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Laufberichte

Der Älteste und der Letzte

 

Ein kaum bekannter Marathon in einem in Läuferkreisen sehr bekannten Gebiet steht an. Vom Corssmarathon um den Messerpokal im Thüringer Wald ist die Rede. Austragungsort des 42km-Laufes mit über 1500 HM ist Steinbach, ein paar Kilometer von Bad Liebenstein oder Bad Salzungen entfernt, oder etwa auf halben Weg zwischen Meiningen und Eisenach.

Der Ort Steinbach, ein Bergdorf und seit 2012 zur Stadt Bad Liebenstein gehörend, liegt hart an den Anstiegen zum Thüringer Wald. Wir haben uns in Bad Liebenstein (fünf Kilometer entfernt) einquartiert und auf der Fahrt zum Startort sehe ich das Dilemma. Von Steinbach (1200 Einwohner) aus geht es  nur bergauf, der einzige „bequeme“ Zugang ist die Verkehrsstraße. Als ich im Ort ankomme, bin ich froh, ein kleines Auto zu haben. Die Straßen sind ziemlich eng.

Berühmt ist Steinbach durch die Gefangenname von Martin Luther (im Jahr 1521). Ganz zuhinterst im Schleifkotengrund am Steinbach ist an der Schanzenanlage des WSV Steinbach der Start- und Zielbereich. Der Verein hat zwar nur gut 100 Mitglieder, doch seine Aktivitäten in Sachen Nordische Kombination, Skispringen, Skilanglauf, Skiroller, Cross und Gesundheitssport sind vielfältig. Ich frage mich, wie ein so kleiner Verein einen Marathon mit einer großen Runde stemmen kann. Nun, ich werde es erfahren.

Dass man nicht nur Marathonis bedient, sondern auch gleich noch einen Halb- und Viertelmarathon und kürzere Strecken für den Nachwuchs aussteckt, ist klar. Bis zwei Wochen vor dem Event kann man sich für 19 EUR beim langen Kanten anmelden und erhält als Gegenleistung Medaille, Urkunde, sieben Versorgungsstellen und eine höchst interessante Streckenführung durch den Thüringer Wald mit einigen Sehenswürdigkeiten. Nordic Walker können beim Halb- und Viertelmarathon mitmachen. Man sollte vielleicht ein wenig trittsicher sein, denn auf den Läufer wartet laut Ausschreibung  ein Landschaftslauf mit höchstem Anspruch, Wald-, Wiesen- und Forstwege und teilweise recht rustikale Wurzel- und Schottertrails inklusive.

Die Parkplätze sind zwar ein wenig begrenzt, aber ein Einweiser hilft mir, so dass wir nur 50 Meter bis zum Startgelände gehen müssen. Dort sind die Helfer schon am Ausgeben der Startnummern und am Einweisen der Läufer. Es gibt zwar im Verhältnis zu 2017 schon deutlich mehr Marathonis, doch 25 Athleten sind doch ausbaubar. Man freut sich aber über jede Nachmeldung und gerade im Halbmarathonbewerb (der hat auch 760 Höhenmeter) kommt der eine und andere noch spontan nach Steinbach.

 

 

Ein, zwei Minuten vor 09.00 Uhr werden wir an die Startlinie gebeten, dann werden wir einzeln aufgerufen und auf einer Liste abgehakt. Es soll ja keiner verloren gehen. Obwohl: „Verlaufen hat sich bei uns auch noch keiner“, so ein Helfer. Weiß-schwarze Schilder und blaue Pfeile auf dem Boden, darauf sollen wir achten. „Alles andere müsst ihr negieren“, das wird uns aufgegeben. Die letzten Sekunden vergehen und dann lässt man uns ohne Pistolenschuss, so ein Gerät hat man vielleicht auch nicht, auf die Strecke. Wir laufen ein kurzes Karree aus (100 Meter), dann geht es schon einen 20 Meter langen Hang weglos hinauf auf einen Grasweg. Wir verlassen Steinbach nach nicht einmal einer Minute und sind sofort im Wald.

Nach einem kurzen flachen Wegstück geht es zum Warmwerden auf einem guten Kilometer 100 Höhenmeter hinauf, wobei das Warm-up eigentlich untertrieben ist. Nach kurzer Zeit schnaufe ich wie ein Lastesel und schwitze wie eine Sau, trotz Schatten. Die erarbeiteten Höhenmeter verlieren wir kurz danach wieder. Wir laufen nun östlich und oberhalb von Steinbach in Richtung Bad Liebenstein. Der Rennsteig ist nur vier Kilometer entfernt, so ein Wegweiser. Die Fünf-Kilometer-Strecke und der Viertelmarathon zweigen ab und über einen Wanderweg erreichen wir das Felsentheater, eine Sehenswürdigkeit oberhalb von Bad Liebenstein. Die Felspartie ist ein etwa 255 Millionen Jahre altes Algenriff aus Kalk, das heute noch Reste von Höhlen enthält. Vor 15 Jahre wurde der verwilderte Ort wieder für die Öffentlichkeit hergerichtet. Um auf die Höhe zu kommen, warten noch einige Treppen darauf, von den Läufern bezwungen zu werden. So stelle ich mir einen Cross vor.

 

 

Nur ein paar Meter weiter laufen wir am Ida-Denkmal vorbei. Ida Caroline von Sachsen-Meiningen, so ihr ganzer Name, war eine Prinzessin, die sich sehr um Soldaten und Bevölkerung kümmerte und entsprechend beliebt war. Viele Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Liebenstein und Schloss Altenstein. Nicht einmal 500 Meter weiter führt der Kurs unterhalb der Burgruine Liebenstein vorbei. Wer diese Burg erbaut hat, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Die Höhenburg stammt wohl aus dem 14. Jahrhundert. Bereits frühzeitig verfiel die Anlage, die ersten Sanierungsarbeiten wurden um 1800 vorgenommen. Heute gehört das Bauwerk dem Freistaat Thüringen. Wenige Minuten später erreichen wir die erste Verpflegungsstelle, sieben Kilometer sind geschafft. Wasser, Iso, Äpfel und Bananen warten. Wir leeren zwei Becher und machen uns auf den weiteren Weg, der zunächst am Gleisdreieck (da tangieren wir kurzfristig den Ort Atterode), dann über offene Wiesenflächen weiter ansteigt. Über die Hohe Klinge (575 Meter) geht es wieder in den Wald.

Immer weiter steigt der Weg an, dann kommt die letzte Trennung, die Halbmarathonis dürfen abdrehen, bei uns heißt es gerade aus, bergan, Richtung Trusetal! Meine Holde jammert, nicht wegen der Steigungen, wie ich anfangs glaube, nein, die Schnürung des Schuhs drückt. Eine Minute Pause für mich, und sie bindet den Treter neu, nicht mehr ganz so straff. Unsere Laufrichtung hat nun nach Norden gedreht, rechterhand geht es weit hinunter ins Trusetal. Die zweite Verpflegung wartet bei Kilometer 13. Übrigens, laufende Kilometerschilder findest du hier nicht, lediglich an den Tankstellen sind die angezeigt. Das reicht auch völlig, außerdem kann man hier mit den vielen Gefällen und Steigungen und den unterschiedlichen Bodenverhältnisse vom befestigten, abfallenden Waldwegen bis hin zu schottrigen Steilaufstiegen kaum ein gleichmäßiges Tempo rennen.

Nur ein paar Minuten nach der Tanke laufen wir durch ein Waldstück, das einem Sturm zum Opfer gefallen ist. Der Wind hat großflächig alle Nadelbäume umgeworfen. Das Gelände wurde mittlerweile aufgeräumt und das Holz an der Seite der Wege gestapelt. Wir können aber sehen, dass eine gesunde Mischung zwischen Nadel- und Laubgehölzen heutzutage wirtschaftlicher und widerstandsfähiger ist, denn einigen Eichen und Linden hat der Sturm nichts anhaben können.

Nach einem kurzen Gefälle laufen wir in eine Lichtung nördlich des Waldschlösschens. An den zwei, drei Tümpeln quaken die Kröten und es blühen die Seerosen. Wir laufen ein Stückchen am Bach namens Gehegswasser hinauf, dann zweigt der Weg nach rechts ab, auf einer Brücke über den Bach joggen wir hinweg und auf der anderen Seite wieder in den Wald. Bisher gefällt mir die Strecke außerordentlich gut, sie ist abwechslungsreich, auch wenn du zum Umherschauen fast stehen bleiben musst. Auf den folgenden zwei Kilometer warten wieder rund 100 Höhenmeter zum Gehege (so der Name der Anhöhe mit 715 Meter).

 

 

Die dritte Verpflegungsstelle erreichen wir mit Kilometer 20, wo uns Mutter und Tochter fürsorglich bewirten. Lecker schmecken mir der Haferschleim und die Schnittlauch- und Schmalzbrote. Wir sind uns einig, dass der letzte Abschnitt gut zu laufen war. Aber nun wartet der Inselsberg, wir sehen den Sendemasten und glauben, so ganz schwer wird das nicht werden auf den höchsten Punkt unseres heutigen Marathons. Wir berühren Brotterode, heute als Sommerfrische und Wintersportort bekannt. Auf der Inselbergschanze findet jährlich ein internationales Skispringen statt. Wir sehen die Anlage am Südrand des Ortes.

Anfangs führt uns der Weg über Wiesen, sanft ansteigend, wo wir nun die Hitze des Tages schon erahnen können. Durch die Höhenlage (wir sind nun gut 600 Meter hoch) fehlt es zum Glück an die zwei, drei Grad, die es im Tal mehr hat. Dennoch sind wir froh, als der Kurs am Südhang des Beerbergs in den Wald geht. Die Strecke wird wieder flach, wir können wieder laufen. Nach einem kurzen Aufschwung und einem Erholungsstück sehen wir dann in unmittelbarer Nähe zum Großen Inselsberg das Dilemma vor uns. Der Wegweiser sagt 900 Meter und ich sehe einen Asphaltweg, vielleicht mit 20 Prozent Steigung. Meter für Meter kämpfen wir uns nun am Rennsteig hinauf, dann kommt ein großer Parkplatz, wo die nächste Tanke uns erwartet. Die Helfer klatschen, als sie uns sehen. Der 25. Kilometer ist hinter uns. Das Schlussfahrzeug hat zu uns aufgeschlossen. Ich spreche kurz mit dem Quadfahrer, der lieber nicht hinter uns fahren soll (meine Henny kann den Verkehrslärm überhaupt nicht ertragen). Er hat Verständnis und fährt bis zum nächsten Versorgungspunkt voraus.

„Nehmt euch Zeit, bei uns wird keiner aus dem  Rennen genommen“, so entlassen uns die beiden Helfer auf die nächste Etappe. Nun sind wir auf dem Rennsteig, den 170 Kilometer langen Kammweg durch Thüringer Wald, Schiefergebirge und Frankenwald. Er beginnt im Eisenacher Ortsteil Hörschel und endet in Blankenstein an der Selbitz. Aber wem sage ich das? Wer kennt den Rennsteig nicht? Ein paar Stufen bringen uns dann hinauf auf den höchsten Punkt mit 916,5 Meter. Die Panoramaterrasse der Bergwirtschaft ist gut besucht. Wir lassen die Wirtschaft mit dem Sendemast und Aussichtsturm links liegen. Wobei, eine Einkehr wäre nicht verkehrt. Doch die Zeit läuft ja weiter und wir wollen die Helfer im Ziel nicht unnötig warten lassen. Ein paar Meter entfernt erinnert ein Denkmal an Karl Volkmar Stoy, ein Pädagoge aus Jena, auf den die Einführung der Schulwandertage zurückgeht. Denn erstmals wanderte er im Jahr 1853 mit der gesamten Schulgemeinde von Jena zum Inselsberg. Acht Tage dauerte die Exkursion, auf der die Schüler viel über ihre Heimat erfahren haben. Im Vergleich dazu ist unser heutiger Marathon nur ein Tageswerk.

Recht gefällig geht es nun auf dem Rennsteig zum Venetianerstein (830 Meter), zur Schierlingshalde (752 Meter) und zur Brotteröder Hütte (720 Meter) hinunter, wir kommen gut voran. Henny ist glücklich, dass ich sie nicht allein auf weiter Flur lasse. Wir machen das Ding zu zweit fertig. Die vier Kilometer bis zur nächsten Tanke bei Kilometer 29 vergehen wie im Flug. Dort am Waldrand können wir wieder auf Brotterode schauen. Die folgenden zwei Kilometer verlangen uns wieder eine Marscheinheit ab, es geht nun 100 Höhenmeter zum Dreiherrenstein (740 Meter) hoch. Dreiherrensteine gibt es am Rennsteig 13 an der Zahl. Der unsrige liegt am Großen Weißenberg und markiert als Grenzstein die Herzogtümer Sachsen-Meiningen, Sachsen-Coburg und Gotha sowie Kurhessen. Heute verlaufen just an der Stelle die Grenzen der Landkreise Gotha, Schmalkalden-Meiningen und der Wartburgkreis. Ach ja, einkehren kann man auch in der Waldschänke. Im Vorbeigehen sehe ich gerade noch das Denkmal für Victor von Scheffel.

Wir verlassen den Rennsteig, es geht auf den Zubringer Breitunger Rennweg, der vom Dreiherrenstein hinunter in das 16 Kilometer entfernte Breitungen an der Werra führt. Ein paar Kilometer joggen wir auf dem Rennweg und können es wirklich laufen lassen, auch wenn wir schon mehr als 30 Kilometer in den Beinen haben. Gleich zu Beginn mündet dann die Halbmarathonstrecke in unseren Kurs ein, die Läufer sind jedoch schon weit voraus oder im Ziel. Vorbildlich die Helfer an der nächsten Verpflegungsstelle, die uns nun auch Kaffee anbieten, vielen Dank. Meine Henny strahlt, denn die Restkilometer sind nur noch einstellig. Gefällig geht es nun das Thüringer Tal hinunter, ein drei Kilometer langer Einschnitt im Thüringer Wald, der unterhalb des Dreiherrensteins beginnt und der sich bis zur Farnbachversicherung bei Atterode hinunterzieht.

Am Ende des Tales geht es über den Farnbach und wir laufen, nein, wir marschieren wieder den Einschnitt auf der anderen Talseite hinauf. Zum Laufen ist das Wegstück nun zu steil, zum Marschieren fast zu leicht. Bei Krätzersrasen verlassen wir den guten Waldweg und trampeln auf einem steilen Weg mit Längsrillen weiter bergan. Irgendwann müssen wir doch wieder hinunter. Ich kann kein Ende der Steigung erkennen. Aber irgendwann sind wir oben, der Quadfahrer kommt uns entgegen und dreht ohne Nachfragen gleich um. Denn nach 200 Meter kommt die letzte Verpflegungsstelle, wo uns die Henkersmahlzeit angeboten wird. Naja, früher war’s dann um den Verpflegten geschehen wir werden aber die letzten vier Kilometer auch noch überlegen. Ich muss lachen, wie die Helfer die Zeit nehmen. Ganz einfach werden die Uhrzeit und die Startnummer akribisch in einem Schreibblock aufgeschrieben. Nach einem kurzen Schwatz gehen wir das letzte Stück an und gleich darauf kommen die beiden Helfer in einem alten Kramer-Bulldog angetuckert.

Gemächlich geht es immer weiter hinunter, dann verlassen wir den guten Fahrweg und trampeln auf einem Stein- und Wurzelweg bis hin zum Waldrand. Es geht auf den Fahrweg und dann laufen wir an der ehemaligen Skisprunganlage vorbei. Zwei kleinere Schanzen (K24 und K13) sind für den Nachwuchs noch intakt. Auf der K75-Schanze daneben fand 1968 der letzte Wettbewerb statt. Heute sieht man nur noch den Auslauf. Unser Auslauf beschränkt sich auf eine kleine Runde auf dem Vereinsgelände, wo uns die noch anwesenden Läufer, Kinder und Funktionäre mit Applaus willkommen heißen. Dann drückt eine Helferin die Uhr zum letzten Mal. „Feierabend“, sage ich. Sie muss lachen. Heute ist der Älteste der Letzte (das bin ich),  aber der Schnitt passt! Wir erhalten die Medaille, handgeschriebene Urkunden (so was gibt es noch) und den letzten Teller Suppe. Schee wars.

Fazit:
Eine hammerharte Strecke, die eigentlich mehr Trailläufer anziehen könnte. Für ein wenig Werbung im Laufzirkus haben wir jetzt ja gesorgt. Was uneingeschränkt überzeugt, ist die Herzlichkeit der Helfer, die dir jeden Wunsch ablesen. Es gab keine einzige Stelle, wo du überlegen musstest, wo es weitergeht. Heiko Kley und Peter Rübsam haben mit ihren Helfern eine tolle Veranstaltung hingelegt. Vielleicht gibt es nächstes Jahr eine weitere Schleife, dann hätte man einen Ultramarathoncross zu laufen, das OK-Team wird überlegen. Ich komme gerne wieder.

Ergebnisse:
Marathon Männer:

1. Frank Rothe, Speedys Sport Schart, 3.30.33
2. Markus Baldauf, Rennsteiglaufverein, 3.41.35
3. Torsten Heß, LG Rippertshausen, 4.06.53
20. Anton Lautner, marathon4you, 7.50.01

Marathon Frauen:
1. Ina Braun, USV Jena, 5.09.05
2. Carola Gasa, SV Mihla, 5.31.53
3. Conny Wiesner, o.V., 6.30.00
4. Henriette Appel, TSV 1862 Neuburg, 7.50.00

 

Informationen: Marathoncross um den Messerpokal
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