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Laufberichte

Auf die Gurke, feritg, los!

19.04.09
Autor: Maike Mai

7. Spreewald Marathon 19. April 2009

Sieben ist meine Lieblingszahl. Und das sollte mein 7. Marathon sein. 
Ausgerechnet der 7. Spreewald Marathon. Umso mehr freute ich mich, da dieser in der ehemaligen Heimat stattfinden sollte. Aufgewachsen in der Oberlausitz, kann man dies zumindest als weitläufige Heimat bezeichnen.

So ging es bereits am Freitag auf die Reise. Der TV Goldbach, geographisch unweit von Aschaffenburg gelegen – und allen voran der Initiator und engagierte Sportler Andreas Hasenstab - hatten wie jedes Frühjahr eine Marathonreise organisiert und unser Bus von Sterntaler Reisen war bis auf den letzten Platz mit 60 Läufern und Laufbegeisterten besetzt. Für mich war es nach Dresden 2007 und Rotterdam 2008 die dritte Marathonreise.

6 Uhr in der früh trafen sich alle pünktlich am Vereinsheim und los ging es acht Stunden in den Osten Deutschlands. Die Fahrt verlief sehr kurzweilig, man traf Laufkollegen und es gibt immer eine Menge über Sport zu plaudern.

Neben mir sitzt mein Lauffreund Kalli Flach (71), ein Urgestein in der Ausdauerszene, er inspirierte mich für den ersten Marathon und begeisterte mich für Triathlon.

Gegen Mittag erreichten wir Cottbus. Im Hotel Radisson, unweit des Bahnhofs, hielten wir Quartier. Klasse Hotel mit moderner gehobener Ausstattung, reichhaltiges Frühstücksbuffet, warmherzige Menschen, Hallenbad mit Sauna, Wohlfühlbetten ... absolut zu empfehlen! Und mit Hotels kenne ich mich wirklich aus, denn als Schauspielerin mit langzeitiger Tournee-Erfahrung besuchte ich so manchen Fremdenhof in Deutschland, Schweiz, Österreich und Luxemburg.

Nachdem die Zimmer verteilt wurden und wir uns ein wenig eingerichtet hatten, stand eine 1,5 h Stadtführung durch Cottbus auf dem Programm. Die Stadt hat einiges zu bieten. Die Strassen sind großzügig angelegt, fast alle Gebäude erstrahlen in renovierter Optik und es gibt unzählige Parkanlagen. Fürst von Pückler, den meisten bekannt durch das nach ihm benannte Pückler-Eis, hat hier landschaftskünstlerisch gewirkt.  Natürlich besuchten wir auch die Bronzefigur des Cottbusser Postkutschers. Gleichwohl wurde ich ein wenig traurig; so eine unerwartet erblühte Stadt mit so wenigen Menschen.

Es ist Samstag, die Vorfreude auf den bevorstehenden Lauf ist prächtig. Am Vormittag fahren wir in den Spreewald, dort wird die gesamte Gruppe auf drei Kähne aufgeteilt. Sehr unterhaltsam werden wir zwei Stunden durch die unzähligen Kanäle gegondelt. Hier ist es so idyllisch, dass alle anmutig den Geschichten des Gondolieres lauschen. Meine Sportskameraden haben verzauberte Augen und werden ganz still vor landschaftlicher Schönheit. Auch ich genieße immer wieder die wundersame Atmosphäre der verzweigten Wasserwege inmitten von sattgrünen Wiesen und die typischen Häuschen mit sorbischem Einfluss. Seit DDR-Zeiten hat sich hier nicht wirklich was verändert, die natürliche Flusslaufverzweigung der Spree zieht ihre allgegenwärtige Bahn, nur früher war es hier viel menschenvoller und man musste ewig für eine Kahnfahrt anstehen. Die Landschaft des Spreewaldes mit ihren freundlichen Bewohnern ist schlichtweg einzigartig.

Auch kulinarisch hat der Spreewald einiges aufzuweisen, wir probierten uns durch die große Auswahl von Spreewaldgurken bis hin zum ausgehobenen Gurkenbrot. Ich kaufe ein Honigbärchen, weil es mich an meine Kindheit erinnerte.

Alsdann holten wir in Burg unsere Startunterlagen. In der Tüte entdecke ich einen „Uralt-Laufchip“ von beträchtlicher Größe und Gewicht. „Oh jeh“, denke ich und mein rechtes Bein erlahmt jetzt schon vom Übergewicht des eingebundenen Chips im Senkel des Laufschuhs. Das alles war aber nicht wirklich schlimm, denn die Betreuung war superb charmant und die Ausrichtung dieses Events überaus reizend und familiär. Betrachtet man zudem die Startgebühr, so erhellt sich augenblicklich so manches Sportlerantlitz im Vergleich zum Obolus bei manchem Städtemarathon.

„Auf die Gurke fertig los!“, lautet das Motto des Spreewald Marathons.
Es ist Sonntagmorgen. Meine Nacht war erholsam, ich fühle mich munter und bin frohen Mutes. Vorgenommen habe ich mir nichts, einen Marathon ist man erst im Ziel gelaufen, aber wenn ich locker durchlaufe, sind 4:10 h immer drin.

Nach dem Frühstück und dem Auschecken vom Hotel geht’s gemeinsam nach Burg zum Start. Bevor um 10.30 Uhr der Startschuss knallt, gibt’s den immerwährenden Toiletten- und Kleiderabgabe-Stress.  Aufgeregt reihe ich mich in die unendliche Schar von Läufern. Ich stehe gern so einige Minuten und genieße die Wärme zwischen den dicht gedrängten Menschen, die alle dieselben Gedanken haben. Man spricht ein paar Worte miteinander, wünscht sich einen guten Lauf.

Der Countdown läuft und meine gelbe Triathlonuhr wird auf RESET gestellt. Peng!!! Es geht los. Bis ich über die Startlinie laufe vergeht eine Minute. Das ist nicht wirklich viel. Beim Frankfurt Marathon können das schon mal 12 min sein.

Die ersten Kilometer wusel ich mich durch das dichte Feld, weil die 10 km Läufer und die Halbmarathonis mit uns starten. Der Asphalt ist soft und eben. Nach einigen Kilometern löst sich der erste Teil und die „Langstreckler“ sind unter sich. Ich überhole meinen Sportsfreund Tommy Tippe und überlege kurz, ob ich nicht zu schnell unterwegs bin. Mein Laufgefühl sagt „prima“ und weiter geht’s unter bedecktem Himmel und frischem Wind. Ich sehne mich nach Mittagssonne und großer Hitze.

 
Spreewald
© marathon4you.de 3 Bilder

Laufen ist einfach ein fantastisches Gefühl, ich lächel die ganze Zeit vor mich hin und kann mir noch nicht wirklich vorstellen, dass irgendwann die Beine schwer werden. Weiter geht’s auf geschotterten Waldwegen mit kleinen Brücken über die Wasserläufe der Spree.

Ein Stückchen begleitet mich ein Halbmarathoni  aus Potsdam, er hat es gleich geschafft, denn bei km 19 trennen sich die Wege. Die 21ger gehen auf die Ziellinie, der Rest in die 2. Runde. Fans von unserem Verein TV Goldbach stehen am Wiesenrand mit Transparenten und feuern die Läufer mit Beifallsrufen an.

So. Die Hälfte liegt hinter uns, ich wage einen Blick auf die Uhr und bin ganz zufrieden. Das Läuferfeld zieht sich jetzt weit auseinander. Eine Weile laufe ich mit einer Frau zusammen. Schweigend. Mit dem gleichen Schritt- und Atemrhythmus, als wären wir eins. Ich hole ein Sportgel aus dem Ärmel und sauge in Minieinheiten das süße Etwas aus dem Plastiktütchen. Mittlerweile genieße ich diese Art von Energielieferanten, momentan steh ich auf Himbeergeschmack. 5 km Zeit vergehen dabei, die Sonne kommt heraus und mir wird endlich warm. Nur noch diese Runde. Ich mag das mit den Runden, man weiß, was noch vor einem liegt aber vor allem was man schon geschafft hat.

Das nächste Kilometerschild zeigt 25. Tommy überholt mich mit einem Läufer aus Berlin. Wir wechseln fröhliche Worte und weg ist er. Ich freue mich für ihn weil ich weiß, dass er sich gut vorbereitet hat. 

Dann bin ich wieder allein unterwegs. Mein eigenes Tempo weiter laufend schaue ich Gedanken verhangen in die grüne Landschaft. Der Weg wird wieder steinig und es kommen die hölzernen Stege über die Bäche und Wasserläufe der Spree. Ich spüre beim Anstieg die Kraftaufwendung in den Beinen und beim herunter laufen meine Muskeln.

Nach geraumer Zeit entdecke ich in der Ferne ein Kilometerschild mit einer 3 an erster Stelle. Kommt diesmal der berühmt gefürchtete Mann mit dem Hammer? Erfreulicherweise habe ich mit jenem noch nie Bekanntschaft geschlossen. Bei mir ist es eher immer so, dass ab km 32 ein Marathon überschaubar wird, weil nur noch ein einstelliger Teil zu laufen ist. Das beflügelt mich und treibt mich voran.

Ein Läufer geht, scheinbar leidet er unter Wadenkrämpfen. Am Wegesrand stehen vereinzelt Häuschen und hin und wieder zeigen sich Menschen entlang der Strasse, die Beifall klatschen. Ansonsten ist es still. Ich mag das sehr, denn man wird nicht permanent von ohrenbetäubenden Schalmeien und lärmenden Rasseln erschrocken.

Bis km 36 vergeht die Zeit rasch. Ich freue mich auf die nächste Verpflegungsstation, denn an diesem Punkt gönne ich mir immer ein H2O- Cola-Gemisch. Das trinken aus Plastikbechern ist gar nicht so einfach. Selbst im Schleichgang mit zugehaltener Hand über der Öffnung hat man beim trinken gewisse Schwierigkeiten.

Kein Tiefpunkt. Kein Hammermann. Na so etwas! Nun merke ich aber meine Beine, sie sind schwer und wollen nicht mehr so wie ich es gerne möchte. Okay. Locker durchlaufen ... locker durchlaufen ...  spreche ich auf meine Schritte. Immer wieder und immer wieder. Es sind ja nur noch 5 km, 4 km, 3 km. Die letzten Meter laufen sich eh von allein,  getragen von den Freuden bezeugenden Zuschauern links und rechts der abgesperrten Strasse.

Auf der weiten Zielgeraden sehe ich Tommy vor mir, er wird zum ersten Mal unter 4 Stunden bleiben. Super!

Locker durchlaufen, Maike. Von weitem sehe ich die Uhr mit der grünen Anzeige. Sie zeigt irgendwas von 3:55. Also packt mich hier doch noch der Ehrgeiz, unter 4 Stunden ins Ziel zu kommen. Kraft und Kondition sind auch noch vorhanden. Ich laufe und laufe und laufe. In diesem Augenblick siehst du nur noch das Zielbanner, was näher und näher rückt. Menschen jubeln. Ein Ansager spricht durchs Mirkophon, was er sagt, kriegst du gar nicht mit, allenfalls deinen Namen. Die Beine fliegen nur so dahin und man hat ein Gefühl von Schwerelosigkeit.

Und dann ist es plötzlich vorbei. So schnell wie die Ziellinie näher kommt, so schnell stehst du zwischen den anderen strahlenden Finishern. Sportsfreunde schütteln dir die Hand, machen Fotos und du bekommst ein Monstrum von Gurke um den Hals gehangen, welches dich ob der bleiernen  Schwere augenblicks in die Knie sinken lässt.

Alsbald gehe ich zum Getränketisch und plaudere mit dem freiwilligen Helfer, der das mir bekannte herzliche berlinerisch spricht. Bereitwillig mischt er mir das Gewünschte und ich bedanke mir für die tolle Veranstaltung. „Mein Mädchen“, sagt er immer wieder und ich muss lachen, weil ich doch schon 45 bin.

Geschwind hole ich mir eine Banane und begebe mich zur Kleiderausgabe, bevor ich anfange zu frieren. Im unweit davon aufgestellten Duschzelt erhasche ich die letzten warmen Wassertropfen, den Damen nach mir bleibt nur das kalte Nass.

Die Gurke um den Hals gehangen – das darf man ohne Angeberei nach einem Marathon – ging es zurück zum Ziel. Mein Sportsfreund Kalli war zwischenzeitlich eingetroffen und wir hatten eine Menge Eindrücke auszutauschen. Wir lachen ja immer viel gemeinsam, aber die Ausgelassenheit nach 42 km non Stopp ist geprägt von Einmaligkeit und die Worte sprudeln unerschöpflich aus uns heraus.

Fast fünf Stunden sind vergangen und noch immer erreichen Finisher glückvoll das Ziel. Ich warte auf Volker Schlöndorff, den Oscargewinner von 1979 für den besten ausländischen Film. Sein Meisterwerk „Die Blechtrommel“  ist mein westdeutscher Lieblingsfilm und so oft gesehen, dass ich die Dialoge mitsprechen kann. Er läuft in der 70er Klasse und wird hinter der Ziellinie gleich interviewt. Hochachtung und Respekt für die einzigartige Gestalt der deutschen Filmgeschichte.

So langsam sind nun auch alle unsere Leutchen auf dem Festplatz zu finden, viele von ihnen haben neben der Gurken-Medaille Urkunden, Blumen und Präsente gewonnen. Die Atmosphäre ist prächtig und spätestens hier beglückwünscht man auch noch den letzten Unbekannten in unserer Gruppe.

17 Uhr treffen wir uns am Bus. Die Heimreise verläuft erfahrungsgemäß immer sehr laut, es wird gefeiert und außerdem haben wir ein Geburtstagskind unter uns. Ich überlege, wohin mit meinen Beinen und sehe einen 1,90 Mann hinter mir sitzen, der im Gegensatz zu meinen 1,57 m ein echtes Platzproblem hat.

Die Nacht bricht an und es wird etwas ruhiger im Bus. Es ist Mitternacht, als die ersten Leute aussteigen und so nach und nach wird es leerer. Jeder freut sich auf sein eigenes Bett, die Badewanne, auf das Zuhause.

Ich denke daran, dass ich morgen in der früh Sport unterrichten werde. Wir gehen laufen, 6 km am Main entlang. Meine Schauspielschüler wissen, dass ich am Wochenende einen Marathon gelaufen bin, haben aber nicht wirklich eine Ahnung davon. Ich werde erzählen und sehe jetzt schon das Glitzern in ihren Augen. Und ich sehne meinen nächsten Marathon herbei.

Wer läuft, kommt vorwärts.

Maike Mai/UNICEF Laufbotschafterin

 

Informationen: Spreewald Marathon
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