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Laufberichte

Großes Lauferlebnis – dem Unwetter zum Trotz

 

Das muss man sich erst einmal trauen. Einen Marathon zu veranstalten und diesen einfach auf 21 Kilometer zu verkürzen. Aber manchmal ist weniger eben mehr. Denn auf den 21 Kilometern des Stelvio Marathons, gewürzt mit knackigen 2.100 Höhenmetern, darf man Berglauf von seiner schönsten Seite erleben und dann noch in 2.843 Metern Höhe finishen. Auf die bei den ersten drei Ausgaben der Veranstaltung als eine Art Prolog in der Ebene zurück zu legenden 21 Kilometer kann man gut verzichten und sich auf das konzentrieren, was diesen Lauf optisch und läuferisch so einmalig macht: Eben die zweite Streckenhälfte, von Prad im Tal hinauf bis zur Dreisprachenspitze oberhalb des berühmten Stilfserjochs.  

Bereits 2021 ist man diesem Konzept, eher aus der Corona-Not heraus geboren, gefolgt. Die Notlösung ist aber so gut angekommen, dass man gleich bei ihr geblieben ist und auch die Streckenführung entlang des aussichtsreichen Goldseewegs bis ins Ziel belassen hat. Dass damit auch weiterhin die obersten 24 Kehren der Passstraße nicht mehr, wie noch 2017 bis 2019, im Laufprogramm stehen, mag den einen oder anderen Passfetischisten schmerzen. Der besagte Steig ist aber ohne Zweifel das, was des Trailrunners Herz höherschlagen lässt. Da kann ich mitreden: Ich kenne beide Varianten.  

 

 

Das Glutofen-Hoch hat ganz Europa weiterhin fest im Griff, das Vinschgau eingeschlossen, als ich am Freitagnachmittag Prad erreiche. Wie in eine Hitzewand eintauchend fühlt es sich für mich an, als ich die Kühle des Autos verlasse. Mit etwas Gruseln denke ich an morgen. Mit seinen etwa dreieinhalb tausend Einwohnern ist Prad ein entspannter, ruhiger, man könnte auch sagen verschlafener Ort. Laut wird es dennoch immer wieder. Nämlich dann, wenn sich, wie öfters, ein Verband röhrend-brummender Biker, vorzugsweise der Kategorie Schwergewicht (bezogen auf Bike und Fahrer), anschickt, von hier aus die legendären 48 Kehren hinauf zum Stilfserjoch zu erobern. Und da ist Prad das Nadelöhr, durch das jeder mitten durch muss.

Mittendrin in Prad ist auch das „aquaprad“, das Besucherzentrum des Nationalparks Stilfserjoch. Hier bekomme ich die Startunterlagen in einer luftigen und vor allem kühlen Halle. Einen Beutel für das Zielgepäck, gefüllt mit Sponsorengaben und ein ausgefallen designtes Startershirt, gibt’s obendrauf. Auf eine Laufmesse oder sonstige Festivitäten vor dem Lauf verzichtet man auch in diesem Jahr. Nicht aber auf die Pasta – korrekter: Knödel – Party. Aber auf die muss man sich bis nach dem Lauf gedulden. Wer vorgebucht hat, zahlt im aquaprad noch 15 € extra für das Fahrrad für den Rückweg. Eine geniale Sache eigentlich, 2.000 Höhenmeter downhill, 48 Spitzkehren inklusive nach dem Lauf. Trotzdem verzichte ich. Die Wetterprognose für morgen Mittag ist wenig verheißungsvoll.

 

Start mit Hindernissen

 

Blitze zucken im Stakkato, untermalt von unheilvollem Donnergetöse. Der Regen prasselt monsunartig auf die Straße. Es ist fünf Uhr am Samstagmorgen, als ich davon geweckt aus dem Fenster meines Hotels blicke. Hey, davon hat die Wetter-App nichts gesagt! Ich habe ungute Vorahnungen. Als es hell wird, gießt es noch immer in Strömen. Doch allmählich verfliegt der Spuk, wenn auch dunkles Wolkengebälk weiterhin nichts Gutes verheißt.

Ich genieße dennoch die frische Morgenluft, als ich frühstücksgestärkt und lauffertig um sieben Uhr gen Startgelände auf der Via Croce vor dem aquaprad ziehe. Letztes Jahr war da schon alles fix und fertig gerichtet. Heuer sind die Veranstalter noch voll dabei, das Startgelände in ein solches zu verwandeln. Das frühmorgendliche Unwetter fordert eben seinen Tribut. Als endlich die Lautsprecheranlage funktioniert, hat der Moderator sogleich zwei wichtige Botschaften für uns: Der Start verschiebt sich um eine halbe Stunde. Kein Problem. Und: Der Kurs wird auf die ersten 13 Kilometer bis zur Furkelhütte (2.150 m üNN) verkürzt. Das ist bitter, denn just die Passage jenseits dieser Hütte bis ins Ziel hält optisch die absoluten Highlights bereit. Eingedenk des Erlebten und zu erwartender weiterer Wetterkapriolen kann ich jedoch nachvollziehen, dass dem Veranstalter das Wetterrisiko in den Hochgebirgspassagen einfach zu hoch ist. Und wir hätten regenumpeitscht und gewitterumtost wohl auch nicht recht Spaß.

 

 

Zumindest im Übrigen geht alles ganz ähnlich wie im Vorjahr seinen Gang: Bei der musikalischen Untermalung ist man eher auf Rockiges, im Zwischenprogramm aber ganz auf Traditionelles gepolt. Ein Alphornbläserquartett – die nahe Schweiz lässt grüßen – gibt ab und an ein getragenes, wenn auch nicht immer tonstimmiges Ständchen, Treichelschwinger hieven mit ohrenbetäubendem Gebimmel ihre schwere Last in gleichmäßigem Wankeschritt durch den Startkanal. Am Himmel sehe ich den Helikopter mit zwei großen Ladebeuteln im Schlepptau, darin unser Zielgepäck verstaut, in Richtung Berge davon knattern. Bei diesem Anblick kommt dann doch ein wenig Wehmut auf, denn der Gipfel ist heute eben nicht unser Ziel.

Dafür, dass die Stimmung auf hohem Level bleibt, sorgt aber schon der Startmoderator. Die Anmoderation des Starts der stockbewehrten Marschierer, die vor allen anderen um 8:00 Uhr „ran“ dürfen, ist anscheinend so motivierend, dass nach dem Countdown nicht wenige im Laufschritt über die Startlinie preschen. Eine halbe Stunde später sind auch die gut zweihundert Läufer an der Reihe. Lauter wird die Musik, ein ums andere Mal heißt es „Hands Up“. Als dann „Thunderstruck“ von AC/DC – Absicht oder Zufall? – durch die Boxen hämmert, ist das Gänsehauptfeeling perfekt. 3, 2.1 … los geht es durch den Startbogen und im Galopp die Via Croce ortsauswärts.

Wild rauscht der Suldenbach durch sein in Prad beengtes Bett. Gleich jenseits des Baches zweigt unser Kurs nach links in Richtung Agums ab. Ein schmales Asphaltsträßchen windet sich allmählich und immer mehr ansteigend den Hang hinauf. Zunächst noch im Laufschritt sucht der Pulk der Steigung Herr zu werden. Aber schon bald gibt das einer nach dem anderen auf und müht sich keuchend schnellen Schrittes empor. Ehe ich mich versehe ist meine Morgenfrische dahin und der Schweiß rinnt ungehemmt in der dampfigen Luft.   

 

Auf historischen Spuren

 

Zumindest gewinnen wir auf diese Weise schnell an Höhe. Immerhin 1.400 Höhemeter gilt es auch auf dem verkürzten Kurs zu bewältigen. Schnell entfernen wir uns aus der Zivilisation und tauchen ein in die Natur. Nur vereinzelt verhindern waldige Passagen den Blick über die saftig grünen Wiesen und die im Wolkendunst am Horizont sanft geschwungenen Berge der Umgebung. Schon bald dürfen wir auf das tief unter uns liegende Prad zurückblicken. Der Asphalt- mutiert zum breiten Naturweg, was aber nicht heißt, dass sich an den Mühen des Anstiegs etwas ändern würde. Wir passieren letzte einsam gelegene Gehöfte wie den Mitterhof und hier oben in steiler Hanglage kultivierte Rebstöcke.  

 

 

Ab dem Patzleid-Hof setzt sich unser Laufkurs auf dem historischen Archaikweg in Richtung Stilfs fort. Der Archaikweg folgt weitgehend alten Säumer- und Karrenwegen, die jahrhundertelang zum Übergang vom Südtiroler Etschtal über das Stilfser Joch ins Veltlin genutzt wurden. Jedenfalls wartet die neue Passage mit einem nur moderat steigenden, breiten und damit gut belaufbaren Höhenweg auf, der sich Kurve um Kurve den Berghang entlang schlängelt und weite Ausblicke über die Wälder im Tal bis hin zu den unnahbaren Felswänden des Ortlermassivs am noch fernen Horizont erlaubt.

 

Auf Single Trails nach Stilfs

 

Die vorübergehende Gemütlichkeit endet beim Abzweig auf einen Single Trail, der sich steil und teils gestuft über reichlich Wurzeln und Fels in die Höhe windet. Jäh geht es neben dem Weg bisweilen in die Tiefe, Konzentration ist angesagt, auch wenn die Balkonaussicht immer wieder zur Ablenkung verleitet. Nichtsdestotrotz: Ein Wegstück, das eines Trailrunners Herz höherschlagen lässt.

Bis auf etwa 1.430 m üNN geht es hinauf, dann kippt das Profil und wir dürfen etliche der erlaufenen Höhenmeter beim Abgalopp durch teils dschungelige Natur wieder abgeben. Der Weg verbreitert sich und führt uns direkt hinein nach Stilfs, das mit seinen engen und gleichermaßen steilen Gassen auf etwa 1.300 m ÜNN wie ein Adlerhorst im Hang hängt.

 

 

Schon zuvor hatte es aus dunklen Wolken zu tröpfeln begonnen, aber beim Einlauf nach Stilfs öffnen diese mit einem Donnerschlag ihre Schleusen. Im Herzen des Dorfes erwartet mich nach 6 km die erste Verpflegungsstation auf dem Weg nach oben. Einen ersten Cola-Kick aus dem reichhaltigen Angebot lasse ich mir nicht entgehen, nutze aber gleichzeitig die Gelegenheit, in einen Hauseingang zu entschwinden und mich mit meinem Regenanorak wetterfest zu machen. Nun ja: Dass ich unter dem Plastik noch mehr schwitze als vorher, ist die Kehrseite der Medaille.    

Im strömenden Regen geht es weiter. Nur eine Straßenecke weiter erwartet uns eine Motivation ganz anderer Art. Dicht gedrängt unter einem regenschützenden Pavillon versammelt und von einem DJ musikalisch auf Touren gebracht, feuert uns auf dem Hauptplatz des Dorfes zu Füßen der Kirche ein Zuschauerpulk nach dem Motto „Wir lassen uns von dem miesen Wetter nicht die Laune verderben“ laut klatschend an. Eine nette
Geste, auch wenn es danach sehr schnell still und einsam wird. Denn das Läuferband hat sich schon jetzt weit auseinandergezogen. Erst im Ziel erfahre ich, dass der Lauf wohl kurze Zeit später für Neuankömmlinge abgebrochen wurde. Glück gehabt.

 

Im Regen durch die Bergeinsamkeit

 

Weiter durch den Ort platschen wir Schritt für Schritt dem Ortsausgang in Richtung Platzhof entgegen. Aus der rückwärtigen erhöhten Perspektive ist die exponierte Lage des Dorfes am Berg besonders eindrücklich.

Die Naturwege im Folgenden sind meist breit und bequem, im permanenten Anstieg aber dennoch nicht ohne Mühsal. Über die Almen hinweg haben wir vielfach einen weiten Ausblick in die so entspannte, aber durch Regen und Wolken milchig getrübte Bergnatur. Der Regen macht nicht wirklich etwas aus, aber Naturgenuss schaut dann doch anders aus. Malerisch thront einsam und allein das Kirchlein St. Martin inmitten der Landschaft. Ein nettes Motiv für meine Kamera, aber wetterfest ist sie eben nicht. Doch Not macht erfinderisch: So lässt mich eine einsam einen Abzweig bewachende, freundliche Streckenpostin für ein Kapellenfoto unter ihren Schirm.  

 

 

Jenseits des Platzhofs wird der Bergwald entlang unseres Streckenkurses immer dichter. Breite Forstwege und ausgetretene Waldpfade wechseln einander ab. Das Blickfeld ist primär auf die unmittelbare Umgebung beschränkt, was auch daran liegt, dass wir uns in einem Seitental befinden. Nur in einem Aspekt gibt es eine Konstante: Es geht weiter bergauf. Daran ändert sich auch nichts, als wir nach 9,5 km das Wildtiergehege Fragges auf 1.700 m üNN erreichen. Von Tieren keine Spur, aber dafür ist für uns in der Einsamkeit des Waldes der zweite Verpflegungspunkt eingerichtet. Noch erfreulicher: Der Regen hat nachgelassen und so kann ich entspannt ein Stück Apfelkuchen testen.  

Auf relativ komfortablem Schotter führt der Weg in langgezogenen Serpentinen von Fragges aus zwei weitere Kilometer zumeist durch wenig anregenden Nadelwald dahin. Jenseits der 2000 Meter-Höhengrenze lichtet sich der Wald und sogar ein paar Sonnenstrahlen finden zwischen den Wolken den Weg zu uns. Auf schmalem Wanderweg wechseln saftig grüne Almwiesen und steile Passagen durch den Wald einander ab.

 

Über den Höhenweg
von der Prader Alm zur Furkelhütte

 

Einmal mehr ein Ereignis ist es zu erleben, wie sich nach 12 Kilometern ziemlich unvermittelt der Naturvorhang lüftet und eine beeindruckende Szenerie offenbart. Direkt hinter dem Almhof auf der Prader Alm (2.054 m üNN), dem wir aus dem Wald kommend entgegenstreben, baut sich erstmals entlang des Streckenkurses das Massiv der Ortlergruppe jenseits des Tales in seiner ganzen Mächtigkeit auf. Auch wenn im Wolkendunst einiges an optischem Reiz verloren geht, so ist die plötzliche Nähe des gewaltigen Gebirgszugs doch ein sehr effektvolles Szenario. Ein Szenario, das einen, sich noch deutlich steigernd, von hier aus fast durchgehend bis zur Dreisprachenpitze begleitet. Heute muss man allerdings konjunktivisch sagen „begleiten würde“, denn schon einen guten Kilometer später wartet unser heutiges Tagesziel.  

 

 

Auf einem kommoden Naturweg geht es an der Hangkante zumeist mit Ortler-Blick weiter. Ein paar Minuten zu spät dran bin ich, denn aus dem Tal quellende Wolken verhängen zusehends die Aussicht. Beeindruckend ist aber auch der Blick in die Tiefe. Unten im Tal hebt sich eine hellgrüne Insel von den umgebenden dunklen Bergflanken ab. Darin winzig die Häuser des Dorfes Trafoi, der letzten Ansiedlung vor dem Stilfser Joch.

Das mir schon vom Start bekannte Geläute großkalibriger Glocken tönt immer deutlicher an meine Ohren und kündet vom nahen Ziel. Aus dem Nebel tauchen die Treichelschwinger und die kleine Bergstation des Sessellifts auf, der Trafoi mit der Furkelhütte verbindet. Provisorisch, ohne Zielbogen und sonstiges Brimborium ist hinter der Hütte die Zeitmatte für den Zieleinlauf ausgelegt. Immerhin Fotografen und der Zielmoderator erwarten die Einläufer, auch die Stelvio-typische Holzmedaille gibt es, aber das war’s. Ziemlich spartanisch und ohne jedes Zielpathos. Das lässt erahnen, wie spontan die Veranstalter heute Morgen umdisponieren mussten. War´s das nun wirklich schon?

 

Happy Finish auf der Furkelhütte

 

Vom Zieleinlauf sind es nur ein paar Schritte zur großen Holzterrasse der Furkelhütte. Wie die meisten Ankömmlinge zieht es auch mich dorthin. Was ich beim Betreten der Terrasse sehen darf, ist einfach nur eines: atemberaubend. Wie ein riesiges Wandgemälde füllen die schnee- und eisbedeckten Gipfel der sich aneinanderreihenden Dreitausender mitsamt des die magische 4000er-Grenze nur knapp verfehlenden Hauptgipfels den Horizont. Nur noch als kleine Fetzen beleben einzelne Wolken das Bild. Ein Erinnerungsfoto mit Medaille vor dieser Kulisse ist für die meisten Pflicht, mich inklusive.

Hier bin ich und hier bleibe ich, denke ich mir nur – carpe diem. Die Warnung des Zielmoderators vor einer nahen weiteren Schlechtwetterfront lasse ich mal so stehen, es ist einfach zu schön hier. Ein größerer Teil der Läufer tritt alsbald die immerhin zwanzigminütige Sesselliftfahrt ins 600 Meter tiefer gelegene Trafoi an. Andere aber bleiben und werden schließlich gar mit eitel Sonnenschein belohnt.  

 

 

Bei kühlem Weizenbier und würziger Speckknödelsuppe auf einer der Bierbänke mit diesem Panoramablick sitzend kann es einem nur gut gehen. Ein solches „Finish“ hätte ich nicht erwartet. Eineinhalb wunderbare Stunden vergehen so wie im Fluge. Irgendwann ist es dann aber doch an der Zeit aufzubrechen.

Als ich um kurz nach halb eins am Liftzugang stehe, darf ich jedoch feststellen, dass dieser gar nicht mehr in Betrieb ist. Des Rätsels Lösung: Eine Stunde Mittagspause, bis 13:30 Uhr. Na so was. Aber macht nichts: Ich schnappe mir einen der Liegestühle und verlängere so die After-Run-Siesta. Erleben darf ich dann allerdings auch, was es heißt, wenn in den Bergen das Wetter umschlägt. Erst ist es nur eine immer stärkere Trübung des Himmels, dann ein kühler Luftzug. Ein spontaner Donnerknall verkündet: Es ist so weit und tatsächlich flüchten die Terrassengäste allesamt ins Innere de Hütte. Ausreichend Platz gibt es hier und durchaus spannend ist, bei einem gemütlichen Kaffee aus diesem Schutzraum heraus zu beobachten, wie sich der Himmel massiv verfinstert und die Wolken ihre Regenlast abwerfen.

Um 13:30 Uhr läuft dann zwar der Lift wieder, das Regenspektakel nicht absehbar aber auch noch. Es hilft nichts: Auf der langsamen Fahrt gen Tal lasse ich mich ein zweites Mal für heute durchweichen, um dann im Sonnenschein an der Busstation im Tal wartend erneut den Trocknungsprozess zu durchlaufen. Zeit habe ich genug dafür, denn der Bus fährt nur stündlich und in Stilfs muss man auch noch umsteigen. Das Ende der Rückreiseodyssee: Als ich frisch geduscht vom Hotel kommend erst um 16:30 Uhr in der „Sacramento City“ am Sportgelände Prads eintrudele, sind die um 15 Uhr gestarteten Festivitäten einschließlich Siegerehrung und Knödel-Party bereits gelaufen. Pech gehabt. Aber meine persönliche „Knödel-Party“ vor der Furkelhütte war dies allemal wert.

 

Via Goldseeweg zur Dreisprachenspitze    

 

Am Sonntag lacht schon morgens die Sonne vom Himmel. Bestes Laufwetter, aber das Rennen 2022 ist eben schon gestern gelaufen. Gleichermaßen gilt jedoch: Bestes Wanderwetter. Und was liegt da näher, als die fehlenden gut acht Kilometer von der Furkelhütte bis zum Ziel an der Dreisprachenspitze in Slow Motion nachzuholen und so den Stelvio Marathon 2022 sozusagen privat planmäßig zu beenden?

Gedacht, getan. So rausche ich nach dem Frühstück, dieses Mal mit dem Auto, die Passstraße hinauf bis nach Trafoi und lasse mich vom Sessellift zum Endpunkt unseres gestrigen Laufs hinauf kutschieren. Als ich die wunderbare Terrasse der Furkelhütte erblicke, ist mein erster Reflex, hier wieder einzukehren. Aber das Einkehren will ich mir für nach der Wanderung aufheben, für einen anderen wunderbaren Ort. Dazu später.

 

 

Knappe drei Stunden reine Gehzeit muss man für die Tour mit etwa 650 Höhemetern auf ausgesetzten, aber gut begehbaren Pfaden veranschlagen. Größte Herausforderung sind ein paar verblockte Passagen durch Geröllfelder hindurch. Besser sollte man aber mehr Zeit einkalkulieren, denn es lohnt sich sehr, sich an einem der vielen aussichtsreichen Punkte einfach in die Wiese zu legen.

Unweit der Furkelhütte markiert ein markantes Schild den Zugang zum Goldseeweg. Durch duftenden Zirbenwald in leichtem Auf und Ab geht es zunächst dahin, dann durch offenes Gelände mit immer spärlicherer Vegetation entlang der Hangflanken immer höher hinaus, vor allem auf den ersten beiden Kilometern mit durchaus kräftigen Anstiegen verbunden. Immer spektakulärer wird das Panorama des Ortlermassivs. Ich will Euch an dieser Stelle jedoch viele Worte der Beschreibung ersparen und lieber die Bilder sprechen lassen.

Wenn man schon wandert, sei auch ein militärhistorischer Abstecher zu den Festungsanlagen aus dem Ersten Weltkrieg empfohlen, die man beim Laufen nur aus der Ferne betrachten kann. Ja, und dann ist da noch der namengebende Goldsee. Bei dessen Anblick assoziiert man eher einen Meteoritenkrater mit Pfütze in der Mitte, jedenfalls nicht irgendetwas, was mit dem Edelmetall in Verbindung steht. Die berühmte Passtraße bekommt man erst spät zu Gesicht. Fast auf Höhe des Passes ist man da schon und hat einen beeindruckenden Fernblick auf die letzten etwa zwanzig Kehren.

 

 

Witzig: Unterwegs kommen mir immer wieder Wanderer entgegen, die, wie ich, das markante Teilnehmershirt des diesjährigen Laufs tragen. Geradezu rührend ist für mich jedoch die Szene, die ich unterhalb des Refugio Garibaldi an der Dreisprachenspitze erlebe. Just, als ich dort eintreffe, feiern drei junge sportive Wander-Läufer, gleichfalls das Veranstaltungsshirt tragend, mit erhobenen Armen ihr persönliches Finish an dem umgekippt im Staub liegenden Zielbogen. Ein Finisher-Bild von den dreien lasse ich mir nicht entgehen.

Den Rummelplatz der vor allem von Bikern okkupierten Passhöhe, zu der man von Dreisprachenspitze hinuntersteigt, sollte man möglichst schnell queren und auf der jenseitigen Seite den Stichweg zur sogenannten Tibet-Hütte nehmen. Dieses optisch schon herausgehobene Berghaus liegt ein wenig abseits des Passes in grandioser Lage. Auf der großen Sonnenterrasse wird man nicht nur besonders lecker kulinarisch verwöhnt, sondern genießt den mit Abstand besten Ausblick auf die Windungen der Passstraße. Für mich der schönste Ausklang eines Stilfser Joch-Besuchs und dieses Mal auch eines besonders erlebnisreichen Laufwochenendes.  


 

 

Informationen: Stelvio Marathon
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