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Laufberichte

''Ick bin eine Berliner!''

28.09.08

2.03.59 - Sappradi, do legst di nieder!

Vom Weltrekord, von persönlichen Bestleistungen, von erfolgreichen Premieren. Von der Einsamkeit des Langstreckenläufers bis hin zum Marathongewühl. Von Schmerzen, Watschen und von neuen Zielen. Dieses und weitere Begebenheiten aus der Bundeshauptstadt in meinem Bericht.

Bereits am Freitag Mittag fahren wir zu fünft mit dem Pkw nach Berlin. Das sind Stefan Wenger, der zum ersten Mal auf die Marathonstrecke geht, Petra Mayr, die heute ihre pB mit meiner Unterstützung als persönlicher Hase verbessern will, dazu Daniel Müller (kann verletzungsbedingt nicht antreten) und Ursula Rupp als Supporterin. Der Stefan hat hierzu ein „kommodes“ Fahrzeug aus dem Ingolstädter Automobilkonzern organisiert. Wochenendverkehr mit vielen Lkws und einige Baustellen bremsen uns immer wieder aus. Kurz südlich von Leipzig weist uns das Navi übers Land, wo wir dann durch die Ortschaften Oberkaka und Unterkaka kommen. Wer hat denn diese beiden Ortsnamen verbrochen?

Bei Einbuch der Dämmerung kommen wir dann an der Messe „Berlin Vital“ an und holen unsere Startunterlagen, die wir noch relativ zügig erhalten. Ich muss noch ummelden, da ich in den Startblock F von Petra will. „Eigentlich wollen die Leute alle nach vorne, und haben keine Nachweise dabei“ sagt der Helfer am entsprechenden Schalter. Wir schlendern noch durch die Ausstellung, machen das eine oder andere Schnäppchen, und fahren dann in unsere Unterkunft unweit der Strecke an der Brandenburgischen Straße.

Frühstückslauf

Nach dem Frühstück steigen wir die U 7, die uns in wenigen Minuten zur Station Richard-Wagner-Platz bringt. Von dort sind es nur zehn Minuten Spaziergang, dann sind wir am Startplatz des Frühstückslaufes am Charlottenburger Schloss. Rund 45 Minuten vor dem Beginn um 09.30 Uhr sind wir vor Ort. Genügend Zeit, dass Schloss zu betrachten, sich von der Moderation und der Sambagruppe unterhalten zu lassen oder einfach das Geschehen zu  beobachten.

 
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Ich treffe Stefan Heckl, auch ein Vereinskollege, der seine Startberechtigung bei Basica Sport gewonnen hat. Er ist mit der gesamten Familie nach Berlin angereist. Über 10000 Frühstücksläufer haben sich schon versammelt und wollen sich noch ein wenig vor dem großen Tag bewegen. „A bisserl anschwitzen is net verkehrt“, das ist Stefans Meinung.

Viele internationale Gäste sind im Teilnehmerfeld zu sehen, darunter Gruppen aus Holland („Hup Holland“), Brasilien und natürlich auch Bekannte wie den Pumuckl Dietmar Mücke, der wieder in seinem klassischem Lauf-Outfit (rote Perücke, gelbes Oberteil , grüne Laufhose, dafür aber barfuss) auf die Strecke geht und wieder für eine gemeinnützige Sache sammeln wird. Unter www.laufmalwieder.de findet man seine Pläne und Vorhaben.

Wir werden schließlich aufgefordert, uns auf die Straße zu begeben, wo sich bereits Stadt-, Landes- und Vereinsfahnen versammelt haben. Diese Fahnen markieren traditionell die Läuferspitze. Keiner darf überholen, denn es ist ja kein Wettbewerb.

Ohne Schuss und ohne Herunterzählen setzt sich dann das Feld gemäß dem Motto „Janz langsam“ in Bewegung. Wir laufen im Pulk hinter einer Mannschaft von Adler Bottrop, die einen ganzen Bus für den Vereinsausflug nach Berlin gechartert haben. „Morgen sind wir aber nicht in gelb, sondern in roten Vereinsfarben zu sehen“, vernehme ich von einem Sportler. Außerordentlich viele Frauen haben die zum Event mitgebracht.

Informationen: Berlin-Marathon
Veranstalter-WebsiteErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

Wir laufen am Bahnhof Westend über die A 100 hinweg Richtung Spandauer Damm und sehen dann nach rund 15 Minuten Joggingtempo bereits das Olympiastadion. Am Eingang steht ein Moderator, der sich interessante Teilnehmer für ein kurzes Interview herauspickt.

Dann führt uns der Weg für zwei Minuten in die „Unterwelt“ des Olympiastadions. Ans Tageslicht gelangen wir dann direkt auf die blaue Laufbahn im Stadion. Nach einem kurzen Spaziergang auf der Tartanbahn verlässt schließlich das Teilnehmerfeld das Stadion nach oben. Hinter der Sportstätte wartet dann das Frühstück. Es gibt Kaffee, Rosinenbrötchen, Müsliriegel, Pfannkuchen (so sagt der Berliner zum Krapfen), Joghurt, Bananen und Äpfel. Mit einem vollen Magen machen wir uns auf in unser Hotel.

Inline-Skating Marathon

Nachdem wir uns frisch gemacht haben, steht eine kleine Streckenbesichtigung zu Fuß an. Petra und ich laufen in Richtung Kurfürstendamm, wo wir besonders die vielen kleinen Geschäfte bewundern. Wundern tun wir allerdings bei Preisen von 350 EUR und drüber für Lederhalbschuhe. Da sind Laufschuhe ja noch deutlich billiger.

Dann fahren wir mit der U-Bahn Richtung Brandenburger Tor, wir wollen den Start- und Zielbereich anschauen. Da kommen wir mit zwei Berlinerinnen und einem Taufkirchener (bei München) ins Ratschen. Die drei wollen zusammen den Skating Marathon in einer geführten Gruppe absolvieren.

 
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Ab 15.30 Uhr beobachten wir die Startaufstellung der Skater. Ich hoffe, dass ich meine Arbeitskollegin Sabine Krammel mit ihrem Freund David treffen kann. Der Sabine hatte in der Woche zuvor gehörige Manschetten, das Ziel in der Sollzeit nicht zu erreichen. Das gelang ihr aber dann doch deutlich in 2.11.37 Stunden. War doch nicht schwer?

Der Startschuss für die Inliner erfolgt dann und die Inliner verschwinden Richtung Großer Stern. Die Sabine kann ich jedoch nicht finden. Schade.

Dann geht es Richtung Brandenburger Tor, wo gerade der Mini-Marathon der Schüler und Schülerinnen stattfindet. Stefan Hauck, ein weiterer Vereinskollege, hat uns nach dem Zieleinlauf der Skater zu einer privaten Pastaparty in seiner Unterkunft eingeladen. Wir treffen uns an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden. Gerade rechtzeitig, denn nach wenigen Minuten kommt dann die Spitze des Skating-Feldes mit Karacho herangerast. Wir beobachten eine Zeitlang den Skating-Endspurt und gehen dann zu Stefan, wo schon ein feines und reichliches Nudelgericht wartet. Dazu ein paar Gläschen Wein, dann finde ich wenigstens in der Nacht Ruhe.

Marathon – Jetzt gilt’s

Um 05.30 Uhr heißt es „Wecken“. Meine Kollegen bringen nur Honig und Semmel den Rachen hinunter. Vielleicht sind sie schon aufgeregt. Ja, etwas Wurst und Käse darf es bei mir schon sein. Ich hab ja einen Saumagen!

Mit U- und S-Bahn fahren wir zum Hauptbahnhof., wo schon gehörige Läufermassen sich Richtung Platz der Republik schieben. Einen öffentlichen Anschiss bekommen wir auch noch von der Polizei über Lautsprecher, als wir bei Rot über die Straße laufen: „Auch wenn heute Marathon ist, haben Sie die Fußgängerampel zu beachten!“ Gut, dass wir in der Überzahl sind, so geht es ohne Mandat ab. Ja, und heute darf man auch als Mann ungestraft an den Zaun des Bundeskanzleramtes hinpinkeln.

Im Start- und Zielbereich müssen wir uns ein wenig orientieren, damit wir nicht planlos unsere Kleiderzelte für die Abgabe der Klamotten suchen müssen. Das gelingt einigermaßen. Lediglich die Wege zwischen den Kleiderzelten und den Umkleidezelten sind zu schmal. Da braucht man eine gehörige Portion Geduld fürs Vorwärtskommen.

„Anton, Anton,“ höre ich eine bekannte Stimme im Rücken. Es ist Hartmann Stampfer aus Völs am Schlern in Südtirol. Der Hartmann war wohl noch nie in Berlin, denn er ist auch so ein Marathonsammler. Jede Strecke läuft er nur einmal. Ich wünsche ihm viel Glück.

 
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Da ich heute den Hasen für Petra spielen will, dürfen wir uns jetzt nicht mehr aus den Augen verlieren. Denn in diesem Gewühl sich wieder finden, das ist fast ausgeschlossen. Wir geben nacheinander die Kleidung ab und machen uns auf zum Start. Die Schlangen vor den Dixies sind zu lang, als dass man vor 09.00 Uhr noch in die Box käme. Der Weg führt ins Gebüsch!

Dann ist der Zugang zu unserem Startblock total verstopft. Der Start für die Blöcke A bis E ist schon Geschichte. War für mich zu erkennen am Aufsteigen der gelben Luftballons. Mit Mühe und Not gelangen wir dann in unseren Startblock. Um den Nachfolgenden das Überklettern des Bauzaunes zu vermeiden, hebe ich diesen aus der Betonverankerung am Boden und schiebe ihn auf die Seite. Warum ist denn auf diese Idee noch keiner gekommen?

Jetzt geht es langsam Richtung Startbox. Am Boden sind jede Menge Folien und alte Shirts zu sehen. Füße heben! Und dann nach dem Durchschreiten schaue ich gerade nach oben und kann so noch erkennen, dass wir mit gut zwölf Minuten Verspätung auf die Reise gehen. Petra lässt ihre Stoppuhr laufen.

Wir laufen auf der rechten Fahrbahn der Straße des 17. Juni. Immer wieder springen Läufer uns vor den Füßen herum, die noch in die Büsche müssen. Ja, Herrschaftzeiten, passt halt auf, fluche ich bereits innerlich.

Nach 600 Metern umlaufen wir den Kreisverkehr am Großen Stern. Die Goldelse schaut von der Siegessäule herab und scheint sich zu wundern über die Abertausende von Läufern. Pumuckl steht hier und sammelt Spenden. Ich klatsche ihn ab.

 
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Petra schimpft. Ihre Stoppuhr ist nicht losgelaufen. Fängt schon gut an. „Drück sie bei Kilometer 2 noch mal. Wir addieren dann zehn Minuten, dann kommen wir schon auf unser Ziel hin.“ Ja, Petra hat sich als Ziel 3.30 Stunden vorgenommen. Ihre bisherige Bestzeit steht bei 3.38 Stunden. Ich meine, der der Sprung ist etwas groß, aber schaun mer mal.

Es geht durch das Charlottenburger Tor, von dem wir nur noch Ansätze sehen. Ein Telekommunikationsunternehmen hat ein riesiges Transparent kurz dahinter angebracht. Ja, ich habe einen Doppeljob heute. Zum einen als persönlicher Hase und zum anderen als Fotograf. Ich merke jetzt schon, dass das heute kein Zuckerschlecken wird. Ja, im Weidatal und am Brombachsee, da hatte ich alle Zeit der Welt, geeignete Motive zu suchen und abzulichten. Hier ist es schon schwieriger. Ich kann ja nicht an Ort und Stelle stehen bleiben und fotografieren. Man rennt mich dann über den Haufen. Und Petra darf ich auch nicht aus den Augen verlieren. Ich gebe ihr immer eine Ankündigung, wenn ich für die Fotoarbeit nach vorne muss oder stehen bleibe. Meist laufen wir links im Feld.

Kilometer 5: Die erste V-Stelle mit Wasser. Ein Schluck tut jetzt schon gut, da es warm werden wird. Jetzt hat die Temperatur rund 12 Grad, es ist angenehm zu laufen. Nach der Uhr sind wir etwa eine Minute hinter unserem Plan.

Kilometer 6, wir sehen wieder das Regierungsviertel. Unsere Supporter wollen hier an der Schweizer Botschaft sehen. Es stehen hier Tausende von Zuschauern und wir sind wahrscheinlich auf der falschen, linken Seite des Läuferfeldes. Egal, weiter. Die Strecke steigt dann leicht an. Es geht über die Spree. Petra deutet auf einen Läufer, der sich mit schwarzen Band seine Sehnen am Oberschenkel getaped hat. Schaut lustig aus.

Am Friedrichstadtpalast, kurz vor Kilometer 8, musiziert das Blasorchester Hastetöne Berlin. Ja, es gibt sehr viele musikalische Unterhaltung auf der Strecke. 2005 habe ich hier mehrere Drag Queens mit ihrer pfundweisen Schminke im Gesicht gesehen.

Kilometer 12: Wir sind jetzt am Strausberger Platz, somit im tiefsten Osten. Aber die Begeisterung der Berliner ist auch hier top. Viele Kinder heben die Hand zum Abklatschen hin. Heute habe ich für so was Zeit. Bisher war für mich Berlin ein Termin, wo ich an die drei Stunden hinlaufen und unterbieten wollte. Die Drei-Stunden-Mauer konnte ich hier, aber nirgends anders, insgesamt drei Mal unterbieten. Einmal war es mit 2.59.59 Stunden netto a...knapp.

 
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Am Kottbusser Damm bei Kilometer 16 realisieren wir, dass wir die fehlende Minute gewonnen haben. Mir selbst ging das Aufholen des Rückstandes etwas zu schnell. Haben da die Kilometerschilder gestimmt? Oder haben wir so zugelegt? „Wir müssen jetzt etwas defensiver werden,“ sage ich zu Petra.

Die Strecke führt jetzt durch Kreuzberg, die größte türkische Siedlung außerhalb der Türkei. Viele Kinder stehen am Rand. Immer wieder hören wir TürkRock. Wir überholen einen Läufer, der einen Rucksack mitschleppt. Muss ein Brite sein. Ob der dann im Ziel ankommt, das ist auch so eine Frage.

Links sehe ich den Volkspark Hasenheide, kurz danach den Südstern mit seiner U-Bahnstation. Gerade an diesen Orten ist der Zuspruch noch besser. Angehörige von Läufern haben sich ja schon Pläne zurecht gelegt, ihre Sportler so häufig wie nur möglich zu sehen. Das gute U-Bahn- und S-Bahnnetz in Berlin hilft ja da unheimlich.

Kilometer 21,1, „... die Hälfte ist geschafft!“ lese ich auf einem Transparent über unserer Laufstrecke. Ja, wir sind gut im Plan für die 3.30 Stunden. Petra läuft unheimlich gleichmäßig. „Wenn, dann brauche ich Dich nur am Ende des Rennens,“ hat sie mir beizeiten mitgeteilt. Und wenn nötig, dann hole ich halt die Peitsche raus. Oder einen Strick. Zum Abschleppen!

Kilometer 23, es geht am Rathaus Schöneberg vorbei. Am Innsbrucker Platz tobt der (Berliner) Bär. Ich bemerke, dass nun gerade in Unterführungen die Trommlergruppen mitunter auf Öltonnen und Regentonnen einhauen.

 
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Ich bereite Petra auf die nächsten Kilometer vor. „Es geht nun leicht aufwärts bis zur Sambagruppe am Platz des Wilden Ebers.“ Das Läuferfeld ist nun auch schon langsamer geworden. Mittlerweile erkenne ich, dass schon viele Läufer Probleme bekommen. Vor uns läuft einer verkleidet als Art eines Gladiators. Es ist Michal Lesniewski, der für sein Outfit immer wieder Beifall erhält.

Petra sieht einen Schotten: „Den würde ich jetzt unter den Rock schauen, ob der eine Unterhose anhat.“ Ganz schön neugierig ist die Frau. Ich hab den Schotten erst auf Zuruf gesehen. Mich interessieren eher die Madel der Sambagruppe. Die Gruppe Sapucain No Samba spielt zwar, aber die Tänzerinnen haben gerade Pause. Ich muss weiter. Ab hier können wir die Sau rauslassen, es geht nun leicht abwärts.

Kurz vor Kilometer 30 sehe ich ein bekannte Kleidung. Da Engel Aloisius alias Dienstmann Alois Hingerl läuft Marathon. Ja, in der Vergangenheit war er zuständig für die göttlichen Eingebungen an die Bayerische Staatsregierung. Und die wird heute in Bayern gewählt. Ich kann mir gerade noch den Spruch verkneifen: „Hast a Pris, an Schmeixler, hast nix, geh, fahr oane her,“ zumal der Verkleidete kein Bayer ist.

Kilometer 31. „Noch 11 Kilometer,“ versuche ich Petra zu motivieren. Ich erkenne an ihrem Gesicht bereits die Anspannung. Wir haben auf die 3.30 Stunden etwa eine Minute wieder verloren, sind jedoch immer noch auf Bestzeitkurs.

Bei Kilometer 33 grüße ich Schweizer Lauffreunde, die alles Gute wünschen. Ja, sehr viele Landesfahnen sind an der Strecke zu sehen. Wir biegen rechts auf den Kurfürstendamm. Mir fällt ein Läufer mit einem Rauschebart auf. An der Gedächtniskirche stehen Cheerleaders mit ihrem Puschen. Ja, da freut sich jeder Läufer beim Anschauen der feschen Mädels.

Auf der Tauentzienstraße eine V-Stelle. Ich reiche Petra ein Gel, sie muss bereits kämpfen und steht kurz vor einem Muskelkrampf. „Wir nehmen jetzt das Tempo heraus.“ Das hilft, sie signalisiert mir, es geht wieder. Dann nach ein paar Metern sehe ich Sambatänzerinnen der schwedischen Gruppe „Samba St. Olof“, noch ein Augenschmaus. Die Kamera will nicht so wie ich will. Daher dauert die Fotografiererei etwas länger und ich muss wieder der Petra hinterher springen.

Potsdamer Straße, eine Holländerin zeigt ihr Schild „ik staa hier,“ ja das verstehe ich auch. Noch fünf Kilometer. Nationalgalerie, Staatsbibliothek und Philharmonie folgen auf unserem Weg zum Potsdamer Platz.

 
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Kilometer 39, Bahnhof Potsdamer Platz. Petra bekommt jetzt Probleme mit ihrer Muskulatur. „Der Kopf will, aber die Beine hören net“, sagt sie. „Wir machen das gut zu Ende,“ versuche ich sie aufzubauen. „Es sind nur noch drei Kilometer, die schaffen wir.“

Es geht am Justizministerium vorbei. „Jetzt kommt das Gendarmenviertel“, versuche ich Petra abzulenken, „Deutscher Dom und Französischer Dom, da links.“ Und bei Kilometer 40. „Noch ein Schluck Wasser,“ ich reiche ihr einen Becher.

An der Linkskurve zum Werderschen Markt spielt nochmals eine Band. Ich springe dann wieder dem Feld hinterher. Wir biegen nach links ein und sind jetzt „Unter den Linden“. Ich bleibe stehen, fotografiere und springe dem Feld wie x-mal vorher hinterher. Petra ist weg. Verdammt. Da läuft man 41 Kilometer mit ihr, will mit ihr zusammen ins Ziel, dann ist sie weg. Ich lasse mir Zeit, bleibe sogar stehen, beobachte die hinter mir Laufenden. Nichts.

Dann ist sie an mir vorbei. Also Gas und nach vorne spurten. Fast im Vierminutenschnitt gebe ich Gas, kämpfe mich nach vorne und habe nach einer Minute Kontakt zu einer Läuferin, die auf ihrem Shirt hinten einen Pfeil zum Ziel hatte. Petra ist weg. Dann musste sie vielleicht wegen eines Krampfes stehen bleiben. Ich verlangsame, laufe sogar rückwärts. „Du läufst falsch herum,“ höre ich noch einen Zuschauer reden. Und dann sehe ich sie. Gottseidank. Ich will ja mit ihr einlaufen.

„Ich musste einen Moment stehen bleiben,“ sagt sie. Und: „Ein Endspurt geht nicht mehr.“ Ich baue sie auf: „Nur noch genießen.“ Dann: „Da vorne sehen wir das Brandenburger Tor.“ Das Deutsche und Berliner Symbol schlechthin. Schön, dass wir da kurz vor unserem Zieleinlauf durchdürfen. Wir wählen den mittleren Durchlass.

„Nur noch 400 Meter! Ich glaube, das ist gar nicht mehr so weit.“ Dann haut sie mir mit der Hand auf die Schulter. „Hand-in-Hand will ich einlaufen,“ sagt sie. Die Tribüne rechts ist voll mit Zuschauern besetzt. Eine schöne Stimmung. Links laufen wir ins Ziel. Ich sehe oben auf der Uhr eine 3.49 Stunden. „Es müsste so 3.37 Stunden sein. Plus/minus eine Minute.“ „Dann ist es eine Bestzeit für mich.“ Petra jubelt.

 
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Wir wollen uns von einem Helfer fotografieren lassen. Der lehnt ab und schickt uns nach hinten. Ein Mitläufer erbarmt sich. Wir erhalten die Medaille. Da wir aufgrund der hohen Teilnehmerzahl weitergeschickt werden, begnüge ich mich mit wenigen Bildern. Wir verlassen den Zielbereich.

Und jetzt fällt bei Petra die ganze Spannung und Anstrengung ab. Sie bekommt Krämpfe und kann sich gerade noch mit meiner Unterstützung auf einen Betonsockel hinsetzen. Gut, dass die Teestelle in Armreichweite ist.

In zehn Minuten ist sie wiederhergestellt. Sie holt ihre Kleidung, derweil ich mich in die Reihe am Bierstand anstelle. Ja, zwei frische Pils, dazu sagt der ärztliche Chef des Berlin-Marathons auch nicht „na“. Der Gerstensaft geht natürlich voll in die Birne.

Da die Zeit schon fortgeschritten ist, gehen wir zu meinem Kleiderzelt. Der Stefan ist auch schon da. Ihm ist es gut ergangen. Die zweite Hälfte hat er zugelegt und war da deutlich schneller. Und: „2009 kann ich mir New York vorstellen.“ Das wäre ein Plan, wo nicht nur ich aufspringen könnte. Und der Stefan ist einer, der jedes Jahr irgendein sportliches Abenteuer sucht. So stand er letztes Jahr auf dem Kilimandscharo.

Während wir am Eingang des Duschzeltes uns so unterhalten, kommt ein Läufer heraus, nur mit dem Handtuch um die Hüfte bekleidet und sucht seinen Kleidersack. Lediglich die Schuhe stehen noch da. Keiner hat was gesehen. Shit. Während er so dahinschimpft, kommt eine Frau, schaut aus wie die Betreuerin eines anderen, und bringt seinen Kleidersack. Noch mal Glück gehabt. Jürgen Winnige ist der Pech- und Glücksvogel zugleich. Er kommt aus dem Saarland und ist mit seinem Lauf auch zufrieden.

Wir verlassen dann den Zielbereich, der Magen knurrt. Etwas Salziges oder Süsses, Kaffee und auch die erzielte Leistung, das interessiert uns jetzt. Beim Ausdruck der Urkunden jubelt Petra, denn die 3.37.30 Stunden bedeuten für sie eine neue Bestzeit. Ja und für Premierenläufer Stefan Wenger sind die 4.02.57 Stunden auch nicht von schlechten Eltern. Unser Gastgeber der Pastaparty Stefan Hauck hat die beste Zeit, 2.51.46 Stunden. Und noch eine pB habe ich zu vermelden. Stefan Heckl erläuft sich eine in 3.19.55 Stunden.

Wir lernen noch Liane Winter kennen. Wer das ist? Nun, sie war in den 70er Jahren ein Aushängeschild im Langstreckenlauf. So gewann sie 1975 als erste Ausländerin in 2.42.25 Stunden (damals Weltbestzeit) in Boston. Seit vielen Jahren leidet sie an multipler Sklerose, kann jedoch weiterhin im Handbike sportlich aktiv sein. Klar, dass sie heute gefinished hat. In 3.49.04 Stunden, eine tolle Leistung von einer starken Frau.

Was bleibt mir? Eine interessante Erkenntnis. Die gleiche Zeit wie Petra, das war nicht schwer zu bewerkstelligen. Ich habe mir es aber leichter vorgestellt, gleichzeitig Petra zu coachen und zu fotografieren. Das war fast Stress, aber sehr unterhaltsam. Das könnte ich fast wieder mal machen. Wenn ich darf.

Am Abend geht es zum Postbahnhof zur Siegerparty. Da werden dann die Sieger vorgestellt. Irina Mikitenko (2.19.19 Stunden) und Haile Gebrselassie (2.03.59 Stunden). Die ersten Worte von Haile sind legendär: „Ick bin eine Berliner.“ Während die beiden ihre Geldprämien erhalten, heißt es wegen dem Wahlfiasko für die bayerische Regierung: Antreten und Watschn abholen.

Streckenbeschreibung:
Rundkurs durch die Bundeshauptstadt. Absolut flach mit vielen Sehenswürdigkeiten. Asphaltiert. Super Stimmung mit zahlreichen Bands.

Auszeichnung:
Medaille, Urkunde und Erlebnisheft per Post, Soforturkunde aus dem Internet oder nach dem Lauf.

Verpflegung:
Internationaler AIMS-Standard. Alle 5 Kilometer Verpflegungsstellen, ab 12,5 Kilometer zusätzliche Wasserstellen. Im Ziel Wasser, Iso, Tee, Äpfel, Bananen, Kekse, sowie Freibier.

Zeitnahme:
Champion-Chip.

Logistik:
Anfahrt ausschließlich mit U- oder S-Bahn. Kleiderbewachung, Duschmöglichkeiten, Massagen. Die Startnummernabholung soll am Samstag suboptimal gewesen sein.

Nächster Termin:
Am 20.09.2009

 


 

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