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Laufberichte

Dem G-Punkt auf der Spur

 
Autor: Joe Kelbel

Der Frankfurter Grüngürtel wurde 1991 ins Leben gerufen: Es ist nicht die Stadtgrenze, sondern ein Naturschutzgebiet rund um Frankfurt, das (weltweit einzigartig) sogar eine eigene Verfassung erhalten hat, um langfristig per rechtlicher Sicherung für alle Menschen jederzeit unentgeltlich zugänglich zu sein. Damit ist der Grüngürtel gleichgestellt mit dem Frankfurter Alleenring, der seit dem Abriss der Stadtmauer nicht mehr bebaut werden darf. Der Grüngürtel hat eine Länge von 68 Kilometern und ist die Krönung des damaligen grünen Umweltsenators Tom Königs.

Der heutige erstmalige Ultralauf auf dem Grüngürtel wird von der LG Ultralauf unter der Führung von Michael Irrgang und Klaus Haake durchgeführt und ist endlich mal wieder ein Lauf mit Startnummer. Wurde die Teilnahme von Frankfurtern letztes Wochenende bei einem längeren Marschevent noch verboten, da Frankfurt Corona-Risikogebiet, so darf dieser heutige Lauf ohne sichtbaren Einschränkungen durchgeführt werden. Seit Donnerstag müssen Jogger zwar Maske tragen, einfach weil sie nicht in der neuen Corona-Verordnung erwähnt wurden, aber wir sind ja Läufer.

Da viele Ultraläufer Gewichtsprobleme durch den Virus haben, gibt es eine kürzere Alternative von 50 Kilometern, die wegen Parkplatzproblemen auf 53 Kilometer erweitert wurde.

Diejenigen, die keine Probleme haben, starten um 9 Uhr an der Personenfähre in Höchst. Dort vor dem Schloss am Mainufer gibt es reichliche Parkplätze. Man erhält seine Startnummer und nimmt die nächste Fähre, somit ist ein zeitversetzter Start möglich. Highlight sind die Schwanheimer Dünen, die in der Eiszeit entstanden sind. Durch die Dünenlandschaft darf man nicht laufen, es gibt Holzstege.

 

 

Die Virusgeschädigten starten 18 Kilometer später an der „Louisa“. Das war im 18. Jahrhundert ein Lustgarten, der vom Bankier Bethmann angelegt wurde. Dorthin hat man eine super Anbindung an das S-Bahnnetz. Ein Lustgarten war damals wirklich einer:  Zwischen akurat gestutzen Hecken fand man in der biederen Zeit  Platz, um auf Kosten der Bethmannbank rumknutschen zu können.

Die  Äppelweinwirtschaft „Buschscheer“ keltert noch heute eigenen Apfelwein. Ich war schon oft hier,  die „Leiterchen“, gemeint sicht  Spareribs mit Knoblauchsoße, sind der Hit. Hier ist eine Linie, da steht „Start“.

Teddy ist die Nacht durchgefahren, um an diesem Lauf teilzunehme.  Ich sage ihm, wir müssen erstmal drei Kilometer zur „Oberschweinstiege“ laufen, um die Startnummern zu erhalten. Teddy sieht aus wie Dr. Emmett Brown aus „Zurück in die Zukunft“, doch Teddy ist in der Vergangenheit schon zweimal unter 3 Stunden den Marathon gelaufen. So laufen wir recht schnell die drei Kilometer Richtung „Oberschweinstiege“. Dort angekommen, klingelt das Handy.  Jörg sagt, wir müssen zurückkommen, die Startnummern gäbe es an der Louisa. Coronabedingt gab es kurzfristig diese Änderung, die wir nicht mehr gelesen hatten. Schon lange sind wir nicht mehr so schnell gelaufen.  Wir müssen halt drei Kilometer zurück, um rechtzeitig am Start zu sein, da kommen uns die Virusgeschädigten schon entgegen. Jörg wedelt mit meiner Startnummer, Teddy und ich drehen um und sind sogleich am Ende des Starterfeldes.

 

 

Bei der „Oberschweinstiege“, dem VP 1 haben wir also schon mal sechs Kilometer mehr auf dem Tacho. Michael Irrgang hat zum Glück noch Sicherheitsnadeln parat.

Wir sind an der ehemaligen Vorverteidigungslinie der Stadt Frankfurt.  Sie wurde durch ein Gebück, eine undurchdringliche, geflechtete Dornenhecke gebildet. Keine Sau kam hier durch, deswegen gab es eine Stiege, über die die Schweine laufen konnten, um im Wald Bucheckern und Eicheln zu fressen. Abends kamen die Schweine zurück, die Wartezeit verbrachte der Hirte in der hiesigen Apfelweinwirtschaft. Interessant ist der historische „Pinkelbaum“ am Seeufer. Die 68er Läufer stoßen zu uns, gemeinsam geht es über eine neue Stiege über die Darmstädter Landstraße in den Stadtwald, einst Jagdgebiet der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, jetzt ist Stadtbesitz.

Der Grüngürtel ist mit einen stylischen „G“ und Punkt gekennzeichnet, aber gerade die Schnellen haben Probleme mit dem G-Punkt, weswegen zusätzlich weiße Pfeile die Richtung markieren. Ich verlasse mich lieber auf mein Navi, Teddy und ich kommen so gut durch den dichten Wald  und überholen oftmals die schnellen Spritzer.

Nach dem dichten Wald kommt Oberrad, wo die sieben Kräuter für die grüne Soße angebaut werden. Der Weg unter die Bahnlinie ist kaum auffindbar, doch dann sind wir an der Gebermühle. In der Gerbermühle wohnte einst die Bankierstochter Marianne von Willemer, nach der Goethe schmachtete.  In „Die Leiden des jungen Werther“ erzählt Goethe von seiner platonischen Liebe.

 

 

Leiden müssen wir nicht, wir laufen über die Deutschherrenbrücke, benannt nach dem Ritteroden, der seit 1552 seinen Sitz in Frankfurt hat. Fabelhafter Blick auf die Skyline von Frankfurt und gleich davor des EZB- Hochhaus, eingebettet in der ehemaligen Großmarkhalle.

Am versifften Ostbahnhof müssen wir nach dem Weg suchen. Markierungen sind in dieser Graffitigegend nicht auszumachen. Der Ostpark wurde um einen trockengelegten Altarm des Maines angelegt. Im 19. Jahrhundert Ausflugsziel bedeutender Frankfurter, jetzt Ausflugziel für Großfamilien. Stolz preist die Stadt das „Neue Leben“ am Danziger Platz, wo einst Bier gebraut wurde.

Im tristen Nebelregen suchen wir den Weg zum Bornheimer Hang. Der Hang besteht aus Kriegstrümmern der Stadt Würzburg. Hier war nach 1945 die Verwertungsanlage, die die Trümmer nach brauchbarem Material durchsuchte. Geblieben sind etwa 100 Höhenmeter, die wir per Treppe überwinden. Insgesamt werden wir über 600 Höhenmeter meistern.

Rund um das Stadtgebiet Riederwald, das Fußballfans ein Begriff ist, ist der Weg schwer zu finden. Die A 66 wird wohl irgendwann den Anschluss an die A66 im Westen finden.  Wir finden den Weg durch die Baustelle durch zweispurigen Verkehr, auf der Fahrspur, auf der uns ekelhafte Lastwagen begegnen. Keine Ampeln, keine Überwege, kein Schutz vor dem Rattern der Kraftfahrzeuge. Zwei bekloppte, nassgeregnete Typen zwischen hupenden Autofahrern. Vielleicht greift irgendwann die Verfassung des Grüngürtels.

Eigentlich gehört das ehemalige Fischerdorf Fechenheim auch noch zu Frankfurt, aber da ist zu viel Industrie.  Wir laufen am ehemaligen Erlenbach entlang, Richtung Bergen Enkheim - jetzt wird es schön. Der Aufstieg zum Berger Hang, einem wunderschönen Gebiet mit Streuobstwiesen, wird uns versüßt mit dem Duft der zahlreichen Haschischraucher, die hier auch ihre Entspannung finden: „Willsttu haben? Ich dir geben. Du nix kosten!“ Nette Leute, die sich hier im Schlehengebüsch versammelt haben. Unser Lauf wird schneller, nur unterbrochen für Fotosessions hinunter zur Frankfurter Skyline und vor allem zum EZB Hochhaus, das wir vor Stunden passiert habe und dessen schiefe Architektur zu denken gibt.

 

 

Ein Keil Kraniche fliegt über unsere schweißgebadeten Köpfe, es wird wohl bald Winter. Kurz vor dem Lohrberg holt uns Änschie ein, die bessere Änschie, die, die 68 km laufen kann. Sie übergibt uns Jens, den Besenradler, den wir ab jetzt betreuen werden. Der Lohrberg (185m) begrüßt uns mit Sonnenschein und taucht den einzigen verblieben Weinberg Frankfurts in goldenes Licht. Seitdem die Reblaus hier wütete, trinkt man in Frankfurt Apfelwein. Dieser Weinberg gehört der Stadt Frankfurt und sein Produkt ist nur für Gäste gedacht, die auch mal auf dem Balkon des Römers stehen werden. Also für uns, die wir jetzt die Hälfte geschafft haben.

Weiter geht es durch Kleingärten und saftige Felder, dann überqueren wir die Friedberger Landstraße, einst die Via Regia, die prähistorische Straße von Spanien nach Russland. Sie endet heute in Breslau, meiner Vaterstadt. Das alte Zollhaus hätte bestimmt viel zu erzählen.

Grobes Ziel wäre jetzt der Ginnheimer Spargel, der Fernsehturm, doch wir biegen nach Norden ab und  sehen den Taunus von einer ungewohnten Seite. Vor Preungesheim sind komische Bunkerreste in der schönen Wiese. Zwischen Berkersheim und Bonames treffen wir endlich auf die Nidda, die uns zum Ziel an deren Mündung in Höchst führen wird. Ich sage Jens, dem Besenradler, er könne uns nun allein lassen, dies ist meine Trainingstrecke. Nein, er hat einen Tracker, so weiß die Orga, wo wir sind.

Tatsächlich ist diese Single-Trailstrecke rechts der Nidda nicht mein Ding. Erst viel später, kurz vor Heddersheim, erreichen wir festen Untergrund und unsere zweite und letzte VP-Stelle. Drei Stunden haben die Helfer hier verbracht und trotzdem noch Bier übrig. Wir sollten doch die Gurken essen, die sind scheibchenweise coronamässig in Frischhaltefolie eingepackt.

Ja, dieser Lauf ist als Ersatz für den Frankfurt Marathon gedacht, es gibt nur drei VPs, dafür aber besser ausgerüstet, und liebevoll mit eingepackten Törtchen bestückt. Es gibt gute Getränke in Einwegflaschen, die man beim nächsten VP oder im Ziel abgibt. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied zum Stadtmarathon. 25 Euro haben wir als Startgeld gezahlt und lernen die schönsten Frankfurts kennen.

Jens der Besenradler hat ständig Kontakt zu Michael Irrgang, wir werden nun allein gelassen. Kein Problem, ich bin von hier 1000mal nach Höchst gelaufen. Teddy sieht das erste Mal in seinem Leben einen Eisvogel und wartet, bis ich mir am Kiosk an der Praunheimer Brücke ein Bier besorgt habe.

 

 

Die letzten zwölf Kilometer bis zur Mündung der Nidda in den Main bei Höchst gehen traumhaft zu Ende. Sabine kommt uns per Rad entgegen. Klar, sie hat noch ein ganzes Läuferleben vor sich. Die kleine Brücke an der Mündung der Nidda ist neu, wackelt nicht mehr so, wie die alte. Ohne Teddy hätte ich diesen Lauf nicht beendet, und Teddy nicht ohne mich. Wir beide haben eine blöde verletzungsbedingte Zeit hinter uns. Heute ist unser erster Pandemie-Triumph.

Es sind nur noch wenige Meter bis zum Ziel vor dem Höchster Schloss, Änschie und René erwarten uns vor ihrem Ultravan. Das tut gut. Es tut auch gut, dass Michael und Klaus uns auch nach Cut-Off finishen lassen.

Michael Irrgang schreibt, dass dieser Lauf einmalig war, macht uns aber Hoffnung auf eine Wiederholung.

 

Informationen: Frankfurter Grüngürtel Ultra
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