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Laufberichte

What the fuck means „Kajoe, Kajoe“?

 

Shanghai, zweitgrößte Stadt Chinas bedeutet „Stadt über dem Meer“. Bei einer durchschnittlichen Höhe von vier Metern ü.d.M ist der Name hoch gegriffen. Übertrieben sind auch die Anforderungen und der Preis (126 Euro) für ein Visum. Den Rest der Organisation übernimmt für mich interAir, der als erster Anbieter diese Laufreise organisiert.

Der Zeitunterschied beträgt sieben Stunden. Entlang der Autobahn reihen sich 50 Kilometer lang die Plattenbauten, die mit Kohle beheizt werden. Schwefelgestank weht ins Wageninnere. Sämtliches Land gehört der Regierung. Man zahlt dem Staat Pacht. Wenn der Staat das Land  braucht, dann muss man gegen Entschädigung umziehen. Das erklärt, weswegen Metrolinien, Autobahnen und Flughäfen innerhalb weniger Jahre gebaut werden. Der Verkehrsstau hält sich in Grenzen. Im Hotel kostet Bier acht, beim Chinesen um die Ecke 0,5 Euro.  

Zhujiajiao kann man besser nach drei Bieren aussprechen. Die „Wasserstadt“ existiert seit 1700 Jahren im Mündungsgebiet des Jangtsekiang, dessen Seitenarme sich zum Beispiel Huangpu, Suzhou, Chuanyang oder Dingpu nennen. Es gibt Seen und Kanäle, die von unzähligen Brücken aus geschnitzten Ziegelsteinen überbrückt werden. Venedig von Shanghai. Vom Kanu aus sieht man überraschende Straßen und raffinierte Gärten. In Wasserbecken der Restaurants krabbeln fiese Krebse, Fische schwimmen halbtot auf dem Rücken. Der Tongtianha Medizinladen ist interessant, jedoch kann ich nicht erkennen, was für Zeug verkauft wird, essen würde ich das nicht. Die fetten Käferlarven auch nicht. Schweinefüße sehen lecker aus, sind aber in Zucker mariniert. Handwerker stellen aus Büffelhorn Kämme her, der Gestank von verbranntem Horn mischt sich mit dem Geruch gebratener Nieren.

 

 

Chinesen zahlen mit dem Handy, entweder mit der App von wechat, dem chinesischen whatsapp oder über alipay, der App von Alibaba, dem chinesischen Amazon. Whatsapp geht in China nicht, FB, Google, Pornoseiten und Focus online auch nicht. Wer sein Handy schon zuhause mit einer VPN ausgestattet hat, der ist hier König.   

Elektromopeds fahren ohne Licht, entgegen der Fahrtrichtung oder auf dem Fußweg. Da es durchgehend nieselt, ist die Luft ok. Der Rotwein nennt sich Greatwall, davon gibt es verschiedene Kategorien von einem bis zu fünf Sternen. Hilft beim Einschlafen, denn der Kopf brummt: Was macht dieses Volk besser, was machen wir falsch? Und ist es so falsch?  

The Bund ist der internationale Name für die Uferpromenade. Es ist ein englisch-chinesisches Wort, bedeutet Dock, also nicht Hund oder Ente, sondern Anlegestelle. Hier am Ufer des Huangpu-Fluss ist morgen der Start zum Marathon. Ursprünglich war The Bund eine britische Zone, in der sich Ende des 19. Jahrhunderts sämtliche Kolonialmächte niederließen und somit zur Internationalen Konzession wurde. Eine Konzession, also Pachtkolonie, hatte damals eigene Steuern, Gesetze und Polizei. Hier entstand der Ausdruck Schanghaien. Chinesische Seeleute wurden von Pressgangs abgefüllt, was bekanntlich bei Gelbhäuten leicht geht. Preußische „Werber“ waren gefürchtet. Gepresste Chinesen wachten auf dem Weg nach Südamerika auf, mussten vor der Küste Guano abbauen, das man für Schießpulver brauchte.

Mich interessieren die deutschen Gebäude entlang des Bundes: Die Deutsch-Asiatische Bank, die imposanten Teehandelsgebäude der Hamburger, der Deutsche Club, der Deutsche Garden Club, die Kaiser- Wilhelm Schule, das Paulun Krankenhaus und das Gebäude der kaiserlich-deutschen Post mit der Fleischerei und Kneipe des Berliners Richard Neumann. Von hier bestand eine Telegrafenverbindung zur deutschen Pachtkolonie Tsingtau, dessen Bier seit 1903 weltweit exportiert wird.

Gegenüber der ehemaligen internationalen Freihandelszone ist die heutige Freihandelszone Pudong.1990 noch Ackerland, stehen jetzt hier unzählige Hochhäuser, die vom Shanghai Tower (632 Meter) gekrönt werden. Wir Börsianer hatten 1990 eine solche Freihandelszone für das Gebiet der DDR vorgeschlagen.  

Der Yu Garden aus der Ming-Dynastie (1559) mit seinem quirligem Bazar in der Altstadt ist ein Rest des alten Chinas, ein Disney-Land, das nicht nach dem Geschmack eines Trailläufers ist. Ganz Shanghai ist nicht nach meinem Sinn, aber deswegen bin ich hier, ich bin Gefahrensucher und Pionier.

Das Shanghai Museum mit den vielen Artefakten chinesischer Kunst und Kultur kostet keinen Eintritt, weswegen ein Schnelldurchgang kein schlechtes Gewissen, sondern Staunen, schieres Staunen hinterlässt. Beeindruckend ist eine Vorrichtung, in der man seinen Schirm abschließen kann (Baujahr 2018). Der Direktor des Museums nennt sich Yang Zhigang.

Heute Abend keinen Rotwein, ich stelle den Wecker auf vier Uhr, erwache eine halbe Stunde vorher. Fünf Uhr Abfahrt des Busses zum Start am Bund.

 

Der Marathon:

 

Um sechs Uhr ist der Bus in der Nähe des Bundes. Nervös springen wir raus. Es gibt keine Parkplätze. Keine Ahnung, wie die anderen Läufer hier angekommen sind. 25.000 Marathonläufer, 6000 10Km-Läufer und 7000 Miniläufer - alle starten zusammen. Von den Seitenstraßen werden wir in die Blöcke auf dem Bund geleitet. Ich muss in Block E, der ist gefühlt einen Kilometer weiter. Es geht langsam, aber geregelt, nur die vielen Polizisten mit ihren Trillerpfeifen bringen Unruhe in das neblig-feuchte Dämmerlicht. Endlich erreiche ich die Trucks, an denen man seine Kleiderbeutel abgibt. Ja, ich muss heute mal einen abgeben, zu grausam ist die Wettersituation.

Auf 500 Metern sind die mobilen Klos aufgereiht, K.-P. sagt noch: „Geh hier, auf der Strecke ist Pinkeln verboten“.  Doch ich will meinen geschlechtsspezifischen Vorteil auf der Strecke ausleben. Mit Metallscannern wird man abgesucht, mein Rucksack wird kontrolliert, der Inhalt sieht schwer aus. In den USA oder beim Peking Marathon wäre ich damit nicht durchgekommen.

 

 

Dann stehe ich auf dem Cauldron Square, vor dem Bund No 5, dem Nissin Gebäude, dem pompösen japanisches Kolonialgebäude von 1925. Daneben das Telegraph Corporation Building, ein dänisches Gebäude. Die Dänen unterhielten in China zwar keine Kolonien, wickelten ihren Gewürzhandel aus den Kolonien auf den Andamanen aber über ihre Handelshäuser in Shanghai ab. Foto mit der dänischen Gruppe, K-.P. und mir, man kennt sich.

Gegenüber, auf der anderen Seite des Huangpu, müsste man einen schönen Blick auf die fantastische Skyline von Pudong haben, aber die Wolken hängen tief, es fängt an zu regnen. Acht Grad, Regen, da hält auch die Blase nicht. Versuche aus dem Block zu kommen, schlagen fehl, es ist verboten.    

Sieben Uhr Start, unspektakulär. Kaum ein Chinese zeigt Regung. Langsam marschieren wir Richtung Startlinie. Kein Auflaufen, keine besonderen Vorkommnisse. „Start“ steht beidseitig, die Gasse verengt sich, aber kein Problem. Nach 12 Minuten bin ich durch. Wir passieren nun das Peace Hotel (1929), das von Sir Victor Sasson errichtet wurde und nach seinem Willen das höchste Gebäude am Bund bleiben sollte. Danach das Gebäude der Shanghaier Nachrichten (Customs House, 1927). Der Turm ist dem Big Ben nachempfunden. Die Uhr stammt aus England und geht fünf Minuten vor.

Nach drei Kilometern die erste Verpflegungsstelle: „Kajoe, Kajoe“. Wollen die mich auf den Arm nehmen? Auf meiner Startnummer steht Kelbel Joe, nicht Kajoe.

Die Laufgasse ist breit, aber es wird sehr undiszipliniert kreuz und quer gelaufen. Schon jetzt wird gewandert, in Dreierreihen. Immer wieder laufe ich auf Leute auf, die mit Handy fotografieren oder telefonieren. Immer wieder bekomme ich einen Ellbogen in die Seite, wenn schnellere Läufer kamikazemäßig vorbei wollen. Am Streckenrand stehen uniformierte Rentner, getrennt nach Männchen und Weibchen, klappern verschlafen mit Trommeln.  

 

 

Am Shanghai Museum vorbei. Es gibt alle fünf Kilometer fünf mobile Klos.  Die Zahl fünf ist nicht beliebt in China. Vor jedem Klo warten mindestens fünf Läufer, auch Männchen. Ich halte Ausschau nach einem Busch, aber die Strecke ist abgesperrt und alle zehn Meter steht ein Polizist. Die 10 ist bei mir nicht beliebt.

Das Grand Theater gilt als neues Wahrzeichen der Stadt, naja. Interessanter ist der buddhistische Jing'an Temple aus der Wu-Dinastie (247 n. C.), der sich zwischen den Hochhäusern behaupten kann. Ich sehe ihn nicht, ich sehe  Achim, den Chef von interAir, der mich vor der grandiosen Kulisse des Tempels gut fotografiert.

Der Fu Xing Park liegt im ehemaligen französischen Konzessionsgebiet (1849).Unter dem Druck der japanischen Invasoren musste Frankreich 1943 dieses Pachtgebiet an Japan abtreten. Heute ist es der größte Park Shanghais und lustiger Treffpunkt für Tänzer, Kartenspieler, Mahjong Enthusiasten und Tai Chi Gruppen. Hier gibt es ein öffentliches Klohäuschen, in das zahlreiche Läufer regelrecht hineinlaufen. Ich will einen Busch!

Nach neun Kilometern biegen die Zehn-Kilometerläufer ab, es wird ein wenig ruhiger auf der Laufstrecke. Geräuschmäßig ist es eh ruhig.  Zwar gibt es alle paar Meter diese uniformierten Rentner, doch die übertönen kaum das nervige „Kajoe, Kajoe“. Auch die Bananenverteiler rufen es, es kann also nicht „Wasser“ bedeuten. Auch Läufer brüllen das, was von Zuschauern vielstimmig wiederholt wird. Das millionenfache Tapp Tapp auf nassem Asphalt ist hypnotisierend. Zwischen den zahllosen Hochhäusern träume ich von der Stille in der Wüste.

Wir laufen am Huangpu-Fluss entlang nach Süden, mir gelingen endlich Fotos von denen, die am Rand stehen. Es sind Gruppen, Fangruppen oder Mitglieder von Tai Chi Gruppen. Irgendwie gefällt mir dieses kollektive „Kajoe, Kajoe“, oder auch nicht.

Die Nan Pu Brücke hat sieben Fahrspuren. Auf beiden Seiten führen Fußgängerwege entlang, die man über Aufzüge erreicht. Fünf Millionen Autos queren täglich die Brücke, deren Auffahrten auf der gegenüberliegenden Seite sieben Kilometer lang sind und auf unserer Seite, im Stadtteil Puxi, durch eine aufwändige Spiralrampe erreicht wird. Hier  ist im Brückenpfeiler unterhalb der Spiralen bei Kilometer 18 ein Klohäuschen. Ich kann nicht widerstehen, also rein. Es geht schnell, denn es wird auch in Waschbecken gestrullt. Ich bin froh, dass der Regen meine Schuhe reinigen wird. Wir laufen nun auf dem Greenway von Shanghai, der Joggingstrecke entlang des Huangpu mit Tartanbelag.  

 

 

Weit in die Laufstrecke ragt der Bug des stillgelegten Überwachungsschiffes Yuanwang, dessen Einsatzgebiet die Timorsee war. Ich habe bis jetzt keine der 500 Meter langen Verpflegungsstellen angelaufen, es ist mir zu hektisch. Alle 300 Meter stehen Helfer mit Eisspray. Die haben viel zu tun, der beißende Nebel des Sprays raubt mir den Atem. Der Chinese ist  medizingläubig und kreuzt gerne die Laufstrecke, um sich einsprühen zu lassen. Auffallend die farbenfrohen Billigtapes, die abgelöst von Läuferbeinen herabbaumeln.

Schon seit Stunden überhole ich Läufer, das macht Laune. Ich bin ein Individuum in der Masse der Gleichgeschalteten. Dieses „Kajoe, Kajoe“ nervt. Manche Leute rufen „ Scharjoe, Scharjoe“. Das ist  dann Schanghaiisch, eine Sprache, die die Mandarin Sprechenden nicht verstehen. Ich verstehe auch nix, es nervt.  

Die Lu Pu Brücke zählt zu den größten Brücken der Welt. Neben der wunderbaren Ästetik der Bogenbrücke gibt es eine Aussichtsplattform auf dem höchsten Punkt, den man natürlich mit dem Aufzug erreicht. Es werden jetzt Kinder-Schokoriegel auf einer Länge von 500 Metern verteilt. Luxus in China. Der Asphalt ist glitschig von der Schoko. Auf dem Mittelstreifen stehen in Reihen die  Läufer, dehnen ihre Waden. Statt auf Training setzt der Chinese  auf Medizin. Auch ich habe seit Stunden Probleme, weil die nasse Kälte den Muskeln, von denen ich sehr viele habe, mir zusetzt.

Long Hua Tempel mit seiner wie ein Baumkuchen aussehender Pagode (242 v.Chr). Er ist dem Maireya  Buddha, einer zukünftigen Reinkarnation oder Erleuchtung des Buddhas geweiht. Meine Erleuchtung ist das permanente Überholen der chinesischen Kameraden, die sich jetzt die Goldfolien greifen, weil es arschkalt ist. Das Rascheln der Folien mischt sich mit dem nervigen „Kajoe, Kajoe“. Warum keine Abwechlung, wie „ Bravo, Andale, Animo“ oder sonst was?

 

 

Läufer laufen halbnackt, was verboten ist. Laut Ausschreibung ist viel auf der Laufstrecke verboten. Ausdrücklich das Nacktlaufen und das Laufen mit aufgemalter Unterwäsche. Der Huangpu-Fluss, an dem wir entlanglaufen mündet in den Jangtsekiang. Alles Feuchtgebiet hier, dafür gibt es keine Erdbeben. In Schanghai leidet jeder an Arthritis. Auf dem Mittelstreifen steht ein Junge mit Dim Sum Gesicht und popelt gelangweilt in der Nase.

Zum Ende meiner Reise durch Shanghai mehren sich die privaten Verpflegungsstände, die nun nahtlos entlang der Strecke aufgebaut sind. Brutal! Da ich bis jetzt nur aus meinem Rucksack gelebt habe, steuere ich einen Stand an, an dem es besonders wild zugeht. Einheimisches Bier ist halbkastriert, weil die Chinesen  nix vertragen. Ein Ensemble Corona lockt. Mein Streben wird begeistert honoriert, indem man mir von allen Seiten Schnaps anbietet. Aber ich habe Grenzen, die Rotweinflaschen locken. Boah, die heiße Suppe mit den rot-weißen Shrimpsbällchen sieht gut aus!

„What the fuck means Kajoe, Kajoe“, frage ich. „ Ich schenke dir all meine Energie!“ Boah, da muss ich durchatmen. Wie geil ist dieser Spruch!  

Ich bin bei Kilometer 35, auf der Gegenseite sind die Besenwagen. Offizieller Zielschluss 6:15. Aber wer da drüben läuft, wird mehr als sieben Stunden brauchen. Alles Läufer aus dem C Block, ich bin in E gestartet. Ich bin so happy, weil ich seit Stunden nur am Überholen bin.  Das kenn ich bisher nicht, das motiviert!  Ich fühle mich überlegen, ich schenk dir all meine Energie.

 

 

Mein Einlauf ins Stadium ist bewegend. Ich Kämpfer, Pionier und Individuum habe den Großteil der Läufer versägt! Wer König sein will, muss stark sein. Ich bin Kaiser. Solche Großveranstaltungen sind nicht meine Welt. Umso mehr wiegt mein persönlicher Erfolg.

Zum Zielbereich schreibe ich normalerweise nichts, es sei denn, ich bin in Bonn oder Köln. Nein, hier in Shanghai gibt es kein Bier. Dennoch ist die Situation erwähnenswert, denn wir laufen außerhalb des Stadiums auf Kunstrasen, was bei diesem Scheißwetter genial ist. Die Finishertüte beinhaltet eine Scheibe abgepacktes Toastbrot, zwei Flaschen Wasser und eine in Plastik verpackte Banane. Das kennen wir von Fotos auf FB, aber auf die Plastikverpackung ist eine Bilderserie gedruckt die zeigt, wie man eine Banane öffnet.

Die pompös abgepackte Riesenmedaille bekommt man nur gegen Abgabe des Leihchips. Dann gibt es noch ein Riesenhandtuch und Badelatschen für Massage und Fußbad. Ich gehe zügig zum Ausgang, denn da steht Achim mit reichlich Bier.

Den Abend entspannen wir bei einer Rivercruise auf dem Huangpu.  Touristisch, aber Prädikat geil. In Deutschland würde die extrem erleuchtete Skyline brütende Vögel stören, hier ist das  überwältigend. Ich werde es wieder tun, in Peking, Hongkong, Nanjiing, Dongguan, Wuhan oder Chengdu. Ich werde sie alle wieder versägen, weil Erfahrung mehr wiegt als kollektive Gleichschaltung. Ich mag unser westliches, unbewegliches System der Kakophonie nicht. Oder doch? Ich mag jetzt aber auch China.

Kajoe, ich schenk dir all meine Energie!

 


 

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