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Laufberichte

Ich bin begeistert

 

Das Jahr neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu und ich habe noch ein paar Urlaubstage über. Da sollte sich doch noch ein lohnenswerter Marathon finden. Die Anreise darf natürlich nicht allzu lange dauern und nach Möglichkeit will ich auch noch etwas Sonne genießen. Pisa scheint mir da gerade richtig. Eine Woche vor den Weihnachtsfeiertagen findet der 19. Pisa Marathon statt und es hat in der Toscana üblicherweise auch noch Temperaturen im zweistelligen Bereich. Bei Silke und Fossy, die mich begleiten wollen, brauche ich keine Überzeugungsarbeit zu leisten. Also wird mein letzter Marathon des Jahres der Pisa Marathon sein.

Bei Air Dolomiti finde ich einen kostengünstigen Direktflug von München nach Pisa, der nur wenig länger als eine Stunde dauern sollte. Somit stand eine Anreise mit dem Auto zu keiner Zeit zur Diskussion. Freie Hotelzimmer sind um diese Jahreszeit genauso leicht zu bekommen, wie freie Plätze im Flugzeug. Somit ist auch eine kurzfristige Planung des Pisa Marathons kein Problem. Lediglich an das erforderliche ärztliche Attest für die Anmeldung zum Marathon sollte man rechtzeitig denken. Da die Homepage des Pisa Marathons sowohl in Italienisch, also auch in Englisch gestaltet ist, läuft auch die Anmeldung reibungslos.

Aber dann:  Kurz vor dem Einchecken erhalten wir die Information, dass unser Flug annulliert wurde. Das hatten wir wegen des draußen tobenden Wintergewitters  irgendwie schon befürchtet, aber die Flüge nach Florenz gingen pünktlich. So buchten wir einfach um und flogen mit rund drei Stunden Verspätung nach Florenz. Eine weitere Stunde kostet uns der Bustransfer von Florenz nach Pisa. Fünf Stunden später als angenommen nehmen wir dann unsere Zimmerschlüssel im Hotel im Empfang. Wir sind also doch noch in Pisa angekommen.

Wir sind im vierten Stock des Grand Hotel Duomo untergebracht. Obwohl es inzwischen dunkel ist, führt mein erster Weg auf den Balkon, um die Aussicht zu prüfen. Im ersten Moment denke ich, vor einer Fototapete zu stehen. Die Piazza dei Miracoli, zu Deutsch „Wunderwiese“, liegt keine 300 Meter Luftlinie entfernt. Der Name ist, wie ich finde, auch nicht zu hoch gegriffen. Rechts ragt der Torre pendente, besser bekannt als der Schiefe Turm von Pisa rund 55 Meter in die Höhe.

Bereits zum Beginn seiner Bauzeit um 1173 neigte sich der Turm, da der Untergrund aus Schwemmland des Arnos bestand und dieser sofort nachgab. Deshalb wurde der Bau auch nach der Fertigstellung des dritten Stockwerks eingestellt. Es sollte nahezu einhundert Jahre dauern, bis man wieder Mut fasste und den Bau fortsetzte. Die weiteren Stockwerke wurden leicht versetzt gebaut, womit man hoffte, dass der Schwerpunkt wieder an die richtige Stelle rückte. Doch der Boden gab weiter nach und der Turm blieb schief.

Nach weiteren 80 Jahren setzte man noch einen Glockenturm drauf und der Torre pendent war fertig. Er senkte sich jedoch immer weiter und man versuchte in den kommenden Jahrzehnten immer wieder, den Turm am Kippen zu hindern. 1991 wurde der Turm schließlich für Besucher gesperrt. Er wurde mit Stahlkabeln gesichert und man trug Erdreich unter dem Turm ab, um ihn wieder halbwegs gerade zu stellen. So konnte man die Neigung, die zu „Bestzeiten“ rund fünf Meter betrug um fast 54 Zentimeter verringern.

Heute ist der Turm wieder für Besucher geöffnet, jedoch dürfen ihn maximal 40 Personen gleichzeitig besteigen. Der Eintritt beträgt für Interessierte 18,-- Euro. Mir genügt die Aussicht vom Balkon unseres Hotels und so kann ich mir das Anstellen in der Schlange von Touristen an den kommenden Tagen sparen.

 

 
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Obwohl der Torre pendent alleine wohl schon Touristenmagnet genug wäre, steht gleich links daneben noch ein weiteres beeindruckendes Bauwerk. Der Domo Santa Maria Assunta galt lange Zeit als der monumentalste Bau der christlichen Welt. Er war nahezu allen Kathedralen in der Toscana ein Vorbild. Die Fassade wurde in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts gebaut und beeindruckte neben ihren gewaltigen Ausmaßen vor allem mit den vier Loggien-Geschossen. Links neben dem Dom kann ich auch das Baptisterium erkennen, es handelt sich um die größte Taufkapelle der Welt.

Auch wenn wir nach der unerwartet langen Anreise inzwischen ordentlich Hunger haben, führt uns der erste Weg dennoch auf die Piazza dei Miracoli. Aus der Nähe sind die drei Gebäude nicht weniger beeindruckend. Je nach Blickwinkel scheint sich der Turm immer mehr zu neigen und die wahre Höhe erkennt man erst, wenn man direkt davorsteht. Nachdem wir uns schließlich doch loseisen können, erkunden wir auf der Suche nach einer ansprechenden Osteria gleich noch die Altstadt. Wir schlendern am Arno entlang, finden schöne enge Gassen und schließlich auch einen leckeren „Italiener“, wo wir den Abend ausklingen lassen.

Am nächsten Tag steht die Abholung unserer Startunterlagen auf dem Programm. Schon am Freitagnachmittag öffnet die Expo. Wir wollen diese möglichst früh besuchen, um anschließend noch mit dem Zug nach Lucca, einem weiteren netten Städtchen in der Toscana, fahren zu können. Zwanzig Minuten Fußmarsch sind es von unserem Hotel zum Sportgelände der Universität. Alles geht schnell und reibungslos und für unseren Abstecher nach Lucca ist noch jede Menge Zeit. Am nächsten Tag schaffen wir sogar noch einen Kurztrip nach Florenz. Florenz ist übrigens mit der Bahn in knapp einer Stunde zu erreichen. Nach Lucca sitzen wir sogar nur eine halbe Stunde im Zug.

Am Sonntag haben wir nur einen einzigen Programmpunkt, den Pisa Marathon. Vor der „Wunderwiese“ herrschte schon reges Treiben. Auffällig ist das große Aufgebot von Militär und Polizei. Mir ist deren Präsenz an den wichtigsten Punkten der Stadt schon an den Vortagen aufgefallen, heute schieben noch ein paar Soldati und Carabinieri Extradienst. Zudem wird die Zufahrt zum Start- und Zielbereich durch große Betonpoller versperrt.

Aus allen Richtungen strömen jetzt Läufer heran, viele von ihnen mit Nikolausmützen, manche sogar im kompletten Weihnachtsmann-Kostüm inclusive Rauschebart. In der Sonne lässt es sich schon ganz gut aushalten. Perfektes Laufwetter ist zu erwarten, rund 10 Grad werden erreicht.

 

 
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Etwa 3500 Läufer versammeln sich im Startbereich auf der Piazza Manin. Zu den rund 1300 Marathonis gesellten sich etwa genauso viele Halbmartathonis. Der Rest hat sich für den Christmas Family Run entschieden, der über drei, sieben oder vierzehn Kilometer geht. Wir werden alle gemeinsam auf die Reise geschickt und das ohne in Startblöcke aufgeteilt zu sein. Das verspricht nach dem Start ein herrliches Durcheinander.

Als ich die Startlinie überquere finde ich mich auf der breiten Via Bonanno Pisano wieder. Alles ist halb so schlimm, es ist wirklich genügend Platz, um sein Tempo zu finden. Gemütlichere Läufer kann ich so problemlos überholen, die schnelleren haben auch keine Mühe, an mir vorbeizukommen.

Kurze Zeit laufen wir an der alten Stadtmauer entlang, um vor einer Brücke über den Arno  auf die Piazza di Terzanaia abzubiegen. Rechts von uns befindet sich die Cittadella Vecchia. Nun geht es eine ganze Weile am Arno entlang. Die noch tiefstehende Sonne blendet etwas, dennoch genieße ich diesen Streckenteil mit den wunderschönen Gebäuden. Vor mir erkenne ich Rolf Keßler, der wie immer in seinem Clownkostüm unterwegs ist. Ich versuche auf ihn aufzuschließen, was mir jedoch nicht gelingt. Wir befinden uns nun auf Höhe der Ponte di Mezzo, einer Brücke, die über den Arno und direkt in die Fußgängerzone von Pisa führt. Gegenüber geht es in die Borgo Stretto, die mir mit ihren Laubgängen und diversen kleinen Cafés wesentlich besser gefällt. Auf der genüberliegenden Flussseite kann ich zahlreiche Läufer sehen, die bereits an der Ponte di Fortezza gewendet haben.

 

 
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Nur noch wenige hundert Meter habe ich vor mir, bis ich ebenfalls den Arno überqueren und in westliche Richtung zurücklaufen darf. Die Santa Maria della Spina ist eine der nächsten Sehenswürdigkeiten, die mir am rechten Straßenrand ins Auge sticht. Die kleine Kirche fällt durch ihre zahlreichen Spitztürme auf und wurde im Jahre 1230 erbaut. Sie ist auch als Dornenkirche bekannt, da lange Zeit ein Dorn der Dornenkrone in ihr aufbewahrt wurde.

Dann ist erst mal Schluss mit dem Sightseeing. Wir laufen eine Zeitlang durch San Antonio, einem weniger schönen Stadtteil von Pisa, den wir durch die Porta Mare in der alten Stadtmauer wieder verlassen. Durch ein Wohnviertel laufen wir an den Ortsrand von Pisa und erreichen nach dem Überqueren einer Autobahn die zweite Verpflegungsstelle bei Kilometer 10. Für die nächsten gut 30 Kilometer gleicht die Strecke eher einem Landschafts-, denn einem Stadtmarathon, was mir natürlich entgegenkommt.

Wir sind nun in San Piero a Grado, wo es am rechten Straßenrand auch die gleichnamige Basilika zu bewundern gilt. Für Pilger des Mittelalters war die Basilika eine bedeutende Station auf ihrem Weg nach Rom, da Petrus hier zum ersten Mal einen Fuß auf italienischen Boden gesetzt haben soll. Weiter geht`s zwischen teils noch grünen Wiesen und Feldern hindurch in Richtung Küste. Bei Kilometer 13 verabschieden wir uns von den Halbmarathonis, die sich nun auf den Rückweg machen. Es wird etwas ruhiger auf der Strecke. Eigentlich sieht man nur noch kleine Grüppchen laufen.

 

 
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Die nächste Verpflegungsstelle wartet bei Kilometer 15 auf uns. Dort ist richtig Stimmung, denn offensichtlich kennen sich Läufer und Helfer. Da ich mehrmals das Wort „Birra“ und Gelächter vernehmen kann, gehe ich mal davon aus, dass ein Helfer versucht, einen Freund zum Frühschoppen zu überreden. Als er mich in meiner „Funktionstracht“ sieht und als Bayer enttarnt, bin ich herzlich eingeladen. Grazie und weiter geht‘s. Vor mir liegt ein herrlicher Pinienwald, dessen Schatten ich heute zwar nicht brauche, ein Genuss ist es zwischen den Bäumen aber trotzdem. Wir nähern uns dem Marina di Pisa. Rechts von uns befinden sich die Eingänge zu den unterschiedlichen Badestränden. Meine Welt wäre das im Sommer sicher nicht, aber heute brauche ich mir eh keine Gedanken über einen Strandbesuch zu machen. Erstens habe ich noch etliche Kilometer vor mir und zweitens ist es eh zu kalt, obwohl die Temperaturen mittlerweile fast zweistellig sind.

Auf den kommenden rund drei Kilometern begegnen uns die schnelleren Läufer. Schon nach wenigen Metern kommt mir der 3:15 Stunden-Pacer entgegen und ich beginne das Feld nach bekannten Gesichtern abzusuchen. Rolf Keßler ist leicht auszumachen und als ich ihm laut ein „Grias Di!“ zurufe, ist er fast erschrocken und ziemlich überrascht, mich zu sehen. Immer wieder kommt es nun zu spaßigen Begegnungen, weil ich in meinem bayerischen Lauf-Outfit in der Toskana halt mehr auffalle, als daheim. Ein Schweizer ordnet mich geographisch allerdings falsch ein („Ah, ein Tiroler“). Brasilianer, Chinesen und ein barfußlaufender Japaner im Kimono klatschen mit mir ab und ich habe richtig Spaß. Sonst hätte dieser Streckenabschnitt auch durchaus etwas zäh werden können, denn es geht drei Kilometer stur geradeaus. Wenden, und das gleiche Stück zurück.

 

 
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Am Ende der Begegnungsstrecke geht es weitere acht Kilometer geradeaus, diesmal allerdings mit tollem Blick auf das Meer. Das hat schon was. Zahlreiche Touristen und Einheimische nutzen den sonnigen Tag für einen Spaziergang am Meer. Beifall oder Zuspruch erhalten wir von ihnen nicht. Immerhin machen sie stets zur rechten Zeit den Weg frei. Im Marina di Pisa sind viele Yachten zum Überwintern festgemacht. Wieder haben wir Gegenverkehr, diesmal aber nicht durch Läufer. Die Gegenrichtung ist  inzwischen für den Autoverkehr freigegeben. Drei Lancia Delta Integrale 16V hintereinander  lassen mein Oldtimerherz höherschlagen.

 

 
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Es ist so kurzweilig, dass ich fast überrascht bin, als wir wieder Pisa erreichen.  Nur noch drei Kilometer sind zu laufen. Wir überqueren den Arno auf der Ponte di Cittadella und schon kenne ich mich wieder aus. Und als ich wenig später den Torre Pendente (Schiefer Turm von Pisa, wie Ihr inzwischen wisst)  sehe, verleiht mir das Flügel. Das reicht, um die drei Mädels, die mich mit ihrem 4:45-Stunden-Ballon überholt hatten, wieder einzuholen und ihnen noch ganze 3 Minuten abzunehmen. So viel Ehrgeiz muss sein.

Im Ziel gibt`s eine wirklich tolle Medaille, eine Wärmedecke und ein Erfrischungsgetränk. Und natürlich den tollen Blick auf das Dreierensemble von der Wunderwiese. Wow, was für ein Zieleinlauf. Ich bin vom Pisa Marathon begeistert. Den Abend lassen wir – wen wundert‘s – bei einem Italiener ausklingen.

 

Informationen: Pisa Marathon
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