Langstreckenlaufen liegt im Trend. Vor allem Marathons rühmen sich immer neuer Teilnehmerrekorde. Ein wenig im Schatten der Laufszene wächst und gedeiht jedoch auch eine andere Form der organisierten Fortbewegung per pedes: die des Marschierens. Unter dem Label Megamarsch und Mammutmarsch propagieren seit ein paar Jahren professionelle Eventveranstalter republik- und auch europaweit das Wanderabenteuer auf Distanzen zwischen 30 und 100 Kilometern. Und das recht erfolgreich.
Erfolgreiche Langstreckenmärsche gab es aber schon lange vor dem großen Boom. Mir fällt da etwa der 50 km lange Karwendelmarsch ein, der, mit längerer Unterbrechung, seit 1969 existiert. Und auch beim Rennsteiglauf ist das Wandern seit dem Gründungsjahr 1973 fester Bestandteil der Veranstaltung und wird unter anderem über die klassische Marathondistanz angeboten.
Bei keinem Marschevent kommt man jedoch höher hinaus als bei dem nicht minder traditionsreichen Silvretta Ferwall Marsch. Seit 1974 wird dieser vom Schiclub Silvretta Galtür veranstaltet. Bis 2011 gehörte auch ein Marathonlauf zum Programm, seit 2012 wird aber nur noch durchs Hochgebirge marschiert. Dies allerdings weiterhin auf einer Marathon-Distanz von 42,5 Kilometern, wobei eine Höhendifferenz von immerhin 2.006 Metern zu überwinden ist. Wem die „Königs-Distanz“ zu heftig ist, kann sich bei der Ferwall-Strecke mit 30,4 km und 1.589 Höhenmetern oder der Silvretta-Strecke mit 19,7 km und 767 Höhenmetern begnügen. Angeblich kinderwagentauglich ist die 14,6 km lange Familien-Strecke mit lediglich 150 Höhenmetern, die auch Bergbahnfahren einschließt.
Wenn schon, denn schon: Der Marathonkurs übt ohne Zweifel den größten Reiz auf mich aus. Und dieser Reiz erhöht sich dadurch, dass mein Sohn Patrick mich begleitet.
Start- und Zielort ist das Dorf Galtür, im Herzen des tirolerischen Paznaun-Tals gelegen. Das sehr viel berühmtere Ischgl muss man passieren, will man ins beschauliche Galtür gelangen. Umrahmt von der Verwallgruppe im Norden und dem Silvretta-Gebirgsstock im Süden liegt der 800 Seelen-Ort bereits ziemlich hoch auf 1.584 m üNN. Die exponierte Lage unterhalb hoher Berghänge ist Segen und Fluch zugleich für Galtür. Traurige Berühmtheit erlangte Galtür 1999, als eine riesige Lawine Teile des Ortes verschüttete und 31 Menschen in den Tod riss. Mit massiven Befestigungen rund um den Ort hat man seitdem dafür Sorge getragen, dass sich solch ein Unglück hoffentlich nicht wiederholt.
Von zu viel Schnee bekommt man im Sommer allerdings nichts mit. Und da dieser Sommer ein besonders heißer ist, ist selbst in den Gipfelregionen der umliegenden Bergriesen kaum ein Flecken Schnee auszumachen. Dass die Hitzeperiode nun eine Pause eingelegt hat, ist für so einen langen Marsch zwar zu begrüßen. Reichlich regenschwere Wolken, wie sie uns am Freitag erwarten, sind aber auch keine gute Alternative. Zumindest die Wetterprognose für Samstag macht Hoffnung.
Erster Anlaufpunkt am Freitagnachmittag ist für uns das Büro der Bergbahnen Galtür am zentralen Dorfplatz. Hier bekommen wir unsere Startnummer. Erstmals ist in diese ein Zeitmesschip integriert. Ein echter Quantensprung: Denn bisher begnügte man sich mit einer Startkarte, die an diversen Kontrollstationen unterwegs manuell abzuknipsen war. Ein nettes Funktionsshirt und ein Cap zur Erinnerung gibt es obendrauf. In diesem Kontext erwähnt sei das Startgeld von lediglich 35 €, womit die Veranstaltung ein fast schon konkurrenzlos gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet.
Eine Pastaparty oder Ähnliches ist nicht vorgesehen. So eilen wir durch den Regen über den Platz geradewegs rüber in die rustikale „Tiroler Stube“ und holen uns beim Knödel-Tris den letzten Carbo-Kick für die morgige Herausforderung.
Zwischen sechs und neun Uhr morgens ist der Start der drei Langdistanzen vorgesehen. Jeder kann innerhalb dieses Zeitkorridors nach seinem Gusto entscheiden, wann er auf die Piste gehen will. Die Realität ist allerdings: Bereits um sechs Uhr drängen sich die Menschenmassen auf dem Dorfplatz unterhalb der nächtens angestrahlten Kirche. Immerhin über 1.500, so viele wie noch nie, haben sich insgesamt für die 53. Ausgabe des Marschs angemeldet, davon knapp 300 für die Marathondistanz. Und vor allem die wollen den erlaubten Zeitrahmen von 11,5 Stunden maximal ausnutzen. Temperaturen um acht Grad Celsius spiegeln sich im Outfit der Teilnehmer wider, aber nicht wenige wagen sich dennoch kurzbehost an den Start, Patrick eingeschlossen. Zumindest regnet es nicht mehr.
Ein laut donnernder Kanonenschuss gibt in der Morgendämmerung um sechs Uhr traditionell das Signal zum Aufbruch. Der Massenstart fühlt sich letztlich nicht so sehr anders an wie bei einem Laufwettbewerb, nur eben vergleichsweise in slow motion. Wobei ich schnell feststellen darf: Marschieren ist nicht gleich wandern, sondern hat eine ganz eigene Dynamik. Auch hat sich so mancher Läufer unters Marschiervolk gemischt. Aber die verschwinden ohnehin ganz schnell aus dem Blickfeld.
Der Weg führt von Galtür auf dem asphaltierten Talwanderweg Paznaun zunächst westwärts an der Trisanna entlang. Der markante Zacken der 2.671 m hohen Ballunspitze prägt unser Blickfeld zur Linken. Zunehmend bekommen Landschaft und Wolken im ersten Morgenlicht Kontur. Im Weiler Wirl, Ausgangspunkt des Skigebiets Silvapark Galtür, zweigt unser Weg nach rechts in ein Seitental ab und wir sammeln erste Höhenmeter. Beeindruckend ist der Blick nach vorn wie zurück auf den schier endlosen Marschiererlindwurm.
Flotten Schrittes und erstmals kräftig schnaufend erklimmen wir, dem Asphaltband durch das Grün des Tales folgend, unsere erste Passhöhe. Ziemlich unspektakulär mutet das Zeinisjoch (1.838 m üNN) an und lässt dessen geographische Bedeutung kaum erahnen. Es liegt auf der Grenze zwischen den österreichischen Ländern Vorarlberg und Tirol. Der Weg über den Pass verbindet das Montafon mit dem Paznaun und trennt die Gebirgsstöcke Verwall und Silvretta. Eine kleine Tafel weist zudem darauf hin, dass hier die Wasserscheide zwischen Rhein und Donau liegt.
Umso spektakulärer ist der Panoramablick, der sich uns jenseits des Passes bietet. Nunmehr flach führt der Weg in Richtung eines romantisch stillen, verwinkelten Bergsees, offiziell eher unromantisch „Vorbecken Zeinis“ genannt. Dieser wiederum ist dem größeren Stausee Kops vorgelagert. Die Morgensonne zaubert erste Lichtflecken in die umgebende Berglandschaft. Was für eine Kulisse!
Im Visier habe ich allerdings nicht nur den schönen Ausblick, sondern auch das an dem kleinen See gelegene Zeinisjochhaus (1.822 m üNN). Denn hier wartet nach 5,6 km und einer guten Stunde Marsch die erste Verpflegung. Groß ist der Ansturm aufs Buffet. Kein Wunder: Alle drei Langdistanzen machen hier Station. Aber es ist genug für alle da: Wurst, Schinken, Käse, Brot, Bananen, Zitrusfrüchte, Kuchen, Süßes und vieles mehr, insbesondere Hochenergetisches, stehen auf einer langen Tischreihe bereit. Ein wenig hektisch ist das zünftige Marschierer-Frühstück dennoch, da jeder zulangen, aber nicht wirklich verweilen will. Aber so ist das, wenn man weiß, dass das nur die erste „Aufwärmetappe“ war und man noch einen langen und beschwerlichen Weg vor sich hat.
Schluss ist hier mit dem Asphalt. Ein breiter Naturpfad führt in nordwestlicher Richtung weiter in die Bergwelt hinein und vor allem hinauf. Mit meinen Trekkingstöcken muss ich schon kräftig anschieben, während Patrick die Steigungen ganz locker nimmt. Nach Querung eines Bachs führt der Weg um einen Geländerücken herum zur Mulde mit dem kleinen einsamen Zeinissee (1.915 m üNN). Schön ist auch der Ausblick auf das Türkisblau des Stausee Kops, der sich am immer ferneren Horizont bietet.
Fels- und buschdurchsetzte Grasmatten bestimmen die Landschaft, durch die sich unser Weg entlang der Ausläufer der Westlichen Fluhspitze zunächst ansteigend und schließlich auch wieder abfallend fortsetzt. Er führt uns hinein in das weitläufige Hochtal der Verbella Alpe. Zuletzt über den Fahrweg und dem Verbellabach folgend erreichen wir nach knapp 10 km die idyllisch gelegene, im Sommer bewirtschaftete Alpe (1.938 m üNN). Der niedrige Natursteinbau wäre ohne Zweifel ein wunderbarer Platz zum Verweilen, gehört aber leider nicht zu den planmäßigen Stopps unseres Marschs.
Unseren nächsten Stopp müssen wir uns erst noch erarbeiten. Nordöstlich führt der Pfad in steilen, steinigen Windungen durch die offene Wiesenlandschaft den Hang hinauf. Schön ist der Rückblick auf die immer tiefer liegende Verbella Alpe. Der Pfad führt hinein ins nächste Hochtal, wo ein leise rauschender Gebirgsbach auf einer erneut flachen Passage unseren Weg begleitet. Steil steigen links und rechts des Talgrunds die grünen Berghänge empor.
Am Horizont wird inmitten der Einsamkeit und hoch über uns thronend ein Haus sichtbar. Es dauert ein wenig, bis ich realisiere: Das ist es schon, unser nächstes Zwischenziel. Das Tal weitet sich und gibt den Blick auf schneebedeckte schroffe Bergkämme frei, die sich über den wie riesige Wellen dahinfließenden Almen türmen. Beim Anblick der Weite und Kargheit der Landschaft fühle ich mich in sehr viel nördlichere Regionen versetzt. Wären da nicht die großen Kuhherden, die hier die scheinbar grenzenlose Freiheit als Weideland erleben dürfen.
Ein heftiger finaler Anstieg, ein letztes Keuchen beim Erklimmen der Treppen. Und ich befinde mich nach 14 km auf der großen Terrasse der 2.320 m hoch gelegenen Neuen Heilbronner Hütte. Bereits seit 1927 gibt es diese traditionsreiche Schutzhütte. Die Zeiterfassungsmatte muss ich überschreiten, bevor ich einmal mehr bei Traumpanorama die ersehnte Verpflegung genießen darf. Und die fällt gewohnt üppig aus. Schmalzbrot zu heißem Tee steht dieses Mal auf meinem Speisezettel. Ein wenig rummelig ist es angesichts des beschränkten Platzes auf der Terrasse, aber das tut dem Wohlgefühl keinerlei Abbruch. Sich ordentlich zu stärken macht Sinn: Denn die wohl härteste Etappe steht bevor.
Wir folgen einem steinigen Pfad, der sich gleich hinter der Hütte den Hang empor schlängelt. Wie eine Oase inmitten der Gebirgswüste mutet die Hütte aus der Vogelperspektive an. Einen schönen Blick aus der Höhe hat man auch auf den Scheidsee gleich unterhalb der Hütte. Mit zunehmender Höhe immer kleiner werdend entschwindet dieser Außenposten der Zivilisation allmählich aus unserem Blickfeld.
Immer karger wird die Vegetation, immer steiniger der Untergrund. Näher rücken die schroffen Bergkämme und auch die sie in der Gipfelregion umwabernden Wolkenbänke. Und kräftiger und kühler bläst der Wind. Ich spüre die Höhe und meine Schritte werden schleppender. Patrick scheint das alles nichts auszumachen: Lockeren Schrittes stapft er voran und wartet immer wieder auf seinen keuchenden Papa.
Mehrfach queren wir verblockte Geröllfelder. Der Gleichgewichtssinn ist hier befragt. Rotweiße Markierungen sorgen dafür, dass wir dabei nicht vom rechten Weg abkommen. Immer wieder blicke ich nach oben, versuche zu erspähen, wo sich die winzigen Gestalten der Marschierer hinbewegen, und versuche zu erahnen, wo wohl das Grieskogeljoch als höchster Punkt sein mag. Aber unerbittlich und unbestechlich signalisiert mir mein Kilometer- und Höhenmeter-Tracker in der Uhr, dass ich mich gedulden muss. Und so füge ich mich in mein Schicksal und folge dem losen Band der Marschierer immer weiter hinauf. Bei aller Mühsal: Grandios ist der Ausblick in die alpine Berglandschaft, weltentrückt und faszinierend zugleich. Und es ist nicht nur die Erschöpfung, die mich zum Innehalten verleitet, sondern auch der Wunsch, den Blick risikolos schweifen lassen zu können. Und zu fotografieren, was ich sehe.
Immer näher kommen die Wolken, spüre ich schließlich ihren eiskalten Hauch und tauche in Sie ein. Fast schon gespenstisch erscheint, wenn die Marschierer wie aus dem Nichts aus ihnen auftauchen. Ganz real ist für mich jedoch, als ich auf einmal eine blaue Fahne über mir wahrnehme, umringt von ein paar Gestalten.
Da weiß ich Bescheid: Es ist geschafft. „Kontrollstelle Grieskogeljoch 2.698 m 19,8 km“ verkündet ein Schild ganz nüchtern. Wir haben den höchsten Punkt des Streckenkurses erreicht. Wenige Meter unterhalb des Schildes drängt sich ein Pulk von Marschierern im Schutz der Felsen um einen kleinen Verpflegungsstand, der vornehmlich Flüssiges und Obst bereithält. Alle sind angesichts der Kälte in Bewegung. Ansonsten erblicke ich anstatt eines 360-Grad-Panoramas nur eine milchige Suppe. Wie weggeblasen ist jedoch die Erschöpfung und Patrick und ich lassen es uns nicht nehmen, uns in Gipfelbezwingermanier vor dem Schild ablichten zu lassen.
Als wäre es vorbestellt: Mit einem Mal reißt der Wind die Wolkendecke wie einen Theatervorhang vor uns auf. Und wir blicken auf die teils sonnenbeschienenen Tiefen, aus denen wir gerade aufgestiegen waren. Aber diese Show ist uns nur Sekunden vergönnt, schon schließt sich wieder der Wolkenvorhang. Noch dramatischer und auch beständiger ist der Aus- und Tiefblick auf der jenseitigen Seite des Jochs. Hier reicht der Blick hinab ins Paznauntal. Im Sonnenlicht leuchtet mir Galtür und der grüne Talboden geradezu entgegen. Ansonsten bilden Wolken und Berge, nah wie fern, eine wilde, sich optisch ständig wandelnde Gemengelage. Wow!
Wild ist allerdings auch der folgende Abstieg in Richtung Paznauntal. Durch Geröll und auf schmalen ausgetretenen Pfaden trippele ich vorsichtig durch den Steilhang in die Tiefe. Hier abzurutschen hätte höchst unangenehme Folgen. Das empfinden wohl auch die Mitmarschierer und entsprechend langsam geht es voran. Allmählich lässt die Steilheit nach und Gräser geben dem Boden wieder mehr halt. Vorbei an einem aufgestauten kleinen See erreichen wir eine allradbefahrbare Schotterpiste.
Die nächsten Kilometer wären eigentlich ideal zum Laufen. Denn es geht auf besagter Piste in Schleifen zunächst noch recht kräftig, dann aber in langen Geraden ganz moderat bergab. Und so mutieren hier auch einige der Marschierer zum Läufer. Ich bleibe beim Marschieren und Patrick notgedrungen auch, dies aber im flotten Tempo. Weiterhin wunderbar und völlig frei ist der Höhenblick in Richtung Tal und Silvretta. Immer mehr setzt sich die Sonne gegen die Wolken durch und taucht die Berglandschaft in warmes Licht. Großen Spaß macht, in dieser Höhe einfach locker dahin zu traben, ohne auf Hindernisse oder Gefahren achten zu müssen. Nicht unbedingt schön, aber interessant und wohl notwendig sind unzählige hier oben in den Hang verbaute Lawinengitter, die das tief im Tal liegende Galtür schützen sollen.
Die Kilometer fließen relativ locker dahin, da werden wir auf einmal nach links auf einen schmalen Pfad geleitet. Den Grund hierfür kann ich kurz darauf am Horizont ausmachen: Mit der Friedrichshafener Hütte (2.138 m üNN) auf der Muttenalpe nach 25 km wartet die nächste Verpflegungsstation auf uns. Patrick und ich sind uns im Nachhinein einig: Dies ist der schönste Platz für ein längeres Päuschen. Das fängt schon damit an, wie liebevoll Wurst und Käse mit Trauben auf Platten drapiert sind, mit Blümchen auf dem Tisch. Es gibt lecker-deftige Suppe mit Kartoffeln und Schinken. Und zahlreiche Tische und Bänke laden dazu ein, die Verpflegung im Windschatten entspannt zu genießen. Dazu einmal mehr eine Bilderbuchbergkulisse rundherum.
Ich gebe zu: Nirgendwo ist mir der Aufbruch so schwergefallen wie hier. Aber es ist schon fast halb eins mittags und unser nächstes Zwischenziel ganz unten im Tal müssen wir vor der Cut Off-Zeit um 14:30 Uhr erreichen. Und in den Bergen weiß man ja nie. Auf ausgesetzten Pfaden geht es zumeist ziemlich direkt und steil in Richtung Tal hinab, mal durch Wiesen, dann wieder durch dichten Nadelwald. Damit kürzen wir - ganz legal - die in zahlreichen Schleifen von der Friedrichshafener Hütte gen Tal führende Fahrstraße ab.
Beim Blick auf den Tracker meiner Uhr irritiert mich jedoch, dass wir auf diese Weise viel zu schnell das Tal erreichen und bis Tschafein eigentlich noch Kilo- wie Höhenmeter anstehen müssten. Meine Ahnung trügt mich nicht. Im Talgrund an einem Parkplatz angekommen bedeutet in keiner Weise schon am Zwischenziel angekommen zu sein. Vielmehr dürfen wir auf einer taleinwärts durch Wald und Wiesen führenden Naturstraße wieder schweißtreibende Höhenmeter sammeln. So richtig Laune bereitet mir das nicht. Ein final steiler durch waldiges Dickicht führender Pfad bringt mich hinauf bis zum Sonnenkogel auf 1.750 m Höhe. Ab hier wird es entspannter. Ein Single-Trail führt weiterhin talauswärts leicht bergab durch den Hang. Rechtzeitig bzw. mit einer halben Stunde Luft erreiche ich die Stelle, die für den Cut Off maßgeblich ist. Hier trennt sich der Kurs von Marathon und Ferwall-Marsch. Während es auf der Ferwall-Route direkt nach Galtür zurück geht, haben die Marathonis noch eine 10 km-Schleife zu drehen. Wer als Marathonmarschierer die Cut Off-Zeit „reißt“, wird auf die Ferwall-Route umgeswitcht.
Für Patrick und mich geht es auf einer Naturstraße weiter bergab, aber nun wieder talauswärts. Nach 29,5 km und wieder auf 1.580 m üNN angelangt erreichen wir die direkt an der Hauptstraße im Tal wenig heimelig positionierte kleine Verpflegungsstelle von Außertschafein. Wären da nicht ein paar Jungs eines tirolerischen Sportvereins, die für Stimmung sorgen, wäre es schon ziemlich still um uns herum. Ein Highlight gibt es aber doch: Es gibt eine Kapselkaffeemaschine. Und so stoßen Patrick und ich bei einem frisch gebrühten Milchkaffee auf unsere letzte Etappe an.
Und diese letzte Etappe führt auf der anderen Talseite in einer Schleife nochmals tief in die Natur hinein: Zur 1.850 Meter hoch gelegenen Larein Alpe. Der Weg dorthin ist nach all dem, was wir bisher erleben durften, allerdings wenig spannend: Auf einem breiten Forstweg geht es durch dichten Nadelwald nach oben, nicht allzu steil, aber beständig. Außer Bäumen gibt es wenig zu sehen und noch weniger zu erleben. Patrick will überschüssige Energie loswerden und läuft schon mal voraus, während meine Energie nur für behäbigen Trott reicht. So fließen die Kilometer dahin. Der munter rauschende Lareinbach weist den Weg ins Lareintal hinein. Direkt am Bach entlang führt schließlich ein Pfad durch sonnenbeschienene Almwiesen in die Höhe. Und gerade, als die alpine Kulisse beginnt, wieder mehr von ihrer Schönheit preiszugeben, erreiche ich nach 35 km die rustikale Larein Alpe. Patrick erwartet mich hier und hat schon eine lange Pause genossen. Aber er muss sich noch etwas gedulden, schließlich will auch ich noch ein wenig den letzten Verpflegungspunkt genießen.
Für mich ein angenehmes Gefühl ist, dass das Höhenmeter-Soll unserer Tour mit der Larein Alpe erfüllt ist. Zumindest fast. Ein kurzes Wegstück geht es nochmals durch die Wiesen des Lareintals, ehe der Kurs auf einem Forstweg erneut intensives Waldfeeling verheißt, nur eben jetzt nicht mehr aufwärts führend.
Deutlich ansprechender wird die Wegstrecke mit dem Abzweig auf den Galtürer Höhenweg, der als fast schon verwunschen wirkender Naturpfad in leichtem Auf und Ab durch die Bergflanke führt, mal durch opulent wucherndes Wiesengrün, dann wieder durch dichten Stangenwald aus Baumstämmen. Steinig, wurzelig, morastig – der Untergrund hält alles bereit, was eines Trailrunners Herz erfreut. Meine schon reichlich geschundenen Füße freuen sich nicht ganz so sehr.
Hoch über dem Talgrund sind wir noch und ich frage mich, wann es eigentlich abwärts geht. Tief unten sehe ich Galtür vorbeiziehen. Aber der Höhenweg macht keine Anstalten, sich dorthin führend abzusenken. Vielmehr setzt er sich in dem vom Paznauntal abzweigenden Jamtal fort.
In Intensivkontakt zu einer Kuhherde dürfen wir auf der Eggalm treten. Ein Schild warnt Wanderer am Eingang zur weiträumig umzäunten Weide vor potenziellen Gefahren durch Muttertiere. Wie beruhigend, umso mehr, als die propperen Kühe den Wanderweg ungeniert besetzen und auch keine Anstalten machen, ihn freizugeben. Kälber sehe ich zum Glück keine und so bin ich es, der mit respektvollem Abstand und beruhigenden Worten in die sumpfige Wiese ausweicht und anschließend erleichtert ein wenig Gas gebe, nicht dass es sich eine Kuh noch anders überlegt.
Schon aus der Entfernung sehe ich anhand der versprengten Marschierer, dass unser Weg nun in einer weiten Schleife gen Talgrund beidreht und dort final auf Galtür zusteuert. Auf einem Asphaltsträßchen geht es noch eine Weile durch das von der Nachmittagssonne ausgeleuchtete Jamtal, ehe wir quasi durch die Hintertür in den Ort hineinkommen und im Zickzack durch die Sträßlein gelotst werden.
Erst als ich fast im Ziel vor dem Galtürer Sport- und Kulturzentrum angekommen bin, erspähe ich den Zielbogen. Wie es sich für einen braven Sohn gehört, wartet der vorausgeeilte Patrick noch vor diesem auf mich und gemeinsam queren wir die Ziellinie. Besondere Ironie: In der Gesamteinlaufliste bin ich dann eine Zehntelsekunde schneller als er geführt.
Finishermedaillenbehängt stoßen wir bei einem kühlen Bier auf unseren gelungenen „Vater-Sohn-Ausflug“ und das gemeinsame Finish an. Ich bin physisch platt, aber glücklich, endlich wieder einmal einen so wunderbaren Bergmarathon erlebt zu haben. Und das noch dazu mit Patrick. Auch ihm hat es Spaß gemacht und das lässt auf mehr hoffen.