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Laufberichte

Interkontinental

 

Istanbul – Byzanz – Konstantinopel: Viele Namen hat diese Stadt schon gehabt, eine fast 2.700 Jahre währende wechselvolle Geschichte dazu. Die zahllosen Spuren dieser Historie machen Istanbul zu einer der faszinierendsten Städte der Gegenwart. Die Jahre von 1984 bis heute sind nur eine kurze Episode im Zeitstrahl dieser Stadt, aber ein Zeitraum, in dem ich immer wieder persönlich erleben durfte, wie sie sich rasant entwickelte - zu einem 15 Millionen-Menschen-Moloch einerseits, zum Gesicht der modernen, weltoffenen Türkei andererseits.

Selbst wenn der sich in den letzten Jahren von kemalistischen Staatsprinzipien abwendende, rückwärtsgewandte „neue Wind“ auch hier deutlich zu spüren ist. Nichtsdestotrotz: vor allem die Innenstadtviertel beiderseits des Goldenen Horn mit ihren Moscheen, Bazaren und viel osmanischem Flair sind damals wie heute eine Reise wert.

Istanbul kann auch auf eine beachtliche Marathon-Historie zurück blicken. Seit 1979 werden hier die 42,2 km gelaufen und damit jährt sich dieses Happening 2018 zum 40. Mal. Über 100.000 Teilnehmer aus über 100 Ländern – so verkünden es die Veranstalter schon im Vorfeld. Das sind gewaltige Zahlen, die man aber relativieren muss. Denn sie entfallen zum größten Teil auf die parallel ausgetragenen Läufe über 10 und 15 km sowie vor allem auf einen 8 km Fun Run ohne Zeitmessung. Die Finisherzahlen des Marathons waren mit zuletzt etwa 1.700 nicht wirklich beeindruckend. Doch wen das Reisen und Erleben genauso umtreibt wie das Laufen, der ist in Istanbul genau richtig.

 

Einstimmung auf den Laufevent

 

Das Ankommen in Istanbul hatte ich mir etwas anders vorgestellt. Vom Atatürk-Flughafen schnell und unkompliziert per Metro direkt ins Zentrum hinein, so war mein Plan. Aber das kommt davon, wenn man bei der Flugbuchung nicht aufpasst. Günstig war der Flug. Aber dieses „günstig“ hat seinen Preis. Denn übersehen hatte ich hinter dem Zielflughafen Istanbul das Kürzel SAW. Hinter diesem verbirgt sich der kleinere Istanbuler Flughafen Sabiha Gökçen. Und der ist 50 km vom Zentrum entfernt im asiatischen Outback der Stadt. Meine weitere Anreise in die Altstadt gestaltet sich daher - sagen wir es mal - abwechslungsreich. Erst per Bus im Feierabendstau nach Kadiköy, von dort durch die Nacht per Fähre über den Bosporus nach Eminönü und schließlich ein halbstündiger Fußmarsch durch die trubelige Altstadt. Immerhin: Ein erstes City-Sightseeing nehme ich gleich einmal mit. Dreieinhalb Stunden nach der Landung erreiche ich mein Quartier und schlürfe einen ersten süßen Çay. Der Mühen Lohn ist eine traumhafte Lage, denn meine „Pansiyon“ liegt nur ein paar Schritte von der „Blauen Moschee“ - und damit auch vom Marathonziel - entfernt.

 

 

Um die Startunterlagen zu bekommen, muss ich erneut ein Stück weit hinaus aus der Stadt, nur dieses Mal in die andere Richtung, konkret nach Yenikapi. Mit der unterirdisch verlaufenden Marmaray Linie ab dem Bahnhof Sirkeci geht das ganz flott. Nur die anschließenden eineinhalb Kilometer Fußweg hatte ich nicht auf dem Schirm. Inmitten einer leeren, weiten Brachfläche direkt am Meer finde ich das „Eurasia Show and Art Centre“ (Avrasya Gösteri ve Sanat Merkezi).

Die Expo-Location entpuppt sich als ein von riesigen Planen überspannter Komplex von den Dimensionen eines Fluzeughangars. Fast verloren komme ich mir in der riesigen weißen Expohalle vor. Aber beeindruckend ist das allemal. Ungewohnt ist, dass sich jeder erst einmal registrieren lassen muss, ehe er in die Halle vorgelassen wird. Der Rest geht aber schnell und unkompliziert: Nach Ausweiskontrolle bekomme ich meine Startnummer, dann das Starterpaket. Ein wertiger Gepäckbeutel ist dabei, ein Startershirt und eine Dose mit Turkish Delight – das hat was. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Startgebühr lediglich 40 türkische Lira betrug, wofür mir umgerechnet keine 6 Euro vom Konto abgebucht wurden. Als „Schnäppchen“ ist der Marathon damit kaum zu überbieten. Dazu: Pasta, so oft und so viel man will, und gesponserten Nescafe, den einige mit Wassertanks auf dem Rücken herum spazierende Jungs ausschenken. Großzügig sind die Stände gruppiert, sehr entspannt ist das Herumbummeln.

 

 

So ansprechend die Expo ist, so sehr zieht es mich zurück in die Stadt: Denn die hat dann doch etwas mehr zu bieten. Die einschlägigen touristischen Highlights im Stadtzentrum wie Hagia Sophia und Blaue Moschee, Grand Bazaar und Galatabrücke oder auch die bekannteste Shopping Meile, die Istiklal Caddesi zwischen Galataturm und Taksim Platz, kann man allesamt bestens zu Fuß erkunden. Wer vor dem Marathon sein „Laufwerkzeug“ schonen will, dem sei empfohlen, per Trambahn durch die Innenstadtviertel zu cruisen oder sich von einem der Ausflugsboote über den Bosporus schippern zu lassen. Oder: Sich ganz einfach mit einem Sandwich mit frisch gegrilltem Fisch vor den Verkaufsbuden an einem der Enden der Galatabrücke ans Ufer des Goldenen Horn zu setzen und die Kulisse der Altstadt und den Trubel rundherum ganz entspannt auf sich wirken zu lassen. Für mich einer der schönsten und eindrücklichsten Gelegenheiten, die Stadt zu „erleben“.

Direkt neben der Blauen Moschee wird am Samstag bis in den Abend noch eifrig gewerkelt. Ein Zelt nach dem anderen wird aufgebaut, mit Gittern großräumig Korridore gezogen – die Spannung steigt.

 

Start zum Start

 

Darüber, wie man zum Startpunkt kommt, muss man sich keine Gedanken machen, vorausgesetzt man hat sich entweder im Umfeld des Taksim Platzes im Shopping- und Ausgehviertel Beyoğlu oder der Hagia Sophia im Herzen der Altstadt einquartiert. Zwischen 7 und 7:30 Uhr bieten zwei Shuttlebuslinien jeweils von hier aus eine kommode  Anreise.

Sch …. denke ich mir aber erst einmal am Morgen. Ich habe verschlafen. Binnen fünf Minuten bin ich abmarschbereit und eile dem Abholpunkt entgegen. Von meinem Altstadtquartier sind es dorthin zum Glück nur ein paar hundert Meter Fußweg durch die stillen dunklen Gassen und über den noch rummelfreien Platz zwischen Blauer Moschee und Hagia Sophia. Hier wartet schon ein riesiger Menschenpulk vor einer mit Gittern abgezäunten Bustrasse. Um Punkt 7 Uhr rauscht der Buskonvoi ein. Dass die Polizei meint, beim Zugang zu den Bussen auch noch Personen und Gepäck kontrollieren zu müssen, erscheint angesichts der schieren Masse der Läufer und des engen Zeitkorridors doch ein wenig befremdlich. Notgedrungen müssen Stichproben genügen.

 

 

Aber dann geht doch alles ruckzuck. Binnen Sekunden füllen sich die Busse und sofort geht es los, einer nach dem anderen. Auch im Weiteren ist die Polizei zur Stelle und sorgt dafür, dass die Busse freie Fahrt haben. Wir brausen über die Galatabrücke, wo sich schon im Morgengrauen Hunderte von Angler an der Brüstung versammelt haben. Weiter geht es am Bosporus entlang, dem Startgelände und damit einem der Wahrzeichen der Stadt entgegen: Der „Brücke der Märtyrer des 15. Juni“, weniger pathetisch auch schlicht Bosporusbrücke (Bogaz Köprüsü) genannt.

Mit ihr queren wir die gleichnamige Meerenge und wechseln damit den Kontinent, setzen also von Europa nach Asien über, was sich zugegebenermaßen spektakulärer anhört als es tatsächlich ist. Als wir den Bosporus in luftiger Höhe queren, werden die Lebensgeister in der dampfigen Schwüle des Busses wieder wach. Am jenseitigen Ende, 250 Meter hinter dem Brückenzugang in Üsküdar, ist der Startbogen aufgebaut. Doch die Busse preschen erst einmal mindestens einen halben Kilometer vorbei, ehe sie einer nach dem anderen stoppen und die Läuferfracht entladen. Diese ergießt sich in einen zentralen Mittelgang, der mit hohen Gittern abgegrenzt ist zu einem Buskonvoi für die Gepäckabgabe zur Linken und zum eigentlichen Startkanal zur Rechten. Für Letzteren wiederum gilt: Vorneweg darf sich die Minderheit der Marathons einreihen, während sich die um ein Vielfaches größeren und im Abstand von jeweils 15 Minuten nach den Marathonläufern startenden Pulks der 15 km- und 10 km -Läufer, vor allem aber das 8 km-Massenfeld in eigenen Blöcken über hunderte von Metern anschließen.

Für mich bedeutet das, mich zunächst einmal auf einen längeren Marsch nach vorne zu begeben. Alles erscheint wohldurchdacht und -organisiert. Ich komme gut durch, werde ohne Problem vor der strikten cut off-Zeit um 8:30 mein Gepäck gleich beim ersten Bus los und checke entspannt in den Marathon-Startblock ein. Warum ich das so explizit erwähne? Später höre ich von weiteren deutschen Läufern auch anderes: Von Organisationschaos ist die Rede, von Zuständen wie bei der Loveparade bei der Gepäckabgabe und davon, dass angesichts der Menschenmassen Marathonis von der Polizei gehindert wurden, noch nach vorne durchzudringen und dann im Fun Run hängen blieben. Von alledem bekomme ich nichts mit, vielleicht, weil ich relativ früh dran war. Allenfalls wundere ich mich später, das einige Läufer mit dem Gepäckbeutel auf dem Rücken unterwegs sind. Grund für das Chaos dürfte wohl gewesen sein, dass in diesem Jahr eine wahre Teilnehmerexplosion zu verzeichnen war. Grundsätzlich ist das für einen Veranstalter eine erfreuliche Sache, hat ihn hier aber wohl einfach überfordert. Fast 4.500 sind für den Marathon gemeldet, an die 7.000 bzw. 17.000 für den 15er und den 10er, insgesamt sollen es 120.000 gewesen sein. Schwer vorstellbar.

Die Startkulisse ist einmalig: Vor mir schälen sich die Pylonen der Bosporus-Brücke mehr und mehr aus dem Morgendunst und leuchten in der ersten Sonne. Laut wummert Musik durch die Luft, ein Startmoderator heizt die Stimmung an. Zigtausende Selfies werden geschossen, die Stimmung ist bestens. Über uns kreisen Hubschrauber und Drohnen, bereit, aus der Vogelperspektive werbewirksam jene Bilder zu produzieren, die das „Image“ des Laufs prägen. Dann endlich der Countdown: Ein lauter Knall und das Marathonfeld setzt sich langsam in Bewegung.

 

Auftakt über die Bosporusbrücke

 

Gleich zu Beginn unseres Laufs erwartet uns „das“ Highlight des Streckenkurses: Die Querung der Bosporusbrücke. Die 1973 eröffnete Brücke ist die älteste der drei Bücken über den Bosporus. An zwei 165 Meter hohen Pylonen hängen die Seile, die die sechsspurige Fahrbahn in 64 Metern Höhe über die an dieser Stelle 1.560 Meter breite Meerenge führen. Interessant: Tages- und wochentagabhängig ist die Brücke jeweils nur in einer Fahrrichtung befahrbar. Heute ist sie jedoch komplett gesperrt und in gesamter Breite allein den Läufern vorbehalten. Was Läuferbeine alles bewegen können, zeigt der Umstand, dass aufgrund der festgestellten starken Schwankungen nur noch maximal 25.000 Sportler gleichzeitig auf der Brücke laufen dürfen.

 

 

Die Parallelen zur Querung der Verrazano Narrows Bridge unmittelbar nach dem Start des New York Marathons sind unverkennbar. Und dennoch würde ich sagen: Die Querung des Bosporus ist weitaus imposanter. Denn es sind nicht nur die gigantische Brückenkonstruktion mit ihren gewaltigen Pylonen und der sich schier endlos über die Brücke ergießende Läuferstrom, die beeindrucken, sondern auch der Panoramablick, der sich durch die mächtigen Trageseile auf die Skyline der Hochhäuser von Beşiktaş am jenseitigen Ufer und die dichtbebaute Küstenlinie des Bosporus zu beiden Seiten der Brücke eröffnet. In diesem Moment weiß ich: Allein dafür hat sich schon der Trip nach Istanbul gelohnt. Dass mich der erste Kilometer angesichts dauernder Fotostopps gleich sieben Minuten „kostet“, ist da nur Nebensache.

 

Durch Beşiktaş nach Eminönü

 

Eine erste läuferische Herausforderung erwartet uns nach zwei Kilometern am jenseitigen Ufer. Denn von hier geht es den nächsten Kilometer durch die in viel Grün eingebetteten Häuser von Beşiktaş bergan. Der Mühen Lohn offenbart sich beim Blick zurück: Auf die im morgendlichen Gegenlicht am Horizont geheimnisvoll schimmernde, geradezu entrückt wirkende Brücke.

Frisch, wie wir noch sind, ist der Anstieg problemlos zu bewältigen. Ganz allmählich beschreibt der Kurs eine Kurve, die sich auch fortsetzt, als wir den Kulminationspunkt erreichen und nun im Galopp die erarbeiteten Höhenmeter verpulvern dürfen.

 

 

Bei km 5 endet die weite Schleife, die der Kurs vom Brückenausgang genommen hat, wieder am Bosporus. Wir folgen nun der Küstenstraße stadteinwärts. Was nicht heißt, dass wir viel von Küste und Meer zu sehen bekämen. Vielmehr sind es mal mehr, mal weniger interessante Dinge, die den Blick gen Meer versperren.

Inmitten des dichten Grün einer herrlichen Allee ist zunächst einmal die erste Getränkestation eingerichtet. Alle 2,5 km dürfen wir uns ab hier auf Wasser pur freuen, alle 5 km kommt Istotonisches, Apfel, Banane und Würfelzucker dazu, später auch noch Belebendes von Sponsor Red Bull. Durch die Ausgabe von 0,33 l-Wasserflaschen verdient sich die Veranstaltung nicht gerade ein Ökosiegel. Praktisch sind die Flaschen aber doch, denn man kann sie mitnehmen, was vor allem angesichts aufkommender Wärme bei zunehmender Länge des Laufs ideal ist.

Ein prachtvoll ornamentiertes Tor signalisiert uns: Dahinter muss sich etwas Bedeutsames verbergen. Und richtig: Jenseits des Tores verbirgt sich der Dolmabahçe Sarayi, einer der größten und bekanntesten Stadtpaläste. 600 Meter lang ist der zumindest äußerlich ganz im Stil europäischer Palastbaukunst des 19. Jahrhunderts gestaltete Bau. Auf 45.000 qm beherbergt die einstige Sultansresidenz 46 Säle und 285 Zimmer, Hamams und Harem inklusive. Wer einen richtigen Eindruck vom Palast und seinen Dimensionen bekommen will, sollte eine Bootsfahrt entlang des Bosporus buchen. Von der Straße und damit von da aus, wo wir entlang laufen, hält sich der optische Eindruck insbesondere mauerbedingt sehr in Grenzen.

Kurz danach kommen wir an dem vorbei, was den Stadtteil auch bei Nichtkennern Istanbuls bekannt macht, soweit sie fußballaffin sind: Am Vodafone Park Stadion. Darin residiert mit Beşiktaş Istanbul einer der Top-Vereine der Stadt und der türkischen Süper Lig. Gleich im Nachbarstadtteil Beyoğlu ist mit Galatasaray einer der großen Ligakonkurrenten beheimatet. Zu sehen ist freilich auch vom Stadion wenig.

Zwischen den die zahlreichen Baustellen abschirmenden Bauzäunen versprechen einige nette alte  Moscheen optische Abwechslung. Dass es uns auf diesem Streckenabschnitt nicht langweilig wird, hat jedoch vor allem einen anderen Grund: Es sind die zahlreichen Stimmungsnester und Musikspots. Es ist jetzt aber nicht so, dass die Istanbuler ein begeistertes Laufpublikum wären. Das Gegenteil dürfte eher zutreffen. Die Stimmung machen Trupps junger Leute, die sich aus den Belegschaften der Laufsponsoren rekrutieren. Böse Zungen würden wohl von bezahlten Claqueuren sprechen. Das wäre aber irgendwie ungerecht: Denn die jungen Leute geben sich redlich Mühe Euphorie zu versprühen und das gelingt Ihnen gut und kommt ebenso gut an. Was mich noch mehr amüsiert, ist der Umstand, dass einige der Kilometerschilder gleichzeitig große Lautsprecherboxen darstellen, aus denen künstlicher Dauerbeifall quillt.

Wie dem auch sei: Das Streckenstück entlang des Bosporus via Kabataş und Cihangir nach Karaköy ist durchaus unterhaltsam.

 

Via Galata-Brücke über das Goldene Horn

 

Kurz vor km 10 öffnet sich das Blickfeld. Vor mir breitet sich eines jeder Postkarten-Panoramen aus, die das Bild des klassischen Istanbul prägen. Wir haben die Galatabrücke erreicht, über die wir das berühmte Goldene Horn, eine Art innerstädtischen Fjord, der sich vom Bosporus abzweigend sieben Kilometer bis zum Stadtteil Eyyüp erstreckt, queren.

Die heutige 466 m lange und 42 m breite Stahlkonstruktion besteht erst seit 1992 und ist anders als ihre schwimmenden Vorgänger fest mit im Untergrund verankert. In der Mitte befindet sich eine Klappbrücke, die bei Bedarf auch größeren Schiffen den Zugang zum Goldenden Horn ermöglicht. Eine Besonderheit der Brücke ist ihr Untergeschoss, in dem knapp über dem Wasser zahllose kleine Läden und Restaurants untergebracht sind. Vor allem abends bietet das Lichtermeer einen bezaubernden Anblick. Untertags ist die Brücke jedoch ein Sightseeing-Spot ersten Ranges, weniger wegen der Brücke selbst als wegen der eindrücklichen Szenerie, die sich von hier aus in alle Himmelsrichtungen bietet. Für uns Läufer ist die Brücke verkehrsgesperrt und mit blau-weißen Fahnen und roten Ballons geschmückt. Ein wahrlich emotionales Erlebnis ist es, sie auf diese Weise queren zu dürfen.

 

 

Über die Brücke hinweg eröffnet sich uns ein wundervoller Ausblick auf die aus dem Häusermeer ragenden Kuppeln und  Minarette der Altstadt, die wir nun ansteuern. Fatih – Eminönü – Sultanahmet: Viele Namen trägt die Istanbuler Altstadt, je nachdem, wo man sich gerade befindet. Eminönü ist jedenfalls der Teil der Altstadt, auf den wir nun von der Brücke blicken. Dominiert wird dieser Ausblick von zwei mittelalterlichen Großmoscheen, der Yeni Camii direkt vor uns und der erhöht aus dem Häusermeer ragenden Süleymaniye Cami zur Rechten. Auf der Spitze des Altstadthügels sieht man in der Ferne die Bauten des Topkapi-Palasts thronen.  

Auch in die Gegenrichtung lohnt ein Blick. Inmitten der sich dort den Hügel hochziehenden Stadt prangt der Galata Turm (Galata Kulesi). Bereits Mitte des 14. Jahrhunderts wurde der mächtige Rundturm als Teil der Genueser Stadtbefestigung hoch über dem Goldenen Horn errichtet. Hübsche winkelige Gassen führen von der Brücke hinauf zum Turm und von dort über Kilometer weiter zum Taksim-Platz. Verfehlen kann man diesen Weg nicht: Er ist eine der der touristischen „Rennstrecken“ der Stadt mit entsprechender Lokal- und Shopdichte.

Uns Läufern bleiben, am anderen Ende der Galatabrücke ankommend, weitere Einblicke in die Altstadt leider verwehrt. Denn sogleich werden wir nach links auf die Kennedy Caddesi gelotst, die die Altstadt entlang der Küste wie ein Ring umschließt und im Folgenden schier endlos aus der Stadt heraus führt. Womit auch der Streckenkurs der anstehenden 30 Kilometer definiert ist: Als Pendelstrecke führt er ab hier 15 km hinaus in die Weiten der Stadt und auf gleichem Weg zurück.

 

Entlang der Küste ins Istanbuler Outback  

 

Zur Rechten passieren wir den stilvollen Sirceci Bahnhof, Istanbuls kleinen Hauptbahnhof, bekannt als  Endstation des legendären Orient-Expresses. Einmal mehr verhindern Bauzäune näheren Blickkontakt. Aber eben auch dies ist signifikant für das heutige Istanbul: Es wird renoviert und gebaut, wohin man auch blickt. Einen unverbauten Ausblick haben wir dafür zur Linken, über den Bosporus hinweg in Richtung Galata-Hügel und - jenseits des im Gegenlicht glitzernden Wassers - auf die dunstige Skyline des fernen Üsküdar und Kadiköy im asiatischen Teil der Stadt.

 

 

Der Weg um die Altstadt herum führt uns direkt vorbei am Topkapı Sarayı. Allerdings trennen uns wohl an die fünfzig Höhenmeter von diesem, sodass sich durch das dichte Grün des steil empor ragenden Palasthügels nur ab und an ein Blick auf dessen Aufbauten erhaschen lässt. Aber immerhin das. Der Topkapı Sarayı ist die mit Abstand größte und bedeutsamste Palastanlage der Stadt. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts war der Palast über hunderte von Jahren Wohn- und Regierungssitz der Sultane sowie das Verwaltungszentrum des Osmanischen Reiches. Anders als der Dolmabahçe Palast besteht er nicht aus einem einzelnen, sondern aus mehreren Gebäuden, die sich um vier durch jeweils eigene Tore erreichbare Höfe in einem großen Garten gruppieren. Mit einer Fläche von über 69 Hektar und bis zu 5000 Bewohnern war der Palast einst eine eigene Stadt in der Stadt. Die Wehrhaftigkeit der Anlage demonstrieren massive Mauern, von der wir uns auch entlang der Straße einen Eindruck verschaffen können, soweit nicht wieder ein …. Ihr wisst schon was …. den Blick versperrt.  

Der Ahırkapı Feneri, ein noch heute genutzter historischer Leuchtturm, markiert den Südeingang des Bosporus. Die breite Straße läuft aus der langgezogenen Kurve in eine noch länger gezogene Gerade aus. Allmählich ändert sich das Stadtbild. Ältere, aber nicht mehr historische Bebauung prägt die immer noch innerstädtische Umgebung. Es wird ruhiger und auch optisch eintöniger.

15 km liegen hinter uns, als erneut Leben entlang der Strecke aufkommt. Im Stadtteil Yenikapi, dort, wo ich gestern Vormittag noch die dichtbefahrene Kennedy Caddesi auf dem Marsch zur Expo querte, taucht die Straße in einen rot-blau ausgeleuchteten Tunnel ab. Hier gibt es so richtig was  „auf die Ohren“: Die dröhnenden Beats werden durch die Tunnelinnenwände schallverstärkt. Die Motivation für dieses Brimborium ist am Tunnelausgang schnell ausgemacht: Denn hier ist alles für den Zieleinlauf der 15 km-Läufer hergerichtet – mit Zielbogen, Fahnen, Pavillons, Musik und  Stimmungscrews. Die Schnellen aus dieser Gruppe haben das Feld der Marathonläufer längst von hinten aufgerollt. Jetzt wird das Feld durch eine Weiche neu sortiert: rechts geht es für die einen ins Ziel, links für die anderen weiter ins Outback.  

Mit dem Wegfall der 15 km-Läufer verliert der ohnehin ausgedünnte Tross noch ein wenig mehr an Dynamik. Jetzt schlägt die Stunde derjenigen, die ein Faible für meditativen Dauerlauf in unaufgeregter Umgebung hegen. Ich bedauere, meinen mp3-Player nicht dabei zu haben. Denn die nächsten zwei mal zehn Kilometer bieten Ablenkung im absoluten Sparmodus.  

Weitläufig und einsam ist das Gelände entlang der vielspurigen Straße, nicht wirklich hässlich, aber ohne Inspiration. Bei km 18 tauchen auf der bislang absolut leeren Gegenspur auf einmal Polizeimotorräder mit Blaulicht auf, ein Hubschrauber knattert parallel. Sie sind die Vorboten der Führungsgruppe, wie üblich ein reiner „Schwarzafrika-Express“, hinter dem erst einmal lange nichts kommt. Einer von ihnen, Felix Kimutai, wird heute immerhin eine 2:09er-Zeit laufen.

Auch ein weiteres kulturhistorisches Highlight erwartet uns hier: Das Südende der sogenannten Theodosianischen Mauer. Bereits im 5. Jahrhundert wurde die fast 20 km lange Befestigungslage vom gleichnamigen Kaiser zum Schutze des einstigen Konstantinopel gebaut. Mit Erfolg: Selbst Hunnenkönig Attila ließ sich von ihr abschrecken. Die hervorragend erhaltenen Wälle und Türme bieten auch heute noch ein überaus beeindruckendes Bild, mittelbar auch davon, welche Ausmaße die Stadt bereits zu dieser Zeit hatte.

Vor uns rücken entlang der Straße verstärkt Hochhäuser ins Blickfeld, die meisten allerdings noch im Bau. Gebaut wird aber keineswegs im Sinne eines billigen Massenquartiers für die rasant wachsende Stadtbevölkerung, sondern es entstehen in dieser exponierten Lage Luxusbehausungen für die gleichfalls zunehmende Zahl wohlhabender Städter. Weiter und weiter geht es, schließlich schon weit draußen durch ein Viertel mit einfachen Wohnblöcken. Und die Stadt will einfach nicht enden. Lang und heiß ersehnt und völlig unspektakulär erreiche ich kurz vor km 26 im Stadtteil Ataköy, gar nicht mehr weit vom Atatürk-Flughafen entfernt, die Wendemarke.

 

Und alles retour

 

Beobachten kann ich nun, wie sich das Marathonfeld nicht nur vor, sondern auch hinter mir über Kilometer dahin zieht. So richtig Laune macht das nicht. So sehr auf den ersten 10 km Stimmung im Überfluss produziert wurde, so sehr werden die Läufer hier draußen sich selbst überlassen.

Etwa bei km 31 wird ganz in der Ferne die Skyline des asiatischen Istanbul sichtbar. Ein wirklicher Ansporn ist dies jedoch nicht, hat man doch das Gefühl, dass sie nicht näher rückt. Inspirierender ist ein paar Kilometer weiter der Anblick der Silhouette der Blauen Moschee hoch über dem noch fernen Altstadthügel. Die Kilometer fließen zäh dahin, meine Beine signalisieren zunehmend ihren Unwillen. Nicht nur bei mir, was die zunehmende Zahl der resignierten Walker zeigt. Erst mit dem Einbiegen in die große Schleife um die Altstadt herum wächst auch wieder die Zuversicht, motivieren der Ausblick auf die Hochhäuser von Beşiktaş und die alten Mauern um den Topkapı Palast.

 

 

Nach 40,5 km endet unser langer Weg über die Kennedy Caddesi. Eine abzweigende gepflasterte Rampe führt jäh in die Höhe und lässt kollektiv die Laufambition schwinden. Doch der Weg lohnt sich, führt er doch hinein in den Gülhane Park, einen äußeren Bereich des Topkapı-Palasts. Er ist ohne Eintrittsgeld für jedermann zugänglich und mit seinen durch üppigen Laubwald führenden breiten Spazierwegen und Teegärten ein beliebter Volkspark. In sanftem Auf und Ab geht es für uns mitten hindurch und nach einer weiteren Steigung durch ein Tor direkt ins Herz der Altstadt hinein.

Kaum glauben kann ich, was ich hier erlebe: Zuschauerreihen beidseits der Gitter, die unsere Lauftrasse abschirmen, begrüßen uns überschwänglich. Und dieses Mal sind sie nicht bestellt. Das motiviert. Die letzte Steigung entlang der Gasse ist kein Problem mehr, schon finde ich mich  zu Füßen des ohne Zweifel berühmtesten und geschichtsträchtigsten Monument Istanbuls wieder: Der Hagia Sophia. Wie kein anderes Bauwerk spiegelt sie die wechselvolle Geschichte der Stadt wieder. Im 6. Jahrhundert erbaut, war sie zunächst die Kathedrale Konstantinopels und Kaiserkrönungskirche des Byzantinischen Reiches. Nach Eroberung der Stadt durch die Osmanen mutierte sie, nach Entfernung der christlichen Insignien, zur Hauptmoschee des osmanischen Reiches und ist heute, optisch weitgehend unverändert, als Museum „das“ Wahrzeichen Istanbuls. Nach ihrem Vorbild eines Zentralkuppelbaus wurden in der Folge und werden bis heute die meisten Moscheen errichtet. Und dieser Kuppelbau ist gewaltig. 80 x 70 x 55 Meter – das sind in nüchternen Zahlen die Eckdaten der Haupthalle, die man einfach erlebt habe muss, um diese Dimension zu begreifen. Dies setzt allerdings zunächst große Ausdauer voraus: Denn vor dem Eingang staut sich die Warteschlange der Besucher regelmäßig im dreistelligen Meterbereich.

 

Finish im Schatten der Blauen Moschee

 

Die letzten zweihundert Meter stehen bevor. Die die Bäume überragenden sechs Minarette der  Sultanahmet Camii, wegen ihrer überaus prachtvollen blaudominierten Fliesenornamentik im Inneren besser bekannt als „Blaue Moschee“, markieren den Weg zum Zielbogen. Unter den zahllosen Moscheen der Stadt ist sie die größte und ohne Zweifel bekannteste und von Touristen wie Einheimischen am meisten heimgesuchte. Mehr Minarette haben nur zwei Moscheen auf der Welt: Und die bekommt man als Normalsterblicher, da in Medina und Mekka gelegen, nie live zu Gesicht. Das optisch größere „Wow“-Erlebnis verspricht allerdings die Farborgie, die sich auf dem Weg durch die gewaltige, kuppelgekrönte Gebetshalle bietet.

 

 

Auf dem Gelände des einstigen Hippodroms direkt neben der Moschee führt die eingegitterte Lauftrasse geradewegs dem feuerroten Zielbogen entgegen. Noch einmal motiviert ein Zuschauerspalier zum finalen Kraftakt. Dann ist es geschafft. Mit der Medaille als Finisherinsignie dekoriert werden wir sogleich weiter gelotst. Auch im Ziel ist alles durchorganisiert. In einer Art Rundlauf komme ich zu Verpflegung und Gepäck. Und zu einem Becher Kaffee von einem der mobilen Ausschenker, der die ermatteten Lebensgeister wieder weckt.

Gar nicht so einfach ist, aus dem weiträumigen hoch umzäunten Läuferareal auf die Schnelle hinaus zu finden und noch schwerer, von der einen zur anderen Seite des Läuferkanals überzusetzen. Denn das ist nicht vorgesehen und die allgegenwärtige Polizei macht jedem klar, dass dieser Zustand ohne Ausnahme auch noch bis 15 Uhr fortdauert. Für so manchen Touristen ein echtes Problem. Ich bleibe einfach noch etwas länger beim Zieleinlauf und reihe mich ein in die Reihen derer, die die Ankömmlinge auf den letzten Metern begleiten. 2.868 Finisher sind es, die 2018 die offizielle Bilanz ausweist, immerhin 70 % mehr als im Vorjahr.

Ein wenig zwiespältig bleibt der Eindruck, den der Istanbul Marathon hinterlässt. Einerseits einmalige Highlights und Stimmung auf den ersten zehn Kilometern und im Ziel, andererseits ein wenig motivierender Kurs im Übrigen. Istanbul hätte das Potenzial, die Kursführung sehr viel attraktiver zu gestalten und dadurch noch mehr Teilnehmer vor allem aus dem Ausland zu motivieren. Ob der Veranstalter das nicht kann / will / darf, weiß ich letztlich nicht. Vielleicht ist es auch einfach eine Frage der Logistik, die eine andere Streckenführung im chaotischen Straßengewimmel der Stadt ausschließt. Wie dem auch sei: Alles, was man beim Lauf nicht sieht, kann man vor- oder nachher in Ruhe erkunden. Diese Zeit sollte man sich unbedingt nehmen. In der Kombination aus Marathon und Städtetrip ist und bleibt Istanbul in jedem Fall ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis.

 

Informationen: Istanbul Marathon
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