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Laufberichte

Eigentlich wie im Tessin

 

Bilder von der Strecke: Carsten Koczor

 

Seit 1960 hat es in Marokko nicht mehr so heftig geschneit. Als das Flugzeug zur Landung ansetzt, sieht man die  grellweißen Gipfel des Hohen Atlas (4167m) und dann die Palmen, die mit der Schneelast kämpfen und die ockerfarbenen Häuser von Marrakesch. Das ist fast wie im Tessin.

Und wieder kann ich verletzungsbedingt nicht zum Start nicht antreten. Fotos von der Strecke macht heute Kollege Carsten.

Gerno und ich nehmen den Bus Nr. 19 in die Stadt. Der Busfahrer rollt erst mal seinen Gebetsteppich aus, kniet sich in den Gang. Das macht mich nervös.  Die zwei Hamburger gehen lieber zu Fuß die 5 Kilometer. Als ich eine Stunde später  vom hinteren Sitz den Place 16.Novembre erkennen, wo die Startnummernausgabe ist, bitte ich den Fahrer uns aussteigen zu lassen.  

Offiziell ist die Startnummernausgabe nur bis 19 Uhr. Aber in Marokko nennt man solche Zeiten, damit die Leute bis spätestens 20 Uhr da sind.  Am Marathontag ab 7 Uhr kann man noch die Startnummer im Hotel Kenzi Farah, 200 Meter vom Start entfernt abholen. Direkt am Starttor ist noch ein Nachmeldeschalter. Auch da kostet der Start wie zuvor 70 Euro.

Rachid sieht mich, will mich bei einem Trail in Dubai dabei haben. Hoffentlich bin ich bis dahin wieder fit.

 

Sonntag

 

Der Start ist offiziell in der Avenue Menara, Google maps nennt die Straße Avenue Prince Moulay Rachid. Man orientiert sich an der Menara Mall und geht Richtung Sofitel Hotel. Auf dem Weg dorthin begegnet mir Boukerym,  der beim Trans Atlas Marthon über 280 km einen der ersten Plätze erkämpft hat. Auch er kann verletzungsbedingt nicht antreten. Wir beide werden zum Trans Atlas 04.-14. Mai wieder fit sein.

 

 

Dixiklos gibt es rund um den streng abgesperrten Startkanal nicht, es gibt aber reichlich Büsche. Kleiderbeutelabgabe darf man auch nicht erwarten, Kleidung (3 Grad am Start, 15 in der Mittagszeit) wird einfach über die  Gitter geworfen, wo sie eingesammelt und gleich auf der Wiese zum Verkauf angeboten wird. Es gibt sogar gebrauchte Schuhe auf dieser afrikanischen „Marathonmesse“.

Verpflegungstechnisch erwarten den Läufer Wasser in kleinen Flaschen und Mandarinen alle 5 Kilometer. Man sollte also Gels oder Riegel mitnehmen, die es hier nicht zu kaufen gibt.

Marathonstart 8 Uhr, es treten 800 Läufer an. Ich habe mir meine Startnummer angeheftet, fühle mich aber unwohl. Nur die verrückten Hühner rund um Anja heitern auf. Sie sind nicht die einzigen Verrückten hier, sehr viele Läufer sind verkleidet , lassen sich von den Fotografen feiern und verpassen den Start, da sie sich zwischen den 7000 Halbmarathonis wiederfinden und sich nun nach vorne kämpfen müssen.  

Auffallend ist, dass viele Läufer zu spät ankommen und sich dann durch die vielen Zuschauer hinter den hohen Absperrungen quälen müssen, ehe sie zur Startlinie kommen. Für den Marathon gilt ein Zeitlimit von 5:30 Stunden, dann wird der Verkehr freigegeben und man muss sich über die unbequemen Bürgersteige bemühen. Die letzten Halbmarathon“läufer“ kommen nach 4:30 Stunden ins Ziel, das hätte ich auch irgendwie hinbekommen. Es wird Nettozeit gemessen, Chip klebt an der Startnummer.

 

 

Kurz nach dem Start wird in die Pracht- Avenue Mohamed VI abgebogen, bis hier hin kann ich noch humpeln und Fotos schießen.  Links ist der Krongresspalast, rechts die Staatsoper und das Theater. Ab dem wohl saubersten Bahnhof der Welt beginnt die große Runde. Marrakesch liegt 600-700 Meter hoch, man sollte also keine Spitzenzeit erwarten, auch wenn die Strecke absolut, wirklich absolut flach ist. Wer nur mit Wasser auskommt, der ist auf diesem Kurs im Vorteil. Zweimal teilt man sich den Kurs vorrübergehend mit den Halbmarathonläufern.

Die Marathonläufer biegen nun den Garten Menara ein.  Der besteht eigentlich nur aus einem riesigen, dichten Olivenhain und dem großen Wasserbecken in der Mitte.  Für die Marokkaner ist dieser Garten mit prickelnden Erinnerungen verbunden, denn hier kann man ungesehen auch mal Händchen halten. An Wochenenden legen die Einheimischen Decken über den Lehmboden und spannen Bettlaken als Sichtschutz zwischen die Olivenbäume, um Picknick zu machen. Die Läufer haben heute Exklusivrecht und nutzen die Deckung zur Entsorgung von Flüssigkeit an den weiß gekalkten Stämmen (km 5).

 

 

Über den grünen Olivenbäumen fasziniert der schneebedeckte Hohe Atlas. Noch besser wird die Aussicht von der südlichen Avenue Mohamed VI, man läuft dann direkt auf die Berge zu.  Die Straßen sind an diesem Sonntag komplett gesperrt, man läuft auf zwei Fahrbahnen und wird nicht von Abgasen belästigt. Bei km 10 quert der Läuferzug die Agdalgärten, im 12. Jahrhundert lernten die Soldaten hier im Wasserbecken Dar al Hana das Schwimmen, bevor sie zum Feldzug nach Spanien geschickt wurden. Nach dem Bab Jdid geht es wieder auf die großen Straßen, die mit ihren gepflegten Blumenbeeten nicht in unsere Vorstellung von Marokko passen. Solarbetriebene Handy-Aufladestationen  mit bequemen Sitzen stehen konträr zum deutschen Eindruck eines „unsicheren Herkunftlandes“.

Im Distrikt Sidi Ben Ali am gleichnamigen Fußballstadium ( km 15) ist der Wendepunkt, von hier geht es wieder nach Norden, vorbei an imposanten Einkaufszentren, die erst später öffnen. Die Blumenbeete entlang der Straße sind sehr gepflegt. Blühende Rosenbüsche senden Frühlingsduft.

Am Wadi Issy wird seit Jahren an der städtischen Kanalisation gebaut, man kommt gut voran. Einst war hier das Armenviertel, jetzt entstehen Blumenrabatten. Die Friedhöfe werden aufgelassen, ohnehin werden die Gräber nur mit zwei flachen Steinen an Kopf- und Fußende markiert. Wenn sich die breiten Flächen der Steine gegenüber stehen, dann sind darunter Männer begraben, stehen sich die schmalen Seiten  gegenüber, dann sind es  Frauengräber.

Die Halbmarathonläufer (km13) stoßen auf die Marathonläufer (km 20), das gibt wieder Schwung. Es geht entlang der Stadtmauer, vor der Fußball gespielt wird. 22 Tore hat die Stadtmauer; nicht Fußballtore, sondern Eingangstore . Für jeden Berberstamm ein Tor als Eintritt in die Medina.

Die Tore (Bab) tragen den jeweiligen Namen der Stämme. Hier stehen sehr viele Jugendliche und wollen die Läufer abklatschen. Ich vermeide so was aus hygienischen  Gründen, wobei die Geschichten von linker und rechter Hand in  heutiger Zeit nicht mehr überall aktuell sind. Die Straßen sind auch hier abgesperrt für den Verkehr, doch das hindert die wartenden Autos nicht daran, bei laufendem Motor ihren Unmut per Hupe kundzutun.

 

 

Für die Marathonläufer beginnt nun der schönste Streckenabschnitt, während die Halbläufer weiterhin der Stadtmauer folgen. Bei km 26 biegen die Marathonläufer in die Palmerai ab. Dies ist ein Gebiet mit angeblich 400.000 Dattelpalmen. Hier warten Quads und Dromedare auf Touristen. Habe Carsten extra angewiesen, Dromedare mit Läufern im Hintergrund zu fotografieren, aber das Läuferfeld ist recht dünn geworden, er verliert viel Zeit bei der Umsetzung meines Auftrages. Lange Zeit war die deutsche Läuferfraktion zusammengeblieben, jetzt läuft jeder sein eigenes Tempo.

Auf 8 Kilometern schlängelt sich der nahtlose, schmale Asphalt durch den Palmenhain, der von teuren Hotels und Golfclubs unterbrochen wird. Man muss diese traumhaften 8 Kilometer einfach genießen.

Danach beginnt der Kampf. Die N9, die über den Hohen Atlas in die schneebedeckte Sahara führt, ist ab dem Tizi Tichka Pass gesperrt, wegen des Schnees. Die autobahnähnliche Straße ist hier unten wegen der Läufer gesperrt. Dies ist die Mainzer Landstraße von Marrakesch, die Kampfbahn gegen den Mann mit dem Hammer mit starker Sonneneinstrahlung.

Bei Erreichen des Bahnhofes denkt sich jeder Läufer, dass das Ziel nicht mehr weit sei, doch es gibt noch einen Abstecher durch den Stadtteil Hivernage (Überwinterung, Gewächshaus), in dem ich nach meiner 15 Kilometerwanderung heute auf die Läufer treffe. Erschöpft aber glücklich kommen sie um die Ecke gebogen. Viele Bekannte sind darunter, so auch der alte Ismail aus Casablanca, der immer mit marrokanischer und indischer Flagge läuft;  jetzt nur noch den Halben. Warum die indische Flagge? Er hat nichts anderes, wünscht sich aber eine Flagge von Bayern München.

Der Zielkanal wird langsam für Zuschauer geöffnet. Tanja wartet mit mir auf Carsten an der Ziellinie. Zuerst kommt aber Gerno rein, der Prospekte vom Bilstein-Ultra verteilt. Dann die verrücken Hühner um Anja, dann Carsten, der trotz Fotoauftrag gut unter 5 Stunden bleibt.

Es gibt noch einen Finisherbeutel mit Mandarinen und Bananen, und natürlich die  Medaille. Das Finishershirt, das es am Vorabend gab, hat niemand während des Laufes getragen, hier hat man Respekt vor einem Marathon. Ich werde es vielleicht als Schlafshirt tragen und dann von Marrakesch 2019 träumen, von einigen Tagen Skifahren in Afrika mit Marathon im Anschluss.

1,5 Stunden braucht man mit dem Bus bis ins afrikanische Skigebiet  Oukaimeden, wo der UTAT im Oktober startet. 6 Euro kostet der Tagespass für das Skigebiet (3200 hm). 5 Euro der Verleih von Ski und Stiefeln. Wer kommt mit? Ist eigentlich wie im Tessin.

 

 

Joes Bilder von Start und Ziel


 

Informationen: Marrakech Marathon
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