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Laufberichte

Bouillon, Monsieur?

26.08.07
Einmal drumrum ist nicht zuviel. Ganz sicher! So hatte ich meinen Bericht vom CCC im letzten Jahr beendet...

 

Das Strahlen in den Augen der Finisher im letzten Jahr hatte mich infiziert mit dem UTMB Virus. Und so fieberte ich dem 8. Januar entgegen. Ab diesem Datum konnte man sich für den diesjährigen UTMB anmelden. Ich stellte meine Erinnerungsfunktion im Computer an, aktivierte den Organizer in meinem Handy auf 7 Uhr morgens. Denn um 8 Uhr sollte die Anmeldung geöffnet werden.
Und schon viertel vor 8 war ich angemeldet. Dieser Schritt war bewältigt. Gott sei Dank. Denn am  Nachmittag waren alle 2000 Startplätze schon ausgebucht.

 

Ich sollte also dabei sein, falls nichts Schlimmes dazwischenkommt.

 

Und es kam nichts dazwischen. Der Terminkalender ließ es nicht zu, dass ich einen Vorbereitungslauf absolvierte, hatte ich doch insgeheim mit dem Swiss Alpin und dem Bärenfels geliebäugelt. So kam ich dann über meine wöchentlichen 50 – 60 km nicht hinaus, konnte aber in mein Programm viele steile und steilste Bergläufe einbauen. 14 Tage vorher ging es noch einmal ins Berner Oberland zu einer 2,5 tägigen Wanderung in hohem Tempo mit vielen, vielen Höhenmetern und Kilometern. Eiger, Mönch und Jungfrau taten das ihre, um mich zu motivieren.

 

Ich war guter Dinge, denn vom letzten Jahr und meiner Teilnahme beim CCC wusste ich, dass der Lauf zum großen Teil im Kopf entschieden wird und auch eine Portion Glück dazugehörte, dass man keinerlei orthopädischen Probleme bekommt oder eine Verletzung erleidet.

 

Drei  Tage vorher habe ich angefangen die Sachen zu packen. Dem Laufrucksack widmete ich besonders viel Aufmerksamkeit. Akribisch, pedantisch oder wie immer man es nennen will, achtete ich darauf, dass die gesamte Pflichtausrüstung drin war. War wirklich alles drin? Besser noch mal ausgepackt und wieder kontrolliert. Endlich fertig. Wirklich fertig? Wäre schon besser, noch mal nachzuschauen, dass nichts fehlt, also raus mit dem Zeug, zum 3. Mal alles abgehakt auf der Liste und wieder eingepackt.

 

Grosse Läufe brauchen halt perfekte Vorbereitung.... Mann, oh Mann kann man so bekloppt sein vor einem Lauf?

 

Also der Kopf war positiv gestimmt, das Gepäck gepackt und natürlich kontrolliert und so sind wir zu viert in Richtung Chamonix gestartet. Ich schloss mich 3 Laufkumpels aus dem Saarland an, allesamt schnellere Läufer als ich. Dieter und Jürgen hatte für den UTMB, Frank für den CCC gemeldet. Die Hütte am Lac d'Emosson war gebucht und mit guter Stimmung ging es ab.

 

Unterwegs wurden natürlich kräftig Pläne geschmiedet, ob wir den Vorjahressieger Marco Olmo am Col de Voza oder gnädigerweise erst am Croix de Bonhomme angreifen sollten...Oder sollten wir warten bis Argentière??

 

Natürlich hatten wir uns im Vorfeld intensiv mit der Strecke und dem Lauf beschäftigt, jede Menge Berichte gelesen und mindestens ein Dutzend mal das Video des Laufes von 2006 betrachtet und studiert.

 

Trotz der lockeren Stimmung bei der Hinfahrt wusste jeder von uns ganz genau, worauf er sich eingelassen hatte. Dass ihn der mit Sicherheit schwerste und härteste Lauf seiner Laufbahn erwartete. Entsprechend war auch der Respekt vor der Strecke, es war eine Mischung zwischen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, mentale Stärke, Vorfreude, Ungewissheit, etwas Angst vor der Länge, den  Höhenmetern und der unvorstellbar langen Dauer des Laufs. Irgendwo rechneten wir ja alle mit einer Zeit jenseits der 40 Stunden. Und diese Dimension war im Vorfeld  einfach nicht fassbar.

 

Ich hatte aber im letzten Jahr beim Zieleinlauf, den ich als Zuschauer genossen hatte, gesehen, dass es doch machbar war. Und das war mein großes Pfand, das mich zuversichtlich auf das blicken lies, was da kommen sollte. Irgendwo konnte ich es mir nicht vorstellen. Andererseits sah ich mich ab und zu unterwegs und auch  in den Zielkanal einlaufen.....

 

Mit einem Scheitern musste ich natürlich auch rechnen. Hieran glaubte ich nicht wirklich und wenn, dann nur in Verbindung mit gesundheitlichen Problemen, sprich einer Verletzung. Dies war ja nicht auszuschließen. Sollte es so kommen, dann konnte ich ja auch nichts dran ändern und musste es so hinnehmen, brauchte mir also vorher keine Gedanken drum zu machen. Der Kopf wollte also diesen Lauf. Und wo ein Wille ist, da ist auch ein Ziel... oder wie immer der Spruch heißt.

 

Endlich Chamonix. Oder Halt. Vorher die Laufstrecke oberhalb von Trient noch gequert mit dem Auto, kurz ausgestiegen und mal steil nach oben und steil nach unten geschaut. Diesen Teil kannte ich ja vom Vorjahr schon. Ehrfürchtig den Aufstieg nach Les Tseppes angestaunt. Und ich habe mich immer noch gewundert, dass man da runter und hoch laufen kann...

 

Strecke wieder in Argentière gequert. Die Bilder vom letzten Jahr erschienen im Kopf, als ob ich den Lauf erst gestern gelaufen wäre. So intensiv waren sie also die Eindrücke , die ich im Vorjahr gesammelt habe....

 

Jetzt endlich das Ortsschild Chamonix.

 

Schnell das Auto abgestellt. Zum x-ten. mal kontrolliert, ob wirklich alle Pflichtausrüstung im Rucksack ist und ab zur Abholung der Startnummern.

 

Rucksack Kontrolle. Der geneigte Leser kann es kaum glauben aber es war wirklich alles drin!


2 Minuten später gehörte ich dann richtig dazu. Ich hatte das orange Armband mit den Chips zur Zeitmessung am Arm und trug es wie eine Art Statussymbol aus der Halle.


Schnell noch nach Courmayeur, um zusammen mit Frank dessen Startnummer abzuholen. Er wünschte sich Begleitung, da er kein Wort  französisch sprach und meines halbwegs brauchbar ist.


Erst bei der Abholung der Nummern fiel mir dann ein, dass wir ja nicht mehr in Frankreich sondern in Italien waren..... da stand ich nun also als Dolmetscher, der kein Wort Italienisch kann. Aber das ist das Schöne an Ländern, die eigentlich keine Grenzen mehr haben, man merkt den Übergang einfach nicht.

 

Jetzt noch was Essen. Gero und Eric erwarteten uns schon in der Pizzeria. Jens und Andreas kennengelernt. Gemeinsame Fahrt dann zur Hütte am Lac d'Emosson. Natürlich vor dem Schlafengehen noch schnell den Laufrucksack kontrolliert ob die Pflichtausrüstung noch komplett ist, ein Bierchen, bei dem dann die Lauftaktik zum xten Mal besprochen wurde... an diesem Abend gab es natürlich nur ein Thema, den Lauf. Und da kann man sich ja bekanntermaßen viele Gedanken drum machen. Ausrüstung, Verpflegung, Schuhe, Schneeketten für unterwegs ( Eric hatte wirklich welche dabei, falls es matschig werden sollte), wohin klebt man überall Pflaster, Strümpfe, Hosen, Handschuhe, Getränke, Mineralien, Sonnencreme, Hirschtalg, Photos, Nudeln, Schokolade, Fussnägel, Sonnenbrillen, Stöcke und weiß der Teufel was noch. Alles, wirklich alles wurde besprochen.

 

Eine ruhige Nacht mit relativ tiefem Schlaf.

 

Der weiße Berg begrüßte mich am nächsten Morgen genauso wie er es im letzten Jahr getan hatte:
Zitat „...denn schon vom Bett aus lachte mich der Mont Blanc früh am Morgen in strahlendem Sonnenschein an....“

 

Gute Voraussetzungen also. Der Wetterbericht versprach auch für die beiden nächsten Tage tagsüber Sonne und nachts Mond und Sterne. Gemütliches Frühstück und dann natürlich vor der Abfahrt nach Chamonix Kontrolle des Rucksackinhalts.... die 7. mindestens. Aber hierbei war ich nicht der Einzige, wie ich mit Schmunzeln feststellte.

 

Chamonix erreicht, das Auto geparkt, Isomatte und Schlafsack ausgerollt und mit Musik auf den Ohren ein kleines Nickerchen gemacht. Und was sehe ich beim Aufwachen? Unser französischer Nachbar ist gerade dabei seinen Laufrucksack auszupacken und den Inhalt zu kontrollieren...nur so zur Sicherheit, sagt er. Also eindeutig ein grenzüberschreitendes Phänomen!

 

Die Stunden vor dem Start ziehen sich.

 

Frank, der inzwischen schon in Courmayeur gestartet war meldet sich telefonisch. Er musste leider nach wenigen km schon wegen akuter Kreislaufprobleme und Übelkeit aussteigen aus dem Lauf und ist total verzweifelt. Wir versuchen ihn aufzubauen. Das kann jedem passieren und auch uns wird klar, dass wir davor nicht gefeit sind.

 

Die Ehrfurcht und der Respekt vor dem Lauf steigen nochmals ein bisschen. Endlich Richtung Start. Und das Vor Start-Feeling treibt mir erstmals eine Gänsehaut über den Rücken. Hier wollte ich also hin. In die Mitte von mehreren hundert Läuferinnen und Läufern, die genau so begeistert sind und sich freuen wie ich. Gleich geht es los.

 

Ansprachen der Organisatoren, die sich mit dem Lauf auch einen Traum zu verwirklichen scheinen, der Bürgermeister, der Vorjahressieger und und und...

 

Und dann beginnt sie ganz ganz leise, die Musik, auf die ich so sehnsüchtig geartet habe: Conquest of Paradise, die Hymne der beiden folgenden Tage, die mich im Vorjahr bereits so motiviert hat und die jeder, der schon teilgenommen hat unmittelbar mit der tollen Stimmung des Laufes verbindet. Immer lauter wird sie und das Feld setzt sich in Bewegung. Gänsehaut pur und noch stärker als wir unterm Startbogen durchlaufen. Hunderte, nein sogar tausende Zuschauer am Straßenrand, die lachen, klatschen, winken. Und hunderte von Läufern tun das Gleiche.

 

Ich hatte im Vorfeld überlegt, dass ich den Lauf alleine laufen würde, denn Jürgen und Dieter sind ja eigentlich zu schnell für mich, ich wollte unbedingt auch am Anfang mich nicht ziehen lassen sondern ein gleichmäßiges Tempo durchlaufen. Und relativ schnell waren sie weg. Im Hinterkopf hatten sie immer noch, trotz aller Warnungen (es war auch ihr erster, richtig langer Trail) den Lauf auf Zeit zu laufen.

 

Aber noch vor der ersten Verpflegung haben sie sich besonnen und ich konnte aufschließen. Ab da waren wir eine Lauftruppe und sollten es den ganzen Lauf bleiben. Volksfeststimmung am ersten Verpflegungspunkt aber eins vermisste ich am ersten Verpflegungspunkt: meine im Vorjahr so geliebte Bouillon. Vielleicht habe ich sie aber auch übersehen. Aber das war auch schon alles, was ich an negativem von dem Lauf sagen kann. So hatte ich jetzt also nur noch 155 km Positives vor mir. Aber das sollte ich da ja noch nicht wissen.

 

Erster Anstieg über die Skipiste hoch nach La Charme. Ca 800 HM, verteilt auf gut 6 km. Ließ sich gut an. Lohn der Anstrengung war der Blick auf die Berge im roten Abendlicht der untergehenden Sonne. Wieder Gänsehaut. Genau an diesen Punkt hatte ich mich in den Stunden vor dem Lauf gewünscht. Ich wollte schon drin sein im Lauf, eingetaucht in die Bewegung, beschäftigt mit mir selbst, umgeben von toller Landschaft. Die Zeit, die Sorgen vor dem Lauf hinter mir lassend und große Teile des Laufs vor mir.........

 

Bei beginnender Dunkelheit und zum ersten Mal in diesem Lauf mit Stirnlampe ging es an den Abstieg nach St. Gervais. 1000 HM abwärts auf knapp 6 km...Und wenn wir gerade dabei sind: So blieb es den ganzen Lauf. Erst viele Meter hoch und dann, kaum geschafft, wieder viele Meter runter. Berglauf und Trail halt. Steil und anstrengend. Anstrengend und schön.

 

Toller Empfang in der kleinen Stadt St. Gervais. Da fiel uns ein, dass wir vergessen hatten Marco Olmo beim Aufstieg zu überholen. Er hatte wahrscheinlich Angst vor uns und deswegen nicht gewartet... Jetzt neben den vielen anderen Köstlichkeiten Bouillon. Endlich! 2 Teller geschlürft und ab in die Dunkelheit.

 

Etwas flach, bzw. das, was man beim Lauf flach nennt: Moderater Anstieg bis zum Beginn des eigentlichen Anstiegs. Der Col du Bonhomme wartete. Vorbei an der Hütte von La Balme. Kurze Rast, etwas gegessen und getrunken, Bouillon geschlürft und weiter. Hier begann der alpine Teil des Laufs. Kleinere Felsblöcke, steile, schmale Pfade, immer weiter hoch. Nur noch bis da oben zum Übergang, da muss es abwärts gehen. Aber ein Irrtum, nur eine kleine Zwischenstation, weiter hoch bis zum nächsten Übergang, wieder eine kleine Mulde und dann zum nächsten Übergang, eine anscheinend nicht enden wollende Zahl.

 

Aber auch deren Ende ist irgendwann erreicht und runter geht’s nach les Chapieux. Meiner Meinung nach der schwerste Teil der gesamten Strecke. Kleine, kleinste, steile, steilste Pfade, Wasser überall, schmierige, Wiesen, glitschige Wege, Bäche und kein Ende des Abstiegs erkennbar. Also immer weiter und versucht Haltung zu bewahren. 5 km und 900 HM Abstieg können so ziemlich lang werden. Die Ehrfurcht vor dem Lauf wächst. Aber wir sind gut gelaunt. Im Festzelt in Les Chapieux wieder die bekannten lockeren Sprüche und natürlich wieder Bouillon Hmmmmm. Mein Getränk.

 

Sehr zügiger Weg hoch in Richtung Col de la Seigne, zunächst auf einer breiten Teerstraße, dann bei der Ville des Glaciers ( 6 Häuser werden hier Stadt genannt) übern Bach und auf einen relativ breiten Bergweg. Jürgen drückt aufs Tempo. Ich hänge mich an den Schluss unserer kleinen Gruppe und habe das Gefühl, doppelt so schnell wie er laufen zu müssen, da ich immer zum Überholen eine passende Stelle abwarten muss um den Vordermann nicht zu behindern. Und das mittlerweile entstandene Loch muss ich dann zulaufen.

 

In der Hälfte des Berges, der Weg ist mittlerweile schmal und steil geworden, muss ich meinen beiden Kumpeln dann sagen, dass diese Tempo zu hoch für mich ist. Schließlich haben wir noch über 100 km vor uns und ich keine Lust mich jetzt schon zu verausgaben. Ich will ja ankommen. Ich weiß um die  Bedeutung der richtigen Kräfteeinteilung aus verschiedenen Bergtouren, die ich gemacht hatte.

 

Dieter nimmt meine Vorlage gerne auf und Jürgen lässt sich auch bremsen. Ich übernehme die Führung und gebe ein gleichmäßiges angepasstes Tempo bis oben hin vor. Während des Aufstiegs wird es hell und die Sonne scheint mit erster Kraft auf die umliegenden Gipfel. Gänsehaut, die xte ( und nicht letzte).

 

Oben am Col scheint sie dann richtig. Prächtiger Ausblick von hier oben auf die umliegenden Berge mit ihren Gletschern und unter und ein prächtiges Hochtal in vollem Sonnenlicht. Die erste Nacht ist also gut überstanden. Runter geht’s zum Refuge Elisabetta, der nächsten Verpflegung. 4 km und 500 HM abwärts.

 

Immer noch hatten wir gute Stimmung und ein lockerer Spruch jagte den nächsten. Genau so wie unten eine Portion Bouillon die nächste. Die Wasservorräte waren hier etwas knapp also musste  mehr Bouillon als gewöhnlich her. Ehrfurcht hatten wir immer noch vor der Strecke, wenn es auch gut bzw. bestens für uns lief. Wir definierten uns immer nur kleine Etappenziele, immer bis zur nächsten Verpflegung, verinnerlichten Entfernung, Profil, HM und Cut Off Zeit. So teilten wir die gesamte Strecke in kleine Abschnitte auf, freuten und beglückwünschten uns  gegenseitig beim Erreichen unserer persönlichen Etappenziele.

 

Wir wagten es nicht, vom Ziel in Chamonix zu sprechen, bzw. nicht davon, dass wir es in jedem Falle erreichen würden, wollten anscheinend vor uns selbst nicht überheblich wirken. Wir hatten immer noch Ehrfurcht vor der Strecke und wollten ihr auch mit dem nötigen Respekt entgegentreten wahrscheinlich auch um  kein Unglück zu provozieren....?

 

Nach der Verpflegung Elisabetta wieder ein knackiger Anstieg. Über 400 HM auf 2,5 km, allerdings wesentlich erleichtert durch einen herrlichen Ausblick auf die links von uns liegenden Berge .... Mittlerweile hatten wir an den Aufstiegen einen absolut gleichmäßigen, flotten Schritt gefunden. Die Aufstiege hatten so einen leicht meditativen Charakter erreicht und waren so sehr gut zu bewältigen. An Kraft und Ausdauer fehlte es uns nicht.

 

Mittlerweile lagen die vor uns liegenden Km Zahlen auch schon knapp im 2 stelligen Bereich.


Weniger als 100 km also ( nur) noch........

 

Runter nach Courmayeur, vorbei an den optischen Reizen am Maison Vieille, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte.....Wir gestatten  Jürgen hier nicht die von ihm spontan gewünschte längere Pause. Er musste mit uns  auf den steilen langen Weg hinunter ins Sportzentrum ( Daten: 1250 HM Abstieg auf 9 km Länge, Aua!) Unser erstes , großes Ziel war also erreicht. Km 77 somit fast die Hälfte der Strecke  und der HM.

 

Wir lagen gut in der Zeit, waren gut gelaunt, die Beine hatten eine gewisse Spannung , von Müdigkeit spürten wir nichts, obwohl wir jetzt schon 18 Stunden unterwegs waren.... Was sollte also passieren?


Hier haben wir unsere Kleider gewechselt, uns etwas gestärkt und weiter ging's Richtung Refuge Bertone. 800 HM auf 5 km. Halt noch eins vergessen: Die Bouillon zu erwähnen. Wie immer der Hochgenuss der Verpflegung! Wieder den Meditationsgang eingeschaltet und einen Fuß vor den anderen...

 

Am Beispiel für alle anderen Verpflegungsstellen möchte ich die Freundlichkeit der vielen, vielen Helfer am Beispiel der Benevoles am Bertone erwähnen. Kaum angekommen, nimmt dir jemand den Rucksack ab und füllt die Wasservorräte auf. Ein anderer fragt dich, was er zum Essen bringen soll, eine Helferin, was Du trinken willst. Du sitzt in der Sonne lässt Dich verwöhnen, die Helfer schuften, was das Zeug hält und sind immer freundlich und gut gelaunt.

 

Für mich mit die beeindruckendsten Erinnerungen des ganzen UTMBs!

 

Leute, die ihre Freizeit für uns Läufer opfern. Stundenlang in der Sonne, in kalter Nacht, in eisigem Wind stehen, immer ein gutes Wort und ein Lächeln auf den Lippen haben. Morgens um 5, nach stundenlanger Arbeit, ohne Schlaf, noch genauso freundlich sind, wie abends. Das kann ich nicht genug würdigen und bedanke mich an jeder Station bei einem der Helfer oder Helferinnen. Und sie bringen dir sogar immer das Zauberelixier, die Bouillon.....diese Engel mit  Suppenkellen! Ab hier begann Neuland für mich, denn länger als die 19 Stunden, die ich bis hierhin gebraucht habe, bin ich noch nie gelaufen....

 

Ab Courmayeur kannte ich die Strecke ja schon vom letzten Jahr. Es ging weiter auf einem Höhenweg, zur Linken das Panorama des Mont Blanc Massivs im strahlenden Sonnenschein....


Jetzt war ich gespannt zu erfahren wie es klappt, die gleiche Strecke wie im Vorjahr zu laufen, nach einer Einlaufphase von 77 km....

 

Und es ging überraschend gut. Wir liefen am Refuge Bonatti zum gleichen Zeitpunkt ein wie Marco Olmo in Chamonix. Hier wurde live von der Strecke berichtet und sein Sieg ausgiebig beklatscht.


Er war also 163 km in der gleichen Zeit gelaufen, wie wir 90 km und hatte nicht auf das Duell mit uns gewartet. Aber wir fühlten uns bisher auch als Sieger und würdigten seine unvorstellbare Leistung mit einem Applaus.

 

Hier wiederum ein sehr, sehr freundlicher Helfer, der uns anbot unsere Beine etwas mit kaltem Quellwasser über dem Brunnen zu kühlen. Tat das gut! Weiter auf dem Höhenweg Richtung Arnuva und wieder einen steilen Abstieg hinab zur Verpflegung. Essen, Trinken, Zähne putzen, und natürlich ein paar Portionen Bouillon, so machten wir uns gestärkt auf zum „Dach der Tour“, wie ich es im letzten Jahr beschrieben hatte...4,5 km und knapp 800 HM

 

Der Berg ist eigentlich relativ einfach, der Weg ist gut. Er ist halt steil und hoch. Aber das hatte ich ja gewusst und konnte mich schon gut darauf einstellen. Ein Fuß vor den anderen, immer wieder und wieder und oben waren wir. Tolle Aussicht, gegenseitiges Abklatschen und abwärts ging es. Nach ein paar Minuten konnte ich meinen Mitläufern verkünden, dass wir soeben die 100 km Grenze überschritten hatten. Ab jetzt begann für mich wiederum Neuland, denn weiter als 100 km war ich noch nie am Stück gelaufen. Es fühlte sich aber jenseits der 100 km genauso an wie diesseits der 100 km Marke. Also kein Problem. Auch bei meinen beiden Mitläufern nicht. Wir trugen den Kopf immer noch hoch oben und ließen keinen dummen Spruch aus.

 

Wir beeilten uns ein bisschen, denn ich wollte den Weg ins Tal, der im letzten Jahr sehr schmierig war, noch im Hellen bewältigen. Kurze Rast an der Alm von La Peule und weiter talwärts, Richtung La Fouly. Der Weg war trocken und gut laufbar, also alle Eile umsonst. Bis la Fouly hatten wir dann insgesamt wieder 1000 HM Abstieg hinter uns. So langsam merkten wir es in den Beinen. Aber nichts desto Trotz immer noch gut gelaunt.


Hatte ich eigentlich erwähnt, dass es in La Peule Bouillon gab? Ebenso wie in der Verpflegung La Fouly bei km 107. Mittlerweile hatten wir auch längst die 24 Stunden Marke überschritten, ein weiterer Meilenschritt in Richtung Ziel.

 

Ab in die Dunkelheit nach Praz de Fort. Ich beschrieb meinen Kumpeln die Strecke bis Champex als relativ einfach, so hatte ich sie zumindest in Erinnerung. Anscheinend hatte ich den steilen Anstieg nach Champex einfach verdrängt. (Im letzten Jahr hatte ich ihn als schwer beschrieben, wie ich jetzt im Nachhinein gelesen habe). Gott sei Dank machten mich meine beiden Begleiter nicht haftbar für dieses Versehen.

 

Jürgen bekam leider auf den Bergab Passagen Probleme mit dem Schienbein. Diese steigerten sich immer mehr. Er musste ziemliche Qualen leiden vermutete ich, sagte aber kein Wort. Dennoch war die Stimmung eigentlich gut nur etwas gedämpft durch unser Mitfühlen. Champex Lac, die große Verpflegung, erreichten wir nach dem unerwartet steilen Anstieg ( 400 HM auf 4 km) um 1 Uhr in der Nacht. Jetzt galt es zu beratschlagen. Was sollte Jürgen mit seinen entzündeten Schienbein machen? Ich wusste um die beiden folgenden schweren, harten, steilen und sehr langen Abstiege, die wir noch vor uns hatten, Bovine und Cartogne.

 

Ich traute mich nicht, ihm zum Ausstieg zu raten, wusste ich doch wie sehr er sich auf diesen Lauf gefreut und vorbereitet hatte. Außerdem wollten wir ja gemeinsam in Chamonix einlaufen....


Dennoch,  ich konnte ihm meine Einschätzung der Strecke nicht vorenthalten und riet ihm schweren Herzens doch auszusteigen. Ein Schock für ihn, den er erst mal verdauen musste. Gemeinsam suchten wir den Arzt auf. Auch dieser konnte nicht helfen und somit lag die Entscheidung ganz alleine bei ihm selbst. Und er tat sich, wie jeder Läufer nachempfinden kann, sehr schwer damit. Er gab sich einen Ruck und gemeinsam gingen wir zur Entwertung der Startnummer.

 

Jetzt war es passiert ! Er war unwiderruflich draußen. Unser Trio war zu einem Duo geschrumpft. Schade, wir fühlten und litten mit ihm mit. Jürgen musste alleine sein und ging direkt zum wartenden Bus nach Chamonix, wir machten uns auf den Weg zum Bovine.

 

Stimmung sehr gedämpft und gedrückt. Aber wir wussten wir hatten nur noch 2 große Berge und ein bisschen Flachland bis Chamonix vor uns. Als nächstes Ziel wurde so Trient ausgegeben, wir wagten es immer noch nicht vom Erreichen des Ziels in Chamonix zu sprechen, hatten ja auch gerade erlebt, wie schnell es gehen kann, dass man aufgeben muss.

 

Über den Bovine ist viel geschrieben worden. Ich muss aber sagen, dass dies ein Berg ist, der mir schon beim ersten Mal gefallen hat. Technisch anspruchsvoll und schwierig mit seinem Geröll, seiner Steilheit, der Blockkletterei, den Bächen, die man durchquert und mit einem herrlichen Finale (zuerst Bouillon und dann…) dem Blick auf das nächtlich erleuchtete Martigny, tief unter uns.

 

Abklatschen, gut drauf im Kopf, 700 HM Aufstieg hinter und 700 HM Abstieg vor uns, der Bovine war gemeistert. Wir waren schon stolz auf uns, diesen Berg so gut geschafft zu haben. Nur noch runter nach Trient und dann noch 1 Berg. Nur noch runter??

 

Das war wirklich härter als der Aufstieg, das Bergab wollte nicht enden. Zudem schlug beim Abstieg die Müdigkeit erstmals gnadenlos zu. Ich begann in der aufkommenden Dämmerung Wesen im Wald zu sehen, Gebäude, die nur kurz erschienen und verschwanden, Steine, die mich anlachten mit ihren Gesichtern, Baumstümpfe, die sich  in Menschen und wieder zurück verwandelten ....
Schon interessant, was das Gehirn sich zusammenreimt, wenn die Datenverarbeitung nicht mehr richtig funktioniert...Aber kein Wunder, denn wir waren ca. 36 Stunden unterwegs. Unterwegs am Wegesrand überall Läufer und Läuferinnen, die z.T.  an unmöglichsten Stellen ein Nickerchen machten. Einige schien der Schlaf während des Laufes überfallen zu haben und sie schienen gerade so zu liegen, wie sie hingefallen waren...

 

Trient begrüßte mich mit einem echten Marsmännchen, das für kurze Zeit am Straßenrand stand.


Höchste Zeit also für einen Kaffee und wieder ne Suppe zur Stärkung. Kein langer Aufenthalt, wir wollten den letzten Berg hinter uns bringen. Erstmals sprachen wir davon, Chamonix erreichen zu können, wenn wir Vallorcine  erreichen würden. Der folgende Aufstieg nach Les Tseppes ist zwar lang und steil aber sehr gut zu bewältigen, eine reine Fleißarbeit. Wieder.600 HM auf 3 km.


Meditatives Aufsteigen und oben waren wir. Der Begriff für Zeit hatte sich irgendwie verloren...

 

Abstieg, wiederum lang und steil runter nach Vallorcine, entlang der Häuser von Cartogne. Dieses Jahr war der Abstieg irgendwie leichter als letztes Jahr, nicht so schmierig aber vom Gefühl her wesentlich länger. Da merkte ich doch die Erschöpfung, nach den vielen, vielen km und Stunden.


Vallorcine, unser Etapppenziel war endlich erreicht. Strahlen in unseren Augen, gegenseitiges Beglückwünschen. 146 km lagen hinter und nur noch 17 km vor uns!

 

Jetzt erst sprachen wir davon, dass wir Chamonix mit allergrößter Sicherheit erreichen würden.


Also nach schon obligatorischer Bouillon wieder auf die Strecke, Richtung Argentière. Einen Großteil der Strecke konnten wir sogar richtig laufen In einem, für unsere Verhältnisse, doch hohen Tempo.

 

Aber immer müder, der Schlafmangel begann doch zu zehren: Beim Einlaufen in Argentière macht die Strecke einen scharfen Rechtsknick. Dieser ist mit rot-weißen Flatterbändern abgesperrt und markiert. Beide, ja wirklich beide, liefen wir geradeaus und krabbelten wie selbstverständlich unter den Bändern durch... Erst 5 m später wachten wir auf und uns ging erst jetzt auf, was da gewesen war, warum die Bänder gespannt waren... also zurück wieder unter den Bändern durch, auf die Strecke und weiter. Wir nahmen es mit Humor, lachten über unseren geistigen Aussetzer und feierten ihn mit einer Extra Portion Bouillon an der Verpflegung. Nur noch 10 km und kein Berg mehr vor uns, lediglich ein paar Wellen.

 

Ab in den Wald, die Strecke führte auf die Balcon de Chamonix. Dies bedeutete, dass es also hoch ging. Das war ja nicht weiter schlimm, nur hatten wir keine aber auch gar keine Lust mehr auf den folgerichtig bevorstehenden Abstieg...

 

Die Strecke ab Argentière erlebte ich sowieso ein bisschen in Trance, drohte beim Laufen einzuschlafen, die Müdigkeit schlug unbarmherzig zu. Abwechselnd beim Laufen mal ein Auge geschlossen, wenigstens eins konnte dann immer schlafen.

 

Den Lauf genossen wir aber weiterhin, waren noch gut drauf im Kopf, sehnten aber dennoch langsam das Ziel herbei. Schier endlos zog sich der Weg bis Chamonix... Endlich, endlich nach langer monotoner Strecke erreichten wir die Parkanlagen von Chamonix. Um Abkürzer zu entdecken, hatte die Organisation 2 oder 3 kleine Kontrollpunkte entlang der Strecke auf den letzten 10 km versteckt. Eine gute Idee.

 

So langsam begannen wir zu verstehen, dass wir bald da sind. Bereits jetzt schon Gratulanten an der Strecke. Wir beschlossen den Zieleinlauf ganz alleine zu genießen und ließen eine Gruppe noch vor, überholten eine andere, die sich schon vor dem Ziel zusammen mit ihren Freunden das Feiern begann. Am Sportzentrum vorbei und schon waren wir alleine in dem langen Zielkanal, der quer über einen großen Platz mitten in die Fußgängerzone führte....

 

Und da war es, wie ich es im letzten Jahr gesehen und für den heutigen Tag erwartet hatte. Begeisterung, Jubel und nur für uns beide. Danke, merci, Strahlen, Winken.


Gaaanz langsam joggten wir um es auskosten zu können. Stöcke hoch, Abklatschen und er stand  vor uns, der Zielbogen, L'Arivée.

 

Links davor unsere Kumpels, allen voran Jürgen, mit dem wir so gerne gemeinsam eingelaufen wären. Kurzes Abklatschen und die letzten 5 m noch genossen.

 

Wir hatten es geschafft. Mannohmann, bis ins Ziel, ins Ziel des UTMB. War das ein  Gefühl. Mächtig stolz nahmen wir die Glückwünsche der Organisatoren und unsere Finisherjacke entgegen. Unfassbar. Wir hatten alle km geschafft, alle HM bewältigt, keine Verletzung erlitten, einfach auch Glück gehabt.

 

Glückwünsche von der ganzen Truppe, die auf unserer Hütte geschlafen hatte. Eric und Jens waren  eine halbe Stunde vor uns angekommen und strahlten mindestens genauso wie wir. Kann es einen schöneren Zieleinlauf geben?????  Ich wusste die Antwort für mich!

 

Gleich  dem ersten Hinsetzen schlug die Müdigkeit dann derartig zu, dass ich fast auf der Stelle eingeschlafen wäre. Machte mich also auf den Weg in den Ruheraum um ein Stündchen zu schlafen. Frank versorgte mich rührend mit Getränken. Kaum lag ich auf dem Bett schlief ich den tiefen, festen Schlaf eines Finishers, bis mich ein mittleres Erdbeben weckte. Die Organisation brauchte den Platz, auf dem die Ruhebetten gestanden hatten und die nette Dame musste anscheinend alle ihre Kraft aufwenden um mich wach zu rütteln....

 

Kurze Orientierungsprobleme, Duschen, etwas Essen und im Gänseschrittt zurück ans Auto. Gehen ging aufgrund einer schönen Blase unter dem Fussballen nur recht langsam. Aber sonst ging's mir gut..

 

Abends noch zum Gala Buffet. Ein weiteres Highlight der Veranstaltung. Jens Lukas gratuliert, den Lauf Revue passieren lassen, eine schöne Erfahrung, egal ob schneller Läufer wie er oder langsamere wie wir, man erkennt die Leitung der anderen an.

 

In der folgenden Nacht folgte ein tiefe Ohnmacht. Am nächsten Morgen ließ ich mir dann gleich von Eric, der im Bett gegenüber schlief, vorlesen, was auf meiner Jacke stand:

 

FINISHER also wirklich!

 

Jürgen hatte seinen Ausstieg verarbeitet und realisiert, dass dies die beste Entscheidung unter diesen Umständen war. Er wäre nicht mehr auf eigenen Füßen vom Bovine heruntergekommen. Toll an unserer spontan zusammengefundenen Lauftruppe war, daß wir zu jedem Zeitpunkt die Stimmung hoch halten konnten. Es gab kein Klagen über die Härte des Laufes, die Schwierigkeit der Strecke oder die Steilheit irgendwelcher Auf- oder Abstiege. Wir konnten  Lauf ,  Landschaft und die gute Stimmung an der Strecke und im Feld richtig genießen. Der Kopf war stets oben auch wenn's mal extra anstrengend war unterwegs. Wir fühlten mit Jürgen mit, er freute sich mit uns.

 

Natürlich hatte er eine Rechnung mit dem Berg offen und begann Mitstreiter zu suchen für's nächste Jahr. 5 stolze Jackenträger saßen dann beim Frühstück, allesamt mit chronischem Dauer-Strahlen im Gesicht. Ich wagte es noch nicht zu sagen, wusste es aber insgeheim bereits:


Nur einmal drumrum ist zu wenig. Ganz sicher.

 

Informationen: Ultra Trail du Mont Blanc (UTMB)
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