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Laufberichte

Abgesagt: So war es und so wird es wieder (36)

 

Die coronabedingte Absage des Marathons auf das Stifser Jochs kommt zwar nicht unerwartet,  ist aber schmerzhaft sowohl für die Veranstalter als auch für die angemeldeten Läuferinnen und Läufer. Der Stelvio Marathon ist eine noch recht junge Veranstaltung, 2020 wäre die 4. Auflage gewesen.

Anstelle eines aktuellen Laufberichtet kann man hier anhand der Zitate unserer laufenden Reporter den Run auf den magischen Pass nacherleben und/oder Vorfreude tanken.

Alle Laufberichte mit vielen Bildern gibt es auf
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Run to the magic pass

 

Alpine Passstraßen gibt eine ganze Menge. Doch einen großen, mit Emotion verbundenen Namen haben nur wenige. In diese Kategorie fällt ohne Zweifel das Stilfserjoch, italienisch wohlklingender Passo della Stelvio. Zu Füßen des majestätischen, 3.905 m gen Himmel ragenden Ortlermassivs schwingt sich die Asphaltrasse zwischen dem südtirolerischen Prad (Vinschgau) und dem lombardischen Bormio (Veltlin) bis in eine Höhe von 2.757 m üNN und darf sich damit als höchster Gebirgspass Italiens und zweithöchster Straßenpass der Alpen überhaupt rühmen. Allerdings nur zwischen Ende Mai und November – den Rest des Jahres hält der Pass Winterschlaf.

Klaus Sobirey

 

Prad am Stilfserjoch, das Veranstaltungszentrum, liegt im Vinschgau (ital.  Val Venosta). Das ist ein wunderschönes Tal im westlichen Teil von Südtirol, auf Italienisch Alto Adige genannt. Relativ flach ist der Talgrund, die Berge türmen sich jedoch sehr schnell über 3.000 Meter hoch auf. Alles strahlt bei unserer Ankunft im sommerlichen Sonnenlicht. An den Bäumen der endlos erscheinenden Apfelplantagen sieht man schon die ersten Früchte heranreifen. Wegen des guten Klimas kommen viele Feriengäste und Wochenendausflügler hierher. Ein großes Radwegenetz lädt zu Touren ein. Wanderer, Bergsteiger und Mountainbiker kommen in sportlicher und landschaftlicher Hinsicht ebenfalls auf ihre Kosten.

Andreas Bettingen

 

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Bildgalerie/Klaus Sobirey

 

 

 

Eine vierköpfige Treichlergruppe aus dem benachbarten Val Münstair in der Schweiz läutet im wahrsten Sinne des Wortes die letzten Minuten bis zum Start des Marathons um 8 Uhr ein. Mit etwa 15 Minuten Verspätung geht es endlich los. Über die Suldenbachbrücke verlassen wir Prad. Ein schmaler asphaltierter Radweg führt uns über Agums nach Lichtenberg. Bereits nach 2,5 Kilometer steht hier die erste Wasserstelle. Da es schon ordentlich warm ist, ist frühes nachzutanken sehr empfehlenswert. Nach Lichtenberg gibt es auch die ersten langgezogenen Wellen mit ein paar Höhenmetern. Die Talschleife weist etwa 100 Höhenmeter auf, die merkt man mehr, als ich mir gedacht hätte. Wir verlassen den geteerten Weg und wechseln auf Naturboden. Damit hatte ich erst recht nicht gerechnet. Wellig geht es so einige Kilometer dahin.

Bernie Manhard

 

Aus dem Pfad wird wieder ein bequemer Asphaltweg. Es ist der auf den Spuren der antiken Via Claudia Augusta angelegte Etschfernradweg, dem wir nun über Kilometer dem Fluss entlang folgen. Meist angenehm schattig ist es und die flache Gerade verführt geradezu dazu, tempomäßig auf die Tube zu drücken. Mit den Prader Fischweihern erreichen wir nach 13 km unser nächstes Zwischenziel. Im grünlich schimmernden, schilfumrahmten Wasser spiegelt sich die Bergkulisse - ein wunderschöner Anblick. Überaus malerisch zwischen den Teichen ist der schon dritte Versorgungsposten entlang der Strecke postiert.

Klaus Sobirey

 

Vier Kilometer geht es nun Richtung Stilfs und vierhundert Meter bergauf. Der Weg führt jetzt durch den Wald. Immer wieder ergeben sich Einblicke in das tiefe Tal. Die Nadelbäume am Berg verströmen einen ganz anderen Geruch als an der Etsch. Einige Treppenstufen gilt es bergauf zu meistern, an einer Stelle ist der Weg auf wenigen Metern sehr schmal und abschüssig. Ich blicke stur geradeaus und freue mich über die Vertreter der Bergwacht, die hier zur Sicherheit postiert sind. Auf den Fotos sieht das später schon wieder viel harmloser aus. Beim Dorfeingang von Stilfs fühle ich mich an alte Luis-Trenker-Filme erinnert. Nur ist hier alles in wunderbaren Farben.

Andreas Bettingen

 

Unglaubliche 16 VPs sind entlang der Strecke aufgebaut und bieten neben den Getränken auch immer wieder ein reichhaltiges Angebot von kleinen Leckereien. Vom Apfelstrudel habe ich euch ja schon vorgeschwärmt. Es gibt aber auch Melonen, Äpfel, Zitronen, Waffeln, Schokolade, Riegel, Gels und meist steht auch eine Schale Salz bereit, was ich besonders schätze. Am Kirchplatz ist eine Stimmungshochburg, die Mädels dort machen für mich eine La Ola. Wenig später überqueren wir am Ortsausgang die Zeitmessmatte der Halbmarathonmarke. Der Cut-Off beträgt hier 3:15 Std. Ich liege noch weit vor dem Zeitlimit obwohl sich meine Beine heute von Anfang an etwas schwer anfüllen.

Bernie Manhard

 

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Bildgalerie/Bernie Manhard

 

 

 

Die Naturwege sind meist breit und bequem, im Daueranstieg aber dennoch nicht ohne Mühsal. Über das weite Almgelände hinweg haben wir zumindest überwiegend ungetrübten Rundum-Panoramablick in die so herrlich entspannte Bergnatur. Malerisch thront einsam und allein das Kirchlein St. Martin inmitten der Landschaft. Selten habe ich einen „Kirchgang“ so schweißtreibend erlebt wie hinauf zu dieser Kapelle. 

Klaus Sobirey

 

KM 26 VP an der Prader Alm. Rechtskurve. Wow, da fällt mir die Kinnlade samt Linzer Torte runter: Vor uns öffnet sich der Blick auf eine Kette von Dreitausendern, samt Ortler mit seinen fast 4.000 Metern Höhe. Riesige Gletscher bedecken ihn. Ich rufe Judith zurück. Vor dieser imposanten Kulisse müssen wir ein Erinnerungsfoto schießen. Diese Ausblicke werden uns noch einige Kilometer immer wieder beglücken. Nur in noch größerer Nähe. Also weiter.

Andreas Bettingen

 

Auf einem breiten, bequemen Höhenweg geht es im offenen Gelände weiter, stets „König Ortler“, seitlich im Visier. Nur einen Kilometer weiter, an der Furkelhütte auf 2.150 m üNN wartet schon die nächste Verpflegung mit Panoramahintergrund. Die Hütte ist gleichzeitig Bergstation der von Trafoi hinauf führenden Sesselbahn. Es lohnt sich, an dieser Station ein wenig intensiver nachzutanken, denn vor uns liegt eine 5 km lange „Durststrecke“ ohne Einkehrmöglichkeit. Es sind die einsamsten Kilometer unserer Wegstrecke, aber gleichzeitig die landschaftlich großartigsten.

Klaus Sobirey

 

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Bildgalerie/Klaus Duwe

 

 

 

Nach dem etwa 4 km langen traumhaft schönen Abschnitt bergauf auf dem schmalen Gebirgspfad, geht es auch noch einige Kilometer und rund 300 hm abwärts, bis wir auf Kehre Nr. 25 treffen. Mittendrin kann ich zu meinem M4Y-Klaus aufschließen. Meine Beine sind jetzt endlich frei und es läuft heute erstmals wirklich gut bei mir. Von zwei Mädels lassen wir uns vor dem Ortler ablichten. Die Passstraße und auch unser Ziel sind aber immer noch nicht einsehbar. Das Bergabstück ist erstaunlich problemlos und wunderbar zu laufen. Erst wenige hundert Meter bevor wir auf die Passstraße gelangen, ist sie erstmals abschnittsweise sichtbar.

Bernie Manhard

 

Die Kehren werden von oben hinunter gezählt. Ganz unten liegt Kehre 48. Wir erreichen Franzenshöhe bei Kehre 22, km 36, Zeitnahme. Schon zu Beginn es 19. Jahrhunderts wurde hier eine Kaserne für das österreichisch-ungarische Militär erbaut. Um 1830 entstand ein Gasthof für Reisende. Durch den Besuch des Kaisers Franz Josef I am 28. Juni 1832 erhielt das Haus seinen Namen. Ganz oben im Passsattel sieht man Gebäude und dorthin führt natürlich die Straße. Lockere 7 Kilometer und 600 Höhenmeter. Ganz schön steil. Ich versuche ein Stück zu laufen und schnaufe wie verrückt. Vielleicht spüre ich die Höhe? Brennen in der Lunge. Aber unseren Begleitern geht es nicht besser. Wir fallen in zügiges Marschieren. Ideallinie. 10:30-min-Schnitt. Ausreißversuche misslingen meist. Nach der nächsten Kehre wird es fast flach, da laufe ich. Denkste. Es muss sich um eine Fata Morgana handeln, die Straße scheint perfekt 8 % Steigung zu bieten.

Andreas Bettingen

 

Jede Kehre bedeutet Richtungswechsel durch gemauerte Haarnadelkurven. Und die Kehren liegen bisweilen weit auseinander. Vorgenommen hatte ich mir eigentlich, ehrenhalber die eine oder andere Kehre laufend zu bewältigen. Mit der „Ehre“ lasse ich es aber schnell gut sein, obwohl man nicht sagen kann, dass einem die durchschnittlich acht- und maximal fünfzehnprozentigen Anstiege allzu viel abverlangen. Ich begnüge mich mit „Genuss-Walken“ und dem Gefühl, diese berühmte Straße zumindest aus eigener Kraft zu erobern. Allein bin ich dabei nicht: Mit 35 km in den Beinen und bei der dünnen Luft hier oben ist auch bei den versprengten Läufern um mich herum nicht mehr viel von Dynamik zu spüren.

Klaus Sobirey


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Bildgalerie/Andreas Bettingen

 

 

 

Auch auf der Passstraße sind einige Versorgungsstellen verteilt. Zur Einstimmung auf den Schlussanstieg wird mir auch ein Bierchen angeboten, da kann ich natürlich nicht nein sagen. So läuft es gleich noch besser. Zwei Kilometer vor dem Ziel kann ich auch noch Andi erschrecken, als ich ganz leise von hinten auf ihn aufschließen kann. Wir sind jetzt gut in der Zeit, um unser beider Ziel zu schaffen. So können wir noch ein Foto in Kehre 1 von uns schießen lassen.

Bernie Manhard

 

So ruhig es auf der Passstraße bis zuletzt ist, so groß ist der Rummel, der mir bei Erreichen der Passhöhe entgegen schlägt. Die ankommenden Läufer werden nach links von der Passstraße weg gelotst. Hier sind abseits des Straßenrummels der Zielbogen und das Zielgelände eingerichtet. Vom Zielmoderator und einigen unentwegten Zuschauern und Läufern wird jeder der Ankömmlinge persönlich und überschwänglich willkommen geheißen. Geschafft. Ein hartes Stück Beinarbeit war das, aber voll von Eindrücken und Erlebnissen, ist das Gefühl der Erschöpfung schnell verflogen. Medaillen- und Finisher-Shirt-dekoriert verlegen Bernie und ich unser persönliches Finish-Feiern auf die Sonnenterrasse des etwas erhöht und abseits liegenden Alpengasthofs Tibet mit dem ohne Zweifel großartigsten Ausblick auf die gesamte Passstraße, Speckknödelsuppe inklusive.

Das Feiern ist aber längst noch nicht zu Ende, sondern endet dort, wo alles begann: Im Sportpark von Prad. Dort feiern ein paar hundert Läufer bei Live-Rock-Musik, Speis und Trank bis tief in den Abend. 

Klaus Sobirey

 

Auf Wiedersehen beim Stelvio Marathon am 19. Juni 2021

 

Informationen: Stelvio Marathon
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