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Laufberichte

Niemand hat die Absicht 100 Meilen zu laufen

21.08.11
Autor: Joe Kelbel

 

An der Grenze - an der ehemaligen und an der körperlichen

 

Pressekonferenz Ost-Berlin, 15.Juni 1961: „Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?“

Walter Ulbricht: „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Ääh, mir ist nicht bekannt, dass [eine] solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll ausgenutzt, ääh, eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

50 Jahre ist die Lüge alt. Am 13. Aug 1961 wurde die  Mauer errichtet. Gegen das Vergessen, für Demokratie, gegen Lügen von Politikern, dafür findet der erste Berliner 100 Meilen Lauf statt.

 
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19. Aug. 2011: Ich stehe vor dem  Brandenburger Tor. Schrecklicher Touristenrummel. 15 Minuten Marathonfußweg  Richtung Osten, in Kreuzberg,  ist die Sportanlage Lobeckstrasse. Dort hole ich jetzt meine Startnummer ab. Dort treffe ich die anderen  91 Ultra-Cracks, die mit mir laufen. Sie kommen aus Deutschland, Amerika, Kanada, Hongkong, Spanien, Niederlande und Italien.
20. Aug 2011 , 6 Uhr: Rainer Eppelmann, der Pfarrer und ehemaliger Bürgerrechtler, Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, ist Schirmherr des Laufes. Er gibt den Startschuss.

 
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Mit diesem Lauf gedenken wir den Opfern der Berliner Mauer. Der Mauerweg führt größtenteils auf dem ehemaligen Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen entlang, die Länge beträgt 100 Meilen. Es ist der erste offizielle Lauf, der nonstop um die gesamte ehemalige West-Berliner Grenze führt. Sämtliche Informationen stammen aus öffentlich zugänglichen Dokumenten. Die von mir erwähnten Mauertoten sind namentlich bekannt, die Überlebenden sind aus rechtlichen Gründen nicht mit vollem Namen erwähnt. Die genaue Zahl der Mauertoten ist nicht bekannt. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung hat 136 Maueropfer registriert, darunter 98 DDR-Flüchtlinge, 30 Personen ohne Fluchtabsichten und 8 getötete Grenzsoldaten. Dazu kommen mindestens 251 Opfer, die bei oder nach den rigorosen Grenzkontrollen an Herzinfarkt starben. Die Betreiber des Mauermuseums Checkpoint Charlie gehen von 245 Maueropfern und 38 „natürlichen“ Sterbefällen aus,  Im folgenden Bericht möchte ich Euch die Augen öffnen.

Um das Starterfeld auseinanderzuziehen laufen wir 2 Kilometer durch das Stadion. Dann geht es hinaus in das morgendliche Berlin. Werner Sonntag ist da („Einmal muss jeder nach Biel“). Klasse, dass der 85jährige Vater des Ultralaufes anwesend ist. Ich werde ihn einigen Male auf der Strecke treffen, er läuft außer Konkurrenz, aber große Klasse!

Nach einigen Kilometern erreichen wir den Mauerweg, seit 2002 gekennzeichnet. Die Anfänge des Mauerbaus waren  von technischen und personellen Problemen gekennzeichnet, mal hielt die Verankerung im Boden nicht, wenn schwere Fahrzeuge auf die Mauer zusteuerten, mal nutzen Flüchtlinge die Ränder der querliegenden Betonstreifen als Tritthilfe.

1963 ersetzten lange Betonplatten die erste Mauerbauart, in den 70er Jahren Betonteile,  3,70 Meter hoch, in den 80er wurde die Mauer nochmals um 50 cm erhöht. In dieser Höhe ist die Beschilderung des Mauerweges angebracht. Man muss schon sehr den Kopf heben, um sie zu sehen. Die meisten Berliner, die ich getroffen habe, haben das nie gemacht: „Die Mauer? Keine Ahnung.“

Wir durchlaufen „Kotti“, wie liebevoll das Kottbusser Tor, Hauptumschlagplatz für harte Drogen in Berlin genannt wird. Der Durchlass durch die Hochhäuser war in den 90er Jahren Schauplatz der jährlichen Straßenschlachten zum 1.Mai.

Kreuzberg mit seinen „Rollheimer-Siedlungen“, das sind Busse und Wohnwagen, die auf der Straße stehen und eine Mischung aus Hippiezeit und Hausbesetzerszene bilden, Hängeblumentöpfe an Außenspiegeln, Grundstücke und Häuser, die im Durcheinander der Berliner Nachkriegs-und Teilungsgeschichte aus Katasterregistern verschwunden sind und nun graffitiüberzogen von neuen Besitzern alternativ genutzt werden.

In der Morgensonne leuchtet die St. Thomas Kirche. Hier liegt Klein-Anatolien. Der DDR war es zu aufwändig, die Mauer über das kleine spitze Gebiet zu führen, so blieb ein Stück DDR in West-Berlin, das alsbald als Müllhalde diente. In den 80er Jahren kam Osman Kalin, räumte den Müll weg und pflanze Kohl an. In der kleinen unauffälligen Ecke im Schutz der Mauer eroberten seine Kohlpflanzen allmählich ein Stück Osten, bis sich eine eiserne Tür öffnete und zwei Vertreter des Grenzregiments 33 ihn fragten was er da mache. Der Anatole stellte sich stur, bis die Grenzer sagten: „In Ordnung, machst du Garten.“  Sein „Baumhaus an der Mauer“ ist Tourismusmagnet.

 
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Du läufst vorbei, kapierst aber nix. So wie alle nach 20 Jahren.

Jürgen, ein West-Polizist, erzählt von den ersten Jahren des Mauerbaus. Da wurden West-Hemden gegen Wodka getauscht. Man kannte sich auf beiden Seiten Berlins. Dieselbe Schule, dieselbe Ausbildung, derselbe Verein.

 
 

Informationen: 100 Meilen Berlin
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