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Laufberichte

Poaläsen beim Schnadegang

08.09.12
Autor: Joe Kelbel

Seit Jahrhunderten war es im Gebiet zwischen Hessen und Bremen üblich, Neubürgern deren Grenzen aufzuzeigen, die körperlichen, wie auch die Grenzen der Stadt.

Es gab noch keine Karten, um sich die Grenzsteine einzuprägen, also wurden Neubürger von Schnadegängern, das waren solche, die die Grenzen schon kannten, “poaläst”. Das ging so: Der zu Poaläsende wurde von den Schnadloipers an den Beinen gepackt und über einen Grenzstein oder Grenzpfosten (Poal/Poahl) gehalten und dann losgelassen. So prägte sich der Grenzstein (Poal) in den Allerwertesten. Der so Gepoaläste besiegelte die Aufnahme in die Stadt mit einer größeren Getränkespende .

Natürlich artete der Schnadegang regelmäßig in ein tagelanges Besäufnis aus, denn die Grenze von Plettenberg ist 67,7 Kilometer lang und hat 1937 Höhenmeter. Da man auch Vertreter von Nachbargemeinden zum Schnadegang einlud, gehörten handfeste Prügeleien um Grenzsteine und widerrechtlich aufgestellte Zäune auch dazu.

Die preußische Regierung verbot dieses geniale Brauchtum im Jahre 1841.
Gerüchten zufolge war die Poaläsierung auch deswegen so schmerzhaft, weil die Vaseline erst 1870 erfunden wurde. Seither gehört das salbenartige Gemisch aber zur Grundausstattung eines Schnadeloipers. Ein Typ wie ich, der zum dritten Mal am P-Weg teilnimmt, also schon gut poäläst ist, verwendet heute Sekundenkleber.

 
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Zum Glück hat die Stadt Plettenberg im Sauerland die Tradition des Schnadeganges wiederbelebt, nennt das nun P-Weg,  “P” für Poaläsierung, und bietet etwa alle 4 Kilometer eine Verpflegungsstelle für die Ultra-Schnadeläufer. Als Reminiszenz an frühere Zeiten sind im prallgefüllten Starterbeutel Heftplaster und Flaschenöffner enthalten. Aber, damit die preußische Regierung nicht meckert, sind die traditionellen Getränke meistens (aber nicht immer) unter den Verpflegungstischen verborgen.

Jeder Bürger der Stadt muss raus, denn jeder soll sich an Grenzen erinnern. Da aber heutzutage der Umtrunk vor der Poaläse stattfindet, werden die Bürger als Helfer eingesetzt. Auf jeden Sportler kommen so 1,5 Helfer. Um keine Prügelei auszulösen, nehme ich mir zunächst den halben Helfer, entscheide mich dann später um, es gibt ja so viele,  und nehme mir noch eine ganze Helferin.

Früher wurde der Schnadegang vor Sonnenaufgang (Anwesenheitspflicht!) vor dem Rathaus verkündet. Gut, dass es hier auf dem Platz noch einigermaßen dunkel ist, denn ich bekomme meine Jeans nicht über die dicke Wade, hüpfe auf einem Bein ums Auto, bis die geöffneten Beifahrertür meinem Veitstanz unglücklichen Einhalt gebietet. Ultralaufen kann entwürdigend sein. Aber zum Start um 7:30 Uhr werde ich da sein.

 
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Nachdem wir schweißgebadet den Aufstieg zur Bracht geschafft haben, haut es uns alle von den Socken! Die Kuh ist weg! Wo ist die lila Kuh?  Die Recherche ergibt: Die Kuh des Schokoladenherstellers aus der Partnerstadt Bludenz wird nur noch bei großen Wintersportereignissen aufgestellt. Gut, sage ich mir, dann esse ich im Sommer nur noch Gummi vom Autohersteller Skoda, denn der hat das Bärchen hier stehen. Als Andenken an den Euter der Milkakuh hängen unter dem Torbogen dicke Kuhglocken, die wir auch alle brav abklatschen.

Hier  stehen die  Endplatzierungen praktisch schon fest. Von den 76 Läufern setzt sich Réné Strosny frühzeitig ab. Angela hätte statt Platz 4 Platz 3 erreicht, wenn sie mir nicht von der fetten Maus im Geschirrspüler erzählt hätte. So verpasst sie ihren Podestplatz und ich wieder mal die Burg Schwarzenberg. Das Problem mit dem Geschirrspüler kenn` ich, vor allem nach einem langen Marathonwochenende. Bisher dachte ich jedoch, dieses Scharren und Klopfen wäre ein werksseitiges Signal um das Ding endlich anzuschalten. Man sieht, Laufen bildet. Beim ersten VP in Pasel setzt sich Angela ab, die Küchengeräte rufen (und klopfen).  

Hohenwibbecke (km 9) ist ein Ort mit nur einem Haus aber einer fünfstelligen Postleitzahl, wir sind halt im Sauerland. Den großen Grenzstein der Landkreise HSK, MK und OE nutze ich für eine symbolische Poaläse, der Stein ist spitz wie Omas Lumpi. Es gibt so viele Verpflegungsstellen, es fällt mir schwer eine auszulassen, so ein Schnadegang ist wirklich nicht einfach.

 
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130 Grundbesitzer mussten um Erlaubnis für die Strecke gefragt werden, hier im Sauerland gibt es kaum kommunales Land. Vor allem Radfahrer, die morgen ihre Rennen haben, verunstalten mit quergestellten Rädern beim Bremsen einigen Flurschaden und vertreiben durch Training auf der Originalstrecke dem Jäger seine Hasen. Deswegen hatte die Orga lange Zeit keinen Streckenplan veröffentlicht, aber in Zeiten von GPS hilft das nichts. Ich bremse immer mit quergestellten Reifen, das gibt die sportlichsten Fotos von der Blitzanlage.

Bei km 20 hängt ein Wochenvorrat frischgebleichter Unterhosen. Jeder trägt hier mit seinen Mitteln etwas bei, um uns Schnadeloiper zu erfreuen. Freue mich auf die bunten Fähnchen morgen beim Münster Marathon.

Letztes Jahr, als wir diesen extra Umweg zum Altersheim liefen, hatte ich  Lachtränen in den Augen. Das ist eine so gute Idee, uns da lang zu führen, um die Alten mal richtig aufzuwecken.

 
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Das Außenbecken des Aqua Maris mit den gelben Quitscheentchen wurde überdacht, das war so teuer, dass dieser Sponsor abgesprungen ist. Also können wir da nicht, wie letztes Jahr, über die vom Sponsor gebaute Stahlbrücke laufen. Dieses Jahr führt uns die 6 Tonnen schwere Gerüstkonstruktion über den Pausenhof zwischen Real- und Hauptschule in Böddingshausen, auch wenn Schulen nicht sponsern. Mit 52 Meter Länge ist die Brücke aber auch mal richtig eindrucksvoll. Die Moderation an der Brücke machen die Mädels und Jungs des Rotaract-Clubs. Der Club steht für junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren, also wie ich, die das Motto “Lernen-Helfen-Feiern” verbindet. Es gibt weltweit 8440 Clubs mit 200.000 Mitgliedern. Wer 31 ist, kommt in o.g. Altersheim St Josef an der Bredde, Adresse gleich mal merken!

Sehr schwierig ist die Strecke entlang der Lenne, denn spätestens hier schickt die Sommersonne eine erste Warnung durch die Schwüle des Tales. Doch ich kenne mein Ziel am Talende, die haben sogar eine Kühlbox (!), frischen Kuchen, leckere Brötchen und für mich einen halben Ring Fleischwurst. Wenn nur nicht die schnellen Marathonläufer jetzt vorbeiziehen würden. Das stört meinen Biorhythmus.

Der  folgende Anstieg wird traditionell mit Haribo und Magnesium versüßt. Dazu gibt es auch hier Getränke, die mit Kühlaggregaten am Leben erhalten werden. Applaus!

Pungelscheid ( km 28) - wo jetzt der Bauernhof steht, befand sich bis 1797 die gleichnamige Burg. Leider sind oberirdische Reste nicht mehr zu finden. Ein Familienmitglied des Burgherren schaffte es sogar zum König von Korsika.
Übrigens stammt der Name Pungel vom mittelhochdeutschen punken ab, was ganz einfach schlagen bedeutet und auf ein Hammerwerk hinweist. Hurra, ich bin ein Punker, habe die Heftpflaster aus dem Starterpaket dabei.

Eigentlich ist der P-Weg mehr ein MTB-Rennen. Da die Startplätze sehr begehrt sind, veranstaltet man im Mai schon einen Anmeldeparty, bei der die Server glühen, die Startplätze im Nu ausgebucht sind und die Getränke für den Schnadegang getestet werden.

 
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Oft laufen wir über die Werksgelände der Schmiede-, Press-Zieh- und Stanzwerke, links und rechts glitzern Aluberge. Das waren früher Werke zur Weiterverarbeitung des hier geförderten Eisens. Nun ist dies ein Gebiet mit extrem hoher Dichte mittelständischer Weltmarktführer. Hier werden beispielsweise Briefkästen für Afrika hergestellt.

Andreas erzählt mir, dass er im nächsten Ort wohnt und dass es dort ein isotonisches Getränk gibt. Daraufhin ziehe ich schnell an ihm vorbei. Ohne es zu ahnen, zückt Andreas sein Handy: “Achtung Joe kommt! … und eiskalt muss es sein!”

Ein eiskaltes Himmelmert (km 40).. Riesengebrüll: “Da isser!” Schnell drapiere ich ein “Wasser“-Schild und einen Strauß “Tulpen” um das eiskalte Himmelmert. Danke, ihr Himmelmerter.

Der Gebirgszug heißt jetzt “Im Ebbe”, führt oberhalb der Oestertalsperre entlang, leicht bergab, und erinnert mich an die Strecke beim Uewersauertrail. Einmal drumherum und endlich wieder aufwärts. Endlich, weil man dann gehen darf.

In Windhausen (km 54) ist es schon Tradition, dass man sich das Wasser über die heiß gelaufene Birne kippt. Jetzt beginnt auch ein - für mich - interessanter Abschnitt. Es ist die hohe Anzahl von Pingen. Das sind oberflächige Schürflöcher. Angekündigt werden sie durch sogenannte Hohlwegbündel. Diese Wege stammen aus uralter Zeit. Die Buchen am Wegesrand stehen auf einem zwei Meter hohen Wall, Zeugnis einer Jahrhunderte dauernden Nutzung des Weges. Bei einem kleinen Abstecher erkenne ich einen verfallenen Stolleneingang.

 
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In der Hitze des Tages sieht man schon mal Leute vom Skiclub, aber wenn da jemand mit einem TorTour de Ruhr-Shirt steht, dann ist da einer, oder alle bekloppt. Danke für das Bier Rolf!

Peter zieht in Sonneborn (km 58) vorbei. Ich will noch sagen: “Peter, nicht! Da steht ganz groß drauf: für den Hund!” Aber er greift sich schon dieses nichtisotonische Getränk.

Ab km 60 geht es nur noch bergab. Auf die Aussicht über die Stadt, deren Grenzen wir heute feiern, wird traditionell mit kleinen Gläsern angestoßen.

Angela und Réné können jetzt ihre Kücheneinrichtung abhaken. Die Siegerehrung hat der Maus genug Vorsprung gegeben.

Absolut einmalig ist der Empfang am Alten Markt, wenn man über das Laufgitter unter dem Stephansdachstuhl (die Herkunft hatte ich letztes Jahr beschrieben) auf die Bühne läuft und plötzlich vor diesem riesigen Publikum steht und wie all die Jahre begeistert von Bernd empfangen wird. Das ist schon Klasse!

Der P-Weg lebt mit seinen Schnadehelfern. Auf jedem Kilometer merkt man die Freude der Poalbürger über diese einmalige Tradition des Poaläsens. Ich komme wieder! Mit einer Großpackung Sekundenkleber.

 

Informationen: P-Weg Marathon
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