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Laufberichte

Auf der längsten Promenade unterwegs

 
Autor: Klaus Duwe

Schon seit einigen Jahren fasziniert mich die Idee, mal einen Marathon auf der Insel Usedom zu laufen. Doch bisher sprach immer etwas dagegen: Zum einen ist es nicht der nächste Weg von München dorthin und zum anderen machten mich die Cutoff-Zeiten etwas nervös.

Aber in diesem Jahr wagen wir es: Judith und ich fahren zum internationalen Usedom Marathon, mit dem ICE von München nach Berlin und dann weiter Richtung Binz. Kurz davor müssen wir in Züssow am kleinsten ICE-Bahnhof Deutschlands in eine Lokalbahn nach Usedom umsteigen. Das ganze dauert acht Stunden und kostet 100 € pro Person hin und zurück. 

Weil der Start des Marathons im polnischen Świnoujście (Swinemünde) liegt, haben wir uns in einem dortigen Hotel eingemietet. Es ist angenehm warm am Abend unserer Ankunft. Am Freitag geht es zur Startnummernabholung zurück nach Wolgast. Der Zielort des Marathons befindet sich nur zum Teil auf der Insel Usedom. Also wieder 42 Kilometer mit der Bimmelbahn, die eigentlich nur für Urlauber mit viel Zeit das geeignete Verkehrsmittel ist und dem Ansturm der Fahrgäste nicht immer gewachsen zu sein scheint. 

Leider hat sich das Wetter geändert. Es regnet oft. Die Startunterlagen erhalten wir im Vereinsheim beim Stadion von Wolgast. Vom Bahnhof ist der kurze Weg gut ausgeschildert. Wir bekommen eine Startnummer mit Chip, ein Pflasterset und Traubenzucker vom Sponsor plus einem Infoheft in einer kleinen Papiertasche.

Es regnet immer noch. Trotzdem stoppen wir auf dem Weg zurück in Bansin, einem der drei Kaiserbäder, und fahren mit dem Hop-on-hop-off-Boot an der Küste entlang nach Swinemünde. Viel sehen kann man bei dem Regen leider nicht. Warum haben Schiffe keine Scheibenwischer? Den Abend verbringen wir im Hotel, das einen Indoor-Pool und eine Sauna hat.

 

 

Marathontag

 

Günstigerweise befindet sich der Start im Flota-Stadion quasi hinter der Strandzone nahe unserm Hotel. So können wir noch gemütlich frühstücken. Judith treibt mich an, endlich loszugehen. Vor dem Hotel kommt uns ein Bus entgegen, der Marathonis von Wolgast und den Orten an der Strecke nach Swinemünde bringt. Aber warum ist der noch voll? Am Stadion ist er nämlich schon vorbeigefahren. Kurz danach kommen uns zwei ratlose Marathonis entgegen, die schon im Stadion waren und dort gähnende Leere vorgefunden haben. Offenbar wurde der Start kurzfristig verlegt, doch weder auf der Website des Veranstalters noch in meinen Mails finde ich entsprechende Informationen. Wir gehen einfach mal in die Richtung, in die der Bus fuhr. Erst ein Taxifahrer kann uns helfen. Er erklärt uns, wo der Startbogen zu finden ist. Dort an einem Campingplatz endlich Marathonis. Auf jeden Fall ein neues Erlebnis nach immerhin 330 Marathons. 

An einem Transporter geben wir unsere Taschen mit Wechselkleidung für das Ziel ab und treffen auf die Bekannten Heiko und Anja. Die Ansagen sind auf Polnisch und Deutsch und um 9:00 Uhr werden ca. 300 Marathonis auf die Strecke geschickt. Hier am Strand gibt es eine große Hotelzone. Die meisten Anlagen sind neu oder frisch renoviert und kurz danach sind wir auf einer nagelneuen Promenade hinter den Dünen am Strand. Am Gradierwerk vorbei. Nochmal gesunde salzhaltige Luft atmen. Dann weiter durch den Pinienwald. 

 

 

Schnell kommen wir zur Grenze. Dort ist eine Skulptur aufgestellt, vor der auch gerne ein Foto gemacht wird. Kurz danach dann ein Kurtaxenautomat. Wie ich im Internet las und später auch vor Ort sehen konnte, wird kontrolliert, ob man eine Usedom-Karte gekauft hat. Die Preise unterscheiden sich von Ort zu Ort. Die Leistung auch, aber nur mit einer Karte ist man in allen deutschen Orten legal unterwegs. Mit unserer polnischen Kurtaxe natürlich nicht. So europäisch ist Usedom dann doch noch nicht. Mit der hier erworbenen Karte kann man nicht nur die Busse nutzen, sondern auch das erwähnte Schiff an der Küste entlang. Also sind die 3,70 € pro Tag auf jeden Fall gut angelegt. Als Marathon-TeilnehmerInnen scheinen wir aktuell aber nichts zahlen zu müssen. Für uns Sportlerinnen und Sportler hat die Strecke noch einen großen Vorteil: Es gibt viele Toilettenanlagen.

Und schon bei Kilometer vier kommen wir ins Seebad Ahlbeck, das neben Heringsdorf und Bansin zu den sogenannten Kaiserbädern gehört. Dort verbrachten um die vorletzte Jahrhundertwende Kaiser Wilhelm II und andere Monarchen sowie die vornehme Berliner Gesellschaft ihre Sommerurlaube. Die prächtigen Villen aus den Gründerzeitjahren sind wunderschön renoviert. Hier zwischen den Häusern und der Düne verläuft der Rad- und Fußweg. Und vor allem e-Radfahrern werden wir heute noch oft begegnen. Aber irgendwie kann ich mich nicht beschweren, die meisten von ihnen lassen uns viel Platz.

Von der Ostsee sieht man eher wenig. Meist ist die bewachsene Düne im Weg. Aber auf den nächsten 30 Kilometern werden wir noch oft einen kurzen Blick erhaschen können, bei Zugangswegen zum Stand, an Seebrücken oder von oben, wenn wir auf einer Düne laufen.
Wie wir heute und bei einem Ausflug am Sonntag feststellen werden, ist Usedom eher in der Hand älterer Urlaubsgäste. Vielleicht auch, weil hier im Norden die Schulferien schon vorbei sind. Angefeuert werden wir aber eher von den wenigen jüngeren Leuten. Musik, auch in Form von Kurkonzerten, wird uns heute nicht geboten. 

Ich genieße die Atmosphäre, die sich über die Kilometer leicht ändert. Bei einem modernen Luxushotel, wie es ähnlich auch in Lido di Jesolo existiert, kommen wir nach Heringsdorf, um 1900 bekannt als „Nizza der Ostsee“. Hier sind eher große Villen zu finden, beispielsweise die 1908 erbaute neobarocke Villa der Bankiersfamilie Bleichröder oder die benachbarte neoklassizistische Villa Oppenheim. Apropos Lido di Jesolo: Dort gab es vor einigen Jahren auch mal einen Marathon auf einer der längsten Promenaden Europas. Aktuell nehmen die Kaiserbäder und Swinemünde für ihre 12 Kilometer lange Promenade den Superlativ in Anspruch.

 

 

An einem Riesenrad vorbei laufen wir auf ein Einkaufszentrum zu, das nach rechts auf die Seebrücke Heringsdorf führt. Links zwei große Kurhotels. Wir laufen unter den Geschäften hindurch, sehen noch ein interessantes Hotel mit riesigem Wintergarten auf dem Dach und befinden uns dann an einer hohen Düne links von uns. Oben weiterhin Anwesen mit langer, steiler Treppe bis zum Meer. Wer die benutzen muss, hält sich fit..

Dann das nächste Kaiserbad, Bansin, Ende des 19. Jahrhunderts eigens zu Zwecken des immer  populärer gewordenen Badebetriebs gegründet. Hier gibt es viele alte Holzhäuser und wir samt den Häusern sind auf der Düne. Also bietet sich auch ein schöner Blick aufs Meer. Viele UFA-Filmstars bauten sich hier Villen. Eine Seebrücke und dann das Ende der flachen Promenade. Es geht zackig einige Meter bergauf. Viele ältere Herrschaften stehen an der Bushaltestelle. Ich fordere sie auf, mal ein bisschen Stimmung zu machen, aber ich glaube, die sind nicht gut auf uns zu sprechen. Wir müssen weiter nach oben und kommen auf einen Waldweg. 

Die Wege sind meist geteert, aber für mich kommt der plötzliche Wechsel der Szenerie überraschend, hatte ich doch in der Beschreibung immer nur etwas von Strandpromenade gelesen. Aber später werfe ich noch mal einen Blick ins Infoheft: Da ist tatsächlich von „Wald“ die Rede. Nun kommen Zweifel auf: Kilometer 21,8 muss man in 2:30 Stunden passiert haben. Ist das mit den Anstiegen für uns noch machbar? Nachdem noch viele MitläuferInnen in unserer Nähe sind, könnte es doch klappen. Aber Gehpassagen erlaubt sich hier niemand.

 

 

Die VPs gibt es so alle 5 Kilometer. Es gibt Wasser, warmen Tee, Bananen und Schokolade. Später dann Cola. Aber kein Iso. Natürlich alles von freundlichen Helferinnen und Helfern angereicht. Entlang der Straße nun viele Wohnmobile. Im Laufe der Zeit stelle ich fest, dass es sich hier um einen Naturcampingplatz handelt. Ich witzle, dass dies der längste Campingplatz ist, den ich kenne. Ab und zu kommt ein Auto vorbei. An einer einzigen Stelle ist das Sträßlein sehr wellig, da hier die Wurzeln der Pinien durchbrechen. Und genau da muss ein Auto an uns vorbei preschen. Ich bin not amused. 

Ab und zu gibt es Dusch- und WC-Anlagen, dann auch einen kleinen Supermarkt. Rechts von uns gleich der Sandstrand. Den sieht man aber wegen der Düne und den Büschen selten. Vor uns mehrere Häuser, Imbissbuden und viele Ausflügler. Hier endet der Campingplatz. Hoffentlich schließt jetzt die Schranke nicht. Aber sie steht wohl heute immer offen. Eine Ordnerin schickt uns auf die nächste Bergpassage. 

Bald taucht linker Hand der Kölpinsee auf. Am Ende des Sees ein großes Hotel, welches auch Sponsor des Marathons ist. VP vor dem Hotel und dann kommt eine Treppe für uns. Aber nur ein paar Stockwerke hoch, dann geht es flach weiter. Oben Zeitmessung nach 21,8 km. Das Limit haben wir locker unterboten.Es folgt Koserow, VP und dann geht es auf einen geteerten Weg auf einem Damm. Links die Straße und Eisenbahn. Schnurgerade dahin. Man sieht die Vorauslaufenden. Am nächsten Knick ein Blick nach hinten: Da kommen noch viele hinter uns.

So bei km 29 werden wir auf einmal auf einen Trampelpfad abgeleitet. Und es gibt einen heftigen Regenschauer. Also Wurzelweg mit Matsch und peitschender Regen. Kurz danach kommen wir auf einen Radweg an der B111. VP mit Wahlplakaten. Wie schaffe ich ein Foto ohne die AfD-Werbung? Hier haben wir km 30 erreicht, ein paar Minuten vor dem Cutoff, der bei 3:30 h liegt.

Der Regenschauer hört so schnell auf, wie er begonnen hat. Links eine lange Autoschlange. Eine Truppe junger Hamburgerinnen feuert uns aus einem Auto besonders stark an. Da ich manchmal schneller als der Stau bin, sehen wir uns öfter. Macht uns allen viel Spaß. Schuld an dem Stau ist eine Baustelle, nicht der Marathon, wie wir bald feststellen. Heiko, der aus der Gegend stammt und hier schon öfter teilgenommen hat, hatte uns vor Gegenwind gewarnt. Der beginnt nun prompt kräftig zu blasen. Das ist schon zermürbend. Wir wechseln uns mit einigen MitstreiterInnen bei der Führung ab. 

Und dann durch eine Allee junger Bäume, die alle ordentlich durchnummeriert sind. Ich nehme mir fest vor, mir die Nummer des letzten Baums zu merken, dann kommen die Häuser von Bannemin - und schwupp, sind die Bäume vergessen. Aber es könnten die 300 geworden sein. Irgendwann nach dem Kampf mit kleinen Hügeln und der steifen Brise kommen wir in den Zielort Wolgast. Vor uns die Peenebrücke, eine Klappbrücke, die das Festland mit der Insel Usedom verbindet und wegen ihrer markanten Farbe auch oft als „Blaues Wunder“ bezeichnet wird. Kurz davor unten hindurch auf die andere Straßenseite. Und dann über die Brücke mit Blick auf die evangelische Kirche St. Petri.
Wir biegen links in eine Wohnstraße ab. Nett hier, aber warum schon wieder nach oben? Wahrscheinlich gäbe es hier einiges zu entdecken. Ich sehe noch ein Stück Stadtmauer, aber nach km 40 und mit der Chance, eine sub 5 zu schaffen, ist es mit der Aufmerksamkeit nicht mehr weit her. Am Wolgaster Bahnhof dann auf einen Weg nach oben. Stimmt, gestern musste man auch zum Stadion hochgehen. Endlich die 42-km-Markierung am Stadioneingang. Ich rufe Judith zu, dass wir für 200 Meter noch fast drei Minuten haben. 

 

 

Auf der Aschenbahn steht die letzte Kurve an. Neben dem Zielbogen findet gerade die Prämierung der Siegerinnen und Sieger. Statt. Wir kommen nach 4:58:08 ins Ziel. Passt ganz gut bei dem teilweise hügeligen Parcours, dem Wind und Regen. Es gibt eine sehr hübsche Medaille.

Über die Zielverpflegung kann ich nicht viel berichten, da wir, mit einer Flasche Limonade versorgt, vor dem jetzt heftig einsetzenden Regen in das Stadiongebäude flüchten. Dort gibt es auch Duschmöglichkeiten. Draußen kann man seinen Essensgutschein in eine Kartoffel- oder Erbsensuppe umtauschen. Lecker. Die geplante Besichtigung von Wolgast fällt für uns witterungsbedingt aus. Mit dem Zug geht es zurück nach Swinemünde.

Fazit
Ein Punkt-zu-Punkt-Marathon, der mit einer fantastischen Strecke durch die drei Kaiserbäder beginnt. Dann viel Grün inklusive Auf und Ab und seltenem Blick auf die nahe Ostsee.
Die abschließenden 10 Kilometer entlang einer stark befahrenen Bundesstraße sind leider nicht so schön. Viel Engagement bei den Helferinnen und Helfern. Immer wieder Anfeuerung. Das Ganze für einen sehr günstigen Preis (ca. 40€)

Leider hatten Judith und ich etwas Pech mit dem Wetter. Die Vorhersage war besser. So dass es nicht für einen Strandtag gereicht hat.


Siegerinnen
1. Katarzyna Chojnacka    3:04:55
2. Dr. Julia Plagge        3:24:14
3. Sarah Oltermann        3:31:01

Sieger
1. Maik Marschhausen    LG Hopfen Schackensleben e.V.         2:48:01
2. Paul Weinmann        LTV Genthin                    2:52:50    
3. Frank Profe            Strandhotel Seerose/HSG Uni Greifwald    2:53:32

242 Finisher beim Marathon, außerdem Halbmarathon und Staffeln

 

 

Informationen: Usedom-Marathon
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