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Laufberichte

Aus gutem Grund

 

In den letzten Jahren haben meine Mutter und ich uns immer wieder über Stationen unserer Leben ausgetauscht. Es ist wenige Monate her, da sie mit einem Schmunzeln gemeint, ich habe sie im Verlauf meines Heranwachsens immer wieder gefordert und gezwungen, einen gedanklichen Vorsprung zu haben, damit ich sie nicht mit einem guten Grund in einen Argumentationsnotstand bringen würde.

Die Suche nach guten Gründen, mit welchen ich meine Pläne untermauern kann und zudem Verständnis und Zustimmung dafür schaffen, ist mir geblieben. Nicht nur, um den mir lieben Menschen meinen gewünschten Plan schmackhaft zu machen, auch um mich selbst in meinem Entschluss zu bestärken.

Ich mache mich an diesem Sonntag, mit einem Bündel guter Gründe dafür, auf nach Bräunlingen, um zum wiederholten Mal am Schwarzwald Marathon teilzunehmen. 
Die Nähe zum Austragungsort ist schon mal einer davon. Für die Wahl der Anfahrt ist es ein Abwägen zwischen zwei guten Gründen. Einerseits ist das Baden-Württemberg-Ticket Teil der in der Anmeldegebühr enthaltenen Leistungen, andererseits werden ausreichend Parkmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Als Bewohner einer Grenzregion bekomme ich wieder einmal die Tatsache zu spüren, dass es im Kleinen so viele Hindernisse gibt, welche das Zusammenleben über die Grenzen hinweg im Alltag erschweren. Ist es Unfähigkeit, ist es mangelnder Wille, ist es Angst um entgehende Pfründe?

Bevor ich mich an einer Hochschule einschreibe, um einen Studiengang zu belegen, welcher mich befähigt, auf einfache Art eine Möglichkeit zu finden, das Baden-Württemberg-Ticket mit einer Fahrkarte der Schweizer Transportunternehmen zu kombinieren, entscheide ich mich für die Anreise mit dem Auto. «Hic et nunc», habe ich vor Jahrzehnten im Lateinunterricht gehört. Hier und jetzt will ich fahren und nicht erst nach Erhalt eines Zertifikats.

Auch wenn mein Entscheid zur Teilnahme unabhängig von der Wetterprognose gefallen ist, kann ich die aktuelle Wetterlage als weiteren guten Grund verbuchen. Perfekte Temperatur für einen Marathon und nur geringe Niederschlagswahrscheinlichkeit sind angesagt.

Für Neues bin ich offen, doch die Entspanntheit, die mir das Wissen um Örtlichkeiten und Abläufe bietet, mag ich auch und ist ebenfalls ein guter Grund wieder nach Bräunlingen zu kommen. 

Erst kürzlich hatte ich wieder einen Alptraum im Zusammenhang mit einem Lauf und fehlender Ausrüstung und zu spätem Ankommen am Start. Eine Wiederholung dieses nächtlichen Schreckens muss ich nicht befürchten. Ohne das Gefühl zu haben, meine Füße klebten am Boden und ich bekäme kein Bein vor das andere, marschiere ich locker die recht kurze Distanz zur Stadthalle. Allenfalls fehlende Ausrüstung würde ich sogar bei den Ausstellern der Marathonsportmesse finden.

 

 

Die Startnummer halte ich zügig in den Händen und dazu gibt es ein Teilnehmerpräsent, das ich gut gebrauchen kann.

Es ist noch nicht lange her, da hat sich unsere Herdenschutzhündin in der Waschküche eine meiner Laufsocken geschnappt und sie ein paar Mal spielerisch in die Luft geworfen, bevor sie sich spontan entschieden hat, die Beute nach dem Auffangen zu verschlingen.  Der spätabendliche Gang in den tierärztlichen Notfall hat mit entsprechenden Maßnahmen den Magen noch rechtzeitig geleert, bevor die Gefahr eines Darmverschlusses bestand. Doch die gut gemeinte Frage, ob ich die Socke mitnehmen wolle – man könnte die ja waschen – bedachte ich mit einer Absage, obwohl ich dann noch nicht wusste, dass ich heute mit einem Paar neuer Laufsocken bester Qualität nach Hause gehen würde. Also, ich habe einen weiteren guten Grund heute hier zu starten.

Mit rund 750 Teilnehmenden ist die Startaufstellung zwar eindrücklich, doch was den Start selbst anbelangt problemlos. Zumindest für mich in den hinteren Reihen. Sicher gibt es auch da - wie leider üblich - weiter vorne Leute, die der unausgesprochenen Bitte nach realistischer Einreihung ins Feld nicht nachgekommen sind und den Schnellen auf dem ersten Kilometer als vermeidbare Hindernisse im Weg stehen.

Immerhin bietet die Kirchstraße, auf welche gleich nach dem Start eingebogen wird, genügend Platz. Und wenn man es gemütlicher nimmt, hat man sogar Zeit, in der nächsten Linkskurve einen Blick nach rechts zu werfen. Wer sich diese Zeit nicht nimmt, verpasst einen genaueren Blick auf das Wahrzeichen von Bräunlingen. Das Mühlentor ist das letzte der ursprünglich vier Tore in der Stadtmauer. Auch dieses war nur noch teilweise erhalten, als es im Geburtsjahr meines Großvaters abgebrochen und neu aufgebaut wurde und heute noch einen markanten Akzent im Stadtbild setzt.  
Nach dem kurzen Stück auf der Zähringerstraße – ja, Bräunlingen ist eine der vom schwäbischen Fürstengeschlecht gegründete Stadt – sind wir bereits auf der Bruggenstraße. Omen est nomen. Dorthin führt sie uns, rechts die Landesstrasse und gleich dahinter die Breg, ein Donauzufluss.

 

 

Die ersten drei Kilometer erlauben ein gutes Hochfahren des Marathonmotors auf flachem Grund, bevor es in Bruggen dann westwärts und in den Beginn der sanften Steigungen geht. Hier treffe ich auf eine liebe Laufkollegin, die ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe und laufe eine Weile mit ihr. 

Nach sechs Kilometer kommt der erste Verpflegungsposten. Davon gibt es genügend auf der ganzen Strecke. Im Schnitt kann alle fünf Kilometer Wasser, Iso und Cola getankt werden, dazu gibt es Bananen. Ein guter Grund ohne Ballast zu laufen – obwohl ich geplant hatte, eine Flasche braunen Zaubertrank mitzutragen, diese aber vergaß einzupacken. 

Nach einem Sechstel der Strecke wird Bekanntschaft geschlossen mit dem Begleiter für die nächsten 27 Kilometer. Dem Wald, der mit seinen Nadelbäumen aus gutem Grund dieser Gegend den Namen gegeben hat. 

 

 

Das Marathonfeld ist schon ordentlich in die Länge gezogen, aber für Ruhe im Wald ist es noch zu früh. Von hinten kommen nun immer wieder Zurufe, damit wir langsameren Marathonis der schnellen Halbmarathonspitze nicht im Weg sind.

Die Kilometerschilder und der Wechsel auf Asphalt signalisieren mir, dass diese kleine Anspannung bald aus meinem Lauf genommen wird. Während das Halbmarathonfeld auf der Straße bleibt und auf ihre zweite Streckenhälfte und hinunter nach Unterbränd geführt wird, biegen wir rechts auf einen Forstweg ab und statt abwärts geht es weiter aufwärts. 
Ich laufe nun etwas schneller und schließe immer wieder zu anderen Läuferinnen und Läufern auf. Mit manchen von ihnen wechsle ich ein paar Worte und kann einige der jungen Generation zu ihrem ersten Marathon beglückwünschen. Dass sie das an diesem traditionellen Lauf tun können, ist auch das Verdienst eines ehemaligen schnellen Marathonläufers, der als Verantwortlicher vor vielen Jahren den damals auf der Kippe stehenden Schwarzwald Marathon gewissermaßen saniert hat. Das Gedenken an Klaus Banka, der in diesem Jahr verstorben ist, ist für mich ein weiterer Grund für meine heutige Anwesenheit.

Mein letztes Gespräch endet beim nächsten Verpflegungsposten. Nach einer gesicherten Straßenquerung beim Kilometerschild 18 geht es für einen Augenblick ein Stück runter, was mich in Schwung bringt für den weiteren Anstieg.

 

 

Ein paar Kilometer weiter, die Halbmarathonmarke liegt schon hinter mir, ruft uns jemand zu: «Ihr habt den höchsten Punkt» erreicht.» «Ja, aber», denke ich, denn es folgen noch einige Gegensteigungen, die vom mentalen Aspekt her nicht zu unterschätzen sind. Das Wissen, dass noch ein paar der insgesamt rund 500 Höhenmeter auf mich warten, lässt mich den weiteren Verlauf entspannt angehen und macht meinen Kopf frei für Gedanken fernab des Laufens. Und am anderen Ende des Körpers läuft es wie von selbst.

Ich widme ich mich dem Waldbaden und durchlebe dabei Emotionen. Dass Petrus vorhin meinte, zum Waldbaden gehörten auch ein paar Regentropfen, stört mich nicht. Ich bin ganz für mich und mit meinen Gedanken. Das gleichmäßige Vorangehen durch den Wald ruft auch eine Art Heimweh hervor. Nach Schweden und allem, was ich damit verbinde. Viel davon ist Familie. Familie mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Kreis des Lebens. 

Während ich so Kilometer für Kilometer zurücklege und die Natur mit Jungwuchs und Totholz betrachte, den Herbst mit den deutlichen Zeichen des Loslassens, des Vergehens mit gleichzeitiger Vorbereitung auf neues Sprießen wahrnehme, bin ich in Gedanken bei den wertvollen Momenten und den Gesprächen, die ich in den letzten Jahren mit meiner Mutter erleben und mit ihr führen durfte. Der Verstand kann es fassen, aber die Gefühle noch nicht, dass ich sie genau vor vier Wochen gehen lassen musste.

 

 

Abgekapselt von allen Mitbewerbern laufe ich weiter, bis mich der Wechsel in die offene Landschaft hinaus aus meinem Kokon holt.  Unterbränd ist in Sicht- und bald auch in Hörweite. Vor der St. Anna-Kapelle spielt die Musik und gleich danach gibt es Verpflegung, dann geht es wieder in den Wald und auf das letzte Streckensechstel. 
Rechts unten glitzert die Sonne im Kirnbergsee, einem beliebten Freizeit- und für Camper auch Urlaubsziel. Vor etwas mehr als hundert Jahren als Brändbachtalsperre für die Gewinnung der «weißen Kohle» erbaut, später noch etwas erhöht, dient sie zwar immer noch zur Elektrizitätserzeugung, hat aber zusätzlich eine wichtige Funktion für den Hochwasserschutz.

Ein bisschen mehr Energie könnte nicht nur ich gebrauchen. Auch eine Läuferin meiner Altersgruppe, zu der ich auflaufe, meint: «Die Kilometer hintenraus fühlen sich irgendwie länger an.» 

 

 

Wie wir aus dem Wald kommen, ist vor uns Bräunlingen zu sehen. Wenn ich die Distanz schätzen müsste, würde ich vermutlich nicht richtig liegen. Doch das letzte Kilometerschild macht es einfach: es sind noch vier Kilometer. Es geht hinunter zur Kreisstraße und kurz bevor wir diese wieder verlassen, sehe ich noch ein Gebäude, das vermutlich das von der Brändbachtalsperre gespiesene alte Kraftwerkgebäude ist. 
Gespiesen werden dann gleich auch alle, die mit einer Startnummer vorbeikommen, und für den Fall der Fälle ist sogar eine Dusche aufgebaut. Mittlerweile ist es zwar schön sonnig, doch der Wind lässt kein Hitzegefühl aufkommen. Eine Böe verhilft den beiden Streckenposten sogar zu einer unfreiwilligen Dusche. 

Noch sind es zwei Kilometer auf einem asphaltierten Sträßchen bis zur Ortstafel von Bräunlingen, wo das Kilometerschild 41 steht und dann, den Kirchturm im Blick, kommt bald schon der Zuruf: «Komm, nur noch zweihundert Meter!» 

Nach der Medaillenübergabe geht es zu dem in diesem Jahr neuen, abgetrennten und geräumigen Zielverpflegungsbereich. Das Alkoholfreie ist leider schon alle, vermutlich von denen weggeputzt, die nur halb so weit gelaufen sind...  Sonstige Getränke, Bananen und Äpfel gibt es aber genug. 

Gegenüber Bemessungsfehlern bei anderen Veranstaltungen messe ich diesem kleinen Haar in der Suppe kein großes Gewicht bei. Für mich jedenfalls ist es kein Grund, dem Schwarzwald Marathon in Zukunft nicht wieder die Aufwartung zu machen.
Dass sich die Reise nach Bräunlingen in jeder Hinsicht gelohnt habe, bestätigen mir auch drei erfahrene Läufer, die aus Irland angereist sind. Sie sind der Meinung, dass es mehr gute Gründe für einen Start beim Schwarzwald Marathon gebe als für einen Start am Dublin Marathon. 

Für den Fall, dass jemand noch Gründe sucht, ist diese Einschätzung hoffentlich ein guter Grund, sich ohne weiteres Zögern für einen Start hier im kommenden Jahr zu entscheiden.

 

Informationen: Schwarzwald-Marathon
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