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Laufberichte

Nie wieder 100 km für ein Bier!

 

Das belgische Bier steht in der Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Zwar geht das Bierbrauen wie auch in Deutschland auf die Zeit vor dem Mittelalter zurück, doch entscheidend für die Vielfalt der Sorten war das Prohibitionsgesetz von 1919, das Spirituosen verbot, weswegen man Bier mit höheren Umdrehungen (Craft) braute. Der einfache belgische Biertrinker unterscheidet die Biersorten nach Alkoholgrad: Dubbel, Triple und Quadrupel. Wessen Läuferleber sich jetzt duckt, soll besser nicht weiterlesen!

Natürlich wird Belgien von Anheuser-Bush InBev mit ihren belgischen Produkten  Juliper, Leffe, Belle-Vue, Piedboef, PerfectDraft  dominiert. Auch  Alken-Maes, der niederländische Heineken Konzern, löscht den Durst vieler Belgier. In dem kleinen Land gibt es 140 selbstständige Brauereien, die mehr als 1000 Sorten Bier herstellen. Es sind Biere, für die man mindestens 3 Euro zahlen muss, dazu kommen noch die Versandkosten, denn die Brauereien haben keinen Vertrieb. Hat man Glück, wohnt man in der Nähe eines „Pick-up Points“, den die Brauereien beliefern.

An 16 Pick-up-Points und im Ziel dürfen wir probieren, was die Leber aushält. Quasi verpflichtend ist das Biertrinken, denn sonst gibt es nur brühwarmes Wasser und abgestandene Cola. Zum Essen allerdings feinste Leckereien. Der Lauf kostet 75 Euro, ist aber bedeutend mehr wert.

Um 16:00 Uhr, also nach 6,5 Stunden sollte man noch den Namen der Stadt aussprechen können, in der man gelaufen ist, je nach Nationalität: Lüddisch(Lüttich), Liäsch (Liege), Luik oder Lüdje, ein Ort, der 42,295 Kilometer östlich von Aachen liegt.

 

 

In Paragraf 1 der Ausschreibung steht geschrieben, wer am Beer Lovers Marathon teilnehmen darf: „Nur liebe Menschen“.

Paragraf 2 schreibt eine Verkleidung vor, sonst kann Paragraf 1 nicht sein. Es wird ein Motto vorgegeben: Ich soll mich als Früchtchen oder als Gemüse verkleiden. Spargel, Radieschen oder Gurke passen nicht zu mir. Erdbeere, Banane, Bohne, Pflaume oder gar Johannisbeere ebenso wenig. Blaubeere wäre passend, ist aber nicht in meiner Größe erhältlich. Cannabispflanze, das wäre der Hit, aber ich muss über die Grenze und ich habe das Schengen-Abkommen nicht ratifiziert. Also wähle ich mein bewährtes Outfit, das Biggi mir vor 100 Jahren genäht hat: Cro Magnon.

Der Rest der Ausschreibung ist normal, bis darauf, dass es schon an der Startlinie eine Cut-Off-Zeit gibt! Wer nach 15 Minuten, also um 9:45 Uhr, nicht fähig ist, die Startlinie zu überqueren, der bleibt dort. Diese Regel beruht auf Erfahrungen aus  der ersten Austragung 2016. Die diesjährige Austragung ist mit 1500 Läufern ausgebucht. Unterdistanzen oder Kinderläufe gibt es nicht, wir nehmen also an einer ernsthaften Veranstaltung teil!

 

 

Start und Ziel ist am zentralen Place Saint-Lambert. Die Lambertus-Kathedrale wurde 1794 von Napoleon abgetragen, um so etwas wie Montagsdemonstrationen zu unterbinden. Die Kirche war dem Bischof Lambertus von Maastricht geweiht, der in Lüttich 705 ermordet wurde. Damit ist mein üblicher historischer Seitenblick erledigt.

Im großen Bierzelt auf dem Place Saint-Lambert ist die Ausgabe der Starterbeutel. Dort kann man auch seine Wechselsachen abgeben. Hier in Wallonien spricht man jede Sprache. Nach dem Lauf findet hier im Bierzelt die Finisherparty statt. Mit der Party in Schmiedefeld nicht annähernd vergleichbar, weswegen ich von diesem wundersamen Ort keine Bilder zeigen werde.

Bekanntlich bin ich wenig zimperlich, doch ich beweise heute Pietät. Wenige Tage nach diesem meinem Bericht wird die Austragung 2018 eh ausgebucht sein. Und nächstes Jahr wimmelt es hier von perversen, sensationsgeilen  Journalisten, die nicht so anständig sind wie ich. Sollen die sich versündigen, ich mache das nicht. Ich bin ein Journalist, der mit den meisten Läufer befreundet ist! Also Leute: Macht Euch für 2018 unkenntlich! Das Internet vergisst nie!

Die Marathonstrecke besteht aus einem bemerkenswert schönen, langgestreckten Rundkurs. Die Strecke ist anspruchsvoll, steile Treppen, schwere Trails, viel Kopfsteinpflaster, viele Bordsteinkanten, viele Poller auf empfindlicher, familienfeindlicher Höhe, Löcher und Pfützen, gnadenloses Klima ( heute 19 Grad), und dennoch wird kein ärztliches Attest gefordert.

 

 

Zunächst umrunden wir den Parc d´Avroy. Auffallend die Reiterstatue von Karl dem Großen und die zahlreichen Läufer, die jetzt schon pinkeln müssen. Zum Frühstück gibt es Wasser, Croissants und Pain au chocolat, frisch aus dem Ofen, klasse!

Eines ist nicht klasse: wir vermissen Bier, die Petersilie auf dem Kopf des Engländers lässt schon ihre Flügel hängen, der Lauf durch die schmalen Gassen mit den vielen Hindernissen ist anstrengend. Lüttich hat einen besonderen Charme: Alte leerstehende Häuser neben grandiosen Neubauten, dazwischen Bombenlücken, die mit ihren fensterlosen Nachbarwänden grinsen. Urige Krüppelhäuschen und Hinterhöfe. Gefällt mir schon vor dem dritten Bier.

Bei Kilometer fünf trifft mich der Schlag, ich bleibe regungslos stehen, mir fällt die Klappe runter: Vor mir ist die Soldatentreppe (Montagne de Bueren). Über 374 Stufen, 194 Meter geht es vom Viertel Or Chateau den Hügel hinauf, wo einst die Burg von Lüttich stand. Zwar bin ich schon steilere Sachen gelaufen, aber der Anblick mit den vielen lustig-bunten Läufern ist das Bild des Jahrzehnts! 1:35 Stunden beträgt hier am Fuße der Treppe die Cut-Off-Zeit.

Die Brasserie De Ranke ist der erste Bieranbieter, es gibt das Cuvée De Ranke, eine 7 prozentige Mischung aus Ale (Gerstenbier) und Lambics, eine Bierart, die schon die Neandertaler getrunken haben, denn Lambics entsteht durch Spontangärung, ist sehr säurebetont, weswegen es jahrelang gelagert werden kann. Es dient oft als Grundlage für Mischungen, meistens für Fruchtbiere. Doch der Geschmacks-Hit ist das gerade auf den Markt gekommene Simplex mit 4,5 Umdrehungen.

 

 

Ich drehe mich auch. Nervosität, Unsicherheit. Soll ich gleich die Treppe hoch, oder noch ein paar Bierchen trinken? Unglaublich aufreibend hier die Stimmung ! Ich weiß nicht, wo hier mein Kopf steht, es ist ein Durcheinander, eine Freude, ein Spaß, ach, es ist einfach  grandios hier!

Or Chateau war im 18. Jahrhundert das Amüsierviertel der Soldaten. Die Treppe hatte strategische Zwecke, die Soldaten sollten schnell von ihren Einsätzen in den Puffs der Stadt zum Einsatz in der Burg gelangen können. Doch so mancher brach erschöpft auf dieser Treppe zusammen, wie schon die ersten Läufer, die wohl die Nacht durchgefeiert haben. Uns wird dringend empfohlen, Pausen einzulegen und auch mal den Blick über die Stadt zu genießen. Das braucht mir keiner zu sagen, mein Puls überschlägt sich, wie das Metallstück vom „Hau den Lukas“ wenn ich mal draufhaue.

Weiter geht der Anstieg zum Zitadellen-Park. Grandiose Aussicht über die Stadt! Ich könnt mich wegschmeißen, wenn ich atmen könnte! Der 200 Meter Anstieg über die Rue des Cottilages führt uns zur ehemaligen Batteriestellung. Stellung hin-oder-her, ich bin am Limit.

Haut de Tawes (KM9) Die Brauerei La Redoutable (die Schlagkräftige) stellt das Bergsteigerbier bieres des grimpeurs) her. Das Dreifach-Blonde, das Triple hat 9 Prozent Steigung. Houston, I ve got a problem: „Das Bier ist eiskalt, das Wasser brühwarm, erbete Anweisung!“ Die Schokolade ist traumhaft! Es gibt auch andere Leckereien, aber die Eindrücke, die Bilder, die Musik, die verrückten Läufer….das ist alles ein wenig viel für den Haudegen Joe. Cut Off: 11 Uhr 15, da bin ich schon mal nahe dran.

Die Brasserie Elfique (die Elfe) bietet uns La Robuste an, ein 7 prozentiges Amberbier, das fruchtig-karamellisiert schmeckt.  Auf dem Etikett ist eine Elfe der Wälder von Ambleve zu sehen. Das Mystische hier ist nicht, dass wir alle mächtig einen sitzen haben, das Mystische ist, dass es Menschen geben soll, die auch ohne Bier lustig sein können.

Ich trinke auch mal Bier ohne Spaß zu haben, obwohl mir das schwer fällt, denn die Brauerei der Trapistenabtei Val-Dieu bietet uns das Blonde Val-Dieu an.  Das ist ein 6 prozentiges Bier zum Ablachen. Es gibt weitere 5 Biersorten, Käseschnittchen, Früchte und einen 35 %igen Bierlikör mit 16 Kräutern.  Die Rocker von „The Kiss“ liegen auf dem Boden, haben sich verknotet. Meine Augen übernehmen die Tätigkeit meiner Schweißdrüsen, ich schmeiß mich weg!

 

 

Viele Anwohner stehen am Streckenrand, bieten Bier an. Das habe ich dringend nötig, ich verdurste fast! Dann laufe ich blitzschnell in einen Kiosk hinein und kaufe mir eine Fanta. Ich kenne zwar kein Limit, bin aber auch nicht grenzenlos.

Das Bier bei der Verpflegungsstelle auf der Insel Monsin( km 21) ist ausgesoffen. Bin darüber nicht unglücklich. Cut Off wäre hier 3 Stunden 45 Minuten. Die Brasserie St Feuillien (1873) braut 11 Biersorten.

Die folgenden Stunden werden schwerer, denn der Abstand zwischen den Verpflegungspunkten verringert sich gewaltig, am Ende beträgt er nur noch einen Kilometer.  Dazu die aufputschende Musik… nicht Kastelruther Spatzen, sondern diese Art Musik, wo die Schüssel mit der Bowle platzt, Martin den Nudelsalat rumwirft, der Käse im Briefkasten landet oder der Thomas seine Fingerkuppe verliert. Lustig ist auch, wie wir die Wäschespinne mit Bier beträufeln.

Ja, es gibt erste Verluste.  Wer es rafft, der kürzt ab. Ich schleppe mich zur nächsten Verpflegungsstation.  Jetzt nicht eine Brauerei, nein zwei, die uns abfüllen. Wie sagt James der Butler: „ I ´ll do my very best, Miss Sophie!“

Beim U-Turn hinten bei Kilometer 29,  Cut-Off-Time 13h55 ähm, ja, da habe ich auch ein Bier getrunken. Bei Kilometer 23 komme ich nach Outre-Meuse, dem Stadtteil „auf der anderen Seite der Maas“. –  Scheiße! Verlaufen! War doch eben schon bei Kilometer 29!?! Verlaufen ist hier nicht möglich. Blöd. Muss zurück!

Die Brasserie Jeanne d´Arc  braut das Grain d`Orge, das Gerstenbier mit ganzen 8 Umdrehungen. Da bin selbst ich froh, dass das Wasserwerk Cile alternative Getränke sponsert, auch wenn in dem Zeug die Fische bumsen. Die Brasserie de Marsinne kredenzt uns das New Timber unter dem Label Leopold! Mit 6,2 % Steigung ein wenig dick, aber durch die Zitronennote recht süffig. Es wird aus drei Korn- und Hopfensorten gebraut. Das Alter geht, der Durst bleibt.

Bei Kilometer 36 werden wir über ein Partyschiff geführt, ich stelle das Fotografieren ein:  Oben auf dem Feten-Deck bekomme ich wunderschön geformte Möpse präsentiert! Engländerinnen lüpfen zuerst, belgische Nebenbuhlerinnen kämpfen mit ihren Prachtexemplaren um Abdrücke meiner genialen Gesichtsbemalung. Französinnen haben zärtliche Zungen. Solche Fotos würden meinem Insolvenzverwalter nicht gefallen, der Sack soll in seinem dunklen Büro versauern! Ich bin Marathonkönig! Ich bin der geilste Typ dieser Welt!

Das Bier La Chouffe kommt aus den Ardennen.  Die Brauerei hat Vertrauen, gibt uns Bier aus Gläsern.  Die Brasserie Bertinchamps stellt auf seinen Bieretiketten der Sorte „La Prose“  junge Künstler vor. Die Brasserie Les 3 Fourquets das Lupulus, gibt mir ein ungefiltertes Bier, mit 8,5 Volumen in die Hand. Humulus Lupulus ist der lateinische Name für Hopfen. Hopfen gehört zur Gattung der Cannabisgewächse. Gott, bin ich vollgedröhnt! Und ich bin noch nicht fertig!  
Grade bei den extremen Starkbieren muss man auf die Geschmacksparameter achten, die auf die Etiketten gedruckt werden:

ABV: Allolol by Volumen, is klar, ne?

IBU steht nicht für Schmerzlinderung, sondern für International Bittering Units, die mit Hilfe des Hopfens erzeugt werden. Eine Berliner Weiße hätte einen IBU Grad von 10, während die hiesigen Starkbiere eine Gradzahl von 30 bis 60 haben. Den IBU Grad kann man nicht mit der vermehrten Zugabe von Hopfen erzeugen, weil die Hopfensäure nicht automatisch in Biersäure umgewandelt wird.  Wichtiger ist der Integrierte Isomerisierungsgeschwindigkeitsfaktor.  Hicks.  Und jetzt wiederholt Ihr mal: „Isomerisierungsgeschwindigkeitsfaktor“! Da spinnt sogar mein Korrekturprogramm!

EBC:  die Farbe der Bierwürze. Egal, sehe eh nix mehr!

Plato: für mich sehr wichtig, bezeichnet dieser Parameter  doch die Dicke des Bieres, die sich aus dem Grad der Zuckerumwandlung während der Fermentierung des Malzes entwickelt. Ein Starkbier (16 Plato) ist somit sehr viel platomäßiger als ein Pilsener (8 Plato).

Sorry, bin ziemlich plato, muss aber noch einige Kilometerchen laufen. Ein  zerplatzer Pariser beschäftigt mich: Welches grausame Schicksal blüht diesem Läufer, der sich nur durch einen hauchdünnen Gummi unkenntlich gemacht hat? Anfängerfehler!

Wo bin ich jetzt stehengeblieben? Hicks.  Bei der Brauerei Warsage gibt es blondes Bier, bei Chimay wieder ein Triple,  bei Caulier das Caulier 28. Hat das jetzt 28 Umdrehungen? Dabei werben die mit ihren 4 Leichtbieren, die alle mit 5 Umdrehungen aufwarten. Das Brett weist 7,5, das Stout 12 Umdrehungen auf, hat aber nur 67 Kalorien pro 0,33 er Flasche.  Was hat denn nun das Caulier 28?

Habe ich schon vom Bier Sainte Nitouche Blondinette erzählt? Von der Brauerei Abtei Leffe? Der Brauerei Grain d´Orge mit seinem herrlichen Bier La Brice? La Leffe? Les Barons de la Bière? Brown Sugar? „Sugar in the morning…“ „James….pleeeease!“  „ I am sorry, Madam, sorry!“

Am Hauptbahnhof Guillemins (KM 38,5) ist das Zeitlimit 6 Stunden 5 Minuten. Ich bin drüber. Zielschlusszeit auf dem Place Saint-Lambert ist verlängert bis  16 Uhr 45. Dann habe ich den härtesten Lauf meiner 17 Marathonjahre gefinisht.

Der Beer Lovers Marathon ist ab sofort meine Nr. 1! Habe Pipi in den Augen, will zurück nach Lüttich, muss aber 365 Tage warten. Mannmannmann!

 

Informationen: Beer Lovers Marathon
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