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Laufberichte

Heimatflimmern in Ostwestfalen

 

Die beliebte Sendereihe des WDR inspiriert mich zum heutigen Titel, denn der Almetal-Marathon bietet ein Paradebeispiel für den Zusammenhalt in NRW. In diesem Fall in Form von 12 Vereinen, die gemeinsam diesen Lauf möglich machen. Eine schönere Zusammenarbeit kann es nicht geben. Nur Corona hat auch hier seine Spuren hinterlassen: Die Startnummern und Kleiderbeutel wurden bereits im Vorfeld postalisch zugeschickt, ansonsten gilt für jeden Teilnehmer die 2 G-Regel.

Ich freue mich, dass Silke mich heute wieder begleitet. Dadurch bleibt mir der frühe Bustransfer vom Ahornsportpark, dem Ziel, zum Startplatz in Harth-Ringelstein um 8.30 Uhr erspart und ich darf länger schlafen. Bei frischen 6 Grad erreichen wir das alte Stellwerk, direkt nach den Bussen. Es bleibt noch ein wenig Zeit, die zahlreichen Freund und Bekannten zu begrüßen, ehe wir uns auf den Weg zum Start auf dem Forstweg machen. Bevor wir diese 1,2 Kilometer in Angriff nehmen, erfolgt die 2 G-Kontrolle. Der grüne Haken auf der Startnummer ist schnell gemacht.

 

 

Eine Viertelstunde sollte man einplanen, um den Start pünktlich zu erreichen. Wird heute aufgrund des anregenden Gespräches zwar etwas knapp, aber wir kommen noch rechtzeitig an. Nach letzten Einweisungen werden wir kurz darauf auf die Strecke geschickt. Knapp 100 Teilnehmer/innen begeben sich heute auf die Marathonstrecke. Alternativ wäre auch ein Halbmarathon in Frage gekommen, wobei man hier die Möglichkeit hat, zwischen der ersten und zweiten Hälfte der Marathonstrecke zu wählen. Kam für mich nicht in Frage, da ich alles sehen möchte. Zum Beispiel die Socken meines Freundes Adalbert, der heute mit seinem Sohn Lukas unterwegs ist. Bei seiner 180sten Marathonteilnahme zieren diese Bierkrüge, passend zu seiner letzten Laufveranstaltung, dem Biermarathon in Franken.

Die Strecke folgt übrigens dem Almetal-Radweg und führt deshalb durch viele Ortschaften. Als erstes erreichen wir Siddinghausen. Der Überlieferung nach entstand der Ort um eine hölzerne Kirche, die bereits 799 von Papst Leo III. im Beisein Karls des Großen geweiht wurde. So hoher Besuch ist heute zwar nicht zu erwarten, aber immerhin nimmt der örtliche Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann am Halbmarathon durch das untere Almetal teil. Verpassen wird er die Posaunenklänge, die hier James-Bond-Melodien dem geneigten Hörer näherbringen. Ebenso die ersten Zuschauer, die uns frenetisch anfeuern. Auch die erste Getränkestelle wartet hier, wird aufgrund der angenehmen Lauftemperaturen von mir aber noch nicht genutzt. Ich achte lieber darauf, bei der kleinen Laufgruppe zu bleiben, die sich hier bereits gebildet hat. Gemeinsam verlassen wir den Ort in das sich öffnende Almetal.

 

 

Gemütlich schwätzend erreichen wir bei KM 5 Weine. Die Straße aus dem Ort hinaus führt steil hinauf. Wir sind froh, diese Steigung nicht erklimmen zu müssen, da der Radweg vorher rechts abzweigt. Mit in der Gruppe sind mit Joana und Frederik zwei Ersttäter, von denen letzterer langsam nervös wird. Bekommen wir den namensgebenden Fluss heute noch zu sehen? Wie aufs Stichwort präsentiert sich das fließende Gewässer erstmals durch Gebüsche rechts vom Weg.

Von seiner Quelle im Sauerland wird die Alme bis zu ihrer Mündung in die Lippe insgesamt etwa 59 Kilometer zurückgelegt haben. Die schönsten Abschnitte bekommen wir heute präsentiert. In voller Pracht zeigt sich die Alme beim Überqueren, was wir hier zum ersten Mal machen. Zahlreiche Brücken werden noch folgen.Dem Talboden weiter folgend grüßt in der Ferne bereits der Turm der Jesuitenkirche „Maria Immaculata“ in Büren, deren ganze barocke Pracht wir an der Verpflegungsstelle bei KM 8 bewundern dürfen. Sie bildet ein Ensemble mit dem direkt angrenzenden ehemaligen Jesuitenkolleg, an dessen Errichtung im 18. Jahrhundert Johann Conrad Schlaun beteiligt war.

 

 

Nachdem ich mich mit einem kräftigenden Schluck von diesem Anblick losgerissen habe, wende ich mich nach links, um die Alme wieder zu queren. Ein Bildstock mit dem heiligen Nepomuk wacht darüber. Seit er seinerzeit in Prag in der Moldau ertränkt wurde, ist er für einen sicheren Übergang zuständig. Überhaupt komme ich heute an einigen Bildstöcken und zahlreichen Kirchen vorbei. Das Erbe einer tief katholischen Vergangenheit. Das Bistum Paderborn besteht bereits seit über 1.200 Jahren und hatte schon in seiner Frühzeit wichtigen Besuch, wie das erwähnte Treffen von Papst und Kaiser, damals noch König Karl, belegen. Das Zusammentreffen in Paderborn bereitete irgendwie auch die Kaiserkrönung in Rom, die im folgenden Jahr 800 stattfand, vor.

Kurz danach verlasse ich noch im Schoss meiner Laufgruppe Büren wieder. Es entwickelt sich nach und nach ein anregendes Gespräch mit Daokun. Als Chinese verleiht er dem Lauf ein internationales Flair. Da er jedoch schon lange in Wewer lebt, spricht er perfekt Deutsch und geht glatt als Einheimischer durch. Heute bewältigt er zum zweiten Mal die magische Marathondistanz.

In Brenken bei KM 18 wartet nicht nur die nächste Verpflegungsstation, sondern auch die nächste Moderation. Herzlich werden die Läufer begrüßt. Die Zuschauer und Helfer klatschen begeistert Beifall und treiben uns voran. Davon lassen ich mich die nächsten Meter tragen. Da drückt es auch nicht auf meine Stimmung, dass mich der Erste des Halbmarathons oberes Almetal, Raphael Brühne, überholt. Eine halbe Stunde hat er aufgeholt. Klar, bei der halben Streckenlänge wäre ich auch schneller unterwegs. Ein unterhaltsamer Lauf ist mir aber lieber.

 

 

Voraus kommt die Autobahn A33 ins Blickfeld. Die Brücke, über die sie führt, überspannt das ganze Tal. Links grüßt die Ruine der Niederburg, in deren Umgebung die erste Siedlung im 11. Jahrhundert entstand. Nach und nach verabschiedet sich unsere Laufgruppe nach vorne, während Daokun und ich weiter gemeinsam unterwegs sind. Vorbei an abgeernteten Feldern nähern wir uns Ahden, bekannt durch den Regionalflughafen Paderborn-Lippstadt, der seinerzeit auf Veranlassung des Computerpioniers Heinz Nixdorf hier angesiedelt wurde. Wir laufen direkt an der neuromanischen Hallenkirche St. Antonius Eremit vorbei. Gegenüber dem 1910 erbauten Gotteshaus werden wir verpflegt. Mittlerweile gehören neben Wasser auch Sport aktiv und Cola zur flüssigen Nahrung, was mir eigentlich reicht. Aber die frisch geschnittenen Äpfel sehen so verführerisch aus, dass ich nicht widerstehen kann.

Frisch gestärkt durchmessen wir weiter das Almetal. Die Bäume sind noch erstaunlich grün, auch wenn sich die ersten goldgelb gefärbten Blätter dazwischen mischen. Silke begrüßt mich, lässig auf einer Bank hockend die Läufer/innen fleißig ablichtend. Die richtige Motivation zu dieser Zeit. Das kann die auf dem folgenden Hang thronende Wewelsburg auch nicht toppen, auch wenn diese die Halbmarathonmarke markiert. Interessant ist die historische Bedeutung der Burg. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde die damals einzigartige Dreiecksburg von den Fürstbischöfen Paderborns errichtet. Später planten die Nazis, hier den "Mittelpunkt der Welt", das ideologische Zentrum der SS, zu errichten. Es gab gigantische Umbaupläne, die aber letztendlich nicht umgesetzt wurden. Das Kreismuseum Wewelsburg erinnert an die nationalsozialistische Vergangenheit.

 

 

Am Fuße der Burg schlängelt sich die Alme lässig durch das Tal. Sollte man zumindest meinen, aber auch hier macht sich die Trockenheit der letzten Jahre bemerkbar, die kleinen Brücken überspannen meist trockene Flussbette. Etwas mehr als zwei Stunden sind vergangen, wir werden es jetzt ruhiger angehen lassen. Schließlich erwartet uns wenige Meter weiter eine ordentliche Steigung. Erst als wir Wewelsburg verlassen, werden wir wieder etwas schneller. Die Strecke führt relativ flach durch Felder und Wälder in Richtung Niederntudorf. Eine Inschrift auf dem Asphalt erinnert an das kleine Jubiläum der Veranstaltung (5 Jahre), die auch die virtuelle Ausgabe im letzten Jahr mit berücksichtigt. Gibt man Almetal-Marathon in Whats-App ein,  wird daraus per Autokorrektur der Altmetall-Marathon.  Dabei gehört der Lauf ganz und gar nicht zum alten Eisen, wie das Engagement der Helfer an der nächsten Verpflegungsstation eindrucksvoll beweist. Sie haben aber auch einen ganz besonders schönen Standort unter einem großen alten Baum.

 

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Impressionen

(Silke Pitz)
 
 

 

Mehr als 25 KM liegen bereits hinter uns, als wir das alte örtliche Bahnhofsgebäude passieren. Genutzt wird es heute, wie viele andere ländliche Bahnhöfe, als Wohngebäude. Aber auch die schönen alten Höfe beeindrucken mich, bevor es wieder hinaus in die Natur geht. Auf dem Weg nach Alfen grasen links friedlich Schafe auf der Wiese. An einer Reihe von Weiden linker Hand laufen Adalbert und Lukas zu mir auf. Ich nutze die Gelegenheit und schließe mich ihnen an, auch wenn ich mich dadurch nach 28 gemeinsamen Kilometern von Daokun verabschieden muss. An Holzzäunen vorbei erreiche ich die hiesige Verpflegungsstation. Die Cola bringt neue Energie. Einen kleinen Umweg bringt die nächste Straßenquerung, denn vorschriftsmäßig wird der Zebrastreifen genutzt. Adalbert schickt uns erst einmal voraus.

Bei KM 30 gibt es einen Hinweis auf ein WC  300 Meter weiter. Dieses gibt es tatsächlich und ist sogar fest installiert. Gibt es meines Wissens auch bei keinem anderen Marathon. Ich laufe schnurstracks weiter. Die nächste Autobahnbrücke ist zu sehen, ein Schild weist die letzten 10 Kilometer aus. Oder bin ich schon im Ziel? An der Verpflegungsstation durchlaufe ich einen Vorhang aus bunten Bändern und komme mir wie ein Finisher vor. Aber ich weiß es besser. Über  offene Felder geht es weiter. Am nächsten Steg sind es lediglich noch 5 Meilen. Passend zur Längenangabe schallen Dudelsackklänge an mein meine Ohren. Die beiden Piper dazu präsentieren sich stilecht im Kilt. Allein für diese Musik hat sich der Weg bis hierhin für mich schon gelohnt.

 

 

KM 34 wird bei Nordborchen erreicht, nur vereinzelt kann ich noch überholen oder werde überholt. Thomas versucht mich anzutreiben und legt einen kleinen Zwischenspurt ein, er will wohl in seinem Heimatort Wewer einen guten Eindruck machen. Erst am Verpflegungsposten lässt er sich wieder Zeit, weshalb ich wieder vorbei ziehen kann. Ich rechne mit der letzten starken Steigung, die mir von der ersten Auflage in schmerzlicher Erinnerung geblieben ist. Doch heute muss ich sie nicht mehr bewältigen, denn die neue Trasse des Radweges führt deutlich sanfter rechts daran vorbei. Direkt zum Ende des Ortes, wo Silke mich mit Onkel Tante, die in Sichtweite zu Hause sind, anfeuert.

Das macht für die letzten 4 Kilometer leichte Füße. Überholen oder eingeholt werden kann ich nicht, denn vor und hinter mir ist niemand mehr zu sehen. Ein letztes Mal erblicke ich die Alme, die hier gemächlich ihrer Mündung entgegen fließt. Da bin ich noch schneller unterwegs. Die  riesigen Parkplätze des Gewerbegebietes bleiben heute leer. Siemens und Diebold-Nixdorf,  hervorgegangen aus der Firma Nixdorf, beschäftigen hier viele tausend Menschen. Der Computerpionier Heinz Nixdorf verstarb 1986 auf der Computermesse Cebit. Hinterlassen hat er seiner Heimatstadt unter anderem den Ahornsportpark, der gleich mein Ziel sein wird.

Als ich auf das Gelände laufe werde ich darauf hingewiesen, dass der zu überlaufende Rasen rutschig ist. Leicht hinab gebe ich also acht nicht zu stürzen. Alles läuft gut. Vorbei an eifrig genutzten Kleinspielfeldern laufe ich ins Stadion. Gemeinsam mit der Sporthalle steht das Gelände der Bevölkerung kostenfrei zur Verfügung. So hatte es Heinz Nixdorf testamentarisch verfügt.

Gedanklich bin ich leichtfüßig unterwegs, die Realität sieht etwas anders aus. Aber da ich Silke schon sehen kann, laufe ich natürlich noch durchs Ziel, direkt in Silkes Arme und freue mich über das Finish nach dieser schönen Strecke.

 

 

Ergebnisse:
Männer:

1. Matthias Berkemeier, 2:45:49
2. Patrick Jazwiec, 3:01:23
3. Maximilian Hunold, 3:05:51

Frauen:

1. Sylke Kuhn, 3:32:11
2. Ulrike Koepe, 3:32:42
3. Denise Kottwitz, 3:42:56

Streckenbeschreibung:
Punkt zu Punkt Kurs durch das Almetal

Weitere Veranstaltungen:
2 x Halbmarathon, oberes und unteres Almetal

 

 

Informationen: Almetal-Marathon
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