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Laufberichte

Alles ist relativ

27.08.06

Eine praktische Anwendung der Speziellen Relativitätstheorie

 

Als ich zum vierten Mal zum Ultratrail du Tour du Mont-Blanc aufbrach, hatte ich ein Buch über die Spezielle Relativitätstheorie im Gepäck. Seit meiner Schulzeit habe ich mich nicht mehr damit befasst, außer Sonntagabends, wenn Professor Lesch 15 Minuten über unser Universum in der Sendung „Alpha Centauri“ spricht. Die Effekte, die die Spezielle Relativitätstheorie beschreibt, sind für uns im Alltag praktisch nicht wahrnehmbar, sie kommen erst bei Geschwindigkeiten, die sich der Lichtgeschwindigkeit annähern, zum Tragen. Dachte ich...

 

Vor dem Urknall 

 

Beim ersten UTMB hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukam. Am Tag vor dem Lauf hatte ich mit meinem Freund Erich bei heißem Sommerwetter noch eine kleine Bergwanderung unternommen. Mein einziges Paar Laufschuhe hatte ich vor’s Zelt gestellt und wie es ja zu erwarten war, kam nachts ein Gewitter mit strömendem Regen. Die Schuhe waren voll Wasser. Nachdem der Start damals noch um 4 Uhr morgens war, musste ich also mit völlig nassen Schuhen antreten. Im Verlauf des Tages regnete es weiterhin und die Blasen an meinen Füßen wurden immer größer. Auch Erich bekam Blasen. Trotzdem hatten wir viel Spaß auf der Strecke. Am Maison Vieille vor dem letzten Abstieg haben wir entschieden, aufzuhören. Wir haben dann erst mal richtig gute Nudeln mit viel Knoblauch gegessen und ein Gläschen Wein getrunken, danach sind wir gemütlich nach Courmayeur abgestiegen. Ich mache dem Zeitnehmer klar, dass der Lauf für uns hier endet. Daraufhin erklärt er mir, dass der Lauf sowieso beendet ist, da das Zeitlimit wegen des schlechten Wetters vorgezogen wurde und wir 13 Minuten darüber sind.

 

Erich und ich haben uns vorgenommen, von nun an jedes Jahr dabei zu sein. Bei der zweiten Ausgabe wird das Zeitlimit von 38 auf 44 Stunden verlängert. Nun gibt es auch für uns eine Chance zu finishen. Maria, meine Frau, ist auch angemeldet.

 

Leider können Maria und Erich nicht mitlaufen, so gehe nur ich an den Start. Die Vorbereitung hat gestimmt, die Schuhe sind trocken, das Wetter traumhaft. Gestartet wird jetzt um 20 Uhr. Der Lauf ist genial! Vollmond und keine Wolke am Himmel. Alles läuft nach Plan bis nach Italien. Die Hütte vor Courmayeur ist mir in guter Erinnerung geblieben und ich mache meine große Pause dort. Gut gestärkt rolle ich bestens gelaunt nach Courmayeur hinunter. Dort nur kurz umziehen und weiter. Beim folgenden Anstieg in der Mittagshitze spüre ich die Freiheit und die Grenzen des Ultraläufers. Du kannst alles machen, nur eines nicht: Aufgeben! Irgendwie komme ich oben an und erhole mich wieder.

 

Der weitere Weg bis nach La Fouly ist einfach. Das Wetter bleibt unverändert gut und warm. Bis Praz de Fort laufe ich mit einer kleinen Gruppe, dann kann ich nicht mehr mithalten. Den ganzen Aufstieg nach Champex muss ich nun alleine durchstehen. Es ist furchtbar. Ich unterlag einer optischen Täuschung. Die Lichter am Berg, die ich von unten sah, sind nicht die von Champex. Ich bin schon höher und der weg geht auch noch in die falsche Richtung. Ich habe mich verlaufen, denke ich. Kein anderer Läufer weit und breit. Das Ende naht. Trotzdem gehe ich weiter und tatsächlich komme ich in Champex-Lac an. Die Verpflegung ist allerdings in Champex d’en Bas, kann ja nicht weit sein. Ich latsche so weiter, friere, meine Lampe geht fast aus und meine Motivation sinkt auf den Nullpunkt. Soll ich aufhören? Aber das Schicksal ist mir gnädig und schickt mir Inge, eine österreichische Läuferin, die ich beim Marathon des Sables kennen gelernt habe. Sie hat aufgegeben. Aber du gehst schon weiter, oder? Na klar! Eine Bratwurst, ein Bier, einmal Duschen und ich gehe tatsächlich weiter.

 

Wieder ein Anstieg, der mental alles von mir fordert. Viele Brocken und Stufen, durch Wasser und unter Bäumen ist der Anstieg nach Bovine wohl das schwierigste Stück. Oben treffe ich Olaf, dessen Lampe streikt. Er bekommt meine Ersatzlampe. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Wir gehen so ein paar Stunden weiter. Der Blick von Bovine ins Rhônetal ist einmalig. Nun hat mich die Müdigkeit voll gepackt, die Blasen schmerzen, aber ich bin nicht allein. Ausser Olaf habe ich ja auch Maria, die mich dreimal am Tag anruft.

 

Plötzlich gehört der Lauf mir. Hochstimmung! Vom Col du Montet rufe ich Maria an: „In einer Stunde bin ich da!“ Mein Gott, wie kann man so naiv sein? Was nutzt es Einem, wenn man schon über 8200 Höhenmeter hinter sich hat und nur noch 300 vor sich? Wer hat sich das Schlussstück ausgedacht? Nach zwei Stunden treffe ich Maria und nach einer weiteren erreiche ich endlich das Ziel in knapp 43 Stunden: „Vous êtes un finisheur!“ Das Abschlussbuffet fällt aus, ich will nur noch schlafen..

 

Beim dritten Anlauf sind wir alle drei am Start. Wieder ist gutes Wetter und wir kommen gut voran. Erich und ich haben schon viele Bergtouren gemeinsam gemacht, das kommt uns zu Gute, Maria dagegen kämpft tapfer beim 1500 Höhenmeter tiefen Abstieg nach Les Chapieux. Er ist nicht nur lang, sondern auch feucht und rutschig und die Oberschenkel müssen ihr Bestes leisten. Wir lassen es weiterhin ruhig angehen, gehen gemütlich weiter und schaffen alle Zeitlimits bis zum Maison Vieille. Uns ist klar, dass wir in Courmayeur den Lauf aufrechten Hauptes beenden werden. Erich kommt bis Arnuva und beendet den Lauf dort.

 

Damals habe ich zum ersten Mal an die Relativitätstheorie gedacht. Wäre der Lauf als 72km Lauf von Chamonix nach Courmayeur ausgeschrieben gewesen, wir wären überglücklich ins Ziel eingelaufen. Hier hatten wir nur die knappe Hälfte geschafft, jedoch waren wir in der Wertung, für die Courmayeur als Minimalziel erforderlich war. Alles ist relativ.

 

Der Urknall

 

Beim vierten Anlauf geht wieder Erich mit an den Start. Unsere Mädels begleiten uns zum Place du Triangle de l’Amitié. Wir sind bestens gelaunt am Start, hinter uns stehen Spanier mit einer riesigen Fahne. Wenn sie ins Bild der Livekamera kommen, singen sie aus vollem Halse. Die Bilder werden auf eine Großleinwand vor uns übertragen. Als dann Conquest of Paradise beim Start gespielt wird, habe ich wie jedes Jahr Gänsehaut.

 

Dann der Urknall, der Beginn der Zeit. Sofort beginnt das Läuferuniversum mit der Expansion. Im Gegensatz zum Universum erfolgt die Ausdehnung jedoch stringförmig durch den Startkanal, das wie ein schwarzes Loch alle Läufer in sich aufsaugt und wie einen Jetstream wieder ausspuckt. Nach drei Kilometern verliere ich Erich in der dunklen Masse der über 2000 Läufer. Nun befinde ich mich in meinem eigenen kleinen Koordinatensystem. Trotz der vielen Läufer um mich herum, laufe ich sehr in mich gekehrt. Ich bin gut vorbereitet, sowohl körperlich, als auch mental.

 

Der gekrümmte Raum

 

Bis nach Les Houches bewegt man sich näherungsweise im zweidimensionalen Raum ohne nennenswerte Höhenunterschiede. Man kann man gut laufen, vorausgesetzt, man befindet sich nicht gerade im Stau, der immer wieder entsteht. Die dritte Dimension kommt beim Aufstieg zum Col de Voza ins Spiel. Oben ist es noch gerade hell. Ich ziehe ein langes Shirt an und laufe gleich weiter. Bis hierhin ist die Strecke breit und einfach.

 

 
Auf dem Weg zum Col de Voza
© marathon4you.de

Auf dem Weg nach Les Contamines kommt es aufgrund der zahlreichen Teilnehmer auf dem nun teilweise schmalen Pfad zu Stauungen, aber es geht langsam weiter. So spart man Körner für das, was noch kommt. Kurz ein paar Snacks und weiter. Noch ein paar Kilometer, bis es endlich wieder berauf geht. Der lange Anstieg zum Croix du Bonhomme steht an. Es ist unglaublich, was um diese Zeit für Zuschauer an der Strecke sind, um die Läufer anzufeuern. Genial!

 

La Balme, wieder nur kurz etwas zu Essen und Trinken und weiter. Zügig komme ich zum Col du Bonhomme. Diesmal habe ich Stöcke mit eingeklickten Schlaufen, sodass ich sie bei Bedarf schnell abnehmen kann. Das zahlt sich hier schon aus. Der Abstieg nach Les Chapieux ist wie immer feucht und matschig und wer nicht aufpasst oder zuviel bremst rutsch leicht aus. Kein Problem, bald bin ich unten. Und genieße die 3 B’s: Boullion, Brot und ein Bier.

 

Was für ein Himmel! Sternenklar, die Sterne erscheinen viel näher als zu Hause und auch zahlreicher. Direkt vor mir eine Sternschnuppe! Ich fühle mich wie die Heiligen Drei Könige, die Sternschnuppe war genau in Richtung Courmayeur gefallen. Ist das nicht ein gutes Omen?

 

Voller Energie marschiere ich zum Ville des Glaciers und weiter hinauf zum Col de la Seigne. Diesmal lasse ich mich nicht beeindrucken davon, dass es, nachdem man sich schon oben glaubt, noch mal solange weiter nach oben geht. Der Blick zurück gleicht dem der Astronomen. Beim Blick in den Sternenhimmel sieht man wegen der endlichen Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts in die Vergangenheit. Hinter mir reiht sich eine Lichterkette auf soweit man sehen kann. Als wäre es das Licht meiner Stirnlampe, dass meinen Weg der letzten zwei Stunden begleitete. Um fünf Uhr morgens bin ich oben. Ein eiskalter Wind kommt nun massiv von hinten. Trotz der Handschuhe sind meine Finger steif gefroren. Erst als ich tiefer ins Tal komme, tauen sie wieder auf. Im Gegensatz zu den Vorjahren bin ich fit genug weiter zu joggen und auch der folgende Anstieg fällt mir leicht.

 

 
Einlauf in Courmayeur
© marathon4you.de

Meine Lieblingsraststation hat heuer wieder alles übertroffen. Nicht nur das Verpflegungsbuffet ist wieder vom Feinsten. Als ich mich kurz hinsetze, um ein Steinchen aus meinem Schuh zu schütteln, dröhnt plötzlich arabische Musik in voller Lautstärke los und kaum traue ich meinen Augen, eine Bauchtänzerin erfreut uns mit ihrer Darbietung. Jetzt aber nichts wie weg, sonst bleibe ich ganz hier! Gleich danach verstehe ich nun auch die Vorstellung der Allgemeinen Relativitätstheorie, nach welcher der Raum gekrümmt ist, wodurch die Gravitation entsteht. Genauso zieht es mich wie von selbst hinunter nach Courmayeur. Hier nur eine kurze Rast, umziehen, ein Joghurt und weiter.

 

Längenkontraktion und Zeitdilatation im vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum

 

Jetzt geht der Lauf richtig los. Ich gehe gleichmäßig aber stetig den eineinhalbstündigen Aufstieg zum Refuge Bertone. Erstaunlich gut komme ich oben an und lerne Markus kennen. Er erzählt mir, dass er meinen Artikel „Im Nordic Walking Schritt um den Mont-Blanc“ in seiner Vorbereitung auf seinen ersten UTMB auswendig gelernt hat. Obwohl wir nicht zusammen weitergehen, sehen wir uns immer wieder bis Arnuva. Das folgende Stück erscheint lang, länger als es ist. Das ist die Längenkontraktion. Ja, je schneller sich ein Objekt relativ zu einem Beobachter bewegt, desto kürzer erscheint seine Länge laut der speziellen Relativitätstheorie und desto langsamer läuft die Zeit. Beim Laufen ist es genau anders herum: je langsamer man wird, desto länger kommt einem die Strecke vor und umso mehr Zeit vergeht!

 

Für den sieben Kilometer langen Abschnitt bis zum Refuge Bonatti brauche ich zwei Stunden. Aber, jeder Streckenabschnitt ist endlich und so komme ich auch in Arnuva an. Ich muss mich einfach einmal flach auf den Boden legen, die Wirbelsäule dankt es mir mit einem freudigen Knacken.

 

Dualität von Welle und Teilchen

 

Schließlich folgt der Anstieg zum Grand Col Ferret auf einfachem Weg, die  Schweiz ist erreicht! Leider fängt es nun an zu regnen. Über dem Mont-Blanc-Massiv konnte man schon seit Stunden verfolgen, was zu erwarten ist und so kommt es auch. Bis nach La Fouly gießt es wie aus Eimern. Die Dualität von der Welle, auf der ich zeitweise getragen werde, wenn ich mich im Runners High befinde und dem mit träger Masse behafteten Teilchen meines Körpers, dass von meinem inneren Schweinehund zum Aufhören aufgefordert wird, schleudert mich durch einen ständigen Wechsel der Gefühle und Gedanken.

 

Die Minimalanforderung für das Classement ist in La Fouly geschafft. Viele hören hier auf, aber das macht keinen Sinn, die Busverbindung  nach Chamonix ist nicht gut, weil man umsteigen muss. Also weiter im Regen. Nun kommt die einzige etwas ausgesetzte Passage auf dem Weg nach Praz de Fort und es wird ziemlich matschig. Bei Tageslicht geht es noch ganz gut, die später im Dunkeln Nachfolgenden haben es schwerer. Ein letztes Mal setzt sich der Wellencharakter durch. In Praz de Fort nimmt mich spontan eine Zuschauerin in den Arm und küsst mich. So wie ich nach 24 Stunden UTMB gestunken haben mag, hat sie sich bestimmt gleich danach geduscht!

 

Der Motivationsschub hält leider nicht lange an. Seit Stunden schon macht mein Magen Probleme, bisher habe ich es ignoriert. Sicher habe ich zuviel gesüßte Getränke zu mir genommen. Mein Massendefekt liegt schätzungsweise bei rund vier Kilogramm, ein Viertel davon, so schätze ich, ist verstoffwechseltes Fett, dreiviertel Wasserverlust. Die Halsschmerzen beim Schlucken wären nicht so schlimm, aber ich befürchte, dass es schlimmer wird. Leider habe nur zwei Tage Urlaub nach dem Lauf genommen und gleich danach wieder Termine im Kalender. Krankwerden darf ich nicht. So bröckelt meine Motivation dahin. Der Aufstieg  nach Champex ist aus meiner Sicht mental das schwierigste Stück des gesamten Laufs. Ich marschiere in einer Gruppe im Gänsemarsch mit. Keiner will überholen, allen geht es gleich. Endlich kommen wir in Champex an und werden gleich begrüßt. Nur noch ein paar Hundert Meter und das Zelt ist erreicht.

 

Der Kollaps

 

Dort ist die Hölle los nachts um kurz vor elf. Ich habe kaum Platz zum Sitzen, geschweige denn mich umzuziehen. Aufgegeben hab ich noch nicht. Ich versuche zu entspannen, hab mir Nudeln und ein Bier geholt. Ständig rempelt mich jemand an, scheinbar habe ich gerade einen Platz an einem Durchgang erwischt, aber sonst war nichts frei. Der Imbiss führt auch nicht dazu, dass ich mich besser fühle, im Gegenteil. Und so entscheide ich, den Lauf hier zu beenden.

 

Mein UTMB Universum stürzt in sich zusammen. Das Ende der Zeit. Es hat 27 Stunden existiert und eine Ausdehnung von 117 Kilometern und 6600 Höhenmetern erreicht. Aber auch das ist relativ. Es ist ein vorzeitig beendeter Lauf, zwar in der Wertung, aber doch nicht gefinisht. Beim Grand Raid Cro Magnon über 102 Kilometer und 5000 Höhenmetern habe ich mich toll gefühlt im Ziel. Hier bin ich viel weiter gekommen, aber doch nicht ans Ziel. Ich befinde mich ein paar Tage in einem schwarzen Loch. Die Niederlage, die keine war, ist schwer hinzunehmen. Mein Entschluss ist gefallen:

 

Nächstes Jahr wird es wieder einen Urknall geben und meine Welle wird wieder dabei sein.

 

… als ob Einstein und Konsorten eine Ahnung vom Ultralauf gehabt hätten.

 

Informationen: Ultra Trail du Mont Blanc (UTMB)
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