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Laufberichte

Beim Alten Fritz

03.06.07
Autor: Klaus Duwe

Marathon durch deutsch-preußische Geschichte

 

Friedrich der Große, „Oller“ oder Alter Fritz, Fridericus Rex – der Preußenkönig Friedrich II. hat viele Namen. Er war Feldherr und Komponist, ideenreicher Bauherr und rebellischer Schriftsteller, Schöngeist und kompromissloses Staatsoberhaupt zugleich. Er war der erste aufgeklärte Herrscher auf einem europäischen Thron. Die Abschaffung der Folter war seine erste Amtshandlung als König. Seine Devise war: jeder solle nach seiner Fasson selig werden. Seine Popularität ist bis heute ungebrochen, wofür auch das von Andy Warhol „getunte“ berühmte Anton-Graff-Gemälde spricht. 


1744 beschloss Friedrich der Große (1712 - 1786), auf dem "Wüsten Berg" bei Potsdam einen Weinberg anzulegen. Es gefiel ihm hier so gut, dass er eigenhändig Pläne für ein Lusthaus entwarf, die sein „Leibarchitekt“ Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff aufgriff und umsetzte. Nach nur zwei Jahren Bauzeit wurde am 1. Mai 1747 das Schloss eingeweiht, das an der Südfront den Namen „Sans Souci“ trägt. Damit wurde der Grundstein gelegt für eine einmalige Kultur- und Parklandschaft, die 1990 von der UNESCO in die Liste des Weltkultur- und Naturerbes der Menschheit aufgenommen wurde. 


Hört sich an nach Traumkulisse, oder? Zwar wurde der Start aus logistischen Gründen vom Krongut Bornstedt, dem ehemaligen Sitz der Kronprinzessin Victoria, zum Luftschiffhafen verlegt, doch auch dort befindet man sich auf historischen Boden. Der 1910 errichtete Luftschiffhafen sollte unter Leitung des Grafen Zeppelin zu einem europäischen Luftfahrtzentrum ausgebaut werden. Die weitere Entwicklung der Luftfahrt ging dann aber doch in eine ganz andere Richtung. 


Seit den 1920er Jahren gibt es hier die verschiedensten Sportanlagen, die zu DDR-Zeiten von der NVA genutzt wurden. Heute ist dort der Olympiastützpunkt Potsdam zu Hause und bietet Leistungssportlern hervorragende Trainingsmöglichkeiten. Im Hauptstadion gibt es am Samstag eine viel bestaunte Vorführung des Potsdamer Fanfarenzuges, der sich hier auf seine nationalen und internationalen Wettkämpfe vorbereitet. In der Leichtathletikhalle sind die kleine Messe, die Registrierung, die Umkleiden, das Kleiderdepot und die Duschen untergebracht.  


Gleich nach der Wende entstand auch das Kongresshotel Potsdam mit seinen drei riesigen, an Luftschiffe erinnernden Gebäuden aus Stahl und Glas. Wo sonst die Bundesregierung und führende Wirtschaftsunternehmen aus ganz Deutschland Seminare und Tagungen abhalten, lassen sich dieses Wochenende Läuferinnen und Läufer von den Annehmlichkeiten des 3-Sterne-Hotels verwöhnen. Unmittelbar am Haus kann man ein Trainingsläufchen am Templiner See starten und am Lauftag sind es nur 400 Meter zum Start- und Zielgelände.


Der große Frühstücksraum mit den Zeppelin-Leuchten gehört am Sonntagmorgen um 6.30 Uhr ganz den hier zahlreich untergebrachten Marathonis. Während bei den Läufern Müsli, Honigbrötchen und frisches Obst hoch im Kurs stehen, greifen die Begleiterinnen und Begleiter ungeniert bei Würstchen, Schinken und Käse zu. Das Auto lässt man am besten in der Hotelgarage und entgeht so dem Gedränge auf den Parkplätzen rund um die Sportanlagen.

2.700 Läuferinnen und Läufer, so viel wie nie zuvor, nehmen dieses Jahr am Marathon und Halbmarathon teil. Da kann es schon mal zu Engpässen kommen. Den Letzten in der langen Schlange zur Kleiderabgabe steht jedenfalls der Angstschweiß auf der Stirn. Nie und nimmer werden sie es rechtzeitig zum Start schaffen. Da kommt über Lautsprecher die erlösende Durchsage: „Der Start wird um 15 Minuten verschoben. Neue Startzeit 9.15 Uhr.“


Der neue Termin wird dann auch preußisch pünktlich eingehalten. Es dauert aber ein paar Minuten, bis der Letzte das Stadion verlässt und dann schnurgerade auf der einseitig gesperrten Zeppelinstraße Richtung Innenstadt läuft. Auf den ersten Kilometer gibt es nicht viel zu sehen, genau richtig zum Einlaufen. Außerdem muss man bei dem noch dichten Läuferfeld aufpassen, dass man niemanden in die Hacken tritt.

Bei Kilometer 3,5 gibt es dann aber am Luisenplatz von vielen Zuschauern kräftig was für die Ohren und mit dem (Kleinen) Brandenburger Tor auch was für’s Auge. Friedrich II. ließ es 1770 nach dem Vorbild des Konstantinbogens in Rom erbauen. Rom hatte es dem König ohnehin angetan. Gegenüber seinem Schloss Sans Souci ließ er auf einem Hügel sogar eine römische Ruinenlandschaft errichten. 


Zwischen dem Tor und der Kirche St. Peter und Paul verläuft die Brandenburger Straße. Mit den zwei- und dreistöckigen Geschäftshäusern und vielen Cafés hebt sie sich angenehm ab von dem meist uniformen Bild viele Innenstädte und den immer gleichen Angeboten der immer gleichen Filialisten.

Ostwärts geht es weiter. Die Humboldtbrücke, die uns über die Havel bringt, muss für den Verkehr frei gehalten werden, sodass den Läufern nur der Rad- und Fußweg bleibt. Mit etwas Rücksicht geht es das ganz gut und gleich sind wir auf dem Naturweg am Tiefen See der Havel (km 5) und im Park Babelsberg. Sofort fällt der Flatowturm auf und mancher Marathoni ist sich sicher, diesen Turm schon einmal gesehen zu haben. Kein Wunder, er ist eine fast perfekte Kopie des Eschenheimer Turms in Frankfurt, dort einer der Highlights auf der Marathonstrecke.


Durch die herrliche Parklandschaft geht es immer am Wasser entlang. Rechts sehen wir das Kleine Schloss, das einst Kaiser Friedrich III. bewohnte und heute gastronomisch genutzt wird. Plötzlich stellt sich uns ein eigenartiges Backstein-Gebäude mit einem hohen, schlanken Turm in den Weg. Was auf den ersten Blick wie eine Burg ausschaut, ist das 1843 bis 1845 errichtete Dampfmaschinenhaus (km 7) zur Bewässerung des Parks. Die sagenhaften 65 PS Leistung reichten sogar noch aus, in der Havel eine 40 Meter hohe Fontaine zu erzeugen.

Links laufen wir auf einer kleinen Brücke über den Teltowkanal (km 8) und erreichen eine kleine Wohnsiedlung. Ob der gepflasterte Weg noch aus der Zeit des Alten Fritz stammt, ist nicht sicher, anfühlen tut er sich so. Sicher ist, dass es an der Stelle der Glienicker Brücke (km 9), die Berlin und Potsdam verbindet, bereits im 17. Jahrhundert einen Holzsteg gab, über den später die Adligen von den Potsdamer Schlössern in die Jagdgründe auf der anderen Havelseite wechselten. Der Übergang bekam immer größere Bedeutung und 1831 wurde schließlich mit dem Bau der Steinbrücke nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel begonnen.


So richtig berühmt wurde die Glienicker Brücke, als sie als solche gar keine Funktion mehr hatte. Zu Zeiten der Deutschen Teilung war sie nämlich gesperrt, denn genau in der Mitte verlief die weiße Trennungslinie zwischen DDR und West-Berlin. Weil der Westen und Osten bestritt, im jeweils anderen Lager Agenten einzusetzen, konnte man offiziell auch keinen Austausch vornehmen. Deshalb wählte man für solche Aktionen verschwiegene und gut abzuschirmende Orte. Einer davon war die Glienicker Brücke. Hier wurden unter anderem Gary Powers, der U2-Pilot, der über der Sowjetunion abgeschossen wurde und der sowjetische Regimekritiker Anatoli Schtscharanski (später als Natan Sharansky israelischer Handelsminister) ausgetauscht.

Wir bleiben am Wasser und bewundern die sehr schön restaurierten Villen und großen Gärten. Nur ab und zu sieht man noch eine Ruine, allerdings ohne Hinweis, dass sie zu kaufen ist. Im Neuen Garten am Jungfernsee liegt das Schloss Cecilienhof (km 11), das 1914 bis 1917 Kaiser Wilhelm II. für seinen Sohn Wilhelm und dessen Frau Cecilie im Stile eines englischen Landhauses bauen ließ. Vom 17. Juli bis 2. August 1945 tagten hier Stalin, Truman und Churchill und beschlossen im Potsdamer Abkommen die Deutsche Teilung. Während der Konferenz gab Truman den Befehl zum Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. 


Nach der Konferenz wurde das Schloss Schulungsheim und Luxusherberge, in dem die DDR-Bonzen Devisen für ihren teuren Machtapparat scheffelten. Das Hotel gibt es noch heute, zusätzlich wird das Schloss gelegentlich von der Landesregierung für Empfänge genutzt.

Kaum liegt Schloss Cecilienhof hinter uns, wartet schon die nächste Einmaligkeit, denn wir kommen zur russischen Kolonie Alexandrowka (km 13). 1812 kamen 62 russische Gefangene nach Potsdam. Auf Wunsch des Königs (Friedrich Wilhelm III.) wurden unter ihnen talentierte Sänger ausgewählt, die künftig zur Unterhaltung des Garderegiments singen sollten. In der Folge unterstützte der Zar das Projekt und entsandte weitere Sänger. Um sie bei Stimme und Laune zu halten, wurden für sie 1826 eine Kirche und 13 Holzhäuser im russischen Stil errichtet, jedes mit einem schönen und großen Garten. Noch heute wohnen darin zwei Familien als direkte Nachkommen der Sänger. 

Es bleibt nur wenig Zeit zum Durchatmen, dann nimmt die Touri-Dichte deutlich zu. Wir sind im Park Sans Souci mit dem gleichnamigen Schloss (km 15), das leider nicht direkt in die Strecke integriert werden kann. „Was würde der Alte Fritz zu dem ganzen Rummel sagen?“ frage ich belanglos einen Läufer, ohne eine Antwort zu erwarten. „Der würde die alle zum Teufel jagen,“ sagt der aber so spontan und bestimmt, als hätte er den Monarchen selber gekannt. Stimmt, der Alte Fritz konnte gegenüber Gästen ziemlich unfreundlich werden. Seine Ruhe, besonders hier auf seinem Schloss, ging ihm über alles. War deshalb nie seine Frau auf dem Schloss? Oder war der doch schwul und lebte deshalb von ihr getrennt?


Angesichts der Alten Mühle fällt mir eine ganz andere Geschichte ein. Wie gesagt, der König wollte hier seine Ruhe und ohne Sorgen (Sans Souci) die Tage verbringen. Dabei störte ihn aber das Geklappere der Mühle. Er wollte sie dem Müller abkaufen und stilllegen. Der Müller lehnte das Ansinnen des Königs aber ab, worauf der König einen letzten vermeintlichen Trumpf aus dem Ärmel zog: "Weiß Er denn nicht, daß ich Ihm kraft meiner königlichen Macht die Mühle wegnehmen kann, ohne auch nur einen Groschen dafür zu bezahlen?" Der Müller war schlau und durchschaute den Bluff. Unerschrocken antwortete er: "Gewiß, Euer Majestät, das könnten Euer Majestät wohl tun, wenn es - mit Verlaub gesagt - nicht das Kammergericht in Berlin gäbe." Seit 1735 war das Kammergericht unabhängig vom Königshof und damit eine solche Enteignung praktisch nicht möglich.

Wir rennen die Maulbeerallee hinunter. Auf dem Gefällstück könnte man gut Tempo machen, wenn es nicht so viel zu sehen gäbe: herrlich blühende Sträucher, Skulpturen, Pavillons und kunstvoll geschmiedete Zäune, das Felsentor, die Orangerie (km 16) und der Sizilianische Garten. Kein Strauch und kein Baum steht hier zufällig. Alles ist nach Form und Farbe ausgewählt.  Es ist ein Geschenk, in diesem phantastischen Ambiente laufen zu dürfen.

Durch ein Tor kommen wir direkt in den Park und laufen auf einem Schotterweg unter uralten Eichen in Richtung des Neuen Palais. Das prachtvolle Schloss mit 200 Zimmern wurde nach nur 6jähriger Bauzeit 1769 fertig gestellt. Friedrich II. konnte jedoch keinen sehr großen Gefallen daran finden, es war ihm zu protzig. Er hatte zwar dort auch eine Wohnung, aber das Schloss diente hauptsächlich Gästen des Hofes als Unterkunft. Heute wird es teilweise von der Universität genutzt.


Ich bewundere die Geduld der Autofahrer. Auf dem letzten Streckenabschnitt kommt der Verkehr (wie schon mehrfach zuvor) auf der nur einseitig befahrbaren Straße total zum Erliegen. Ich habe nicht eine einzige Hupe gehört. Stattdessen winken die Insassen, oder feuern uns an. Ansonsten interessieren sich aber die Passanten recht wenig für die Läufer. Nur die meist jungen Helferinnen und Helfer oder Freunde und Bekannte der Läufer sind unermüdlich am Lärmen.

Im Stadion Luftschiffhafen heißt es dann „Halbmarathon rechts, Marathon links“. Mit Applaus werden die Marathonis auf die zweite Runde verabschiedet. Wieder so eine Strecke, wo ich sagen muss: „Die laufe ich gerne ein zweites Mal“.

Ich bin vorsichtig mit Superlativen – aber an eine Strecke mit so viel Sehenswürdigkeiten, Abwechslung und Kurzweil (und dabei fast ohne Zuschauer), kann ich mich kaum erinnern. Wundern muss ich mich nur noch darüber, dass an einem solchen Lauf „nur“ 2.700 Läuferinnen und Läufer teilnehmen. Und das vor den Toren der Marathonhauptstadt Berlin. Mir soll es recht sein, da habe ich nächstes Jahr meinen Startplatz sicher.

Wenn sich jemand mehr für schnelle Zeiten als für Schlösser interessiert: es gibt Strecken, die kann man schneller laufen. Auf der zweiten Runde nimmt man schon den einen oder anderen  Anstieg zur Kenntnis und die vielen Naturwege laden auch nicht zu Tempoläufen ein. Also genau das Richtige für die Genusslaufelite. 

Auch Kultur- und Kunstfreunden hat Potsdam viel zu bieten - der Marathon durch die deutsch-preußische Geschichte ist da nur ein kleiner Vorgeschmack.

Streckenbeschreibung

Schöner, abwechslungsreicher Halbmarathon-Rundkurs mit kleineren Steigungen; vorbei an vielen Sehenswürdigkeiten; für Marathon zweimal zu durchlaufen; asphaltierte Strassen bzw. befestigte Wege (z.T. mit Schotteruntergrund).

Rahmenprogramm

Marathonmesse Samstag/Sonntag (FIT – Sport-, Wellness- und Gesundheitsmesse) mit Startnummernausgabe und Vortragsreihe am Luftschiffhafen. Bon für Pasta-Party (Samstag 12-22 Uhr und Sonntag 11–15 Uhr)

Auszeichnung

Medaille, Finisher-T-Shirt, Urkunde (Ausdruck direkt im Zielbereich)

Logistik

Startnummernausgabe Samstag 12-22 Uhr, Sonntag 06.30-08.30 Uhr im Bereich Start/Ziel am Sportgelände Luftschiffhafen. Dort gibt es nur begrenzt Parkplätze. Weitere Parkplätze befinden sich am Bahnhof Pirschheide (fußläufig zum Luftschiffhafen) oder am Hauptbahnhof Potsdam. Von dort fahren für Teilnehmer kostenfrei Straßenbahn und Shuttlebusse (ab 6.30 Uhr) zum Luftschiffhafen.

Am Sportgelände Luftschiffhafen sind auch das Kleiderdepot (Leichtathletikhalle) und Garderoben/Duschen (Schwimmhalle).

Verpflegung

Tee und Wasser, Buffer, Cola, Bananen und Äpfel

Zuschauer

Wenig Zuschauer, nur bei der ersten Runde im Zentrum und im Stadion ist gute Stimmung.

 

Informationen: Potsdamer Schlösser-Marathon
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