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Laufberichte

Texel in sieben Stunden

 

 „Man muss es nur wirklich wollen, daran glauben, dann wird es gelingen.“ (Ferdinand Graf von Zeppelin).

 

 

Muffe

 

Mit wirklichem Respekt vor der selbstgestellten Aufgabe reise ich mit meinem Lieschen erstmals in den Norden unseres nordwestlichen Nachbarlandes. Mit Respekt, weil für mich 60 km immer ein Brett sind, dazu der Streckenverlauf mit seinen unterschiedlichen Untergründen durchaus herausfordernd und vor allem aber die zur Verfügung stehende Zeit knapp bemessen ist: Exakt sieben Stunden hast Du Zeit, sonst guckst Du in die Röhre.

Wer marathon4you.de und trailrunning.de regelmäßig verfolgt, hatte bereits mehrfach die Chance, Helden an der Zeitvorgabe scheitern zu sehen. Nein, wenn ich eines hasse, ist es, unter normalen Umständen eigentlich Schaffbares nicht zu schaffen. Und somit stand das erste Quartal des Jahres 2017 unter einer einzigen Maxime: Texel in 6:59:59 Std. Im Rahmen meiner Möglichkeiten habe ich genug dazu getan: Drei Marathons im Januar, Februar und März sowie zwei Texel-ähnlich weite, langsame Ultras mit vielen Höhenmetern sechzehn bzw. acht Tage im Vorfeld sollten für die nötige Grundlagenausdauer gesorgt haben und ein paar flotte Läufe inkl. eines 10 km-Wettkampfs müßten für die nötige Tempohärte reichen. Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Halten wir’s mit dem „Kaiser“: Schau’n mer mal.

 

Daten, Fakten, Zahlen

 

Der Lauf findet, initiiert vom mit nur 47 Jahren an Krebs verstorbenen holländischen Ultralauf-Pionier Jan Knippenberg, seit 1991 zweijährlich immer am Ostermontag statt. Die 60 km lange Strecke beinhaltet zwischen den km 5,5 und 13 sowie 17 und 22 insgesamt 12,5 km Strandabschnitte. Für „De Zestig van Texel“ zeichnet inzwischen der Athletiek Club Texel verantwortlich, der mit 12 Haupttätern 170 Helfer am Lauftag mobilisiert.

Noch heftiger, nicht nur wegen der verdoppelten Entfernung, geht es für die „richtigen“ Ultras über 120 km zur Sache: die starten die erste Runde um 04:35 Uhr noch in der Nacht zunächst dem Uhrzeigersinn entgegen, zwingend mit Fahrradbegleitung und GPS ausgestattet. Sie haben lediglich 13 Stunden Zeit, müssen also zusätzlich zur doppelten Entfernung noch mehr reinhauen, und das macht sich auch an den Qualifikationserfordernissen bemerkbar: Gefordert ist/sind innerhalb der letzten sechs Jahre: 100 km unter 9:30 Std., mindestens 120 km beim 12- bzw. 200 km beim 24-Stunden-Lauf oder Finisher beim Spartathlon (246 km) bzw. Jan-Knippenberg-Gedächtnislauf (125 km). 120 km-Texel-Finisher der vergangenen drei Durchführungen dürfen ebenfalls starten.

 

Fragen über Fragen

 

Wie schaffe ich die sieben Stunden? Rein zeittechnisch sollte es bei normalem Verlauf im Bereich des Möglichen liegen, wenn ich die Zeiten minimiere, in denen ich nicht laufe. Daher habe ich mich entschlossen, die Trinkflasche mitzunehmen und an den Verpflegungsstellen jeweils nur ganz kurz anzuhalten. Genauso werde ich mir jegliche Ausflüge von der Strecke zum Fotografieren verkneifen (was ich sonst ohne Zeitdruck gerne schon mal mache) und auf der Ideallinie bleiben. Mein großes Fragezeichen sind die 12,5 km Strand: herrscht Flut, hieße das trockener und weicher Sand, bei Ebbe relativ fester Boden. Aber da hilft nur abwarten und beten. Daß der Schnellste 2015 unter vier Stunden (!) geblieben ist, tröstet da nur bedingt.

 

Texel ist eine Reise wert

 

420 km Anfahrt gehen problemlos vonstatten. Die Fähre von Den Helder, die jede halbe Stunde unterwegs ist, legt sofort ab und zwanzig Minuten später befinden wir uns auf Texel, der westlichsten bewohnten Frieseninsel, das die Niederländer übrigens  „Tessel“ aussprechen. Die nächsten Tage bringen uns erfreulicherweise fast keinen Regen, jede Menge Sonne, aber noch mehr Wind. Nun gut, wer an die Nordsee fährt weiß, was ihn erwartet. Die mitgebrachten Fahrräder transportieren uns an viele schöne Ecken, dummerweise haben wir den Gegenwind regelmäßig auf dem Rückweg und somit noch die eine oder andere unverhoffte zusätzliche Trainingseinheit. Auf jeden Fall lohnen sich die paar zusätzlich gebuchten Tage schon alleine wegen der langen Strandspaziergänge, auch wenn wir trotz 10 bis 12° teilweise eingepackt sind wie im Winter.

 

 
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Die Startnummernausgabe befindet sich in der modernen Jugendherberge Stayokay im Hauptort Den Burg, wo gut die Hälfte der 13.600 Insulaner lebt. Eine lange Schlange bildet sich vor und auf der Treppe in den ersten Stock, da nur immer wenige Personen gleichzeitig eingelassen werden, aber so vermeidet man jegliches Chaos im Ansatz. Wir treffen die Ultraläufer Sigrid und Roland aus dem hohen Westerwald, beide Mitglieder der 24 Stunden-Nationalmannschaft, und schmieden gemeinsame Pläne für morgen. Roland hat sich ganz frisch einen Muskelfaserriß oder etwas Ähnliches eingefangen und hadert noch mit einem Startverzicht. Sollte er morgen nicht laufen können, wollen Sigrid und ich zusammenzubleiben, da ihr hinsichtlich der anstehenden 24 Stunden-WM in Belfast der Sinn nach einer langsamen Trainingseinheit steht.

In der Jugendherberge gibt es (auf Niederländisch) noch film- und fotogestützte Vorträge über den Spartathlon und dem Transpyrenäenlauf, vorher jedoch noch Wichtigeres: Eine umfangreiche und qualitativ gute Pastaparty mit Suppe, Brot, verschiedenen Nudelgerichten und Soßen, Salat, Nachtisch und Obst, die man im Vorfeld für 15 € hatte buchen können. Angesichts der zugegebenermaßen happigen Preise vor Ort ist das ein echtes Schnäppchen. Seltsamerweise findet keinerlei Einlasskontrolle oder wie auch immer geartete Überprüfung unserer Legitimation statt. Aber wir haben ein reines Gewissen, denn wir haben unseren Obolus überwiesen.
 


Es geht rund

 

Die sich nach dem Fahrplan der Fähre richtende Startzeit um 10:35 Uhr ist maximal urlaubsfreundlich. Elke bringt mich mit dem Auto zum Fährhafen nach T'Hontje ganz in den Süden, wo sechs Stunden vorher bereits die knappen vierzig Helden über 120 km losgelassen wurden. Mit mir sind etwa 660 Teilnehmer über 60 km gemeldet, dazu kommen vierzig Staffelläufer über viermal etwa 15 km. In der Ergebnisliste werden später 481 Gestartete über „De Zestig“ verzeichnet sein, womit offensichtlich also jeder vierte Gemeldete erst gar nicht angetreten ist. Roland will auf jeden Fall loslaufen und es versuchen, das aber anfangs ganz besonders langsam. Das paßt mir wiederum nicht in den Kram, da ich meine, die ersten fünf flachen km weitestgehend über Asphalt in dreißig Minuten zurücklegen zu sollen. Also starten Sigrid und ich zusammen, und Roland folgt erst einmal unauffällig. Sabine und Reinhold vervollständigen die Westerwald Five beim Gruppenfoto und dann wird es ernst. Hektik am Start ist, wie beim Ultralaufen üblich, ein Fremdwort, und so kommt der Startschuß fast ein wenig überraschend.

 

 
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Erster Streich

 

Leider ist die erste Minute schon direkt verloren, denn eine Nettozeitnahme gibt es nicht. Unter den letzten bzw. ersten Metern des Pontwegs, die hier als Hochstraße zur bzw. von der Fähre führen, führt der Weg hindurch, um uns über einen Radweg zum ersten Mal zum Deich zu bringen. Geradezu bilderbuchmäßig grasen hier direkt die ersten Schafe  und bieten ein Bild der Idylle. Rechterhand liegen inmitten von Wiesen hübsche Wasserflächen, so geraten wir in den Nationalpark Dünen von Texel. M4Y-Kollege Peter Ickert, seines Zeichens Chef des Remscheider Röntgenlaufs und regelmäßiger Teilnehmer auf Texel, wird begrüßt, dann biegen wir ab ins Grüne. Ein erster Naturpfad verschafft uns einen Hauch von Trailrunning, bevor es wirklich ins Gelände geht. Schon sind wir am ersten VP und während ich mich noch mit Wasser begnüge, greift Sigrid direkt beim Honigkuchen zu. Als Laufextremistin – zumindest aus meiner Sicht – achtet sie streng darauf, den Blutzuckerspiegel nie zu sehr abfallen zu lassen.

Eine kleine Steigung bringt uns nach 5,5 km in den ersten losen Sand, der uns zum an der Westküste 30 km langen Sandstrand führt. Weich und anstrengend ist er, der Weg durch die teilweise bewachsenen Dünen, die in ihrer heutigen Form übrigens großteils durch menschlichen Einfluß entstanden sind: entlang der Eindeichungen sammeln sich durch den Wind aus Meeresrichtung Sandanhäufungen, auf denen sich dann Binsenquecke und Strand-Salzmiere niederlassen und ihnen Festigkeit geben. Sammelt sich anschließend Regenwasser, siedelt sich der Strandhafer an. Inzwischen gibt es hinter diesen jungen, seewärtigen Dünen einen je nach Küstenabschnitt unterschiedlich breiten älteren Dünengürtel, der stärker, bis hin zu Heide und Wäldern, bewachsen ist. Das Dünengebiet steht unter Naturschutz, es gibt aber viele Rad- und Wanderwege, von denen wir heute einige unter die Füße nehmen werden.

Herrlich ist der Blick, weit voraus verliert sich die bunte Läuferschar in der scheinbaren Unendlichkeit. Linkerhand erkennen wir orange Wimpel im Boden, an denen sich zu eigentlich nachtschlafender Zeit die 120 km-Läufer orientieren konnten. Noch sucht jeder seine Ideallinie, die es im tiefen Sand aber nicht gibt. Überall ist es gleich schwierig, ein Mindestmaß an Halt zu finden. Hier nur nicht überziehen, heißt für mich die Devise. Wie geht es weiter mit dem Untergrund, wie wird er beschaffen sein? Flut bedeutet weichen, tiefen, ganz schwer zu belaufenden Sand, bei Ebbe wäre es deutlich besser. Wir haben Glück: Nach einer ganzen Weile wird er fester und unmittelbar an der Wasserlinie ist er gut zu belaufen. Zur Strafe bekommen wir vollen Gegenwind, der uns heute besonders fordern wird.

Ständig muß ich aufpassen, nicht von den anbrandenden Wellen erwischt zu werden und nasse Füße zu bekommen. Trotz des Windes ist es einfach geil zu laufen: Wasser zur Linken, Dünen zur Rechten und breiter Strand vor uns, das Leben ist schön. Es gelingt mir, die tollsten Panoramen einzufangen und mich von Pfahl zu Pfahl vorzuarbeiten. Die nämlich markieren in von Süd nach Nord aufsteigenden Zahlen die Strandabschnitte und dienen so der Orientierung. Du fragst jemanden nach einem angesagten Strandrestaurant? „Paal 17!“ genügt zur Ortsangabe. Schon sind die ersten zehn km abgehakt (die km-Angaben alle fünf werden rückwärts gezählt, die Zeit liegt mit 1:05 Std. genau im Soll) und schon ist es soweit: Einmal nicht aufgepasst und schwapp! sind beide Schuhe geflutet. So eine K… aber auch! Und das schon nach einer guten Stunde! Aber was hilft es? Ich bete, daß ich von Blasen verschont bleiben möge und freue mich, daß ich wenigstens Schuhe anhabe, die das Eindringen des Sandes von den Seiten verhindern.

Wir kommen an hübschen Badehäuschen und dem zweiten VP vorbei, deren Besatzung  sich einen großen Windschutz gebaut hat und so einigermaßen geschützt ist. 7° (Luft!)Temperatur sind zwar so schlecht nicht, aber der polare Wind ist schon heftig kalt. Glücklicherweise gleicht das die Sonne etwas aus, so lange sie scheint. Nach 13,3 km verlassen wir den Strand und müssen sehr steil hoch in die Dünen. Bei dem weichen Sand ist das wahrlich nicht das pure Vergnügen, und ich entscheide mich schnell fürs Gehen. Dafür entschädigt uns im Hinterland ein gut zu belaufender, fester Pfad, der uns durch welliges Gelände in ein Wäldchen bringt, wo wir nach 14,7 km den ersten Wechselpunkt der Staffelläufer erreichen. Großen Beifall spenden uns viele Zuschauer, darunter der mittlerweile berühmte mobile Fanblock des Herrn Bernath in Person seiner weit besseren Hälfte. Elke hat die harte Anfahrt mit dem Rad über exakt 1,97 km von unserer Unterkunft nicht gescheut, nur um ihren Lieblingsgatten mit Robert-Wimmer-Holster und Trinkflasche nach 1:39 Std. Laufzeit weiterzujagen. Die Zeit paßt unverändert exakt. Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich.

 

 
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Zweiter Streich

 

Auf den beiden folgenden km durch den Wald holt uns als 120er Nitish Zudema ein, den Sigrid kennt. Er wird es tatsächlich schaffen, nach 12:45 Std. als einer von 18 Männern und drei Frauen (der Schnellste in 9:50 Std.!!!) erfolgreich zu sein. Was für eine Leistung, einfach der nackte Wahnsinn. Was macht so ein Würstchen wie ich hier? Die Zielzeit von sieben Stunden über 60 km entspricht knappen fünf Stunden über Marathon. Das ist nicht fett wenn man bedenkt, daß 12,5 km Strand, sehr viel heftiger Gegenwind, weitere noch zu schildernde Wetterunbilden und letztlich auch 300 Höhenmeter mit von der Partie sind.

Nach dem dritten VP dürfen wir zunächst auf einem sehr gut zu belaufenden Weg durch Grasland, bevor es über eine steile Düne (tiefer Sand, was sonst?) schließlich auf den nächsten, langen Strandabschnitt geht. Strahlend blau präsentiert sich der Himmel, doch die stark gestiegene Wellenbewegung hätte mich mißtrauisch machen können. Da der Sand fast überall weich ist (Flut!) versuche ich, den Wellen immer wieder ausweichend auf dem festen Sand zu bleiben, was mir ganz gut gelingt. Km 20 ist geschafft (2:12 Std. alles gut), zwischen meinem Nebenmann und mir drängt ein Dritter hindurch, ich bin kurz abgelenkt und schwapp! Ich könnte kotzen, die nächste Ladung Salzwasser in den Schuhen. Dafür baut sich innerhalb von Minuten eine schwarze Wand auf und – ich glaube es erst nicht – kommt Hagel quer. So richtig von vorne, heftig windunterstützt, das Gesicht kräftigst massierend. Die Qual ist jedoch nach kaum zehn Minuten vorbei und wird durch eitlen Sonnenschein abgelöst.

Am fünften VP ist das Angebot mittlerweile vollständig: Bananen, Honigkuchen (wie in Kevelaer) und Orangen zu essen, sowie Wasser, Iso und Cola zu trinken. Wir greifen beide zu, auch zu Letzterem, und Sigrid freut sich, nicht unter Rolands strenger Aufsicht zu stehen. Auch ich schweige diesbezüglich selbstverständlich wie ein Grab. Am Ende des zweiten Strandabschnitts macht uns tiefer Sand den Aufstieg in die Dünen wieder nicht gerade einfach. Ein zunächst gepflasterter, später Naturweg führt uns durch weite, schöne Landschaft, auf der man gut ausschreiten kann. Ich aber muß mit meinen Kräften haushalten und beginne, Sigrid gegenüber ein schlechtes Gewissen zu entwickeln. Die aber beruhigt mich, nur für die letzten fünf km stünde eine Endbeschleunigung in ihrem Trainingsplan.

Vorbei an zotteligen Rindviechern (Galloway?), die dem Treiben scheinbar teilnahmslos zusehen, kommen wir über zahlreiche kleine, flache Brücken über einen Wasserlauf trotzdem ordentlich voran. Noch sieht es gut aus mit dem Sechserschnitt im Flachen. Schließlich haben wir nach dem sechsten VP, einer deftigen Steigung und 28,2 km (3:07 Std.) bei de Slufter nahezu die Hälfte der Strecke geschafft.  De Slufter ist übrigens das einzige Gebiet der Niederlande, in das das Meer ungehindert einströmen kann und darf. Bei Flut füllen sich die Priele im Gebiet mit Wasser und De Slufter läuft voll. Hier wachsen demzufolge nur Pflanzen, die sich an das Salzwasser angepasst haben, wie der Strandflieder und die Strandaster. Wenn sie in den Sommermonaten blühen, sollen sie De Slufter rosa, lila und violett färben.

Damit ist der zweite Wechselpunkt erreicht, wieder genießen wir das Tour de France-Gefühl durch eine dicht gedrängte Menschenmenge. Sigrid hat hier für die folgende Asphaltstrecke Straßenschuhe deponiert, die sie rasch wechselt, während ich weiterlaufe und die Gelegenheit zur Düngung der Dünen nutze. Dieses war der zweite Streich, doch der dritte folgt sogleich.

 

Dritter Streich

 

 

 
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Auf dem tollen Radweg können wir ihn schon sehen, lange bevor wir ihn
erreichen: Den 1864 zum Schutz der sehr gefährlichen Schiffahrt in Betrieb genommenen Leuchtturm. Zweiwandig ist er, weil die ursprüngliche Hülle stark zerschossen ist. Und zwar wegen des Georgieraufstands, der unverändert ein großes Thema auf der Insel darstellt. Im Zweiten Weltkrieg nämlich kam es zwischen dem 4. April und dem 20. Mai 1945 – 15 Tage nach der Kapitulation in den Niederlanden – zum Gemetzel: Die ursprünglich als Hilfstruppen angeworbenen und auf Texel stationierten Georgier versuchten, in einem Aufstand gegen die deutsche Besatzungsmacht die Kontrolle über die Insel zu erlangen. Dies mißlang jedoch. In den Kämpfen starben 3.000 Menschen, darunter 117 Zivilisten. Es sollten die letzten Opfer des Zweiten Weltkrieges in Europa werden. Die überlebenden Georgier massakrierte Stalin nach Kriegsende in diversen Lagern.

Damit sind wir im Norden Texels angekommen und haben gut die Hälfte unserer Tour hinter uns. Schneller und eindrücklicher ist eine Besichtigung der seit der Allerheiligenflut von 1170 vom Festland abgetrennten Insel wohl kaum möglich. 23,7 km lang und 9,6 km breit beträgt ihre Fläche 170 Quadratkilometer. Noch paßt die Laufzeit gut, auch wenn sich die Sekunden hinter der „6“ pro km anzuhäufen beginnen. Erneut biete ich Sigrid an, alleine die Flucht nach vorne anzutreten, aber Mutter Teresa bleibt standhaft bei ihrem Schützling. Riesig freue ich mich über den zweiten Auftritt meines mobilen Fanblocks, der stand- und heldenhaft im Wind für wenige Sekunden Umarmung und einen salzigen Kuß ausgeharrt hat.

Unmittelbar am Restaurant De Robbenfanger, in dem für 19 Uhr ein Tisch für unser Abschlussessen reserviert ist (traumhafte Fischsuppe!), beginnt der Rückmarsch auf der Ostseite der Insel zwischen Watt und Deich. Km 35 (3:52 Std.), siebter VP, und Rückenwind! Tschacka! Nun ja, ohne den stünden wohl noch mehr als die jetzigen 6:10 bis 6:20 min/km auf dem Zeiteisen. Am jüngsten Ort der Insel, De Cocksdorp, vorbei, dem einzigen Ort der vor der Aufschüttung ehemals selbständigen Insel Eierland, zählt jetzt nur noch Durchhaltevermögen. Wieder wird der Himmel schwarz, und kurzzeitig kommt der Regen quer von hinten. „Besser als Hagel von vorne!“, kommentiert „Claudia Kleinert“ als Wetterfee an meiner Seite. Vorbei an dem markanten Denkmal der Deltawerke Texeler Seedünen geht es ans Wattenmeer und die Prüfung wird mental härter: Ewig lang guckst Du geradeaus, links Wasser und jetzt Teer, rechts Deich und Schafe, dazwischen Du, müde.

Die 40 km-Marke ist nach 4:25 Std. erreicht und ganz langsam beginnt sich in mir Zuversicht breitzumachen, die Sache heute erfolgreich nach Hause schaukeln zu können. Wir haben gerade zum achten Mal verpflegt, da erzählt mir Sigrid von einem Ritual, das sie mit Roland peinlich genau einzuhalten pflegt: Nach 42,195 km gibt’s traditionell den Marathonkuß. Das Problem: Kein Roland da. Die Lösung: Wolfgang da. So kann ich also selbst zu diesem Zeitpunkt noch ein freudiges Ereignis vermelden, an das ich mich gewöhnen könnte. Die beiden waren gestern hier noch auf einer geführten Naturexkursion unterwegs gewesen, daher kann Sigrid mit Detailwissen über Brutpopulationen der verschiedenen heimischen Piepmätze prahlen. Nur, der Wolli wird langsam einsilbig und ist nicht mehr so empfänglich für die Informationsfülle. Am Stuifweg durchlaufen wir nach 43,4 km den letzten Wechselpunkt. Auch wenn wir im Feld natürlich ziemlich hinten liegen, stehen hier nochmals viele Menschen, die uns (besonders mir) Mut machen und mit Applaus ins letzte gute Viertel entlassen. Dieses war der dritte Streich, doch der letzte folgt sogleich.

 

Vierter und letzter Streich

 

 

 
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Die kleine Ortschaft Oost wird durchlaufen und somit der Blick wieder einmal etwas abgelenkt. Etwas zu essen und zu trinken gibt’s am jetzt neunten VP (4:58 Std.) auch. Jetzt bin ich wieder mobil und hätte meine Qualitäten ausspielen können, wenn ich denn welche hätte. Satte zwei Stunden bleiben mir für die letzten 15 km, das sollte doch eigentlich klappen. Kurzzeitig geht’s in Inselinnere, weil auch Oosterend besichtigt werden soll. Und das lohnt sich, wie wir von unserem Erstbesuch von vor zwei Tagen wissen: Kleine, nette, aus meiner Sicht völlig typische niederländische Friesenhäuschen sind schön an- und auch hineinzusehen. Denn wer es nicht weiß: Kaum ein Fenster verfügt über Gardinen und man kann in zahlreiche Häuser vornehmlich ins Wohnzimmer schauen. Wahrscheinlich liegen aus diesem Grund die Schlafzimmer oben. Eigentlich bedauerlich.

Hinter Oosterend sind es nach der zehnten Verpflegung nur noch zehn km, mir bleibt dafür 1:27 Std. Zeit. Wieder zurück am Deich beglückt uns erneut die elend lange, monotone Gerade. Gott sei Dank komme ich damit mental gut zurecht. Zu Beginn des 52. km fasse ich mir nochmals ein Herz und entlasse Sigrid nach vorne, da sich mein km-Schnitt mittlerweile bei 7 min. eingependelt hat. So beginnt ihre Endbeschleunigung etwas früher als geplant, und am Ende wird sie mir auf knapp neun km sagenhafte 15 Minuten abgenommen haben. Der nette, wohlbekannte Hafen von Oudeschild (De oude Vismarkt!) erfreut meine Sinne, bevor die Straße in Richtung Den Burg nach dem letzten VP auf den letzten fünf km (52 min. verbleiben) nochmals hohe Anforderungen stellt.

Wieder hat sich der Himmel verdunkelt, spendiert diesmal aber nicht mehr als ein paar Tropfen. Der Gegenwind nach dem Eindrehen auf die letzten drei km ließe mich fast verzweifeln, wenn nicht, ja wenn ich nicht die Gewissheit hätte, notfalls krabbelnd noch rechtzeitig ins Ziel zu kommen. Haruki Murakami, der marathonlaufende japanische Schriftsteller, kommt mir in den Sinn: „Wenigstens ist er nie gegangen!“ möchte er auf seinem Grabstein stehen haben. Es geht jetzt nämlich, saft- und kraftlos, im wahrsten Sinne des Wortes bergauf. Nun ist der „Hoge Berg“ mit 15,3 m über NN nicht unbedingt alpin zu nennen, aber auf dem 58. km bei wiederum brutalem Gegenwind eben doch das Grauen. Der seit 1968 unter Landschaftsschutz stehende Höhenzug war vor ca. 130.000 Jahren durch eiszeitliche Geschiebelehmaufschüttungen entstanden, über die sich mehrere Schichten Decksand ablagerten. Auf seinem höchsten Punkt geht mir langsam die Luft aus. Daß die bereits erwähnten Georgier hier würdevoll begraben liegen und der „Gipfel“ als kleiner Park sehr nett angelegt ist, geht mir jetzt aber so etwas von am Hintern vorbei.

Als ich niemanden nah bei mir laufen sehe, höre ich mich nach dem Karwendelmarsch zum zweiten Mal meinen ohnmächtigen Zorn in die Natur hinausschreien. Leider bringt mich das keinen Meter weiter, gut getan hat’s trotzdem. Finaler km, Seitenwind, sehr viel besser. Damit meine ich nicht die Zeit, denn stolze 7:40 min. habe ich für den letzten km benötigt. Ich höre bereits die Zielmoderation, dann folgt die letzte Abbiegung. Nein! Nochmals voller Gegenwind, ja hat das denn nie ein Ende? Die grün eingerüstete Kirche von Den Burg ist doch noch so weit weg. Aber halt! Die Jugendherberge liegt ja ganz im Süden am Stadtrand, Gott sei’s geklagt, es kann also nicht mehr weit sein.

Rechts bietet sich nochmal ein Bild für die Götter (ganz so schlimm kann’s um mich also doch nicht stehen): Ein kreisrunder Tümpel, um den herum sich etwas fünfzehn Lämmer in einer Reihe jagen. Leider bekomme ich die Kamera nicht schnell genug startklar. Texels Schafe sind angeblich weltberühmt, auf jeden Fall aber schmackhaft. Ja, ich gebe es zu, eines hat sein Leben wegen uns aushauchen müssen. Auf der Insel gibt es genauso viele Schafe wie Menschen, lerne ich, und das war bereits im 15. Jahrhundert so. Kein Wunder also, daß die kuscheligen Tiere eine ganz besondere Rolle auf der Insel spielen. Den von Natur aus leicht salzigen Geschmack haben sie der Seeluft und dem salzigen Boden zu verdanken. Aus der Milch werden unterschiedliche Käse hergestellt und auch die Wolle der Schafe sorgt für das Wohlergehen der Texelaner und Touristen.

 

 
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Jetzt ist aber wirklich genug geschwallt, vor mir erscheint zum letzten Mal ein Menschenspalier, das trotz der inzwischen hohen Laufzeit ausgeharrt hat. Offensichtlich werden doch noch viele Läufer erwartet. Der Moderator begrüßt mich namentlich, dann stockt ihm die Rede, irgendetwas scheine ich in seinen Augen falsch zu machen. Nein, mein Lieber, alles ist richtig. Denn an der Seite steht meine persönliche Jubelabteilung, die es verdient hat, daß ich zehn Meter vor dem Ziel stehenbleibe und mich bei ihr „mündlich“ für die Unterstützung bedanke. Den Umstehenden gefällt das jedenfalls offensichtlich. Dann bleibe ich nochmal einen Meter vor der Zeitmeßmatte (Chip an der Startnummer) für ein gutes Foto stehen und überschreite zwölf Minuten vor dem offiziellen Ende an der Jugendherberge "Stayokay" das Ziel. Hallelujah!

Frau hängt mir eine willkommene Silberfolie um, leider, leider gibt es keine Medaille, die ich für meine Wall of Fame gerne gehabt hätte. Ich schwelge ein wenig in Selbstzufriedenheit, dann widme ich mich mit Hochgenuß der heißen Nudelsuppe, die u.a. als Zielverpflegung ausgegeben wird. Ein toller, besonderer Lauf ist zu Ende, der gerade in Kombination mit ein paar freien Tagen auf der Insel wirklich ins Portfolio jedes halbwegs gestandenen Langstrecklers gehören sollte. Nach exakt sieben Stunden wird die Zeitnahme abgeschaltet. Bitter ist es, zwölf Sekunden zu spät zu sein. Eine Sekunde ist das pro fünf km oder 0,2 Sekunden pro km. 370 rechtzeitige Zieleinläufe (darunter Roland, der sich durchgebissen hat) bei 481 laut Ergebnisliste Gestarteten bedeutet, daß nur drei von vieren das Ziel innerhalb der Sollzeit erreichen konnten.

„Laufen ist kein Sport, mehr eine Form des Reisens", sagte der Gründer der „De Zestig van Texel“, Jan Knippenberg. Absolut richtig liegt er damit, aber selten bin ich so angestrengt gereist wie heute.

 

Streckenbeschreibung:
Partiell leicht welliger Rundkurs um die Insel mit 20% Sandanteil über den Strand, 300 Höhenmeter. Zeitlimit 7 Stunden (gnadenlos).

Weitere Veranstaltungen:
4 x ca. 15 km Staffellauf, 120 km (zwei Runden, 13 Std. Zeitlimit).

Startgebühr:
60 km 55 €, 120 km 65 €, jeweils inkl. Shirt.

Leistungen/Auszeichnung:
Schönes Langarmshirt. Keine Medaille, keine Urkunde.

Logistik:
Perfekt vor und in der Jugendherberge Stayokay.

Versorgung:
Ausreichend alle fünf km mit Orangen, Bananen, Honigkuchen, Wasser, Iso und Cola. Es ist nicht erforderlich, etwas mitzunehmen. Zur Versorgung gehört übrigens auch die ungewöhnlich gute Informationsbereitstellung per umfangreicher Newsletter im Vorfeld des Laufs.

Zuschauer:
Erstaunlich viele, sowohl an den leicht zugänglichen Strandabschnitten als auch unterwegs, insbesondere natürlich im Bereich der Wechselpunkte.

 

Informationen: De Zestig van Texel
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