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Laufberichte

Einmal Night52, immer Night52

 

Als Norbert und ich 2014 zum ersten Mal beim Night52 dabei waren, galt der schöne Lauf über die Hügel des Kraichgau noch als Geheimtipp. Das ist nun definitiv nicht mehr so. 150 Einzelstarter werden heute neben den Läufern der Zweierstaffeln an den Start gehen. In die Sporthalle, wo die Startnummern für den Ultralauf ausgegeben werden, steht die Luft. Draußen ist es heute nicht ganz so heiß, wie vor zwei Jahren, was an den Temperaturen drinnen jedoch nichts zu ändern scheint.

Norbert erklärt sich bereit, die Startunterlagen zu holen, während ich im relativ kühlen Vorraum die ersten Bekannten begrüßen kann. Schön, alle wiederzusehen. Dann werden wir ermahnt, doch auch nach drinnen zu gehen, da das Briefing beginnt. Nachdem im letzten Jahr die Strecke wohl ein bisschen länger war, hat man die Runde durch Bretten verkürzt. Es wird auf kritische Stellen aufmerksam gemacht, ansonsten scheint alles beim Alten zu sein.

 

 
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Mit besten Wünschen versehen, zieht es uns nach draußen. Auf der Straße vor dem Sportplatz unter dem großen Startbanner gehen gerade die Schülerläufe zu Ende. Die erhitzten Kids nehmen den Applaus der stolzen Eltern gerne entgegen. Im Rahmen des etablierten Kraichgau City Cups werden 800 bzw. 1600 m-Läufe für Schüler, ein 5 km Lauf, auch für Walker, und der 10 km Lauf angeboten. Dementsprechend ist einiges los.

Die vielen Besucher bereiten den Ultras einen würdigen Start. Weil ich letztes Jahr hier den Zehner gelaufen bin, kenne ich die Strecke recht gut. Die Steigung Richtung Marktplatz fällt dank der Streckenverkürzung weg. Schnell finden wir uns bei der Stiftskirche wieder, wo uns Streckenposten den Weg durch die engen Gässchen weisen. Ums Neue Rathaus und in Gegenrichtung um das berufliche Schulzentrum herum, über eine große Kreuzung, die von den Begleitradlern gesichert wird, dann geht es unter der Eisenbahn hindurch. Hier müssen wir an der stark befahrenen Straße vorsichtig sein. Wir verlassen den Ort; es geht steil bergauf. Norbert wird heute die ganze Strecke mit mir laufen. Weil ich wie immer schlecht den Berg hinauf komme, sind wir schnell bei den Letzten.

 

 
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Bald liegt Bretten samt toller Weitsicht auf die Kraichgauhügel unter uns. Bergab können wir ein paar Plätze gutmachen. Erstaunlich schnell erreichen wir die erste VP im Brettener Stadtteil Sprantal bei km 7. Wir machen kurz Pause zum Kühlen und Trinken. Die Wassermelone ist heiß begehrt. Es geht erneut steil bergauf auf die Felder. Ein Meer von gelbem Korn liegt vor uns. Wellig führt der Weg auf und ab. Der nächste Ort heißt Nußbaum. Wie aus dem Bilderbuch präsentiert sich das gepflegte Dorf. Es geht erneut bergauf an der Kirche vorbei und oben rechts kurz auf der Straße entlang.

Nach einer weiteren Feldwegpassage gelangen wir in den Wald. Es geht wieder bergauf. Nachdem wir den Wald verlassen haben, sind am Horizont Häuser zu erkennen. Erst steil bergab und dann wieder hinauf erreichen wir Göbrichen. Es geht über eine Straße auf den Parkplatz vor dem Sportplatz. Hier ist wohl ein Fußballspiel im Gange. Noch lange können wir die Stimme des Moderators hören.

In Bauschlott erwartet uns die nächste VP. Ich lasse meine Wasserflasche füllen. Bei meinem Tempo sind mir die Abstände der VPs etwas zu lang. Es gibt leckeren Hefezopf. Ich nehme noch ein Stück für den Weg mit, dann geht es weiter. Wir befinden uns auf dem Gelände des Auenhofs. Diese anerkannte Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) bietet im weitläufigen, ländlichen Ambiente vollstationäre Wohngruppen, ambulant betreutes Wohnen, Arbeitsplätze in unterschiedlichen internen Werkstätten, sowie die Betreuung auf Außenarbeitsplätzen an. Kinder klatschen uns ab.

 

 
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Es geht bergab und wir erreichen die Böllstrichseen. Gerade kommt der Begleitrader von hinten und macht Werbung für das hier ansässige Fischlokal. Der große und kleine See liegen romantisch im Abendlicht. Vor dem ausgewaschenen steinigen Weg wurden wir beim Briefing gewarnt. Ich finde das aber halb so schlimm. Norbert und ich sind uns einig, dass der Weg bisher äußerst kurzweilig ist.  Die Schatten werden nun merklich länger.

Die steinige Passage ist vorüber und wir laufen auf einem gemütlichen relativ flachen Radweg. Links liegt eine hohe Buschreihe und rechts zu unseren Füßen ziehen sich grüne Streuobstwiesen auf einen nahen Hügel. Ein Regenbogen steht am wolkigen Himmel. In der Ferne lassen hohe Wolkentürme unsere Befürchtung wachsen, dass es vielleicht noch gewittern könnte. Vor dem Bahnhof von Kleinvillars überqueren wir auf einer Brücke die Gleise und dann die Straße. Unser Weg führt nun durch weite blühende Wiesen. Versteckt zwischen Bäumen fließt das Bächlein Salzach. Hier ist es richtig schön. Und das km 20 Schild hebt zusätzlich die Stimmung.

Hinter einer scharfen Linkskurve liegt der Aalkistensee. Dieser See ist durch eine natürliche Aufstauung der Salzach an einem Wall entstanden. Bereits im Jahr 1553 wurde der See unter dem Namen Unterefflinger See erwähnt. Der heutige Name des Sees geht auf eine Praxis der Mönche der Klöster Ölbronn-Dürrn und Maulbronn zurück. Sie bewahrten in dem See Aale in Kisten für die Fastenzeit auf. Heute sind hier viele Angler, die es sich am Ufer sichtlich gut gehen lassen. Einer hat eine Entenfamile zu Besuch, die ihm seinen gesamten Maisvorrat auffrisst, der wohl  eigentlich für die Fische gedacht war. Der tiefenentspannte Petrijünger nimmt es mit Humor. Am Ende des Sees rufen Fischer nach dem Wiegemeister. Hier ist scheinbar etwas Größeres an der Angel.

 

 
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Es geht steil bergauf, anschließend durch den Wald ebenso steil bergab und dann länger auf einem Weg an der Straße entlang. Die nächste VP und gleichzeitig der Wechsel der Zweierstaffel finden wir vor Knittlingen. Nach einer ausgiebigen Stärkung geht es in den Ort hinein. Wie immer muss man den Verkehr beachten. Das ist aber kein Problem. Durchs Wohngebiet von Knittlingen laufen wir bergauf. Wieder auf der Höhe angekommen, geht jetzt die Sonne unter. Fasziniert beobachten wir das Schauspiel. Wir verfolgen ein belgisches Ehepaar. Der Ehemann hat uns eine ganze Weile Gesellschaft geleistet und ist nun auf seine Frau aufgelaufen.

Wir biegen nach links. Hier überholen wir eine Spaziergängerin. Sie ruft uns zu, es käme nun länger keine Steigung mehr. Und tatsächlich haben wir vor uns die weite Wiesenfläche des Weissacher Tals. Auf dem gut einsehbaren Weg können wir vor uns Läufer erkennen. Das motiviert, vor allem, als wir merken, dass wir aufholen.

Weinberge kommen in Sicht. Im letzten Tageslicht ist der Weg noch gut zu erkennen. Sogar im kurzen Waldstück kommen wir noch ohne Zusatzlicht voran. Rechts liegt versteckt der Bernhardsweiher. Schnell erreichen wir die Weinberge. Es geht stetig bergauf. Dann sind wir oben auf einem Aussichtsplatz, wo augenscheinlich gefeiert wird. Unter uns erkennen wir die Lichter verstreuter Ortschaften. Bergab lassen wir es laufen. Es ist gerade noch so hell, dass man den Untergrund erkennen kann. Beim km 30 Schild geht es scharf links. Noch sind die Richtungspfeile auf der Straße gut auszumachen.

 

 
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In Großvillars sind trotz Dunkelheit einige Passanten unterwegs. Eine Familie verteilt Wasser. Vielen Dank. Etwas später wären wir fast wären falsch gelaufen, aber die Markierungen sind so eindeutig, dass wir sie nach kurzer Suche wiederfinden. Bei km 33, oder ist es schon 34, erreichen wir die nächste VP. Hier ist die Stimmung ausgelassen, es gibt Bier. Wir machen wieder eine längere Pause und holen jetzt unsere Lampen aus dem Rucksack.

Nun folgen mehrere einsame Kilometer durch die Nacht. Kein Ort ist weit und breit zu sehen. Es beginnt ganz leicht zu tröpfeln, ohne dass es merklich abkühlt. Manchmal können wir vor uns eine Lampe aufblitzen sehen, hinter uns sind wohl ebenfalls Läufer. Ansonsten sind wir in Gedanken vertieft. Meist lassen wir die Lampen aus, nur bei Gefälle brauche ich sicherheitshalber Licht. Wir erreichen nun ein Industriegebiet und unterqueren die Bahnlinie. Schon von weitem ertönt laute Musik. Die Fa. Pross & Schondelmaier in Gölshausen feiert Betriebsfest und sponsert gleichzeitig eine VP für den Night52. Der Chef selbst gibt die Getränke aus. Wir werden überschwänglich empfangen und perfekt verpflegt. Nur ungern mache ich mich weiter auf den Weg, während Norbert in Ruhe noch ein Würstchen genießt.

Auf dem Gefälles hat er mich aber schnell eingeholt. Dann stutzen wir. Wo sind die Pfeile? Die VP lag am Ende eines Begegnungsstücks; kann es richtig sein, dass wir so weit zurück müssen? Da taucht vor uns eine bekannte Gestalt aus dem Dunkel auf: Joe, Marathon4you-Kollege, ist der Retter in der Not. Er kennt die Strecke und meint, bei der ersten Laterne hätten wir abbiegen müssen. Er bringt uns sicher zum Abzweig,  um nun seinerseits die VP anzusteuern.

Im nächtlichen Gölshausen geht es auf der Straße entlang. Immer wieder stehen Leute und feuern uns an. Hinter km 42 verlassen wir den Ort. Es folgen weitere Kilometer durch die Nacht. Trotz Stirnlampe erkenne ich Steigungen und Gefälle nur nach dem Laufgefühl. Wenn die Schritte schwer werden, geht es wohl bergauf. Wir laufen auf die Läufer vor uns auf. Nanu, das ist ja Teddy. Den hatten wir hinter uns vermutet. Er und sein Begleiter hatten die letzte VP verpasst und sind zu früh abgebogen. Das macht zwar streckenmäßig  nichts aus, aber dafür haben sie seit Stunden nichts getrunken. Hoffentlich kommt bald die nächste VP. Sie scheinen trotzdem guter Laune und nicht am Verdursten zu sein, und so überlassen wir sie ihrem Schicksal.

Wir passieren das km 45 Schild. Ein paar Meter weiter steht auf dem Asphalt mit fluoreszierender Farbe: noch 200 m zur nächsten VP, dann sind es noch 100 m. Tatsächlich gibt es  tosenden Applaus, als wir die Tische erreichen. An der Marien- oder Adlersbergkapelle bei Neibsheim haben sich ein paar Schaulustige eingefunden. Als Highlight für die Läufer gib es hier liebevoll belegte Brote mit Schwarz- oder Leberwurst und Gürkchen. Dazu ein Bier - was gibt es schöneres? Wir verweilen, bis die nächsten Läufer ankommen.

Laufen im Dunkeln hat seinen eigenen Reiz. Leider bin ich gerade richtig müde, sonst könnte ich das hier besser genießen. Mittlerweile habe ich meine Lampe eingepackt. Norbert hat nämlich seine auf meinen Weg gerichtet, er selbst braucht normalerweise kein zusätzliches Licht. Nur einmal ist es so unwegsam, dass er vielleicht auch gerne mehr gesehen hätte, um nicht zu stolpern. Aber wir schaffen auch diese Stelle unfallfrei.

Das weiße km 50 Schild steht einsam im Dunkeln. Noch eine letzte Steigung und Bretten liegt wieder unter uns. Hören wir schon Ansagen aus dem Stadion? Es geht bergab in den Ort hinein. Auf den Straßen gibt es nun keinen Verkehr mehr. Nur wenige Menschen sind noch auf dem Nachhauseweg. Durch das Gottesackertor erreichen wir die Fußgängerzone mit Stadtmuseum, Hotel Krone, Melanchtonhaus und Altem Rathaus. Ein paar Jugendliche wollen wissen, was wir hier machen und glauben uns kein Wort, als sie hören, wie lange wir bereits unterwegs sind.

Auf dem mittelalterlichen Marktplatz steht der imposante Maibaum verwaist im Dunkeln. Noch ein paar Abbiegungen und wir befinden uns auf der Straße, wo der Start war. Wie geht es weiter? Scheinbar haben wir einen Pfeil übersehen. Aber da sind schon die Fackeln auf der anderen Straßenseite, die uns den Eingang zum Sportplatz weisen. Weitere Fackeln erleuchten den Weg zu und auf der Sportplatzrunde. Dann haben wir es auch schon geschafft.

Mit herzlichem Applaus werden wir begrüßt. Trotz der späten Stunde ist das Fest noch in vollem Gange. Es gibt diverse Kuchen und Suppe, dazu allerlei Getränke. In dieser gemütlichen Atmosphäre bleiben wir länger als üblich sitzen. Inzwischen sind auch die letzten Läufer wohlbehalten im Ziel angekommen.

 

 

 

Fazit:

Ich meine vor allem in letzter Zeit zu beobachten, dass man im Ultrabereich tendenziell zum höher, weiter und härter tendiert. Beim Night52 ist das nicht so. Die Streckenlänge ist mit 52 km im moderaten Ultrabereich. Auch ist die Wegbeschaffenheit keine zusätzliche Herausforderung. Die Verpflegungsstellen sind zwar nicht so dicht wie in Biel, aber mit leichter zusätzlicher Eigenverpflegung müssen auch langsamere Läufer nicht verhungern.

Da man in die Nacht läuft, ist der Night52 gut geeignet, erste Lauferfahrungen in der Dunkelheit zu sammeln. Einige Marathons sollte man aber schon mal gelaufen sein. Obwohl der Lauf nun schon zum 6. Mal ausgetragen wird, hat er nichts von einem durchgestylten Event. Mein Eindruck ist, dass hier ambitionierte Läufer mit Herzblut und Liebe zum Detail für sich und andere ein besonderes Erlebnis schaffen wollen. Auch in diesem Jahr sind sich alle einig: „Einmal Night52, immer Night52“.

 

Informationen: Night 52
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