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Laufberichte

Von 0 auf 100 in 42 Kilometern

05.07.08

„Steiner, du solltest Sander heißen; deine mathematischen Kenntnisse sind alles andere als auf Fels gebaut!“ Die Worte meines Mathematiklehrers am Gymnasium haben sich für immer in mein Gehör eingebrannt.  Zugegeben, in diesem Gebiet war ich definitiv nie eine Leuchte. Die Aussage implizierte jedoch, dass ich mit einem solchen Defizit in meinem Leben größten Widrigkeiten ausgesetzt sein würde. Dem war bisher nicht so. Im Gegenteil: Ich bin immer wieder froh, wenn ich mich beim Rechnen im Unschärfebereich bewegen kann – gewissermaßen mit dem Segen meines damaligen Lehrers.

Eben gab es wieder eine Situation, in welcher mich nicht die Kunst der Mathematik, sondern das Unwissen darüber gerettet hat.

Das Zwicken in der Wade, welches mich fast während des ganzen Donautal-Marathons begleitete, dank Kompressionsstrümpfen aber nicht sonderlich behinderte, entpuppte sich als Muskelfaserriss. Da verwunderte es mich nicht weiter, dass der Medizinmann meines Vertrauens mir ein Laufverbot für die Dauer von drei Wochen verordnet hat. Bei der Eröffnung des Urteils war es auch für eine Rechenbanause wie mich ein Einfaches auszurechnen, dass damit mein Start am Montafon-Arlberg-Marathon gefährdet war. Sicherheitshalber fragte ich nach, ob die drei Wochen vom Auftreten der Verletzung an gerechnet würden oder vom Behandlungstag an. Die Antwort auf meine unschuldige Frage beruhigte mich. Nicht zu genau gerechnet – drei mal sieben Tag gaben im mir eigenen mathematischen Unschärfebereich zwanzig Tage - würde dies hinhauen. Wie gut, dass ich in Sachen Mathematik gewissermaßen eine Generalentschuldigung vorweisen kann!

Ich konzentrierte also alle Kräfte und versuchte mich in mentalem Power-Healing. Unterstützt wurde ich dabei in dieser Phase von der Möglichkeit, im Autorenteam von marathon4you mitzutun.

Informationen: Montafon Arlberg Marathon
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteFotodienst Alpha FotoHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

Mein großer Wunsch und der Vorsatz, in diesem Jahr meinen ersten Ultra anzugehen, waren stark genug, um mich darauf einzustellen, dass ich in Silbertal explizit zu einem Trainingslauf für den Swiss Alpine an den Start ging. Mit dem Vorhaben im Kopf, spontan einen Bericht zu schreiben,  fiel es mir einfacher, zumal ich diesen bebildern wollte.

Zerteilen kann man mich höchstens rechnerisch oder dereinst in der Pathologie. Man erwartete mich am Freitagabend noch an einem anderen Anlass, wobei dessen Attraktivität etwa der von Fußpilz entsprach. Darum war ich ganz froh, dass am Vorabend des Marathons zur Pasta Party geladen wurde, eine Einladung, der ich liebend gerne ungeteilt Folge leistete. Gut, Party ist vielleicht hoch gegriffen. Dafür war die Pasta con Chili vom Feinsten, was mir an irgendeinem Carboloading jemals auf den Teller kam, und müsste sich auch in der gepflegten Gastronomie nicht verstecken.

Dass ich den Gutschein dafür noch ausgehändigt bekam, verdanke ich den guten Geistern der Startnummernausgabe im Feuerwehrhaus, die sich nicht stur an die vorgegebene Zeiten hielten und mir damit trotz Stauverspätung ermöglichten, meine vorgesehenes Programm zu gestalten.

Im Zelt nebenan konnte ich während des Essens anhand der projizierten Bilder des vergangenen Jahres einen Eindruck über das gewinnen, was mich am folgenden Tag als Strecke erwarten würde.

Nach einer ruhigen und kühlen Nacht gab es neben der Startnummernausgabe schon zeitig einen heißen Kaffee zum Aufwärmen, während nach und nach die Läuferschar eintraf, teils direkt angereist, teils mit dem Pendelbus von St. Anton her.

Gerüstet für eine weitere Premiere, durchkreuzte die Technik meine Pläne. Aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen erklärte meine Kamera allen Überlistungsversuchen zum Trotz, dass sie die Speicherkarte nicht (mehr) erkenne. Dies bedeutete, dass ich ganz auf die Videokamera setzen musste. In der Hitze des Gefechtes vergaß ich dabei, den Transponder ans Fußgelenk zu binden. Weil der Platzsprecher bei der Weitergabe verschiedener Informationen auf die Kontrollmatte beim äußersten Punkt der Strecke hinwies, konnte ich mit einem Spurt zurück zum Auto verhindern, dass ich ohne dieses Teil loslief. Gemessen wird übrigens trotz Transponder keine Nettolaufzeit, was in Anbetracht der Größe des Feldes und der Topografie auch völlig überflüssig ist.

Ihre  Aufregung vor dem Start tat niemand so lautstark kund wie Cora. Laut bellend stand sie mit ihrem Herrchen Bernhard Sesterheim – Ultraläufern bekannt als Autor des Buches „Running Emotions“ - und seiner Partnerin in gebührendem Abstand hinter dem Starterfeld.

Pünktlich um 9.00 Uhr ging es los und auch die wenigen Nordic Walker durften entgegen der Planung zeitgleich mit den Marathonis starten. Walker in solch homöopathischer Dosis stellen wirklich keine Gefährdung der Marathonläufer dar ...

Auf einer Schlaufe talauswärts in Richtung Schruns wurden erste Kilometer gesammelt, ehe man nochmals am Start vorbeikam, wo man sich bereits ein erstes Mal verpflegen konnte. Ausgangs Dorf verabschiedeten wir uns für lange Zeit vom Asphalt. Mit dem Wechsel des Untergrunds begann der Anstieg durch den hinteren Teil des 22 Kilometer langen Silbertals. Über weite Strecken im Schatten der Tannen, begleitet vom rauschenden Wasser, wird so ein Höhenmeter nach dem anderen überwunden. Die Steigungen sind ausgeglichen und ab dem achten standen alle zwei Kilometer Distanztafeln, die mathematisch Minderbemittelten sogar das Rechnen abnahmen, indem sowohl die bereits zurückgelegten als auch die noch zu bewältigenden Kilometer, sowie die jeweiligen Höhenmeter angegeben waren.

Als der Wald lichter, der Wuchs der Bäume kleiner wurde, war es auch für mich ein Leichtes auszurechnen, dass mit dem Erreichen der Baumgrenze auch der größte Teil der Höhenmeter geschafft war.

Bis zu diesem Zeitpunkt dankte mir mein Wadenmuskel meinen sanften Schritt und hielt sich artig still. Wäre ich auf Tempo gelaufen (warum eigentlich – ich werde nie auch nur einen Blumentop gewinnen) hätte ich mich beim Verpflegungsposten auf der Oberen Freschalpe wegen Halluzinationen aus dem Rennen nehmen müssen. Dank meiner weisen Zurückhaltung war ich aber im Vollbesitz meiner Urteilskraft und in der Lage zu erkennen, dass wenige Meter neben dem Weg auf einem kleinen Hügel tatsächlich ein zahmer Hirsch lagerte. Die Karawane bunter Funktionskleider und ihrer schwitzenden Träger, die sich langsam zu der reichen Auswahl an Futternäpfen und Tränken hochkämpfte, ging ihm anscheinend kalt am Geweih vorbei.

Frisch gestärkt ging es nun zu dem Teil der Strecke, für die Jogi von seinen Jungs „höggschde Konzentration“ verlangen müsste. Bei meiner Streckenbesichtigung auf Google Earth hatte ich trotz guter Bildauflösung keinen eindeutigen Pfad erkennen können. Die Spuren, die ich zuerst als Wanderwegstücke identifiziert hatte, wiesen eher die Charakteristiken von seichten Wasserläufen auf. Und so war es auch.

Die nächsten vier Kilometer waren von einem Wechsel von Sumpf und einer eigenartigen Symbiose von Wegen und Bächen geprägt. Wer nicht voraus planend jeden einzelnen Stein auf seine Tauglichkeit als Garant für einen sicheren Schritt prüfte, musste sich nicht wundern, wenn seine Füße nass wurden und zusammen mit den Schuhen eine Moorpackung abbekamen.
Sorgfältig nahm ich Schritt um Schritt, darauf bedacht, meiner Wade möglichst keine abrupten Schnellbewegungen zuzumuten. Die Vorsicht hat sich nicht nur für das Bein ausgezahlt, auch die Schuhe behielten, abgesehen von einer leichten Patina, die ursprüngliche Farbgebung.

Nach der Überquerung der Landesgrenze beim Winterjöchle ging es, nochmals gut verpflegt, auf der Tiroler Seite des Marathons das Verwalltal hinab. Letzte imposante Schneereste konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Sommer Einzug gehalten hat. Alpenrosen in selten gesehener Üppigkeit und feine, satt grüne Farne säumten den Weg. Während es sanft, durch wenige Gegensteigungen unterbrochen weiter in Richtung St. Anton ging, konnte ich mich wieder dem hingeben, was man in dieser Szenerie vorzugsweise tut, dem Genießen der Landschaft, die man laufend durchstreift.

Ab dem dreißigsten Kilometer waren die Kilometerschilder durchgehend angebracht, ich wusste also, dass meine vom Bergablaufen müden Oberschenkel nicht mehr lange durchhalten mussten. Trotzdem kam der Blick hinunter auf St. Anton für mich überraschend. Das Ziel war zwar in Sichtweite, noch waren es aber ein paar Kilometer bis dorthin.

Bei einem Gespräch unterwegs hatte ich in Erfahrung gebracht, dass es über dem Dorf noch den Slalomhang hoch gehe. Ich weiß, geometrisch gesehen ist es unmöglich, doch als ich den schmalen Pfad dort hoch ging schien es mir, dass die Hangneigung aufwärts zurückgelegt geringer ist als die abwärts. Mein ehemaliger Mathematiklehrer hätte sich ob einer solchen Aussage die letzten verbleibenden Haare ausgerissen. Für mich steht fest, dass es weitaus mehr Anstrengung braucht, hier im Winter während einer knappen Minute auf dieser gefühlten Senkrechte ohne zu stürzen durch die Slalomstangen zu kurven, als im Sommer nach bald vierzig Kilometern diesen Aufstieg zu meistern. Härter zu ertragen als die Steigung war die Stimme des Speakers, die aus dem Zielbereich noch oben geweht wurde und das Ziel so nah erscheinen ließ. Dabei waren es noch mehr als drei Kilometer, bis ich die Zielverpflegung in Augenschein nehmen konnte, von welcher mir ein Läufer am Zürich Marathon so begeistert berichtet hatte.

Hinunter nach St. Jakob wagte ich einen Blick auf die Uhr und konnte - ohne genau zu rechnen - überschlagmäßig erahnen, dass ich es bei gleich bleibendem Tempo sogar in knapp fünf Stunden schaffen sollte. Die erhofften Anfeuerungsrufe durch das Dorfzentrum blieben allerdings mangels Zuschauerinteresse zumindest für die zweite Hälfte des Feldes aus. So schön dieser Lauf sonst auch war, so trostlos war der zweiundvierzigste Kilometer, bevor mir dann wie allen Läuferinnen und Läufer auf den letzten 195 Metern ein herzlicher, warmer Empfang bereitet wurde. 

Vom OK-Präsidenten mit Handschlag begrüßt, mit Medaille und Finisher-Shirt  versehen, sah ich nun mit eigenen Augen, wovon mir vorgeschwärmt worden war. Die liebevoll hergerichteten Obstschalen waren eine Augenweide und für Gaumen und Magen ein Genuss. Die reiche Auswahl an Getränken – nicht nur in Bechern, sondern gleich auch in größerer Menge in der Flasche - erlaubte es, den Flüssigkeitshaushalt wieder ins Lot zu bringen. Als weitere Wegzehrung gab es zwei leckere Brote, einen Brezel und eine zusätzliche Flasche feinen Jasmintee mit Passionsfruchtsaft. Der inneren Erfrischung konnte nun die äußere folgen. Im ARLBERG-well durfte nicht nur gepflegt geduscht werden, auch ein paar Längen im Pool oder Entspannung auf der Sprudelliege gehörten zum Angebot.

Vor der Rückfahrt des Busses nach Silbertal blieb noch genügend Zeit, bei einer zünftigen Portion Pommes und einer Bratwurst den Siegerinnen und Siegern zu applaudieren und zu warten, bis die Schlussläufer eintrafen. Es waren dies Bernhard und Birgit, welche Hand in Hand ins Ziel einliefen. Nicht dabei war Cora, welche sich die Pfoten aufgescheuert hatte, von der Sanität zum Ziel gefahren und dort vom Roten Kreuz liebevoll umsorgt wurde. Mit so viel Herz, wie diese Helfer ihre Aufgabe wahrnahmen, wurde auf der ganzen Linie und an der ganzen Strecke gearbeitet. Dass es eine besondere Zusatzleistung gebraucht hat, die erst kürzlich aufgetretenen Unwetterschäden zu beseitigen, muss an dieser Stelle auch noch erwähnt werden.

Von 0 auf 100 hat nach meiner Verletzungspause geklappt. Wenn ich es bräuchte, hätte ich also einen Beweis dafür, dass man es, zumindest beim Laufen, auch ohne Mathematik im doppelten Sinne weit bringen kann – beim Marathon genau 42,195 Kilometer weit.

 

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