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Laufberichte

Wir sitzen alle in einem Boot

26.05.13
Autor: Joe Kelbel

Der Knastmarathon zählt weltweiten zu einer verrückten Besonderheit innerhalb der Marathonszene. War er noch vor einigen Jahren nur wenigen bekannt, so reißt man sich nun international um einen der seltenen Startplätze.

Oft gehört: “Dort würde ich niemals laufen!” Ich fasse mich in diesem Bericht kurz und knapp, Fotos lenken auch keine ab. Vielleicht kann ich so einige Vorbehalte und Vorurteile abbauen helfen und weitere Interessanten für den Lauf gewinnen.

Thema Fotos: Inhaftierte Läufer lassen sich in der Marathon-Euphorie gerne  fotografieren, aber bereuen dann aber irgendwann, Spuren einer ungeliebten Vergangenheit im Internet hinterlassen zu haben. Deswegen bekomme ich nicht wie vor drei Jahren eine Fotogenehmigung. Es gibt hauseigene Fotografen, deren Fotos  nun durch mehrere Kontrollen müssen, ehe sie verpixelt veröffentlicht werden.

Externe Läufer, müssen unter Umständen 30 Minuten vor dem Gefängnistor im Dauerregen warten. Läufer aus anderen Gefängnissen kommen im beheizten Gefängniswagen durch die Schleuse. Die Kontrollen sind nicht schärfer als am Flughafen. Nur der Hund, der uns nach Drogen abschnüffelt, braucht seine Zeit. Auf Voltaren spricht er aber nicht an.

Handies und Waffen lässt man besser im Auto, oder im Schließfach am Eingang. Ohne Personalausweis gibt es keinen Einlass. Den tauscht man an der Pforte gegen ein grünes Papierarmband. Das wäre Gold wert,  könnte man es drinnen unversehrt verklopfen. Handgepäckkontrolle: Flüssigkeiten (Eigenverpflegung und zwei, drei Bier hätte ich wohl durchbekommen), Essen, Schmuck, Geld, alles ok.

Auffallend die freundliche, lockere Stimmung, die von den Beamten ausgestrahlt  wird. Nicht aufgesetzt, eher eine “wir sitzen alle in einem Boot”-Stimmung. Die Regeln werden erklärt, sie sind einfach.

Den ersten Kontakt mit Inhaftierten hat man im Frühstückzelt. Das Frühstück ist Spitze. Es gibt bessere, frischere Brötchen als daheim, Knackies kochen männlichen Kaffee, weswegen ich eine frühe Anreise empfehle.

Die JVA in Darmstadt ist ein Männergefängnis. Es gibt zahlreiche weibliche (Frei)Läufer, die sich auf einige freundliche (!) Sprüche einstellen müssen. Die Sprüche bleiben aber allesamt oberhalb der Gürtellinie und werden mit einem Lächeln erwidert.

Es gibt Teilnehmer aus anderen hessischen Gefängnissen, darunter auch eine sehr gute Läuferin, die von den hiesigen Herren bei jeder Runde frenetisch begrüßt wird und jede Menge Heiratsangebote bekommt. Aber bitte: Keine Läuferin wird begrabscht oder blöd angemacht, schließlich sind wir nicht auf der Konstabler Wache!

Inhaftierte Läufer erkennt man an der Startnummer. Wer aber von den zahlreichen Helfern und Passanten etwas auf dem Kerbholz hat, oder schlicht Angestellter des Gefängnisses ist, das ist schwer zu erkennen.

Auffallend ist die harmonische Atmosphäre. Nicht dass bei anderen Marathons eine unfreundliche Stimmung wäre. Aber hier würde man dich für eine blöde Frage am liebsten freundlich an die Hand nehmen. Man hat Muße und Zeit, sodass der Start auch mal verschoben wird, weil einige Läufer noch in der Kontrolle hängen.

Seine Klamotten hängt man in der Kleiderkammer auf. Dafür gibt es für jeden einen großen Kleidersack, in den ich meinen Rucksack werfe. Auffallend ist, dass Berührungen der persönlichen Habe seitens der Helfer, ob Verurteilte oder Angestellte, peinlichst vermieden wird. Ihr müsst Eure Klamotten also selber in den Kleidersack werfen. Nicht einfach, aber man hat ja Zeit. Es ist auch kein Problem, seine Habe an den Biertischen im Start/Zielbereich zu deponieren. Es ist, als wärst du im eigenen Garten.

 
© marathon4you.de

Wer hier beim Marathon antritt, der kann einfach mal runterschalten, sich geborgen und sicher fühlen, sicherer als in Boston und anderswo. Auf den 24 Runden über die kurvenreichen Wege innerhalb der Gefängnismauern gibt es keine Bestzeit aber schnell freundschaftliche, angenehme Bekanntschaften mit den Zuschauern. Diejenigen, die brav und diszipliniert hinter dem rotweißen Flatterband an der Laufstrecke stehen, sind verurteilt.

Ein Ereignis ist beispielhaft für die angenehme Atmosphäre hier: Es sind einige Brötchen (die wir nicht mehr futtern konnten , obwohl sie so lecker waren) vom mehrstöckigen Rolltablett auf die Laufstrecke gefallen. Ein Häftling, der seinen ersten Marathon läuft, sieht das, zögert und läuft dann zurück, rafft mit beiden Händen die vom Dauerregen aufgeweichte Pampe aus Käse, Wurst, Butter, Gurke und Brötchen zusammen und entsorgt den tropfenden Ballen Brei in einen Mülleimer.

Diese Beobachtung hat sich mir eingebrannt: Jeder bemüht sich um eine gute Führung. Das ist hier anders als da draußen. Gerne hätte ich mal einen Finanzbeamten erlebt, der meine Käsepampe aus dem Modder in den Müll entsorgt. Draußen sind die Verbrecher, die dir das Leben schwer machen, hier drinnen ist Frieden. Gibt mir zu denken. Vielleicht werden deswegen auch einige rückfällig.

Alex läuft seinen zweiten Marathon, in Unfreiheit. Er trainiert 6 Tage die Woche. Der Kerl sieht gut aus, strotzt vor Kraft, wie die meisten hier drinnen. Er erinnert sich an seinen ersten Marathon: “Als dann mehrere externe Läufer zu mir kamen, mich mit Respekt und den Glückwünschen begrüßten, war ich stolz, zu dieser Gemeinschaft zu gehören. “

Respekt ist wichtig gegenüber den Insassen, die unter unangenehmen Bedingungen trainieren mussten. Es sind unsere Lauf-Kameraden. Das mag sich für diejenigen, die hier noch nie gelaufen sind unverständlich anhören. Aber es stimmt, es sind unsere Kumpel, die besser sozialisiert sind als die nicht verurteilten Gangster da draußen, denen ich mal richtig einen auf den Deckel geben möchte. Der Einblick in den Knast und mein wöchentlicher Marathon halten mich davon ab.

Der laufkameradschaftliche Respekt hält mich davon ab, nach dem Lauf gleich wieder raus zu gehen. Wir bleiben in der Sporthalle, wo die Laufknackies für ihr Finish unseren wohlverdienten Beifall bekommen.

Dieser Lauf findet zwar prinzipiell unter imposanten Pinien statt, was zählt sind aber nicht “Landschaft”, sondern das Erlebnis und eine enorm gute all-inklusiv-Verpflegung von morgens bis abends. Es würde mich freuen, wenn neue Läufer den Wiederholungsläufern ab Anmeldungsbeginn im November die Startplätze vor der Nase wegschnappen würden. Es lohnt sich.

Für Knastläufer ist dieser Marathon eine sportliche Perspektive, eine Lektion und endlich ein Ziel im Knastleben. Würden sich da draußen vor den Mauern die Unruhestifter auch mal bei einem Marathon abreagieren, statt sich die Köpfe einzuschlagen, dann hätten wir eine friedlichere Welt.

Freiläufern gewährt der Knastmarathon einen Blick auf die andere Seite, in die Arbeit und die Integrationsbemühungen der Bediensteten und Trainer, die sogar nicht den TV-Klischees entsprechen, weswegen ich ausdrücklich betone, dass Steuergelder hier mal sinnvoll verwendet werden .

Laut Presseberichten ist das Fritz-Bauer-Haus ein Gefängnis des humanen Strafvollzugs, wohl beispiel-“haft”.

Costas, aus dem Knast entlassen, schreibt aus seinem neuen Leben: ”Heute lebe ich in der Schweiz mit meiner frau und oft mus ich zurueg dengen. Einige Schließer waren echt ok aber einige sehr eingeschrengt im dengen. Das essen was eigentlich gut besuchge auch. Gebe dissen knast 5 sterne.”

 

Informationen: Knastmarathon Darmstadt
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