weg und die Zeit ziehen sich und ich versuche mich auf die optischen Eindrücke zu konzentrieren, die die Straße und deren Umgebung reichlich bieten, umso mehr, je höher ich komme. Näher rückt die finale Wand im Talschluss, beeindruckend eingerahmt von Fels und Eis der umliegenden Berge. Gleichzeitig nimmt das Geschlinge des grauen Bandes der Straße im Grün des Talbodens unter und hinter mir immer ausdrucksvollere Konturen an. Dass allein auf der Passtraße nochmals vier Versorgungsstellen eingerichtet sind, gibt mir immer wieder ein Alibi zum Verweilen.

 

Zieleinlauf 2.757 m über dem Meeresspiegel

 

Als die letzten Kehren anstehen, beginne ich dann doch wie beim Countdown zu zählen. So einsam es auf der Passstraße bis zuletzt ist, so überraschend groß ist der Rummel, der mir bei Erreichen der Passhöhe entgegen schlägt. Es sind keineswegs nur die Läufer, die in der Sonne in den Straßencafes sitzend das Finish genießen, sondern auch und vor allem Radfahrer, die die Passhöhe bevölkern, offensichtlich eingefallen über die andere Passseite.

 

 

Die ankommenden Läufer werden nach links von der Passstraße weg gelotst. Hier sind abseits des Straßenrummels der Zielbogen und das Zielgelände eingerichtet. Vom Zielmoderator und einigen unentwegten Zuschauern und Läufern wird jeder der Ankömmlinge persönlich und überschwänglich willkommen geheißen.

Geschafft. Ein hartes Stück Beinarbeit war das, aber voll von Eindrücken und Erlebnissen ist das Gefühl der Erschöpfung schnell verflogen. Medaillen- und Finisher-Shirt-dekoriert verlegen Bernie und ich unser persönliches Finish-Feiern auf die Sonnenterrasse des etwas erhöht und abseits liegenden Alpengasthofs Tibet mit dem ohne Zweifel großartigsten Ausblick auf die gesamte Passstraße, Speckknödelsuppe inklusive.

Das Feiern ist aber längst noch nicht zu Ende, sondern endet dort, wo alles begann: Im Sportpark von Prad. Im Rahmen des Vinschger Beach Soccer Cups feiern ein paar hundert Läufer und Beach Soccer-Teilnehmer gemeinsam bei Live-Rock-Musik, Speis und Trank bis tief in den Abend.  

Was bleibt? Auf alle Fälle das Gefühl, dass selten eine Laufveranstaltung wie diese es geschafft hat, mein Läuferherz im Sturm zu erobern. Landschaft und Trails – einfach ein Traum, das Wetter natürlich auch; die Mischung der Streckenteile – etwas ganz Einmaliges. Und eine Organisation, die das Ganze engagiert und perfekt in Szene setzt. Wer sich dieses ganz besondere Erlebnis entgehen lässt, ist selber schuld.

 

 

Impressionen

(Klaus und Margot Duwe)

 

 

 

Weitere Bilder und Berichte vom Stelvio Marathon
gibt es hier auf Trailrunning.de

 

Informationen: Stelvio Marathon
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