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Laufberichte

Hart wie eine Kokosnuss

 

Ziel für 2020 ist, mein Marathonländerkontingent wieder etwas zu erhöhen, allerdings mit der Einschränkung, dass die Öffnungszeit  bei den Rennen zumindest 6 Stunden betragen muss. Laut Ausschreibung ist der auf die Erhaltung der Umwelt auf den Seychellen bedachte Lauf über die 42,195 km volle 7 Stunden offen. Somit sollte sich alles gut ausgehen.

Dank des nachhaltigen Tourismusmanagements zum Schutz der einzigartigen Umwelt wird die Inselgruppe der Seychellen jährlich „nur“ von ca. 250.000 Besuchern frequentiert, die Malediven verzeichnen rund eine Million und sind überlaufen. Aber hier wie da muss man für einen Urlaub schon tiefer in die Brieftasche greifen, denn eine Nacht im nahe am Marathonstart befindlichen Berjaya Beau Vallon Bay Resort, wo auch das Abschlussgaladinner am Abend nach dem Lauf stattfindet, kostet rund 200 Euro mit Halbpension.  Ich entscheide mich für das ca. 2 km vom Start entfernten Marie Laurent Suites, was mich 140 Euro mit Frühstück pro Nacht kostet.

Wie bei all meinen Asienreisen lege ich auch diesmal einen Zweitagesstopp in Dubai ein. Erst am Freitag gegen Mittag treffe ich nach einem komfortablen 4-Stunden-Flug mit Emirates am Seychelles International Airport ein. Draußen erwarten mich 30 Grad C und 80 % Luftfeuchtigkeit, im Nu ist mein Hemd durchgeschwitzt. Nur 13 Kilometer ist der berühmte Strand Beau Vallon entfernt, doch der Taxifahrer hat einen Fixpreis: 50 Euro. Ich verhandle nicht und nehme einen öffentlichen Bus. 7 Rupien, weniger als 60 Cent, kostet die Fahrt in die Hauptstadt Victoria, auf der Hauptinsel Mahé im Norden gelegen.

 

 

Als ich die Unterkunft erreiche, werde ich schon von Madame Vanessa erwartet, das Appartement ist sehr geräumig eingerichtet, die Infrastruktur modern. Drei Nächte werde ich hier wohnen.

Gleich mache ich mich auf den Weg zum Veranstaltungszentrum im Berjaya Beau Vallon Bay Resort. Die Badehose habe ich mit, bis zum Sonnenuntergang verbleiben noch gut 3 Stunden Zeit. Der Strand ist wirklich paradiesisch, kein Riff bremst die Wellen, schon nach 30 m ist man im 2 m tiefen, kristallklaren  Wasser, das so warm wie das in der Badewanne zu Hause ist. Ich habe schon Jahre nicht mehr solange und ausgiebig im Meerwasser geplantscht wie hier an meinem ersten Tag auf den Seychellen.

Allerdings bekomme ich die Startunterlagen erst morgen zwischen 14 und 16 Uhr direkt im Stade populaire in Victoria, der ca. 95.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Republik Seychellen, die erst 1976 vom Vereinigten Königreich die Unabhängigkeit erlangte. Die Bevölkerung spricht Kreolisch, Amtssprachen sind Englisch und Französisch.

Race-Direktorin Giovanna Rousseau bietet mir eine Mitfahrgelegenheit für morgen um 8 Uhr 30 direkt von meiner Unterkunft – sie wohnt nur eine Fahrminute weiter am Ende von Bel Ombre – an. Sie ist pünktlich wie eine Schweizer Uhr. Jetzt, wo ich eine bessere Sicht auf die am frühen Morgen noch nicht zu stark befahrene Straße mit vielen Steigungen habe – es geht sogar über einen kleinen Berg drüber – dämmert mir, dass uns ein selektiver, kräfteraubender Marathon bevorsteht.

 

 

Im Büro angekommen, händigt sie mir eine Tragetasche mit Shirt, Startnummer sowie einigen Goodies aus. Ich habe alles, jetzt auf zu einem Stadtbummel bei brütender Hitze und schweißtreibender Schwüle.  Dass Schulz Sportreisen den Seychellen Marathon im Angebot hat, weiß ich natürlich aus der Terminliste auf Marathon4you. Dass ich gleich auf deren gut gelaunte Reisegruppe stoße, ist ein Zufall.  Die Vorfreude, die die die Gruppe verströmt, ist ansteckend.

Der Marathon wird morgen durch Victoria führen, die markanten Sightseeingspunkte und Fotomotive sind am Hinweg zunächst an einem Kreisverkehr das dreiflügelige, 1978 errichtete Bicentennial Monument, das die ethnische Herkunft der Menschen beschreibt, nämlich aus den drei Kontinenten Afrika, Europa und Asien. Auf dem Rückweg laut Plan knapp vor Kilometer 25 km ist es der Uhrturm und der in der Nähe liegende Markt, benannt nach dem Gouverneur Selwyn-Clarke.

 

Der Renntag

 

Ich bin bereits gegen 6 Uhr 30 im Startbereich angekommen. Vom Country Marathon Club ist kein weiterer Vertreter anwesend, wohl aber ein Kollege von 100 MC DEU, der zur Schulz-Gruppe gehört. Für  7 Uhr ist der Start für die Marathon- und Halbmarathonläuferinnen und -läufer, die fast nur aus dem Ausland kommen, angesetzt. Die meisten Einheimischen, vor allem Jugendliche haben sich für die 5 und 10 km-Distanz angemeldet, die später gestartet wird. Noch spürt man die Sonne nicht, aber die Schwüle ist allgegenwärtig.

Ein paar Minuten nach 7 Uhr erfolgt das Startsignal – Giovanna hält davor noch eine kurze Ansprache. Ich reihe mich in der Mitte des Feldes ein, sodass ich auf den ersten Kilometern noch ein paar Nachzügler ins Bild bekomme. Schon nach 200 m steigt die um die Insel führende Straße an, ich fühle mich zu diesem Zeitpunkt recht zuversichtlich. Doch der Marathonkurs steigt alsbald an, wir haben die Sonne im Gesicht.  Auf den Aufwärtspassagen laufe ich bewusst sehr langsam, um dann abwärts wieder zuzulegen. So bleibt genug Zeit, die grüne Landschaft zwischen unberührten, waldbedeckten Hängen zur Rechten und dem saphirblauen Wasser des indischen Ozeans zur Linken einzusaugen.

 

 

Das Panorama entlang der Küstenabschnitte ist atemberaubend schön: Es gibt zahlreiche verträumte kleine Strände, die an einem Sonntag von Kennern aufgesucht werden und wo man von Palmen umgeben die Brise des Meeres spürt, die Seele baumeln lassen kann und die Schwüle mit einem heimischen Bier aus der Kühltasche runterspült. Es gibt tatsächlich ein SeyBrew-Bier, das als seychellisches Nationalgetränk nach Regeln des deutschen Reinheitsgebotes auf Mahé gebraut wird. Allgegenwärtig sind direkt an den einsamen Stränden die aus dem Meerwasser ragenden, riesigen Granitblöcke, die auf den Seychellen-Postkarten oft abgebildet sind und Fernweh erzeugen. Ohne die vielen Wasserstellen entlang der Strecke, wo auch Cola, Bananen und Orangenstücke angeboten werden, könnte man bei der Hitze nie durchhalten. Meine Zeit von 35 Minuten für die ersten 5 km nahe Vista do Mar ist aber noch passabel.

Karl Baumgarten vom 100 MC DEU mit Begleiterin nähert sich von hinten, die beiden holen mich ein. Ich knipse sie mit einem Panoramahintergrund und will ihnen das Foto zukommen lassen. Wir unterhalten uns – Karl meint, dass er es heute bei diesen Temperaturen unter 6 Stunden kaum schaffen werde, aber unter 7 sollte es sich ausgehen. Das ist auch meine vielleicht zu diesem Zeitpunkt schon falsche Selbsteinschätzung, denn Karl zieht mit der Kollegin bald darauf davon. Ich unterhalte mich anschließend kurz mit dem ebenfalls von hinten nachkommenden Yanik, der Einheimischer ist und nur die Halbdistanz in Angriff nimmt.

Bei Kilometer 8 kommen uns Nachzüglern schon die schnellen Halbmarathonläufer auf der anderen Straßenseite entgegen. Wer aber jetzt denkt, dass sich das gesamte Geschehen auf einer für den Verkehr gesperrten Küstenstraße mit viel Auf und Ab abspielt, der irrt. Ununterbrochen fahren uns Autos in Laufrichtung von hinten nach. Ich versuche daher auf den rechten Fahrbahnrand auszuweichen, um die Autos von vorne zu sehen. Gefährlich wird dies in den unübersichtlichen engen Kurven, wo man immer einen toten Punkt hat und Fußgänger das Auto bestenfalls hören, aber nicht sehen.

Die Hitze in der sengenden Äquatorsonne ist so stark – zumindest ich empfinde dies so – dass ich mir andauernd Wasser über den Kopf und Körper gieße, worunter zunehmend meine kleine Kamera leidet und die Bildausbeute dezimiert.   

Nahe dem Wendepunkt für die Halbmarathonstarter herrscht reger Verkehr, ein Dutzend Läufer ist hier bei der Labe anzutreffen. Die Helfer sind freundlich, auch hier wird wie schon mehrmals zuvor meine Startnummer notiert. Neben der Hitze macht mir eine Reibblase am linken Fußballen zu. Ich spüre schon nach 12 km jeden Schritt beim Auftreten – nicht das Problemknie macht sich bemerkbar, sondern die Haut an der vorderen Sohle wetzt sich infolge des feinen Sands bei einem nassen Socken kontinuierlich auf.

Hinter mir kommt keiner mehr nach. An Laufen ist mit der Reibblase nicht mehr zu denken, Walking ist angesagt.  Ich fluche dabei auf die Hitze. Kilometeranzeigen auf großen Tafeln erleichtern die Orientierung, Abzweigungen werden durch weithin erkennbare Pfeile markiert. Beim Kilometerpunkt 11 kommt mir nun der erste und führende Marathonläufer, von einem Polizeiauto als Vorhut begleitet, entgegen.

 

 

Längst sind die Vororte von Mahé erreicht, das Einsatzfahrzeug des Arztes ist hie und da zu.  Gestern habe ich den  Stadtteil De Quincy erkundet, jetzt  bewege ich mich ein zweites Mal hier voran. Beim Kreisverkehr ist das Bicentennial Monument zu sehen, dann geht es auf flacher Strecke durch Mahé in Richtung Flughafen. Nach und nach kommen mir nun die Marathonis entgegen, endlich wieder ein paar Aufnahmen, die das Geschehen dokumentieren.

Es geht über eine Brücke, zur Linken sieht man die auf einer großen Tafel beworbene, auf Sand gebaute künstliche Insel Eden, wo luxuriöse Villen und Appartements gekauft werden können. Karl kommt mir als Letzter der auf dem Rückweg befindlichen Läufer entgegen – „Nicht mehr weit!“, schreit er mir zu, tatsächlich sind es keine 500 m bis zur Wende. Hier verweile ich erstmals und setze mich auf einen Sessel, 3:10 Stunden für die Halbdistanz ist eine ähnliche Zeit wie bei heimischen Bergmarathons im Hochsommer. Und dann existiert im Kopf noch die Zuversicht, dass ich den Karl einholen könnte.

Die flache Strecke in die Stadt zurück führt vorbei am 1897 errichteten Victoria Clocktower, den ich gestern schon mehrfach fotografiert habe. Ein zweites Mal, nun von der anderen Seite, komme ich am Bicentennial Monument  vorbei – knapp davor steht die 25 km Anzeige. Meine Zuversicht bei der Labe knapp vor Kilometer 30 ist ungebrochen, der Körper ist zwar wegen des hohen Wasserverlustes durch Schwitzen in schlechter Verfassung, die Reibblase am linken Fußballen schmerzt bei jedem Schritt, aber mein Geist ist ungebrochen.  

Ich setze mich wieder in Bewegung.  Bei Kilometer 32 kommt ein Japaner hinter mir nach, hat der sich verirrt? Der Kollege ist um 20 Jahre jünger als ich und setzt zum Laufen an. Ich bin bald wieder mit mittlerweile zwei Einsatzfahrzeugen alleine unterwegs. Und jetzt kommen die mörderischen Steigungen, selbst eine Höhendifferenz von nur 30 m auf 200 m Länge stellt für mich eine Belastung dar, wie ich dies eigentlich noch nie erlebt habe.  Mein ganzes Marathonerleben stellt sich in Frage: Warum tue ich mir das an? Ja, warum wohl? Ich bin nicht um Urlaub zu  machen hierhergekommen, sondern um den Marathon zu bestreiten.  Ich  raffe mich auf.  Der Arzt fragt mehrfach, ob ich aufgeben und ins Fahrzeug einsteigen will. Ich deute auf die Uhr, mir steht für die restlichen 6 Km noch eine gute Stunde zur Verfügung.  Die Sonne steht jetzt fast senkrecht über der Laufstrecke, kein Schatten, selbst kurze Anstiege sind die Hölle. Wie kann man bloß so eingehen? Ich setze mich an den Straßenrand, eine Helferin vom Einsatzfahrzeugs bringt mir einen Eisbeutel. Der bewirkt kurzfristig Wunder – ich fühle mich wieder besser und versuche langsamen Schrittes die Steigungen hoch zu kommen. Wie vermessen war es daran zu denken, am Rückweg den einen oder anderen Nachzügler vielleicht einzuholen – Karl ist vermutlich schon im Ziel. Ich bekomme weitere Eisbeutel, klemme sie abwechselnd unter die Achseln und lege sie mir auf den Kopf – eine Vollkopfbedeckung hätte ich mir zulegen sollen.

Die 7 Stunden sind aufgebraucht, bis ins Ziel sind es laut den Markierungen noch 3 Kilometer – nach meiner Uhr wäre es fast ein Kilometer weniger. Nun muss ich mich wohl nachträglich bei den Helfern bedanken, denn hätten sie die Schlusszeit strikt eingehalten, wäre ich nicht ins Ziel gekommen. Mit schnellerem Walkingschritt finishe ich unter lautem Hupen des Begleitfahrzeugs den 13. Seychellen-Marathon ziemlich abgeschlagen in 7:35 Stunden – nur der Japaner hat wie ich die 7-Stunden überschritten.

Ein Mädchen bringt mir eine Kokosnuss, die Ärztin eine Wasserflasche und Iso. Ich bleibe auf einer Baumwurzel sitzen und versuche mich zu erholen. Noch nie war ein Marathon so anstrengend wie dieser. Die Reibblase ist längst blutig, ich bekomme einen Verband. Statt im traumhaft warmen Meer zu baden, muss ich nun den Rest des herrlichen Sonntags am Hotelpool verbringen.

Nach der Zählweise des Country Clubs darf ich nun mein 74. Land abhaken.

 

Ein kurzes Resümee

 

Den Seychellen-Marathon mit herrlichen Panoramaabschnitten bestreiten fast durchwegs Ländersammler, dementsprechend gering sind die Teilnehmerzahlen.  Der AIMS-vermessene Kurs zu Beginn und am Ende des Laufes auf einem Abschnitt mit vielen Steigungen stellt bei tropischen Bedingungen hohe Ansprüche an die körperliche Leistungsfähigkeit. Ich habe die meinige überschätzt, meine Grenzen wurden mir klar aufgezeigt.

Die Organisatoren um Giovanna Rousseau sind mit großem Einsatz um eine reibungslose Durchführung bemüht.  Ohne die üppige Versorgung an den Labestellen könnte man den Lauf nie bewältigen. Aufpassen muss man auf den Verkehr auf einer nicht gesperrten Strecke.

Das Preis-/Leitungsverhältnis mit 60 Euro Startgeld ist ganz ok, immerhin ist auch ein Funktionsshirt inkludiert. Die meisten, die hier bei einem der Bewerbe teilnehmen, haben einige Zusatztage gebucht. Somit werden letztendlich Erholung und Urlaubsfeeling an einem der schönsten Plätze dieser Welt vor dem Hobbysport gereiht – wie es sich gehört.

 

Siegerliste Männer

1. Geno Belle (SYC) – 3:05:25
2. Peter Stanstilass (KEN) – 3:30:07
3. Henrik Jänsson (SWE) – 3:37:37

 

Reihung bei den Frauen:

1. Eva Kollertova  (CZ) – 4:47:57
2. Corrine Rasaonantenaina (RM) – 5:09:08
3. Florise Ernesta (SYC) – 5:25:23

 

51 Finisher beim Marathon (38 Männer, 13 Frauen),
119 Finisher beim Halbmarathon

 

 

Informationen: Seychellen Marathon
Veranstalter-WebsiteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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