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Laufberichte

Mächtig wie ein Donnerhall

02.06.18
Autor: Joe Kelbel

Bevor die Römer nach Norden zogen, waren die Kelten aufgrund des Drucks der Germanen schon nach Westen unterwegs. Letzte Keltensiedlungen gab es im Taunus, im Gebiet der Isar und auf dem Donnersberg. Die Kelten nannten den Berg dunum (= Düne), die Germanen nach ihrem Gott Donar, den Herrscher über Blitz und Donner. Der Donnersberg ist der höchste Berg der Pfalz.

Seit 25 Jahren gibt es den 7,5 Kilometer langen Donnersberglauf, aber der führt auf der Touristenstraße nach oben. Das ist wenig spektakulär, ein mächtiger Trail musste her. Die Politik hatte Bedenken: Streng geschütztes Gebiet und nur schmale, verwunschene Pfade der Bergleute, die einst den Berg unterhöhlten, da könnte man sowas nicht durchführen. Karl-Heinz Klos bot einen Kompromiss an: „ Wir bilden Trailguides aus, die die Läufer in 5er Grüppchen durch das unzugängliche Gebiet führen.“

Nach einem Jahr Studium der Pfade wurde letztes Jahr (strengste Geheimhaltung, keine Ausschreibung) ein familiärer Lauf unter Führung der Trailguides angesetzt. Aber plötzlich standen 150 Läufer am Start. Donnerlüttchen! Heute zur ersten offiziellen Erstaustragung stehen 300 Läufer im Dorf, ohne Guides, Donnerwetter!
Das Dorf, am südlichen Hang des Donnersberges gelegen, nennt sich Imsbach. Kennt nicht mal mein Navi, es führt mich über verbotene Wege, bis mein Auto im Gestrüpp stecken bleibt. Also die leeren Bierkästen aus dem Kofferraum auf die Rücksitzbank, dann den Kofferraumteppich und die Fußmatten unters Auto, und mit dem Wagenheber alles plattschlagen. Geht nicht, es leidet der Unterboden. Abflämmen vielleicht?

 

 

Schweißgebadet komme ich in Imsbach an. Vorgeschmack auf das, was heute kommen wird. Imsbach ist zu klein, um vorschriftsmäßig  parken zu können. Briefing zwischen Autos. Von Cut Offs, oder gar Zielschluss ist hier keine Rede. Aber davon: „ Ich hoffe, ihr habt gute Trailschuhe!“

Haben nicht alle, reihenweise küssen die Läufer ab dem zweiten Kilometer den Schlamm. Die 45 km-Strecke lockt mit 1800 Höhenmetern. Es gibt ausgewiesene, markierte Pussylanes, die auf den nächsten 10 Kilometern zurück nach Imsbach leiten. Doch niemand nutzt die, denn nach vier Kilometern erreichen wir die wildromantische Falkensteiner Schlucht, ein herrliches Dingelchen!

 

 

Es geht hinauf durch moosbedeckte Spalten und entlang eines Höhlensystems, dass schon Menschen mit dicken Wülsten über den Augen und platten Nasen nutzten. Damals gab es aber noch keine Seile, an denen man sich hochziehen konnte. Wir haben Freudentränen in den wulstlosen Augen und fotografieren, was das Zeug hält. Und es hält, zwar bestehen die Felsentürme aus vielen Steinchen, aber die sind fest mit Quarz verbacken. Fest schmiegt sich der Pfad an die Gesteinswand. Wo es zu schmal wird, hat man einen Tunnel gegraben. Eigentlich will ich noch schauen, aber es ist nicht angenehm, Mitstreiter überholen zu lassen. Uff. Wenn das so weiter geht, dann steige ich aus!

Die Vegetation wird dünner und gibt Blick frei hinüber zum Reiterhof und die Ruine Falkenstein auf dem markanten Felsen. Auch die Burgen Hohenfels, Ruppertsecken, Tannenfels und Wildenstein dienten zur Verteidigung des erzhaltigen Donnersberg. Wir werden auch die besuchen.

Die Teppiche aus Blaubeerpflanzen verschwinden am Trockenhang, der von Kiefernleichen bedeckt ist.  Gleich geht es wieder hinab in den dichten Wald. VP 1, Kilometer 8 ist erreicht.  

Einige wenige Imsbacher Häuser haben sich zum Platz der ehemaligen Bergschmiede hochgekämpft. Dem Bächlein wurde im Mittelalter Kraft durch ein Rückhaltebecken gegeben, das nun idyllisch in der Morgensonne glitzert. Oft sieht und hört man seine Mitstreiter, die Pfade liegen eng beieinander. Im Schweinstal höre ich von unten ein Grunzen: „ Joe, du Sau, ich krieg dich noch!“. Nein, es ist nicht Roland, der Besenläufer.  Der lässt sich Zeit.

Wir sind auf dem ausgewiesenen Grubenweg, der touristisch nicht genutzt wird, er ist zu extrem. Es sind Wege, die einst Bergleute durch ihren täglichen Arbeitsweg schufen. Ich spüre die Liebe der Orga am Trail: Verspielte Streckenführung. Ich spüre die Freiheit der Orga für die Wahl der Pfade: Och, den nehmen wir auch noch mit! Wie seiner ersten Freundin, so zeigt uns Karl Heinz heute sein Streunergebiet. Klasse.

Die Grubenfelder Erni und Lili (Kupfer und Mangan) durchziehen das gesamte Schweinstal. Der Theodorschacht (85 Meter) liegt offen, aber umzäunt direkt an der Laufstrecke. Im April 1921, Weimarer Republik, zogen die Arbeiter ab, die Maschinen blieben unten. Bis 1923, in der schweren Inflationszeit wurde im Teufelsstollen verzweifelt nach Mangan gesucht.

 

 

Das Highlight sind die mächtigen Erzgruben Katharina I und II  (Kupfer und Silber), die eher nach Uganda passen. Hoch umzäunt mit Stacheldraht. Vor 35 Jahren war ich hier und hab gewühlt. Immer noch habe ich unglaublichen Respekt vor den drohenden Löchern. Dies ist kein Schweizer Käse, dies ist das Tor zur Hölle! An den Resten eiserner Geländer erkennt man noch, wo ich einst wühlte. In  einer Tiefe von 45 Metern gibt es Abraumhalden aus dem Mittelalter, darunter sind die Spuren der Kelten, die den Berg 50 v .C. verließen.

Wir verlassen den Rollweg, auf dem Lohren einst ins Tal rauschten.  Er ist zu flach für unsere Waden. Der Bienstandstollen war wieder ein Versuch, in der Inflationszeit an Edelmetall zu kommen. Ja, es gibt Gold hier, doch mit herkömmlichen Pfannen braucht man eine Woche, um das Material für eine Zahnkrone zu finden. Meistens entpuppt sich das „Gold“ als Kupferverbindung Pyrit, besser bekannt als Katzengold. Es geht am  Friedrichstollen vorbei. Grube Grüner Löwe: Kupfer in Form von Malachit. Vorbei geht es am Mundloch der Grube „Reich Geschiebe“. Ich muss mich für miese Fotos entschuldigen, ich bin zu „schnöll“ unterwegs. Nach der Einsiedlerklause geht’s auf den Parkplatz „Weiße Grube“.

Den Platz hatte ich heute Morgen per Auto entdeckt. Jetzt stehen Kinder hier und weisen uns den Weg: „Du bist aber ein guter Pfadfinder!“- „ Neeeein, ich bin ein Kindergartenkind!!!“ „Tschuldigung!“

Die Weiße Grube (km 14), jetzt mit Erdbebenmessstation, wurde ab dem Mittelalter bis 1921 ausgebeutet, unter anderem förderte man Kobalt, das zum Färben von Glas gebraucht wurde. Kobalt ist giftig, aber die Menge, die wir jetzt hier einatmen, nutzt der Körper zur Produktion von Vitamin B12. Ferner wird die Produktion der roten Blutkörperchen angeregt, weswegen ich locker den Pfad zur nächsten Grube hinauflaufe.

Die Eisenerzgrube Maria wurde 1772 von einem Postbeamten betrieben. Wo ist Walter Zimmermann, Deutschlands aktivster Postbote?

Das Wildensteiner Tal lässt man verwildern, dort dürfen wir nicht durch. Erst bei km 30 entdecke ich durch Zufall die spärlichen Reste der Burg Wildenstein (13. Jahrh.). Außer einer Außenmauer und Resten des Turmes sind nur Legenden erhalten. Keine Legende ist, dass Friedrich der Schöne ein „Afterlehen“ vergab. Das sind Lehen, die man selber empfangen und dann weitergeben hat. Der schöne Friedrich war mit Isabel von Aragon verheiratet, die vorher mit dem König von Armenien verlobt war.

Zwei Kilometer weiter laufen wir durch die ehemaligen Stadttore der Keltensiedlung und erreichen  den Ludwigsturm, den der bayerische König Ludwig II errichten ließ. Der Ludwig, der sich angeblich im seichten Wasser des Starnberger Sees ertränkte. Schnell kommt der Wirt vom Kiosk angeflitzt, ertränken kann er mich nicht, aber retten.

Der folgende Weg über die zerfallene, aber recht feste Mauer der Keltensiedlung gibt einen Eindruck von der Größe der Anlage, die von der amerikanischen Abhöranlage und der Sendestation überragt wird. Dies ist nicht der touristische Teil des Berges, wir haben sämtliche Pfade für uns allein und einen einmaligen Blick auf die Reste einer Klosteranlage.

Der Adlerbogen überspannt den Blick nach Frankfurt und zum Taunus. Er wurde 1880 zu Ehren von Generalfeldmarschall Moltke errichtet, der erstmalig die Grenze zu Frankreich sicherte.

Vielleicht bin ich jetzt einen oder mehr Kilometer auf der Keltenmauer gelaufen, dann sehe ich ihn: Den Königsstuhl. Diese Felsformation ist der Gipfel (686m)! Wie viele keltische Könige haben hier gethront? Wie viele germanische Stammesfürsten haben Rat gehalten? Wie viele römische Legionäre Selfies geschossen?

 

 

Auf geht’s, die Abbruchkante hinab zum Hünerberg, der seinen Namen nicht vom Geflügel, sondern von den Hünengräbern hat. Es müsste etwa km 37 sein. Ich erreiche den letzten VP. Essensmäßig gibt es gut und reichlich, Wasser auch. Getränkemäßig hatte niemand mit 300 Läufern gerechnet, vor allem nicht mit mir, dem das mal nicht schadet.

Die Reste der Burg Hohenfels entdecke ich auch wieder zufällig, weil sie vollständig mit Moos überwachsen sind. Werner von Bolanden (12. Jahrhundert) prahlt von einer Gunda, die er hier traf. Aus dem Treffen unter sonnenliebenden Robinien entstand  der Ortskreis Kirchheimbolanden.

Hinter Löwenbergs Ruhe (km 40) geht ein etwas anspruchsvollerer Pfad zur „Rote Halde“. Wenn Erde rot ist, dann deutet das auf Eisenvorkommen hin. 1,5 Kilometer lang waren hier einst die Erzgänge und 5 Meter dick. Sehr, sehr sehenswert das Ding! Ich setzte mich erstmal hin und lasse alles auf mich wirken.

Wir sind nur wenige Meter von der „Weißen Grube“ entfernt, die wir auf dem Hinweg gesehen haben. Die Kindergartenkinder erhalten gerade eine Lesung am Waldaltar: „Viel Glück, lieber Läufer!“ rufen sie mir hinterher. Manchmal sind Kinder richtig  süß ….  

Der Trail endet mit einer steilen Rampe. Ganz oben sieht man das Zielzelt. Auf der Klippe dahinter ist die Kupferhütte, eine Berghütte mit kleiner Gaststätte. Unkonventioneller, genialer Zielort mit weitem Blick über die Täler, Zeichen innovativer Ideen. Mann, war das ein toller Tag!

Dieser Trail hat mächtig eingeschlagen. Nur habe ich Angst, dass die Läufer bald das Dorf überrennen, liebe Leute vom LC Imsbach. Bitte Karl Heinz, öffne die Anmeldung für 2019. Und wenn eure Website zusammenbricht, dann mach einen zusätzlichen Herbstlauf, wenn der schaurige Nebel durch die Felsen und Höhlen zieht. Danke für diesen Trail, ihr habt eine Lücke geschlossen!

Und dann entschuldigt sich Karl Heinz: „Es gibt nur Gemeinschafts-Duschen.“ Aber Karl Heinz! Ich habe doch gesehen, was ich sehen wollte!
 

 

 

 

 

 

 

 

 

Informationen: Donnersberg Trail
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