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Laufberichte

In Berlin ist's auch bei Regen schön

26.09.10
Autor: Klaus Duwe

Am Ernst-Reuter-Platz geht’s scharf nach rechts, die schmalere Marchstraße nimmt die Läufermassen problemlos auf. Nach 5 Kilometern sind wir in Moabit, bekannt durch die JVA, die direkt an der Strecke liegt. 1290 Haftplätze gibt es, prominenteste Insassen in jüngster Zeit waren Erich Honecker und Erich Mielke.

Trotz des Regens sind viele Zuschauer an der Strecke. Für die Läufer ist das Wasser von oben gar nicht mal so sehr das Problem, eher das von unten. Die Straßen sind voller Pfützen und nur noch den vermeintlich tiefsten versucht man auszuweichen. Die Füße sind sowieso schon nass und auch sonst sieht man aus, als wäre man gerade durch die Spree geschwommen und nicht über die Moltkebrücke gelaufen.

Links liegt der 2006 eingeweihte Hauptbahnhof, den man auch als gigantisches gläsernes Einkaufszentrum mit Gleisanschluss bezeichnen kann, rechts sieht man das Kanzleramt. Unter Helmut Kohl wurde der Monumentalbau geplant und gebaut. Als er 2001 bezugsfertig war, hieß der Kanzler allerdings Gerhard Schröder.

Aus einiger Entfernung sieht man auch den Reichstag, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestages. Weltweit bekannt wurde das Gebäude, als es vom Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude 1995 für zwei Wochen verhüllt wurde. Fünf Millionen Besucher schauten sich das Spektakel damals an. Dabei wurde im Vorfeld heftig darüber gestritten, ob man das ehrwürdige Gebäude für einen solchen Zweck überhaupt „hergeben“ dürfe.

Wir sind im Osten der Stadt und laufen jetzt direkt auf den  Friedrichstadtpalast, der einst Markthalle und Zirkus war, dann als Revuetheater weltbekannt wurde, zu. Auch heute gibt es Live-Musik, allerdings open-air. Dazu sorgen viele Zuschauer für eine tolle Atmosphäre. 8 Kilometer sind wir gelaufen und gleich kommt die zweite Verpflegungsstelle, bei der es bereits feste Nahrung (Bananen und Äpfel) und Getränke gibt. Wenn ich richtig sehe, gibt es sogar warmen Tee. Sensationell, wo man den Berlinern doch häufig vorwirft, den gemeinen Läufer zu wenig zu umsorgen.

Km 12, Strausberger Platz. Eine Grünfläche, umrahmt von uniformen Wohnsilos, Vorzeigeobjekt sozialistischen Wohnungsbaus in der DDR. Die Baustelle war 1953 eine der Ausgangspunkte  der Streiks gegen die erhöhten Arbeitsnormen, die schließlich am 17. Juni zum Aufstand führten.

„Merkst Du’s auch, die Straßen sind im Osten besser“. Ein Wessi wird es sein, der mich darauf aufmerksam macht. Ich habe aber ganz andere Probleme. Das Fotografieren ist bei dem Regen nämlich eine noch aufwändigere Sache als sonst. Nach jeder Aufnahme muss ich das Objektiv reinigen, damit die Aufnahmen einigermaßen werden. Dann muss ich die Kamera wieder verstauen, sonst hat sie keine Chance, bis zum Ende durchzuhalten.

Über die Spree erreichen wir Kreuzberg und bei km 15 das Kottbusser Tor mit der U-Bahnstation, kurz „Kotti“ genannt. Wegen der zentralen Lage sind hier immer viele Zuschauer. Ansonsten wird dem Viertel von der Politik „besonderer Entwicklungsbedarf“ bescheinigt. Eine der größten Drogenszenen Berlins hat sich hier etabliert. Heute ist von sozialem Brennpunkt nichts zu spüren, es wird bei handgemachtem Rock gefeiert und konsumiert wird Isotonisches, sponsored by powerbar.

Musik und der Berlin Marathon ist ein Kapitel für sich. Es gibt eine rekordverdächtige Zahl von Bands und Gruppen, alle möglichen Stilrichtungen und vor allem Jazz. Allerdings geht nicht jeder Beitrag in die Beine. Aber als Läufer hat man das ja schnell hinter sich.

Neukölln, km 17, Hasenheide. Der Name erinnert daran, dass der Große Kurfürst hier einst Jagd auf die flinken Vierbeiner machte. 1811, die Hasen waren weg, errichtete Friedrich Ludwig Jahn Preußens ersten Turnplatz. Was würde der Turnvater sagen, könnte er heute die fast  40.000 Läuferinnen und Läufer sehen? „Gut so, weiter machen!“ Oder: „Das habe ich nicht gewollt!“? Egal wie, Spaß macht’s. Keiner ist am Schimpfen wegen des Wetters. Warum auch, hört es dann auf zu regnen?  Leid tun mir nur die Zuschauer und vor allem die Helfer. Aber auch die sind super drauf. Marathon in Berlin ist wie immer: Ein Straßenfest für alle.

Die St. Bonifatiuskirche hat schon über 100 Jahre ihren Platz in der Yorckstraße. Dass mir der hanseatisch anmutende Backsteinbau bisher nicht aufgefallen ist, kann nur einen Grund haben: Die Strecke wurde hier geändert. Auch bei den Yorckbrücken (km 20) komme ich mir fremd vor, denn vor drei Jahren kreuzten noch sage und schreibe 45 Eisenbahnbrücken die Straße. Etliche davon sind inzwischen abgerissen. Die restlichen Brücken bieten Schutz vor dem Regen und sind deshalb heute gefragter denn je bei den Zuschauern. Nichts wie weg, bevor mir die Ohren abfallen.

Dann der Schock bei km 21, Halbdistanz. 2:24 Stunden zeigt die Uhr. So viel Stunden und so wenig Kilometer? Ich kann’s kaum glauben, die Zeit vergeht im Flug. Weiter geht’s, Trommler,  Tröten und jubelnde Fans feuern uns an. „Wie heißt die Kirche?“ „Apostel-Paulus-Kirche!“ Nicht immer bekommt man eine richtige Antwort. „Sorry, I’m from Canada, I d’nt understand.“ Das kann Dir auch passieren. Das Publikum ist so international wie das Läuferfeld, Schwerpunkt Dänemark. Die Dänen-Fans fallen einfach auf. Entweder sie haben sich ihre Flagge ins Gesicht geschminkt oder übergezogen. Die Harmlosen schwenken ein Fähnchen. Wenn die zuhause auch so feiern, muss ich da unbedingt mal hin.

Dann das Schöneberger Rathaus, Sitz des Regierenden Bürgermeisters bis 1991. „Ich bin ein Berliner.“ Hier sprach John F. Kennedy 1963 den legendären Satz.  Keine leichte Aufgabe, den historischen Bau komplett mit Läuferfeld abzulichten. Dann entdecke ich auch noch die Spiegelung auf dem regennassen Asphalt und muss noch mal draufhalten. Da brauch ich mich nicht zu wundern, wenn ich nicht vorwärts komme.

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