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11.09.11

Zuerst geht es aber am Rheinhafen vorbei, Basels Tor zum Meer und damit zur Welt, und anschließend im Schatten von Alleebäumen der Wiese entlang. Das Einkaufszentrum linkerhand, zu Zeiten eines starken Euros dicht an der Grenze zu Deutschland erbaut, durchlebt schwere Zeiten. Die Schweizer nutzen die Frankenstärke und gehen auf der anderen Seite der Grenze einkaufen, die Deutschen und Franzosen bleiben dem Konsumtempel fern. Sicher ist die Währungssituation auch ein Grund, dass aus den Nachbarländern im Dreiländereck nicht mehr Läufer für einen Start in Basel gewonnen werden konnten. Für die Schweizer ist das Startgeld in einem für diese Art Veranstaltung gewohnten Rahmen gehalten.

Die Lange Erlen, das Naherholungsgebiet mit Tierpark, bietet einen Kilometer schattiges Laufen und kurz nach dem Verlassen dieser grünen Oase gibt es schon wieder einen Verpflegungsstand. Nach dem Unterqueren der Gleisanlagen des Badischen Bahnhofs  ist es nicht mehr weit zur Messe Basel, welche kräftig am Bauen ist. Nein, der Messeturm wird nicht aufgestockt, obwohl die Züricher ihn als höchstes Gebäude der Schweiz entthront haben. Bei aller Rivalität der Städte, das wäre dann doch zu plump. Die Basler können sich gewiefter wehren: Die nächste Fasnacht wird es wieder unter Beweis stellen. Für die Durstabwehr der Läuferschar steht auf dem Messeplatz eine Wasserstation bereit.

Die lange Gerade der Clarastraße führt in der Verlängerung noch nicht über die Mittlere Brücke. Das sparen wir uns für den letzten ganzen Kilometer auf. Wir nehmen die Kurve, der nächste Fixpunkt ist das Klingental. Ehemals Kloster, dann Kaserne, jetzt Kunst, so könnte man den Werdegang dieses Gebäudeensembles bezeichnen. Die gotische Baukunst der ehemaligen Kirche gefällt mir, also muss ich sie erst bildlich festhalten und dafür noch einmal Gas geben, damit ich mich weiter mit Günni unterhalten kann, mit dem ich schon seit zehn Kilometern laufe.

Ums Kasernenareal herum geht es wieder zur Rheinpromenade und wir treten dort das Pflaster schon zum zweiten Mal mit unseren Füßen. Diesen Pfad verlassen wir aber schon bald wieder und nehmen den leichten Anstieg unter die Füße, der uns auf die Dreirosenbrücke bringt, wo wir schon wieder verpflegt werden. Auf der anderen Seite wird die erste Abbiegemöglichkeit genutzt, damit wir direkt in den St. Johanns-Park  einbiegen können.

Das St. Johanns-Tor durchschreiten wir nicht, sondern begeben uns gleich wieder zum Rheinufer. Flussaufwärts laufen wir wieder unter der Johanniterbrücke hindurch zum Stadtzentrum. Günni ist davongezogen, genauer gesagt: ich komme ihm nicht mehr nach, denn die bei den Fotostopps „verlorene“ Zeit kann ich nicht mit Zwischensprints aufholen. Dazu fehlt mir die Fitness, so viel ist mir klar. Nach meiner nachhaltigen Erkältung ist es nicht verwunderlich, dass ich nicht die Energie dazu aufbringe. Auch der Pulk um die Zugläufer für 4:00 wird mich bald überholen. Was soll’s? Ich muss niemandem etwas beweisen und ich bin glücklich, dass ich überhaupt wieder laufen kann, dazu im Sonnenschein und ohne drohende Cut Off-Zeiten.

Wie schön, dass ich den kurzen heftigen Anstieg zum Totentanz verhältnismäßig fidel und quicklebendig laufen kann. Kurz darauf könnte man eine Bergpreiswertung ausloben. Für die Mühen der Steigung  an der der Petersgasse wird man aber mit einer wunderschönen Kulisse belohnt. Krönender Abschluss dieses Teils der Altstadt ist der sich am Ende des Berges erhebende Turm der Peterskirche. Vor der Kirche, dem ruhigen beschaulichen Petersplatz zugewandt, wo alljährlich während der traditionellen Basler Herbstmesse der „Hääfelimärt“ sein Zuhause hat, steht das Denkmal für Johann Peter Hebel. Der Meister der literarischen Kleinform, einer der Wegbereiter der modernen Kurzgeschichte, wurde im Alter von drei Tagen in dieser Kirche getauft. Auch literarisch nicht so bewanderte Basler bedienen sich immer wieder eines seines Textes, wenn sie die Hymne des (Halb-)Kantons Basel singen: „Z’Basel an mim Rhi“.

An Gebäuden der Uni vorbei geht es zu dem ein paar Meter höher liegenden dritten verbleibenden Stadttor, dem Spalentor. Heute riecht es vielleicht nach Wintergrün oder sonstigen Massagesalben und Schweiß, Ende April stank es hinter dem Zaun aber ganz anders. Im Botanischen Garten der Uni blühte für kurze Zeit eine Titanwurz mit dem dazugehörenden Gestank nach Fisch oder Aas. In der ganzen Welt griffen Interessierte auf die Webcam zu, um das kurze Erblühen des gelben Riesenkolbens mitzuerleben.

Statt zu erblühen welke ich und muss mich nicht mehr umdrehen, um die Gruppe um den Zugläufer zu sehen, dafür bald die Brille anziehen, damit ich sie vor mir überhaupt noch wahrnehmen kann.  Entsprechend wenig Gesellschaft habe ich jetzt vor und hinter mir, geschweige denn neben mir. Dabei würden die Wege und Straßen einem Mehrfachen an Startenden ausreichend Platz gewähren.
Spalenberg, Heuberg und Gemsberg (ohne Anpassung an die neue Rechtschreibung) heißen die Straßen, die von alten Häusern gesäumt werden und ein so anderes Bild einer Großstadt abgeben. Am Kohlenberg spürt man auch etwas von Berg. Am Anfang der Gefällstrecke hinunter zum Barfüßerplatz und zur Steinenvorstadt gibt es wieder Verpflegung.

Über uns, auf dem Kohlenberg, gab es eine Enthauptung, eine etwas eigenartige. Im Jahre 1474 setzte der Basler Henker dem Leben eines elfjährigen Hahns ein Ende. Sein Verbrechen war, dass er ein Ei gelegt hatte. Und wem das nicht Grund genug für eine Hinrichtung ist, dem sei gesagt, dass sich in seinem Bauch noch drei weitere Eier fanden.  Wer sich auskennt, dem ist die davon ausgehende Gefahr bekannt: Wenn solche Eier von einer Kröte oder einer Schlange ausgebrütet werden, schlüpft ein Basilisk, dessen Atem und Blick tödlich ist. Trotzdem – vielleicht auch gerade deswegen – dauerte es keine hundert Jahre und der Basilisk war Basels Lieblingstier und ist heute noch Wappenhalter und in der Stadt fast so häufig anzutreffen wie Hunde beim Gassi Gehen.

Zum Gehen ist es für mich noch zu früh, doch in Richtung Heuwaage, Bundesplatz und um den Zoo herum bin ich mit bereits reduzierter Geschwindigkeit unterwegs. Einige Anwohner und die vielen Helfer und Streckenposten legen sich kräftig ins Zeug und feuern jeden Einzelnen kräftig an, wie wenn sie die Gleichgültigkeit eines Großteils der Bevölkerung diesem Anlass gegenüber wettmachen wollten. Vermutlich haben die exotischen Vögel im Zoo zu dieser Morgenstunde mehr Besucher als wir, für viele Leute als komische Vögel geltenden Marathonis, auf der Strecke Zuschauer haben.

Seit ich nur noch selten Gesprächspartner habe, sind immer wieder die Stöpsel in den Ohren, mit welchen ich mir Turboladung verschaffe. Bei der Halbmarathonmarke kommt zum Aufheizen die gleiche Musik aus den Boxen, aus einem Hydrant kommt ein Wasserschwall zur Abkühlung und eine Batterie von gefüllten Bechern steht zur inneren Temperaturregulierung bereit.

Im Gundeldinger Quartier staune ich erneut, mit welchem Aufwand für uns Straßen gesperrt sind und empfinde das kleine Startfeld umso mehr als Enttäuschung. „Stell dir vor es ist ein gut organisierter Marathon und keiner geht hin“. Im Gegensatz zum anderen zitierten Satz geht dieser anders weiter. Der Marathon kommt dann nicht zu dir, sondern findet nicht mehr statt. So einfach ist das. Ich hoffe es nicht für den Run to the Beat Basel!

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Informationen: Basel Marathon
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